#3 „Sin Patrón. Herrenlos“ – Von den Genossenschaften

Lavaca (Hg.) 2015: „Sin Patrón. Herrenlos“. Arbeiten ohne Chefs. Instandbesetzte Betriebe in Belegschaftskontrolle. Das argentinische Modell: besetzten, Widerstand leisten, weiterproduzieren. Übersetzung und Einführung von Daniel Kulla. AG SPAK Bücher ISBN: 978-3-940865-64-9 ; 19,90 Euro

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Bereits 2004 erschien die argentinische Originalfassung des Buches, welches die Geschichte von zehn „fábricas recuperadas“ erzählt, von instandbesetzten Betrieben. Diese Betriebe „sin patrón“ sind Fabriken und Dienstleistungsunternehmen verschiedenster Art, die zumeist nach der Insolvenz der ehemaligen Besitzer durch Fabrikbesetzungen von den Arbeitern in eigener Regie übernommen wurden.

Im Spanischen mit einer Einleitung der Verlagskooperative Lavaca.org und einem Interview mit Eduardo Murúa, seinerseits Präsident der MNER, einem der beiden nationalen Zusammenschlüsse der Betriebe „sin patrón“ versehen (sowie mit einem nicht übersetzten Vorwort von Naomi Klein), findet sich in der deutschen Ausgabe zusätzlich noch ein ergänzendes Interview von Murúa aus dem Jahre 2013 sowie eine Analyse, wie es heute um die Betriebe steht – sowie ein ausführliches Vorwort von Daniel Kulla, dem Übersetzer. Insgesamt wird das Buch damit 251 Seiten stark.

In der Einleitung der Verlagskooperative wird einerseits auf die Krise 2001 in Argentinien verwiesen, deren wirtschaftliche Folgen die Grundlage für die Besetzungen der Betriebe und ihre Übernahme durch die Belegschaft gebildet haben. Andererseits wird sich auch an einer Erklärung der Krise versucht, Schuldige werden gefunden: „Ohne schmutziges Geld, Straffreiheiten und Kapitalflucht gibt es keine instandbesetzten Betriebe.“ (69). Am argentinischen Staatsbankrott, bei dem die Regierung, um Geld- insbesondere Dollarabfluss zu verhindern, Banken schloss, den Zahlungsverkehr und damit das nationale Geschäftsleben zum Erliegen brachte, ausgerechnet quasi kriminelles Fehlverhalten für das Entscheidende zu halten, ist eine schlimme Verharmlosung. Er war nämlich die Folge ganz regulärer Kapitalakkumulation. Um die nationale Akkumulation voranzubringen hatte Argentinien auf Investitionen ausländischer Kapitale gesetzt, um denen gute Konditionen zu bieten, hatte es bei ausländischen Geldgebern Dollarkredite aufgenommen, und als bei diesen, streng nach geldkapitalistische Kriterien, Zweifel an weiterer internationaler Kreditwürdigkeit Argentiniens aufkam und keine Kredite mehr gegeben wurden, war das Land nach innen und außen zu Dollarauszahlungen nicht mehr in der Lage. Das legte das nationale Wirtschaftsleben lahm und hatte massenweise Schließungen auch von bis dahin rentablen Betrieben zur Folge, für die Unternehmenskredit nun nicht mehr verfügbar war. Dass es bei diesen Schließungen im Einzelnen nicht ganz gesetzeskonform zuging, mag ja sein, die existenzvernichtenden Konsequenzen für die, die in diesen Betrieben gearbeitet hatten, sind aber nicht darin begründet, sondern in der Abhängigkeit vom kapitalistischen Geschäftsgang.

