#2 Das Elend der Flüchtlinge

Rezension von Johannes Bühlers 2015: „Am Fuße der Festung“. Begegnungen vor Europas Grenze. Stuttgart: Schmetterling Verlag 3-89657-077-3 19,80 Euro

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Der Klappentext von Am Fuße der Festung kündigt an, anhand von „Fünfzehn gestrandeten Reisenden“ von deren Geschichte und ihrem Leben ebenso zu berichten, wie auch davon, „wie ihr Schicksal unweigerlich mit der Geschichte Europas zusammenhängt.“. Johannes Bühler schreibt über gescheiterte Existenzen in Marokko, jenem Land, das nicht nur afrikanische Flüchtlinge von Europa für Europa fernhält. Auch Sohir, einen jungen aus Bangladeschi, interviewt Bühler stellvertretend für die Flüchtlinge, die es aus anderen Weltgegenden an die Afrikanisch-Europäische Grenze getrieben hat.

Neben den grausamen Geschichten der Flüchtenden findet sich auch immer wieder der Versuch dieser, sich das eigene Scheitern im Herkunftsland zu erklären. David aus dem Kongo berichtet: „Das ist der Grund für das Leiden unserer Völker: Wir haben Präsidenten, die es nicht verdienen Präsident zu sein.“ (oi70) Der Bruder von Lamin muss als Regierungsmitarbeiter aus Gambia flüchten und weiß ähnliches zu sagen: „Ich kann nicht mit dieser Regierung arbeiten, denn sie töten Menschen und der Präsident ist nicht dazu geeignet, Präsident zu sein.“ (207). Lamin selbst fällt gleich über die ganzen Afrikanischen Herrschaften das generelle Urteil: „die afrikanischen Führer sind Dummköpfe.“ (234) Ihrem eigentlichen Auftrag, sie sollten die Afrikaner „von den Babylon-Leuten befreien“ und sie „sollten die afrikanischen Völker den Westlern gleichsetzten“ (235) kämen sie nicht nach. Stattdessen seien sie „noch immer diese Art von Führer, die nur ihre eigenen Interessen verfolgen und zu allem ja sagen, was die Westler sagen“ (235). Felix, Jahrgang 1992 und aus Nigeria, verließ dieses Anfang Februar 2013; er sah, „dass es politisch und wirtschaftlich nicht gut läuft.“ (75).

Die stereotype Antwort ist, die schreienden Missstände lägen am generellen Versagen der politischen Klasse, an ‚allumfassender Korruption‘ und am ‚mangelnden politischen Willen‘ der Politiker, besser zu regieren. Bühlers Interviews zeigen, dass die Gleichzeitigkeit von natürlichem Reichtum und Armut von den Flüchtlingen nicht anders verstanden wird denn als Versagen ihrer Führung. Ob darin tatsächlich der Grund für das Elend liegt, dem die zu Flüchtlinge entkommen suchen, wird vom Buch nicht weiter verfolgt. Gerade über Nigeria wäre hier einiges zu berichten.

Bei aller Begeisterung der internationalen Investoren über die wachsenden Geschäftsmöglichkeiten im Land, ist Nigeria bis auf weiteres ein „Ölstaat“. Öl, der natürliche Reichtum, über den das Land verfügt, wird massenhaft gefördert, um es zu exportieren. An Reichtum, in der Form, auf die es in der modernen, globalen kapitalistischen Marktwirtschaft ankommt, an Geld, kommt Nigeria dadurch, dass es ausländischen Abnehmern möglichst günstig Energieträger für deren Geschäft liefert. Im Land selbst ist kapitalistische Geschäftstätigkeit, trotz der infrastrukturellen Bemühungen diverser Regierungen, allenfalls rudimentär vorhanden. Für die meisten Einwohner, die wie inzwischen weltweit alle Menschen, auf Gelderwerb durch Lohnarbeit angewiesen ist, gibt es weder im Ölgeschäft noch sonstwo Verdienstmöglichkeiten. Wegen dieses, global gar nicht so unüblichen Pechs, Lohnarbeit zu brauchen, aber fürs Geschäft nicht gebraucht zu werden, lebt sie in allerelendsten Lebensverhältnissen.

Das Geld, über das die Machthaber Nigerias verfügen, hängt vom Ölpreis und der nachgefragten Ölmenge ab und nicht von den ökonomischen Resultaten, die von ihnen regierten Bürger zustande bringen. Sie behandeln deshalb die Bevölkerung als das, was sie ist, nämlich in ihrer allergrößten Mehrheit schlicht überflüssig für das Funktionieren des Außengeschäfts und manchmal sogar als zu beseitigendes Hindernis, wenn sie z. B. den Boden bestellt, unter dem das Öl lagert, oder im Sumpfgebiet fischt, aus dem das Öl gepumpt wird.

