#6 – An Ivana Hoffmann (*1.9.1995 in Emmerich/Deutschland;†7.3.2015 in Tell Tamer/Syrien):

Ich habe nichts von Dir gewusst, ich habe Dich nicht gekannt. Und jetzt erfahre ich, dass Du irgendwo in Syrisch-Kurdistan im Kampf gegen den IS umgekommen bist.
Von „RTL online“ über die „Rote Fahne News“, vom englischen „Guardian“ über den „Stern“, von „taz“, „faz“ und „Bild“ bis zu „indymedia“ – alle widmen sie Dir Nachrufe. Du, eine „Tochter einer Deutschen und eines Afrikaners“, giltst jetzt als die „erste Deutsche und erste ausländische Frau, die im bewaffneten Kampf gegen den IS ums Leben kam“ (1). Für all die war Dein „Tod nicht umsonst“ und wird entweder als deutscher Beitrag zum gerechten Kampf der freiheitlichen Demokratie gegen den IS oder wenigstens als Fanal des Anti-Imperialismus gewürdigt: „In tiefem Respekt für ihre uneigennützige revolutionäre Haltung im Sinne des proletarischen Internationalismus.“ (2). So oder so werden „echte Helden“ (3) geboren, für manche bist Du jetzt ein „Märtyrer“ (4).

Wolltest Du das sein?

Du schreibst in Deinem letzten Brief vor Deiner Abreise (5):
„Ich will ein Teil der Revolution in Rojava sein, ich will mich weiter entwickeln, ich will in diesen 6 Monaten den Kampf, der alle unterdrückten Völker miteinander verbindet, kennenlernen und vor allen Dingen die Revolution in Rojava, wenn es sein muss mit meinem Leben zu verteidigen. (…) Es werden Schwierigkeiten auf mich zukommen, ich werde merken, was ich noch für kapitalistische Eigenschaften in mir habe doch diese werde ich unterdrücken und bekämpfen. Ich werde erfahren wie es sich anfühlt eine Waffe in der Hand zu haben und für die Revolution zu kämpfen, gegen den Imperialismus. (…) Ich kann nicht tatenlos zusehen während meine Schwestern, Brüder, Freunde, Mütter, Väter, Genossen um die Freiheit, um die Unabhängigkeit vom Kapitalismus kämpfen.“

Wenn wir uns begegnet wären, bevor Du nach Kurdistan gegangen bist, hätte ich Dir wohl einige Fragen gestellt.
Dann hätten wir uns vielleicht darüber streiten müssen, welche „Revolution“ Du eigentlich meinst, die „in Rojava“ stattfindet: Ist es tatsächlich eine Revolution, wenn die kurdische Verwaltung „die multiethnische und -religiöse Situation in Nordsyrien widerspiegeln“ (6) soll? Also die verschiedenen religiösen und ethnischen Einbildungen und Dummheiten unkritisiert bestehen lassen will? Wenn sie „jeweils aus einem kurdischen, arabischen und christlichen-assyrischen Minister pro Ressort“ besteht und insgesamt den „Plan verfolgt, ein demokratisches System aufzubauen“ incl. einer „Frauenquote von 40 %“ (ebda.)? Welchen guten Grund gibt es für Dich, Nationalitäten und -ismen für eine gute Sache zu halten, wenn sie sich zusammentun und auch die Frauen mal beteiligen?

Du willst Dein Leben für eine neue Demokratie aufs Spiel zu setzen, wo Du Dich doch wohl im demokratischen Deutschland entschlossen hast, Kommunistin zu werden? Du hast den Kapitalismus als gesellschaftliche Objektivität kennengelernt – aber wie kommst Du eigentlich darauf, „kapitalistische Eigenschaften“ in Dir zu bemerken? Hast Du „Profit“, „Lohnarbeit“, „Kapital“ in Dir entdeckt? Und wie sind die bitte in Dich hineingekommen? Oder denkst Du, dass Kapitalismus hauptsächlich Psychologie ist und sich um Egoismus und so etwas dreht? Musst Du Dich deshalb selbst „unterdrücken und bekämpfen“? Indem Du zu echten Waffen greifst und in einen echten Krieg gegen den IS ziehst? Auch wenn Du das bestimmt nicht willst: Seite an Seite mit den Imperialisten, von denen Du Dich befreien willst? Und die ihre Berechnungen anstellen, wann sie wen warum bekämpfen oder auch nicht?

Aber Du machst Dich ja auf den Weg, den „Kampf, der alle unterdrückten Völker miteinander verbindet, kennen(zu)lernen“. Ich muss Dich enttäuschen: Es gibt sie nicht, die Gemeinsamkeit der unterdrückten Völker. Unterdrückt wobei, worin? Woran leidet ein Volk und was hat es vor? Und wer soll das überhaupt sein: das Volk? Was ist denn so unerträglich daran, nicht Untertan einer eigenen Regierung, eines eigenen Staates zu sein?
Du möchtest am Kampf der „Genossen um die Freiheit, um die Unabhängigkeit vom Kapitalismus“ teilnehmen. Und wieder: Freiheit wovon, wofür? Freiheit von der Türkei, von Syrien, Freiheit für ein Kurdistan? Damit es was ganz eigenes wird? Kann man das essen, taugt das als Lebensmittel? Und unabhängig vom Kapitalismus?

***

Darüber hätten wir uns streiten müssen und vielleicht einigen können. Und gemeinsam hier im Zentrum des Imperialismus versuchen, die Leute von ihm abzubringen. Leider geht das nicht mehr.
Dafür hat die Welt einen toten Helden mehr.