„Es ist diese Macht, gestützt auf eine kriminelle Verschwörung des globalen spekulativen Kapitalismus (gemanagt von den internationalen Kreditinstituten), den Staat als Komplizen und eine korrupte nationale Bourgeoisie – was für eine grausame und verkommene Mischung -, die dieses riesige Vakuum erzeugt, den Raum, in welchem jene, die wissen, dass niemand sie retten wird, den einzigen Weg finden um zurückzuschlagen.“ (70).
Die Kritik, dass Markt und Kapital (nur?) bei krimineller, korrupter, verkommener Handhabung zum Ruin der Lebensbedingungen führen, führt wie ein roter Faden durch das Buch.
Zanón, die größte instandbesetzte Fabrik und Thema des ersten Kapitels, sei „durchweg profitabel“ gewesen, „doch seine Eigentümer provozierten einen Konflikt nach dem anderen, um die Arbeiter zu entlassen, das Werk umzustrukturieren und seine Profitabilität weiter zu steigern.“ Das erinnert den Autor des ersten Kapitels an eine alte Geschichte, „über den Besitzer einer Gans, die goldene Eier legte und die er schlachtete, um an alles Gold heranzukommen, nur um feststellen zu müssen, dass ihr Bauch leer war und sie nun keine goldenen Eier mehr legen konnte.“ (81). Deswegen weil er seine Profitabilität steigert und dabei Arbeiter entlässt, geht aber kein Betrieb Pleite; das passiert schon eher dem, der dabei seinen Konkurrenten unterlegen ist. Schließlich ist Rationalisierung das Mittel, um in der Konkurrenz der Kapitale zu bestehen und „goldene Eier“ = Gewinn einzustreichen. Und dass Luigi Zanón, der Ex-Eigentümer ein knallharter Ausbeuter war, ist sicher wahr; das ist aber im Kapitalismus keineswegs geschäftsschädigend – im Gegenteil!

Im Rahmen der Betriebsinsolvenz hat er seine Beschäftigten dann gar nicht mehr bezahlt, was die zu Protest, zu Betriebsbesetzung, zu Wiederaufnahme der Produktion und schließlich zu Gründung einer Kooperation, einer fábrica sin patrón, veranlasste. Die produziert bis heute und hat, so kann man im Buch lesen, trotz verminderter Arbeitshetze Erfolg zu verzeichnen: „statt Leute zu entlassen, schufen sie Arbeitsplätze“ (85). Auch wenn da einer manchmal vermutet, die Selbstverwaltung sei ein „Aufbau, der gegen die Logik des Kapitalismus steuert“ (215), allzu weit kann und darf das im Kapitalismus nicht gehen. „Es ist ein Unterschied, ob dir ein Aufseher ständig über die Schulter schaut oder ob du für deinen ||2| eigenen Betrieb arbeitest“. Das mag stimmen. Wenn es allerdings dann „hier Compañeros“ gibt, „die sogar zur Arbeit kommen, wenn sie krank sind“, dann macht sich der stumme Zwang der Verhältnisse eben doch bemerkbar – und findet auch wieder seine Charaktermasken: „Wenn du faul bist, werden deine Kollegen kommen und dir sagen, dass du mal in die Gänge kommen sollst“ (203/204). Arbeiten ohne Chef und ohne einem Chef Gewinn abführen zu müssen, aber eben doch für einen Markt auf dem kapitalistisch betriebene Unternehmen konkurrieren, die durch Rationalisierung der Produktion und Stückpreissenkung diesen Markt für sich erobern wollen. Dass die Erhaltung der Firma als Einkommensquelle der kooperierenden Arbeiter vom Erfolg in dieser Konkurrenz abhängt, daran erinnern die mahnenden Kollegen – vermutlich ohne den ökonomischen Grund für die Ermahnung zu kennen.

