#8 Elendsflüchtlinge: Überflüssig gemacht in Afrika, „zu viel“ in Europa. Warum?

Diese Flut an Flüchtlingen kann Europa nicht verkraften, „selbst die vernünftigste Flüchtlingspolitik“ würde da scheitern. Diese Grundeinstellung ist überall im Land vertreten. Sie präsentiert damit eine „Gegebenheit“, die einer Nachfrage wert ist.“ Warum versteht es sich denn von selbst, dass Deutschland und erst recht die große EU nicht Millionen aufnehmen können? Fehlt es etwa an Platz oder materiellen Mitteln, zusätzliche Wohnungen zu bauen und Essen heranzuschaffen? Die Flüchtlinge werden wie selbstverständlich als untragbare Belastungen und Unkosten für die sozialen Sicherungssysteme ins Auge gefasst. Dass die nach Europa wollen, um mit Arbeit für sich und ihre Familien zu sorgen, wird gar nicht erst in Betracht gezogen. Könnten sich die Einheimischen mit neuen zupackenden Händen nicht die Arbeit teilen, und das zusätzlich Benötigte leicht herstellen? Können sie eben nicht! Keiner hält sich auf mit dem Warum. Er geht davon aus, dass in dieser Wirtschaftsweise massenhaft zusätzliche Arbeitsleute keine willkommene Unterstützung darstellen, sondern ein Problem. Ihm ist die Absurdität vertraut, dass Arbeit selbst – also der Aufwand, der nötig ist zur Herstellung der gebrauchten Güter – ein knappes Gut ist und schon ohne Einwanderer nicht für alle reicht. Weil Unternehmer dafür zuständig sind, Arbeit zu geben, die sich für sie lohnt, und weil sie dafür mit Lohn und Arbeitsplätzen knapp kalkulieren, ist Arbeit nicht einfach die Mühe, die sie ist, sondern ein Privileg, das der, der es hat, mit anderen nicht teilen kann. Nur deshalb sind zusätzliche Menschen im Land eine Bedrohung für diejenigen, die Arbeit haben. Das Kapital definiert, wie viele Leute gebraucht werden, also nützlich sind und leben können, und wie viele – an ausschließlich seinem Bedarf gemessen – Überbevölkerung darstellen und nur stören.“

Dasselbe gilt für die Herkunftsländer der Flüchtlinge. „Wenn Afrika hungert, weil die EU die Einfuhr dortiger Agrarprodukte beschränkt und zugleich europäische Agrarexporte subventioniert, dann offenbart das viel mehr als eine egoistische Handelspolitik: Auch in Afrika hängt das Leben und Überleben nicht mehr davon ab, wie viel Lebensmittel die Bauern dort für sich und ihre Abnehmer erzeugen, sondern vom Geld, das sich in der Agrarproduktion verdienen lässt – und zwar auf einem globalen Markt. So viel Kapitalismus ist auf dem Katastrophenkontinent jedenfalls schon eingezogen, dass nur essen kann, wer Gewinn zu machen oder sich dafür nützlich zu machen vermag – in Konkurrenz zu anderen, oft internationalen Anbietern, die dasselbe wollen und unmöglich alle ihr Ziel erreichen können. Und auf dieser Basis ist Europa mit seiner Marktregulation, Finanzkraft und Produktivität im Konkurrenzkampf um Geldquellen, Preise und Gewinne gegenüber afrikanischen Produzenten nicht nur gnadenlos überlegen, es ist überhaupt das politische und ökonomische Subjekt, das mit den entrichteten Lizenzgebühren für die Ausbeutung von den Fischgründen ebenso wie mit seinen Investitionen in die Cash-Crop-Produktion und die Rohstoffgewinnung sowie seiner Nachfrage nach den Produkten dieser drei Geschäftsfelder entscheidet, wie viel Geld überhaupt in Afrika ankommt, um als Quelle der Bereicherung der dortigen Eliten zu dienen. Kurz: die traditionellen Lebensgrundlagen der Bevölkerung in den meisten afrikanischen Ländern sind längst zerstört, an ihrer kapitalistischen Nutzung gibt es kein kapitalkräftiges Interesse. Dasselbe ökonomische System, das die Flüchtlinge hierzulande zur Störung werden lässt, vertreibt sie auch aus ihrer Heimat.“

Auszug aus: „Flüchtlingskatastrophe von Lampedusa Eine notwendige Tragödie“ in: GEGENARGUMENTE Nr. 36/2014 www.gegenargumente.de

Weitere Artikel aus dieser Zeitschrift:

„Der Papst prangert die Indolenz der Welt gegenüber dem Flüchtlingselend an: Klarstellungen der Öffentlichkeit zum Verhältnis von Politik und Moral“

„Hungerstreikende Asylbewerber in München: Bedrohlicher Anschlag auf den Rechtsstaat erfolgreich abgewehrt“


3 Comments on “#8 Elendsflüchtlinge: Überflüssig gemacht in Afrika, „zu viel“ in Europa. Warum?”

  1. no_border sagt:

    Tippfehler:
    Sie repräsentieren „eine Gegebenheit“, 4. Zeile,
    ist bei Neoprene geändert in:
    (angeblich) „keine Gegebenheit …“

    Falls das verkehrt sein sollte, dann bitte bei neoprene intervenieren
    (ansonsten bitte deinen eigenen Text korrigieren!)

  2. no_border sagt:

    Sorry, habe es überflüssigerweise nun auch noch selbst verschusselt:

    eine „Gegebenheit“, die einer Nachfrage wert ist“.

    richtig wäre
    eine „Gegebenheit“, die (angeblich) „keiner Nachfrage wert ist“.


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