Der Staat ist für die politischen Akteure und für die von ihnen Regierten erste und entscheidende Adresse für den Zugang zu Einkommen und Reichtum. Der Kampf um Teilhabe am staatlichen Geldvermögen und um die politische Macht, die beinahe exklusiv über diesen nationalen Reichtum und seine Verteilung entscheidet, ist Teil des politökonomischen Alltags. Der Einkauf von Wählerstimmen und die finanzielle Belohnung der eigenen Klientel als verlässlicher Machtbasis ist ebenso wie das Eintreiben von „petits taxes“, also privater Geldforderungen, in allen, auch den popligsten, Macht- und Verwaltungspositionen notwendige Normalität. Das alles als „Korruption“ zu bezeichnen, als Abweichung von einer eigentlich gültigen Regel, lebt von einem Vergleich mit den politischen Sitten, in erfolgreichen marktwirtschaftlichen Demokratien, der den entscheidenden Unterschied außer Acht lässt: die systematische Trennung von privater Geschäftstätigkeit und ihrer rechtsstaatlichen Verwaltung durch eine politische Herrschaft, die darin die ergiebige Quelle ihrer Macht hat, macht da keinen Sinn, wo diese Quelle staatliche Reichtums nicht existiert.

Felix‘ Urteil über Nigeria, „dass es politisch und wirtschaftlich nicht gut läuft“ (75), gewinnt mit diesem Wissen einen anderen Klang: Hier glaubt einer daran, dass es ihm gut gehen müsste, wenn in seinem Land nur richtig geherrscht und gewirtschaftet würde. Der schlechte Charakter der Regierenden soll verantwortlich sein dafür, dass das nicht der Fall ist. Auch in Afrika wird die Lüge gepflegt, die elende Lage des Volkes liege nicht an Zweck und Mitteln der Herrschaft, sondern daran, dass schlecht regiert wird.

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Mit all dem beschäftigt sich das Buch nicht. Statt einer politisch-ökonomischen Analyse finden sich immer wieder Hinweise auf das ‚Privileg‘ Europäer zu sein und einen Schweizer Pass zu haben. Im Vergleich zu afrikanischen Zuständen, leben wir doch im Paradies.

Wer sich schlecht Informiert fühlt über das Elend der Flüchtlinge und das individuelle Schicksal einzelner Menschen vor Augen geführt bekommen will, dem sei zu Bühlers Buch geraten. Wer sich allerdings Rechenschaft ablegen will über die Gründe und Ursachen der Flucht, dem sei zu etwas anderem geraten: u.a. mehr zu Nigeria findet sich im Gegenstandpunkt 4-14: Ölstaat Nigeria. Dorado für Investoren, Hort von Armut, Korruption und Terror.

Mehr auf http://www.keinort.de

(a) http://www.aachener-zeitung.de/lokales/kreis-heinsberg/am-fusse-der-festung-von-johannes-buehler-beruehrt-die-zuhoerer-1.1038050


3 Comments on “#2 Das Elend der Flüchtlinge”

  1. Klaus Leitner sagt:

    Was für ein Glück für das Kapital, d.h. die Reichen und Vermögenden!
    Mit derartigen Standpunkten, daß ihre mißliche Lage an den schlechten Regierungen liegt, schlagen sich die AfrikanerInnen lieber wechselseitig die Köpfe ein bzw. bringen sich um als ‚mal über die ökonomischen Ursachen der Misere nachzudenken.

    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Leitner

    PS: Da es aus heutiger Sicht noch mindestens 500 Jahre bis zu einem Sozialismus bzw. gar Kommunismus braucht, bleibt nur noch zu hoffen, daß sich die bisherigen Profiteure bzw. NutznießerInnen des kapitalistischen Wirtschaftssystems angesichts von soviel Unwissenheit bzw. Dummheit vielleicht schon vorher totlachen.

  2. Klaus Leitner sagt:

    PS: Und nicht nur diese.
    Vielmehr ist dieser Trend, einzig die Politik für die Misere verantwortlich zu machen (während die sog. Marktwirtschaft bzw. der Kapitalismus kaum mehr ein Thema ist) vor allem heutzutage weltweit (auch hierzulande) zu beobachten.
    Als hätte es Karl Marx niemals gegeben.
    Das läßt für die Zukunft (einmal abgesehen von einem bevorstehenden 3.Weltkrieg) alles andere als etwas Gutes erwarten.

    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Leitner

  3. Fritz sagt:

    Hat denn irgendjemand einen realistischen Vorschlag, wie die entsprechenden Verhältnisse von Europa aus zu verändern wären, wenn die Afrikaner selber lieber fliehen, als die Verhältnisse in ihren eigenen Ländern zu verändern? Mir ist da bisher wenig zu Ohren gekommen, und die Weltrevolution dürfte auf sich warten lassen.

    Eine funktionierende bürgerliche Demokratie mit Marktwirtschaft ließe sich schon eher herbeiführen, aber wenn alle immer nur die Flucht ergreifen, kann man den Krieg nicht gewinnen.


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