„Unsere Art zu leben wurde angegriffen“

Auf der Trauerfeier für die Opfer der Anschläge vom 13. November verkündete Präsident Hollande:
Die Anschläge „sind eine Aggression gegen unser Land, unsere Werte, unsere Jugend und unse-ren Lebensstil“ (1).
130 überwiegend junge Leute fielen Anschlägen zum Opfer. Der Präsident macht mehr draus, viel mehr: In Wahrheit seien nicht bloß die 130 Toten, sondern das ganze Land, seine Werte, die ge-samte Jugend angegriffen worden. – So reden Politiker immer, wenn sie aus solchen schrecklichen Ereignissen wie den Überfällen vom 13.11. etwas ableiten wollen, was aus ihnen gar nicht folgt, nämlich einen Krieg. Krieg gegen eine Region im Nahen Osten, die die Organisation erobert hat, die sich für die Anschläge verantwortlich erklärt hat. Für die Begründung, den Bombenkrieg gegen die Städte und Dörfer, die vom IS beherrscht werden, „gnadenlos“ (2) auszuweiten, kann das Opfer gar nicht groß genug definiert werden, um die Bombardements allen, wirklich allen, Franzosen als die angeblich selbstverständlichste Konsequenzen aus den Überfällen jenes Abends plausibel zu machen:
Aggression gegen

– das ganze Land? – also auch gegen mich!
– die Werte Frankreichs? – also gegen alles, was auch mir heilig sein sollte!
– die französische Jugend? – also die Zukunft des ganzen Landes!
Und dann noch gegen etwas ganz Fundamentales, wirklich jeden Franzosen Betreffendes: gegen „unseren Lebensstil“, „unsere Art zu leben“!

Was haben die IS-Terroristen da getroffen?

Nur weil die meisten von den Toten sich gerade auf einem Rockkonzert vergnügten, in Pariser Bistros zusammen saßen, Pastis oder sonst was süffelten, was junge Franzosen so am Feierabend trinken; dabei über Wichtiges oder Unwichtiges debattierten, sich über die Weltläufte und ihre großen und kleinen Ärgernisse in ihrem Alltag ereiferten; über Gott und die Welt lästerten oder auch nur über gemeinsame Bekannte tratschten, kurz –
weil die Toten das machten, was man halt einen Feierabend oder ein Wochenende lang für wichtig hält, wurde – glaubt man dem Präsidenten und den Medien – von den Todesschützen etwas angeblich für das Leben der Franzosen ganz Zentrales aufs Korn genommen, „ihre Art“ – der Inbegriff ihres Lebens.

Und worin besteht der? Wenn das, was sie in den paar Stunden zwischen Arbeitstag und Bettruhe treiben – wenn das das Eigentliche ihres Lebens sein soll, dann verbringen sie den Hauptteil ihres Tages bei Tätigkeiten und Aufgaben, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben, deren Nutzen für sie fraglich ist, die im Grunde ihnen selbst und ihren Lebenszwecken fremd sind.

Verrät nicht Hollandes Lob ihrer Art zu leben, die erst am Abend beginnt, und die nun der Grund für wirklich alle Franzosen sein soll, dem Krieg Frankreichs gegen den „Islamischen Staat“ zuzu-stimmen, manches über den großen Rest des Tages? Jedenfalls ist der kein Grund, sich für Frank-reich stark zu machen. Über den Lebensstil, der da vom Normalfranzosen gefordert ist, redet der Staatschef bei der Trauerfeier, die er in einen Aufruf zu einem lang andauernden Krieg münden lässt, lieber nicht. Und über den Lebensstil, den der auf Jahre angekündigte Krieg gegen den Isla-mischen Staat und dessen menschliches Inventar erfordert, auch nicht.

Weil die Art der Franzosen zu leben zur Zielscheibe der IS-Attentäter geworden ist, soll denen einleuchten, dass Folgendes angesagt ist: Für die Verteidigung der Freiheit, abends nach Ende der Plackerei des Tages zu tun und zu lassen, was ihnen ihre freie Art zu leben so nahe legt, ist es erst mal für die nächste Zeit Schluss mit manchen Freiheiten, z. B. der, auf den Straßen in Demos öffentlich zu meckern, was einem im Staat von liberté, égalité et fraternité so alles nicht passt. Denn jetzt ist erst mal Ausnahmezustand: Die Verfolgung der Feinde des Lebensstils der Franzo-sen rechtfertigt alle Einschränkungen ebendieses Stils, die der Staat für die Verteidigung seiner Souveränität für unumgänglich erklärt.

(1) http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/thema_nt/article148910999/Hollande-will-UN-Sicherheitsrat-anrufen.html
(2) http://www.spiegel.de/politik/ausland/paris-francois-hollande-spricht-von-krieg-a-1062828.html


2 Comments on “„Unsere Art zu leben wurde angegriffen“”

  1. Flash sagt:

    Mit „unserer Art zu leben“ (die angeblich angegriffen wurde), meint Hollande vor allem die bürgerlichen Werte wie z.B. Demokratie, Trennung von Staat und Religion usw.

    Nicht gesagt hat der französische Präsident allerdings, daß in der kapitalistischen bzw. bürgerlichen Welt letztlich nur die Geld- bzw. Vermögenswerte zählen.
    Und da sieht es bei vielen Franzosen bzw. Französinnen gar nicht sonderlich gut aus.

    Mit freundlichen Grüßen
    Flash

  2. Flash sagt:

    Am Rande bemerkt:
    Die Bürgerlichen haben es tatsächlich geschafft, aus dem Krieg gegen den sog. IS einen „Kampf der Kulturen“ zu machen.

    Obwohl das in Wirklichkeit natürlich letztendlich ein wirtschaftlicher bzw. ökonomischer Krieg (wie die meisten Kriege) ist, der einerseits kulturiell und andererseits religiös verklärt wird.

    Mit freundlichen Grüßen
    Flash


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