Damit ist aber nur das halbe Buch erfasst. Daniel Kullas Vorwort weiß selbst darum, dass der Kapitalismus mit der Verurteilung von Finanzspekulationen und dem Vorwurf der Kriminalität nicht kritisiert und mit Kooperativen nicht überwunden ist: „…dagegen muss immer wieder betont werden, dass es diese Trennung zwischen ‚Real- und Finanzwirtschaft‘ in der Realität so nicht gibt und im Kapitalismus auch nicht geben kann, dass Kriminalität und Verschwörung im Kapitalismus vor allem eine Frage der Gelegenheit und der Möglichkeiten ist und nicht die eines bestimmten ‚Menschenschlags‘ oder ‚krimineller Energie’“ (46). Der Idee mancher Kooperativen, sie hätten es geschafft, dass es „zwischen dem Gebrauchswert deiner Arbeit und dem Tauschwert der Produkte deiner Arbeit keine Differenz [?] gibt“ antwortet Kulla: „Der Tauschwert ergibt sich jedoch daraus, dass die Produkte auf dem Markt verkauft werden müssen, worum auch die Kooperativen nicht herumkommen. Ebenso sind sie, gleichgültig wie egalitär sie sich nach innen organisieren mögen, als Marktteilnehmer auch Teil der kapitalistischen Konkurrenz“ (46). Von den kapitalistisch organisierten Konkurrenten, mit ihrer knallhart auf Geldvermehrung ausgerichteten Produktion, werden im Wettbewerb ständig sinkende Marktpreise vorgegeben, mit denen die Kooperativen zu kalkulieren und zurechtzukommen haben. Der Rahmen für Gehaltszahlungen, Leistungsanforderungen, notwendige ‚Rationalisierungen‘ und ggf. Entlassungen ist damit gesetzt.
Auch sieht Kulla „in diesem Buch“, sowohl bei der das Buch herausgebenden Verlagskooperative als auch in ihren Rahmenerzählungen eine „allgegenwärtige Idee von der einstmals guten Nation und ihrem von gutwilligen Politikern eingerichteten Sozialstaat, vom zerstörerischen Ausverkauf dieser Nation aus entsprechend bösem Willen, dem nun, zur Wiederaufrichtung der guten Nation ein guter (in Argentinien „linksperonistischer“) Wille entgegengesetzt werden muss (43). Die Absicht auch nur einem „ersten Schritt“ zum antikapitalistischen Umsturz zu machen, kann er kaum feststellen, eher den Wunsch nach Wiederherstellung „guter alter“ sozialmarktwirtschaftlicher Verhältnisse. Und zustimmend zitiert er Arbeiter, die den linken FIT-Parteien nahestehen: „Wir müssen aufhören eine Idealisierung der fábricas recuperadas zu betreiben. Es ist keine Revolution, sondern eine defensive Strategie – es geht um Verteidigung der Arbeitsplätze. Bei Brukman verdienen wir alle weniger als Tariflöhne, wir bekommen keine Jahresprämien und haben keinen bezahlten Urlaub. Wir haben auch Probleme damit, Rente und Rechtsschutz zu bezahlen – und manche von uns sind immer noch wegen Landfriedensbruch angeklagt.“ (42)
Es stellt sich also die Frage: Was genau also schätzt Kulla an diesem Projekt so sehr, dass er das Buch nicht nur übersetzt sondern auch auf deutsche Nachahmer hofft?

„Ganz ähnliches wie es die Arbeiter in Argentinien herausgefunden haben, ließ sich auch in Deutschland entdecken […] All das soll nur ein kurzer Vorgriff auf das sein, was im Zuge neuer Arbeitskämpfe und Aneignungen wieder ins Bewusstsein treten könnte – eine Geschichte, in der es wieder Handlungsmöglichkeiten gibt, in der die eigene Rolle klarer wird und sich von dort aus mit anderen zusammengetan werden kann, mit allen Arbeitenden, ob sie nun gelernt oder ungelernt, beschäftigt oder arbeitslos, heimisch oder fremd, legal oder illegal sein mögen.“ (50)
Die Grundsympathie für Arbeiter, die das, was ihnen in kapitalistischen Verhältnisse zugemutet wird, nicht einfach passiv ertragen, sondern sich organisiert dagegen wehren, ist nachzuvollziehen. Im Zusammenschluss zu arbeitergeführten Kooperativen allerdings ein Vorbild für oder einen Vorgriff auf künftige Arbeitskämpfe zu sehen, ist daneben, insbesondere dann, wenn man den selbst als von der wirtschaftlichen Situation Argentiniens erzwungenen Versuch bestimmt, unter national besonderen Bedingungen in einer kapitalistischen Krise überleben zu können. Kullas Vorwort zeigt, dass er auf die Überwindung des Kapitalismus Wert legt, seine durchaus lesenswerte Übersetzung zeigt auch, dass die Urteile voraus setzt, die keineswegs aus bloßem Zusammentun folgen. Manche der Geschichten der „fábricas recuperadas“ erzählen vom neuen Standpunkt mancher Arbeiter, die im Kampf um ihre Arbeitsplätze erkannt haben, was für eine Zumutung es ist, von einem Arbeitsplatz abhängig zu sein und sich linksradikalen Parteien angeschlossen haben. Was auch immer da linksradikal heißen mag: Arbeitskämpfe, also Kampf um Arbeitsbedingungen und Entlohnung ist eine beständige Notwendigkeit für Arbeiter im Kapitalismus. Und die Besetzung von Betrieben mit selbstverwalteter Fortsetzung der Produktion für den Markt ist eine Notmaßnahme, deren Gelingen erstens eine politische und wirtschaftliche Ausnahmesituation voraussetzt, zweitens und viel wichtiger aber vom Erfolg der Kooperative auf dem Markt und deshalb von einer Produktion unter kapitalistischen Kriterien abhängt. Der Lebensunterhalt der Kooperateure mag deren Zweck sein, er ist dem aber untergeordnet.
Die Fabriken sin patrón sind für einen Staat, dessen Wirtschaft zusammenbricht, sogar von gewissem Nutzen. Statt wie die Piquetero-Bewegung den Aufstand zu proben, halten Arbeiter Teile der Produktion und ihre eigene Reproduktion aufrecht. Der argentinische Staat hat jedenfalls nach anfänglichen Räumungen die Betriebsbesetzungen zugelassen und später sogar legalisiert.
Die gute Nachricht zum Schluss lautet für Zanón = FaSinPat:

