#3 Hagshama

Kommunistische Praxis in Zeiten ohne kommunistische Bewegung ist für uns die Kritik aller Verhältnisse, welche den Menschen zu einem verachteten und verächtlichen Wesen machen. Die Verwirklichung der Kritik durch die reale Abschaffung dieser Verhältnisse hat als Bedingung eben die Verbreitung dieser Kritik. Es bedarf vieler Menschen, welche die Verhältnisse abschaffen wollen. Wie werden Menschen zu Kritikern? In dem sie selbst kritisiert werden in ihrer affirmativen Bezugnahme auf alles das sie und andere schädigt.

Hagshama ist ein Ausdruck der Blauhemdbewegung in Israel für die realisierung des Sozialismus. Im Kibbuzim wird gemeinsam gewirtschaftet und gewohnt, in dem Internat die Kinder im Geiste des Movements erzogen. In den urban communities wohnen die Schmutzniks gemeinsam und gehören trotz ihrer oft kleinen Gruppengröße (ca. 10) zu dem großen Netz von Gemeinschaften. Hagshama meint nicht nur die Kritik als Waffe, sondern die Umstrukturierung des Alltags.

Hagshama ist sozialistische Praxis verstanden als der Aufbau solidarischer Wirschaftsstrukturen, gemeinsamer Mietzahlung, dem lernen und erleben in Gruppen.

Auf den ersten Blick erinnert vieles an die Kommunenbewegung in Deutschland. Man ist versucht, sofort vom naiven Versuch zu sprechen, dass richtige im falschen zu suchen. Es liegt einem auf der Zunge: Statt den Reichtum einzufordern, baut ihr ein Netzwerk zur Armutsverwaltung auf. Im Kopf hängt auch noch der Satz aus dem zionistischen Vortrag am Vortag: „Out of our Communitys and Strukturs, Israel as a state was born“. Spätenstens hier verliert der Hippivergleich an geltung: Bei aller Kritik an Kommune II und Projektwerkstätten hat wohl niemand die Angst, aus dieser Mischung an Selbstausbeutung und Selbstfindungstrip könnten staatliche Strukturen erwachsen.

Kann eine kommunistische Bewegung enstehen aus der Kritik an den Bestehenden Verhältnissen oder andersherum: Aus was sonst sollte so eine Bewegung enstehen, die alle Verhältnisse umwerfen will wenn nicht aus der Kritik und aus dem Hass? Welche Rolle spielen hierbei jene Kommunen und Kibbuzims in Israel und welche Rolle spielt dafür unser Alltag in Deutschland?

Hagshama meint auch, immer wieder zu reflektieren, ob wir als Sozialisten auch als solche Leben. Wie sollte man leben als Sozialist im Kapitalismus?
Ich erinnere mich an Ebermann 1993 auf dem KonkretKongress. Sinngemäß sagt er: Flüchtlinge verstecken wir nicht, weil es revolutionär oder kommunistisch ist. Flüchtlinge verstecken wir um Menschen zu bleiben.

Sind Kommunen und die gegenseitige Hilfe unter Genossinnen wirklich Teil einer kommunistischen Praxis oder sind sie eben genau das: Der Versuch, trotz allem Mensch zu bleiben?



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