#4 „Wir sind das Volk“ ist unterwegs?

Das „wir“ haben die patriotischen Europäer, die seit Wochen mit dieser Parole durch Dresden und andere Städte ziehen, nicht erfunden. Mit der 1. Person Plural werden die Einwohner dieses Landes nicht nur während der Fußballweltmeisterschaft, sondern auch in Meldungen über den nationalen Schuldenstand oder deutsche Waffenlieferungen zusammengefasst. Die Demonstranten meinen diesen Ruf aber kritisch: wir sind das Volk, andere, die sich hier aufhalten, nicht. Und sie meinen ihn fordernd: die Regierung, deren Volk wir doch sind, erfüllt die Pflichten nicht, die sie uns als Volk schuldig ist.
Beides ist verkehrt!

Als „wir“, als irgendwie zusammengehörig, werden Menschen bestimmt, die entscheidende Unterschiede und Gegensätze aufweisen. Die Mittel, über die sie im alltäglichen Konkurrenzkampf um Geschäft und Geld verfügen, sind nämlich höchst unterschiedlich und die Lebensverhältnisse, die sich daraus ergeben auch. (Schließlich beruht die Reichtumsvermehrung der einen darauf, dass andere, um existieren zu können, für sie arbeiten müssen; und sie fällt umso deutlicher aus, je weniger denen dafür gezahlt wird.) Dass das so ist, wissen die Demonstranten durchaus, sie halten es aber für unerheblich. Das sind für sie die Zustände, die „bei uns“ eben Gültigkeit haben. Sie haben sich entschlossen, stattdessen den Umstand, dass einer auf deutschem Boden zu Hause ist, für entscheidend anzusehen und alle, die das sind, als Gemeinschaft zu betrachten.

Die fassen sie unter dem Titel „Volk“ zusammen und leiten daraus Ansprüche ab, die „ihre“ Regierung zu berücksichtigen hätte. Das ist, höflich gesagt, ein Widerspruch. Als Volk sind sie nämlich die, die regiert werden, die Untergebenen der Regierung und nicht ihre Auftraggeber. Das geistig umzukehren setzt wieder voraus, vom tatsächlichen Gegensatz zwischen der Staatsgewalt und den ihr Unterworfenen abzusehen, bzw. diesen Gegensatz umzudeuten in ein Gemeinschaftswerk, in dem die einen ihre Pflicht und Schuldigkeit tun und die anderen in ihrem Namen und Sinne für Recht und Ordnung sorgen. Insofern wird das Regiertwerden gutgeheißen, und gute Herrschaft eingefordert.

Sorgen soll eine dergestalt gute deutsche Regierung nicht etwa für konkrete sachliche Verbesserungen und das materielle Wohlergehen ihrer Bürger, sorgen soll sie nach Ansicht der marschierenden Patrioten dafür, dass „unsere“ Lebensumstände „unsere“ bleiben. Und dass sie dem nicht ausreichend nachkommt, wollen sie daran bemerken, dass sich hierzulande Ausländer aufhalten und auch das eine oder andere dürfen. Die sind schließlich nicht das Volk und deswegen steht ihnen ein berechtigtes Hiersein grundsätzlich nicht, in jeden Fall aber nur eingeschränkt zu.

Die Pegida klagen ein, dass das Leben in deutschen Verhältnissen deutsches Privileg zu sein hat. Sie halten diese Verhältnisse, die sie sich keineswegs ausgesucht haben, in denen jeder von ihnen vielmehr notgedrungen zurechtkommen muss, für schwer in Ordnung, wenn Ausländer aus ihnen weitgehend ferngehalten werden. Und mit der Regierung, die den nationalen Konkurrenzstall mit all seinen materiellen und machtmäßigen Gegensätzen gewaltsam zusammenhält, sind sie einverstanden, sofern sie Volksfremde irgendwie schlechter behandelt als deutsche Volksgenossen. Angesichts der materiellen Lage, die diese „unsere“ Lebensverhältnisse der Mehrzahl der Inländer bescheren, gibt es dafür allerdings keine guten Gründe. Patriotismus ist deshalb nicht nur blöd, er ist auch schädlich – für die Patrioten.


2 Comments on “#4 „Wir sind das Volk“ ist unterwegs?”

  1. sami sagt:

    hallo!

    „Und mit der Regierung, die den nationalen Konkurrenzstall mit all seinen materiellen und machtmäßigen Gegensätzen gewaltsam zusammenhält, sind sie einverstanden, sofern sie Volksfremde irgendwie schlechter behandelt als deutsche Volksgenossen. Angesichts der materiellen Lage, die diese „unsere“ Lebensverhältnisse der Mehrzahl der Inländer bescheren, gibt es dafür allerdings keine guten Gründe.“

    gute Gründe fürs schlecht behandeln der ausländer? versteh ich nicht.

    mfg

    • Peter sagt:

      grammatikalisches Missverständnis. die „guten Gründe“ beziehen sich hier auf das „einverstanden“ sein mit der Einrichtung der BRD, sollange die Ausländer hart rangenommen werden. Und die werden eben verneint: Das ist kein guter Grund einverstanden zu sein.


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