„Stand der Ding 2014: der Kooperative und ihren 470 Mitgliedern gehört nun offiziell der Betrieb, sie erhält aber keine Subventionen, um ihre Anlagen zu erneuern. Daher droht der Bankrott, der mit Druck auf die Regierung abgewendet werden soll.“ (96)

Ganz egal wie die Arbeiter sich organisieren, im Kapitalismus geht ihnen existenzieller Druck und Grund für Kampf nicht aus.

Lesenswert in diesem Zusammenhang Rosa Luxemburg – Sozialreform oder Revolution:

„Was die Genossenschaften, und zwar vor allem die Produktivgenossenschaften betrifft, so stellen sie ihrem inneren Wesen nach inmitten der kapitalistischen Wirtschaft ein Zwitterding dar: eine im kleinen sozialisierte Produktion bei kapitalistischem Austausche. In der kapitalistischen Wirtschaft beherrscht aber der Austausch die Produktion und macht, angesichts der Konkurrenz, rücksichtslose Ausbeutung, d. h. völlige Beherrschung des Produktionsprozesses durch die Interessen des Kapitals, zur Existenzbedingung der Unternehmung. Praktisch äußert sich das in der Notwendigkeit, die Arbeit möglichst intensiv zu machen, sie zu verkürzen oder zu verlängern, je nach der Marktlage, die Arbeitskraft je nach den Anforderungen des Absatzmarktes heranzuziehen oder sie abzustoßen und aufs Pflaster zu setzen, mit einem Worte, all die bekannten Methoden zu praktizieren, die eine kapitalistische Unternehmung konkurrenzfähig machen. In der Produktivgenossenschaft ergibt sich daraus die widerspruchsvolle Notwendigkeit für die Arbeiter, sich selbst mit dem ganzen erforderlichen Absolutismus zu regieren, sich selbst gegenüber die Rolle des kapitalistischen Unternehmers zu spielen. An diesem Widerspruche geht die Produktivgenossenschaft auch zugrunde, indem sie entweder zur kapitalistischen Unternehmung sich rückentwickelt, oder, falls die Interessen der Arbeiter stärker sind, sich auflöst.“


2 Comments on “#3 „Sin Patrón. Herrenlos“ – Von den Genossenschaften”

  1. Fan dieser Seite sagt:

    Wär spannend, wenn Du auf die Replik von Daniel Kulla
    (http://www.classless.org/2015/05/20/sin-patron-rezension-ist-das-noch-kapitalismus/)
    antwortest.
    Mich interessiert, wie Du die Hinweise von Daniel entkräftest… und vielleicht würde sich dann auch andere an der Diskussion beteiligen.

    Gruß
    Rotfront

    • Peter sagt:

      Hey

      Hast du nicht vll. Lust dich daran zu versuchen? Gerne lese ich es dann noch einmal durch und gebe meinen Senf dazu. An sich finde ich es nämlich sehr gut auf Kritik zu antworten – schlicht die Zeit ist es, die einen daran hindert, und gerade steht viel wichiges an.


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