#1 Zur Kritik der aktuellen Straßen aus Zucker (#10)

Die aktuelle Straßen aus Zucker will beantworten, „Wieviel Deutschland im Unterricht steckt“ und „wie YOLO deine Ausbildung ist“. Schlechte Kritik an der Schule kennt auch die SaZ und beginnt mit einer Kritik des Slogans „Bildung darf keine Ware werden“. Die SaZ konternt diese Parole leider nicht mit der naiven Frage, was denn bitte unwichtig genug wäre, damit es nur für Profit produziert werden sollte? Was zeichnet die Bildung denn aus, warum gerade sie „keine Ware werden“ darf? Und überhaupt: Bildung ist keine Ware, weder war sie es immer schon (noch wird sie es – erst – jetzt). Man kann sie nämlich – anders als einen Tisch oder die Arbeitskraft – nicht kaufen. Selbst die Entrichtung des Ladenpreises für ein Reclam-Heftchen oder ein Huisken-Buch enthebt einen nämlich nicht der Mühe, es zu lesen und dabei nachzudenken. Abgesehen davon, dass man als ‚Verkäufer‘ von Bildung sie nicht durch Überlassung an einen anderen der eigenen Verfügung entzieht: Wissen wird nämlich nicht dadurch weniger, dass man es teilt.

Auch die Forderung nach Chancengleichheit kommt nicht gut weg – aber doch besser, als sie es verdient: „Aber die, die allein solche Chancengleichheit fordern, fordern nicht genug“ (Seite 5). Die SaZ selbst weiß es besser als dieser Satz es nahelegt, ist doch direkt danach zu lesen: „Im Kapitalismus werden immer „gute“ und „schlechte“ Schüler_innen produziert werden“ Chancengleichheit ist also das passende Ideal zur Konkurrenz: Solange jeder Gewinnen kann, geht das ganz Grundsätzliche Sortieren von Verlierern und Gewinnern auch in Ordnung. Warum die Verharmlosung dieses Ideals als „nicht genug“?

Wahrscheinlich weil die SaZ sich nie ganz entscheiden kann. Zwar will sie das „ganz Andere“ (Seite 21), aber dann entdeckt sie doch wieder „Probleme“ in der Schule – ganz so, als ob diese eigentlich ganz bequem sein könnte. So schließt sie sich dem bürgerlichen Gejammer über die Schule immer wieder an, so wenn sie glaubt das „ein Problem erst mal halbwegs treffend beschrieben“ würde, mit: „Lehrer_innen in Deutschland sind in der Regel: deutsch (Pass), Mittelklasse (sozialer Background) und „weiß“ (werden in der Regel nicht rassistisch diskriminiert).“ (Seite 6) Entweder hat die SaZ Recht, wo sie der Schule die Aufgabe nachsagt, für die „Sortierung“ der Leute da zu sein – da kann es den Kritikern einer solchen Einrichtung dann aber auch egal sein ob Peter oder Mohammad, Aysha oder Julia diese Arbeit ausführt. Oder man findet die Schule ist eben auch ein Ort, an dem „Gleichberechtigung“ wichtig ist – und macht damit genau den Fehler, den man eine Seite vorher noch als „nicht genug“ verharmlost hat.

Dieser Widerspruch zieht sich durch das ganze Heft. Was ist die Schule nun? Auf Seite 11 lernen wir, die Schule hätte einen Mangel, weil sie „das Ausblenden von grundlegender Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen“ (Seite 11) betreibe, auf Seite 15 erfahren wir, dass das die Aufgabe der Schule ist: „Wir lernen, gute Staatsbürger_innen zu sein“. Liebe SaZ, das geht nicht zusammen: Entweder die Schule lässt Kritik an dieser Gesellschaft sträflicherweiße vermissen, oder aber es ist ihre Aufgabe die passende Ideologie für diese Gesellschaft zu liefern – was dann ausschließen würde, das ihr euch „mehr über Rassismus, über Kapitalismuskritik oder die Geschichte des Feminismus“ (Seite 11) im Schulstoff erhoffen würdet – denn dann wüsstet ihr, wie diese Themen in der Schule behandelt werden würden, wenn man sie „mehr“ behandeln würde!

