Gastbeitrag zu Gastbeiträge #4 – „Mir kommen gleich die Tränen“

Aus dem Originaltext, auf den sich bezogen wird:

„Eins solltet ihr dafür schon merken: selbst seid ihr auch unzufrieden und das dauerhaft und mit gutem Grund: das Studium ist eine einzige Qual, wo noch jeder Fitzel Fachinteresse sich dem Erhalten von Creditpoints unterzuordnen hat, wo noch jeder die Erfahrung dummer oder geradezu böswilliger Profs macht, wo die Mehrheit sich neben dem Studium durch Bafög oder irgendwelche beschissenen Minijobs über Wasser hält – um am Ende trotzdem damit rechnen zu müssen, keinen Job zu kriegen, oder einen, der einen zum Kauf von ja!-Produkten zwingt.

Vielleicht, ganz vielleicht, wäre es an der Zeit, eine Politik wiederzuentdecken, die mit dem hohen Ideal einer Merkel und von Tim nix gemein hat: eine Politik, die, statt die eigenen Interessen und Egoismen zu schelten und auf die billigen Plätze zu verweisen, diese in den Vordergrund stellt. Eine Politik, die sich Rechenschaft ablegt, wieso eigentlich alle für ein Haus mit Garten solche Konkurrenzgeier werden an der Universität, wieso eigentlich man sich durch Fächer quält, die einen einen feuchten Kehricht scheren, wieso eigentlich in der BSZ immer so ein Mist steht, der einem nicht weiterhilft.

Politisch sein, das heißt, an der eigenen Scheißlage die allgemeine Scheißlage zu erkennen.
Nicht eine weitere Aufgabe neben dem Studieren ist die politische Perspektive der Studierendenschaft, sondern eine Politik, die mit dem Aufgabendruck aufräumt, indem sie ihn erklärt, kritisiert und mit dieser Kritik praktisch wird.“)

Der Ganze Artikel ist hier zu finden: http://keinort.de/?p=714

„Das Studium ist eine einzige Qual…“

Mir kommen gleich die Tränen! Natürlich war ein Studium vor 20 Jahren noch geruhsamer. Und wer welche hatte, konnte dabei sogar eigenen Neigungen in der Welt der Wissenschaft nach- oder öfter ins Schwimmbad gehen. Aber ausgerechnet die künftige Elite dafür zu bedauern, dass ihr der angepeilte Aufstieg so schwer gemacht wird und der Erfolg dabei zudem noch ungewiss ist?!? Klar, es bleiben welche auf der Strecke, wenn Ausbildung als Konkurrenz organisiert ist. Aber das studierende Jungvolk wird mehrheitlich schon wissen, warum es auf diesem Weg versucht, einer Karriere im Callcenter, als Krankenpfleger, Postzustellerin oder am Band in 3-Schicht-Betrieb zu entgehen. Es ist eben zweifelsfrei attraktiver – und allemal lohnender – als Lehrer den Nachwuchs für solche weniger geschätzten Arbeiten heranzuziehen, als Ingenieur die benötigten technischen Instrumente auszutüfteln, als Betriebswirtin das ganze durchzukalkulieren, die Arbeitsabläufe zu organisieren oder die Durchführung zu überwachen. Sich andere als falsche Gedanken darüber zu machen, worin die viel beschworene Nützlichkeit der akademisch gebildeten „Leistungsträger“ der Gesellschaft besteht, die für die Erledigung all derjenigen massenhaft zu erbringenden Leistungen sorgen, auf die es unter dem Bilanzstrich ankommt, ist dabei eher störend. Denn die „eigene Scheißlage“ dieser in der Ausbildungskonkurrenz erfolgreicheren Spezies ist schon während und gleich gar nach dem Studium eben doch etwas spezieller, weil mit Vorteilen gesegnet, als die „allgemeine Scheißlage“.

Sicher, auch Studis sollten sich – anders als sie es als Vertreter der Interessen ihres Standes üblicherweise tun – politisch betätigen. Denn dafür, mit dem „Aufgabendruck“ aufzuräumen, sind sie, im mehr oder weniger engen Schulterschluss mit ihren formvollendet frei, gleich und geheim gewählten Interessenvertretern oder einfach ganz ohne „Mandat“ engagierten Exemplaren, sowieso seit „Bologna“ unterwegs! Für diejenigen, die statt dessen einen Blick über den Tellerrand hinaus auf Nutzen und Nachteil des Standes riskieren wollen, nämlich auf die Funktionen, die sie als Hochschulabsolventen in einer Klassengesellschaft bekleiden, ein Literaturtipp: „Die Jobs der Elite“ – (vielleicht noch) zu beziehen über GegenStandpunkt Verlag (www.gegenstandpunkt.com)


2 Comments on “Gastbeitrag zu Gastbeiträge #4 – „Mir kommen gleich die Tränen“”

  1. moeetz sagt:

    Dass die Lage der Studenten eine spezielle ist, und sie aus der Lohnkonkurrenz im Mittel mehr Kohle ziehen als Nicht-Studenten, widerspricht doch gar nicht dem dass es eine Allgemeinheit der „Scheißlage“ gibt: Studenten und Nichtstudenten sind als Arbeiter auf die Kapitalisten fürn Lohnarbeitsplatz verwiesen, und richten sich dementsprechend in ihrer Art für deren Urteil her.
    Und deswegen ist es auch für Studenten auch ein Fehler, sich NICHT politisch in unserem Sinne zu betätigen, und nicht das verletzen ner moralischen Pflicht (Studenten sollten sich politisch betätigen)

  2. studentenschwein sagt:

    dann soll er doch traurig sein, dass ich es an der angemessenen Portion Verachtung für diese Art Elite mangeln lasse. Wenn aus dem,was da an der Uni mit den Studenten getan wird, für den Genossen kein Mitleid rauskommt, bitte – dass Studenten eine Sonderstellung einnehmen ist im Text nicht bestritten, sondern sollte angesprochen werden: dass man eben einen Job will, der Annehmlichkeiten ermöglicht, wie z.B. keine ja! Produkte kaufen zu müssen und ein Haus mit Garten – dass ‚allgemeine‘ an der Scheisslage ist eben, dass ohne Konkurrenzbetätigung noch jeder zum Arbeitsamt darf – und dafür richten sich auch die liebsten Lämmer oder interessiertesten Fachwissenschaftler ein in einer Konkurrenz, die von beidem oft nichts übrig lässt.
    Ausgerechner die künftigen Eliten bedauern? Na, das scheint dem Genossen nun wirklich unangebracht – gleich im nächsten Zug gibt er zwar zu, das Studium sei ‚ein anderes‘ – wenns wirklich nur die gefühlsmäßige Stellung ist, die ihn am Text stört, die schlicht aus der eigenen Stellung als Studierender resultiert, dann mag ich seiner Kritik gerne folgen und in Zukunft harscher gegenüber den Eliten auftreten: „Was klagst du über unsachliches Studieren? Hast es dir doch selbst ausgesucht um keine Klos zu putzen!“.


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