Zur Kritik der Utopie

Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht in der AJ Ende 2015 zum Thema Utopie

Als „Utopie“ wird gerne alles denunziert, was der Einrichtung der Welt widerspricht wie sie heute ist. Mit der ganzen Wucht der „Realität“ wird sich auf Notwendigkeiten berufen, manches Mal gleich auf die „Menschennatur“, die anderes nicht zulasse. Wo die Anklage auf „Utopie“ lautet, stützt sich die Beweisführung noch stets auf unabänderliche Zwänge, die sich wie Naturgesetze nicht außer Kraft setzen lassen. Mit dieser Verleumdung von Standpunkten als unpassend zur dieser Realität soll die folgende Kritik der Utopie nicht verwechselt werden.

Zur Kritik des utopischen Denkens

Gegen die frommen Wünsche und Träume von einer besseren Welt wird die Wissenschaft gesetzt, die mit Kenntnissen antritt. Die Kenntnisse betreffen eherne Notwendigkeiten, an denen sich bloße Absichten blamieren. Deshalb lohnt es sich allemal, die behaupteten Kenntnisse auf ihre Stichhaltigkeit hin zu begutachten. Und deshalb ist es grundverkehrt, sich auf seine „Phantasie“ zurückzuziehen und mehr oder minder stolz seine Fähigkeit zu utopischem Denken zur Schau zu stellen. Mit dieser Kunst, sich manches oder gar alles ganz anders vorzustellen, ist es nämlich soweit gar nicht her. Wer die Welt nämlich verändern will und seinen Bedürfnissen entsprechend einrichten, der muss verstehen wie sie funktioniert und wissen, welche Gegnerschaft er sich mit diesem Projekt einhandelt.

Die Übung, theoretisch alles ungeschehen zu machen oder wenigstens halb so schlimm, ist in Kunst und Religion seit Jahrhunderten schwer in Mode – und als erbauliche Begleitmusik wird sie von jeher von den Machern der Wirklichkeit geschätzt und genossen. Das aller Utopie innewohnende Bekenntnis, mit der Einbildungskraft die Lasten des jeweils praktizierten Geschäfts zu überwinden, also in der Möglichkeitsform da zu sein, wo noch niemand war, macht ihren Genuss so bequem. Da, wo solches Bekenntnis Programme setzen will, wird es nicht minder bequem für untauglich erklärt, eben mit dem „Realismus“, der weiß, dass für wirtschaftliche und politische Belange noch lange nicht zählt, was das Gemüt beflügelt.

Utopisches Denken als ‚subjektiver Faktor‘

Alexander Neupert betont in seinem Buch über Utopien, dass das utopische Denken nicht zuletzt als Korrektiv gegen einen Marxismus notwendig ist, der im Namen der Wissenschaft argumentiert hat. Die Behauptung dieser wissenschaftlichen Sozialisten: die Geschichte werde schon von alleine zum Sozialismus finden. Das utopische Denken betone den ‚subjektiven Faktor‘ und mobilisiere daher den Willen der Leute, sei daher das richtige Gegengift.
Sich im Einklang mit einer selbständig waltenden historischen Tendenz zu befinden, erinnert aber mehr an die Weltanschauung von Anpassungskünstlern denn an Revolutionäre. Wenn sich wissenschaftliche Sozialisten in die Phantasie retten, „die Geschichte“ sei auf ihrer Seite, dann muss dieses Denken nicht durch noch mehr Phantasie, also „utopisches Denken“ korrigiert werden, sondern schlicht kritisiert. „Die Geschichte“ ist eben auf niemandens Seite, denn sie ist gar kein Subjekt das handelt. Marx, dem Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, war das auch klar: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte“

Es kommt also weniger darauf an, die Wissenschaft noch um die Utopie zu ergänzen, sondern kritisch zu prüfen, ob viele linke „Weisheiten“ tatsächlich etwas mit Wissenschaft zu tun haben.

Dass zur Wissenschaft noch Phantasie kommen müsste, damit die Menschen auch einen Willen zum Sozialismus entwickeln ist ein Gerücht: Der Wille, etwas an seiner schlechten Lage zu ändern ist überhaupt die Grundvoraussetzung dafür, sich mit der Erklärung der Welt zu beschäftigen. Warum sonst, wenn nicht um etwas zu ändern, sollte man sich die Mühe machen und verstehen wollen, wie die Welt heute funktioniert? Der „subjektive Faktor“ kommt vom eigenen Interesse, dass in dieser Gesellschaft ständig unter die Räder gerät – damit sich dieser Wille dann auch dem richtigen Programm widmet um die Welt aus den Angeln zu heben braucht es die Wissenschaft.



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