Manchmal liest man in der SaZ von dem „Zwang“ in welchen die Schüler gesetzt sind, dann wieder liest man von eurer „Vision“: „Wenn mehr Menschen aus dem Hamsterrad der Leistungssteigerung aussteigen – so unsere Vision – können sich alle ein bisschen lockerer machen und das gute Leben in den Blick nehmen“ (Seite 10). Also doch kein „Hauen und Stechen“ sondern nur ein Hamsterrad“ aus dem jeder für sich selbst aussteigen kann und das gute Leben leben? Wie genau soll das Aussehen für Millionen Menschen im Niedriglohnsektor oder auf der Hauptschule? Man kann sich dem Eindruck nicht erwehren, dass ihr eure eigene Analyse so manches Mal nicht ernst nehmt: „Wenn ihr Lust habt, lernt. Lernt, was euch interessiert, lernt alleine, lernt zusammen, aber lernt nicht gegeneinander“ (Seite 10). Wie genau soll das gehen, wenn man doch – wie ihr selbst schreibt – in Konkurrenz gestellt ist? Da kann man seine Mitschüler noch so gerne haben, in Konkurrenz ist man mit ihnen. Deswegen ist es auch kein Fehler, wenn „wir andere als Bedrohung unseres eigenen Status sehen“ (Seite 12) sondern die marktwirtschaftliche Realität.

So auch bei den Noten: Sind diese jetzt wirklich damit zu kritisieren, dass sie „nur scheinbar objektiv sind, sondern auch von Symphatien, Neigungen und politischen Einstellungen der Lehrer_innen“ abhängen, oder haben Noten gar keinen anderen Zweck, als die Schüler zu sortieren? Wenn zweiteres Zutrifft, sollte sich ein Kritiker der Konkurrenz nicht am Jammern über „unfaire“ Noten beteiligen, sondern lieber die Schüler kritisieren, die nicht etwas gegen Noten, sondern nur ihre Noten haben.

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Völlig verkehrt ist der Artikel „Wie wir alle zu guten Staatsbürger_innen werden.“ Nein, „Die Menschen denken so, weil sie es so gelernt haben“ ist nicht richtig – haben doch die kommunistischen Kritiker auch den Gemeinschaftskundeunterricht besucht. Auch eure rhetorische Frage ist einfach zu beantworten: „Denn wie soll man auch grundlegend kritisch denken, wenn es einem nie beigebracht wird?“ (Seite 15) Mit dem Kopf! – schlägt KeinOrt vor. Im Gegensatz zu Kühen denken Menschen nämlich, und stellen sich zu allem was sie lernen immer selbst: Ob sie etwas glauben oder nicht, ob sie es nur auswendig lernen oder selbst für richtig befinden, oder beim Nachdenken über den Lehrinhalt sogar zu Gegnern des Unterrichts werden, hängt am Verstand der Leute. Wenn die sich etwas einleuchten lassen – und es stimmt ja, dass die meisten Schüler brave Bürger werden – dann müssen diese kritisiert, und nicht entschuldigt werden: Sie konnten ja nicht anders, weil nie anders gelernt…

Dass „Fächer wie Gesellschaftskunde unsere Gesellschaft erläutern, ist logisch“ (Seite 15) zählt zu den Sätzen, die man irgendwie nicht in den Kontext eines Artikels passt, der gerade Erklären will, dass die Schule eine Ideologie dieser Gesellschaft produziert, also eben nicht erklärt, wie diese Gesellschaft funktioniert. Deswegen ist die bürgerliche Kritik, „die Wertvorstellungen, die nicht ausdrücklich, sondern indirekt in der Schule vermittelt werden, sind sehr einseitig“ (Seite 15) auch völlig deplatziert. Die Erziehung zu Demokratie, Vaterland und Rechtschaffenheit passieren weder „indirekt“, noch könnten sie durch „Vielfalt“, Lesbenspielchen und Homoerotik plötzlich zu etwas anderem taugen, als der Rechtfertigung dieser Gesellschaft.

So gibt es noch einiges rätselhafte in diesem Heft. Da ist zu lesen, dass die SaZ die Überzeugung hat, „dass ganz unterschiedliche Arten von Wissen dabei helfen können, diese Welt besser zu verstehen und dadurch auch zu verändern“ und zitiert dann: „das kann die Funktionsweise eines Verbrennungsmotors oder ein Gedicht sein“ (Seite 11). Liebe Leserinnen und Leser der SaZ: Wenn ihr „diese Welt besser zu verstehen“ versucht, dann lest bitte nicht die Gebrauchsanweisung eures Audis oder ein Gedicht von Günther Grass, sondern die passende Lektüre für den passenden Gegenstand: In diesem Fall Freerk Huiskens Erziehung im Kapitalismus.

Die SaZ gibt es hier kostenlos zum Download: http://strassenauszucker.blogsport.de/



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