(1) http://www.stern.de/politik/ausland/islamischer-staat-ivana-hoffmann-erste-deutsche-stirbt-im-kampf-gegen-is-in-syrien-2178735.html
(2) http://www.rf-news.de/2015/kw11/mlpd-trauert-ebenfalls-um-ivana-hoffmann
(3) https://linksunten.indymedia.org/de/node/136812
(4) https://www.facebook.com/ForumfuerAleviten?pnref=story
(5) https://linksunten.indymedia.org/de/node/137037
(6) http://de.wikipedia.org/wiki/Rojava


5 Comments on “#6 – An Ivana Hoffmann (*1.9.1995 in Emmerich/Deutschland;†7.3.2015 in Tell Tamer/Syrien):”

  1. Fan dieser Seite sagt:

    Toller Brief, toller Inhalt, Respekt!
    Weiterverbeiten, diskutieren!!!

  2. Fan dieser Seite sagt:

    Toller Brief, Respekt!!

    Weiterverbreiten, diskutieren!!!

  3. jochen sagt:

    In meinen augen ist dieser artikel in zweierlei Weise völlig daneben:
    a) wenn sich jemand entschliesst,sich einem Befreiungskampf anzuschliessen ist davon auszugehen, dass er/sie sich das gut überlegt haben. Weshalb dann diese Fragenkaskade, die suggeriert, da hätte jemand nicht ganz richtig verstanden. Warum diese Unterstellung?
    Umgekehrt könnte man auch unterstellen, der Schreiber habe nicht ganz begriffen …denn
    b) ist Unterdrückung nicht überall gleich und hat nicht überall das gleiche Gesicht. Auch Kapitalismus ist nicht überall gleich.dort,wo er am grausamsten auftritt,ist auch meist seine schwache Stelle zu finden. Also ist es eben nicht das gleiche, ob man hier oder dort gegen den Kapitalismus kämpft, wie die Zeilen behaupten.Auch hier kann es sehr ungemütlich werden, wenn die Krise sich tiefer frisst.(siehe aktuell das Labor Griechenland) Die Solidarität der Völker wird in ihren gemeinsamen Kämpfen lebendig und von den Kämpfenden realisiert. Das war früher so ( vietnamkrieg und die Solidarität der black power Bewegung in den USA z.B.) und es wird auch künftig so sein.

  4. Fan dieser Seite sagt:

    Noch mal, was ich an diesem Brief toll finde:

    1. Er hebt sich ab von den vielen auch heulerischen Solidaritätsbekundungen. Wer von den vielen, die jetzt ihren Respekt und ihre Trauer bekunden, wäre bereit, dorthin zu fahren und sich ebenso abschlachten zu lassen?
    2. „Ehre dem, der/die sich opfert!“ von wegen…!
    ich möchte mir nicht ausmalen, wieviele ausgereiste Djhadisten sich schon durch einen Selbstmordanschlag geopfert haben. Wird ihnen dieselbe Würdigung zuteil? Man sollte sich schon über die Motive oder das
    zugrundeliegende Programm Gedanken machen, bevor man seine „Orden“ verteilt.
    3. In dem Brief entdecke ich ganz viel Respekt vor dem Mädchen! und auch emotionale Anteilnahme… aber so, dass man sie in ihren Anliegen sehr ernst nimmt.
    Und so steht es ja auch in dem Brief: Hätte sie nur zwischen Nationalismus und Sozialismus besser unterscheiden können, dann wäre ihr viel Leid erspart geblieben und sie hätte womöglich auch einen besseren richtigen Kampf geführt…

    Zum Vorredner:
    Sorry, aber es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen Sozialismus/Kommunismus und Volk/Völker.

    Im Sozialismus schliessen sich selbstbewusste Menschen zusammen und machen eine Produktion, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.
    Als Volk glauben sich Menschen unbewusst vereinigt (vorstaatlich, biologisch eben) – und die letztlich einzige Gemeinsamkeit ist deren Akzeptanz einer ganz eigenen zu ihnen gehörigen Gewalt, die über ihnen steht.

    Mehr Diskrepanz kann es gar nicht geben, und auch alle Solidarität nimmt nichts davon zurück.

    Sag mal was dazu!
    vg Jürgen

  5. Kerstinnnn sagt:

    Sicherlich gibt es Kritik daran, wenn ein unerfahrener Mensch in einen Krieg zieht, als anarchistischer Mensch kritisiere ich auch dies und das in den kommunistischen Strukturen bez. Rojava. Auch pflege ich keinen Märtyrer-Kult in dem Sinne.

    Aber deinen Text sehe ich an als:“Hinterfragen“ und dabei keine wirklichen Fragen stellen, sondern ungewollt mehr Hohn hinausposaunen, vermischt mit pauschalen Unterstellungen –

    vor allem hinsichtlich eines angeblichen Nationalismus und Staatsabhängigkeit des Mädchens.

    Auch ein Punkt – die Reduzierung des Kapitalismus auf ausschliesslich äussere Mechanismen und damit das ausser Acht lassen des schönen Satzes
    „das Sein bestimmt das Bewusstsein“.

    Was mir auffiel:
    Du hinterfrägst ernsthaft das bestehen einer Unterdrückung von Bevölkerungen, aber prangerst vorher an, was es an Staatslosigkeit auszusetzen gäbe (obwohl niemand etwas daran aussetzt)?
    und
    Warum stellst du es so dar, als wäre es ein Widerspruch im (schein)demokratischen Deutschland als Kommunist auf die Idee zu kommen woanders für eine echte Demokratie zu kämpfen.

    Dein text kommt stellenweise neokonservativ. Aber DIE Wahrheit gibt es nicht.Letztendlich ein langer Text, in dem nicht viel steht.

    mein persönlich größter FAIL-Satz: „Kann man das essen, taugt das als Lebensmittel?“

    Denk darüber nach. Manchmal ist es besser gar nix zu schreiben, wenn es einfach nicht passt.


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