#2 Toleranz

„Wenn ich in der Oeffentlichkeit meinen Boyfriend kuesse, fuehre ich damit anderen Menschen demonstrativ vor Augen, was ihnen versagt bleibt – zum Beispiel jenen, die einander jetzt auch gern kuessen wuerden, es aber nicht tun, um Sanktionen zu vermeiden. Darauf Ruecksicht zu nehmen faende ich als Argument fuer einen sensiblen Umgang mit der eigenen Paarsituation eigentlich schon ausreichend… Ob ich will oder nicht – durch meine Hetero(paerchen)performance demonstriere ich nicht nur den Normalzustand und erinnere schmerzhaft an Ihn, ich stelle ihn auch aktiv her und re_produziere ihn.“

Wer auf diese Art von Toleranz steht (hier entnommen von einem Kommentar auf Maedchenmannschaft) fuehlt sich in Jerusalem sicher wohl. Weil Rammadan ist, sollen wir auf der Strasse nicht essen oder trinken – den Islam respektieren. In der Naehe der Klagemauer sollen die Schultern bedeckt werden. Im Felsendom muss die Muetze abgezogen werden – wir seien ja nicht am Strand. In Ramallah durften wir keine kurzen Hosen tragen, und die Frauen keine Tangtops.

Toleranz meint das Prinzip, dass sich jedes Individuum an jede Absurde Regel zu halten hat, weil sich manche Kollektive freiwillig diesen Zwaengen unterordnen. Das es beileibe keine Spinnerei ist, welche den Religionen vorbehalten ist, zeigt das obige Zitat. Dieser verqueerte Feminismus (Magnus Klaue) nimmt sich schon lange nicht mehr heraus gegen die Herrschende Moral zu kuessen wen man wo will, sondern stellt sich gegen die Beduerfnisse der Menschen und gibt sich erst zufrieden, wenn alle Menschen so tolerant sind ihre Beduerfnisse nicht mehr auszuleben – natuerlich zum Wohle aller.

Jerusalem ist eine tolerante Stadt. Wo man geht und steht wird man von freundlichen Menschen darauf hingewiesen, dass man irgendetwas tut, was die moralischen und religioesen Gefuehle irgendeiner Gruppe zutiefst verletzt. Eine Welt die so Tolerant ist wie die unsere, muss eine voller Krieg sein – ist doch gegen jeden, der einen anderen zu mehr Toleranz auffordert (Bitte respektiere das ich auch als Frau kurze Hosen tragen moechte) einzuwenden, sie solle doch auch etwas toleranter sein (trage doch keine kurzen Hosen in der Naehe einer Moschee). Und da auch Linke wissen, man soll gegenueber allem Tolerant sein ausser der Intoleranz, findet jede idiotische Religionsgemeinschaft noch einen guten Grund, im Nahmen der Toleranz und gegen die Intoleranz ihren persoenlichen Kreuzzug zu fuehren.

Wie das mit der Toleranz so ist, funktioniert sie immer da am besten, wo es niemanden gibt den man tolerieren muss und so wundert es nicht, dass die Stadt sauber in verschiedene Viertel eingeteilt ist, in welcher jede und jeder nach seiner eigenen Art wahnsinnig sein darf. Falls sich doch einmal ein Jude, ein Christ oder ein Moslem in das falsche Viertel verirrt, wird er vom Mob direkt auf seine Intoleranz hingewiesen und dafuer bestraft, die kulturelle Homogenitaet der jeweiligen Spielwiese nicht toleriert zu haben.

Wie wissen die Leser_innen von Maedchenmannschaft? „Heteronormativitaet ist keine Einbahnstrasse. Weil hetero „normal“ ist, stelle ich mein Hetendasein unhinterfragt zur Schau… und ermutige andere, dies auch zu tun… Ich trage aktiv dazu bei, ein Klima aufrecht zu erhalten, einen Raum zu schaffen, in welchem lesbische, schwule, queere Zaertlichkeit deutlich als „Abweichung“ sicht- und fuehlbar ist.“

Da wird es mir endlich klar: Es geht diesen zutiefst toleranten Menschen gar nicht darum, endlich kuessen zu duerfen wen sie wollen (dieser Feminismus der „zweiten Welle“ ist laengst ueberholt). Es geht ihnen darum, dass noch die privateste Entscheidung, wen ich kuessen mag und wen nicht, zum Objekt ihrer politischen Idiotie wird. Da stoert natuerlich jede Hete, die einfach einen Menschen anderen Geschlechts kuesst ohne das vorher mit dem Queerenoberguru geklaert zu haben. Aber im Jahre 2013 ist man in Israel Tolerant und mit etwas Glueck bekommen auch die Queers bald ihr eigenes Viertel: Da darf dann ganz tolerant jeder und jede Queere queeren, und die Cismaenner und Cisfrauen (Cis meint im Queersprech, Menschen die Heterosexuell sind und deren Gefuehltes Geschlecht zusammenfaellt mit ihrem biologischen Geschlecht) werden dann tolerant darauf hingewiesen, doch bitte in ihr Viertel zu gehen um da rumzuheten.

Soviel Toleranz muss sein.



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