#10 Materialismus ist nicht genug?

Schmierzettel #10 – Materialismus ist nicht genug?

„Bei materiellen Bedürfnissen, da finde ich es nicht legitim zu einer Gesellschaftskritik überzugehen. Wenn es einem nur darum geht, eine größere Wohnung zu haben, oder ein schickeres Auto. Da finde ich es soviel sinnvoller, in diesen Verhältnissen zu schauen wie man klarkommt.“ (1)

Während die radikale Linke es „nicht legitim“ findet, nur für materielles eine andere Gesellschaft anzustreben, sind in der BRD, einem der reichsten Länder der Welt, im Jahr 2015 284.000 Menschen wohnungslos. Materialismus ist nicht genug und der Einsatz für die Menschheit notwendig?

Einer der erfolgreichsten Ehrentitel, in dessen Namen so gut wie alles verbrochen und verhindert werden darf, ist „die Menschheit“. Nein, Marxisten haben mit diesem Subjekt, das durch die Geschichte von Druck und Papier geistert, nichts im Sinn. Es existiert nämlich nur in der Einbildung, dieses kollektive Subjekt mit lauter gemeinsamen hehren Anliegen, und zwar deswegen, weil es lange vor seiner philosophischen Aufbereitung zur Berufungsinstanz taugt, die moralisch gebildete Zeitgenossen des Kapitals immer brauchen.

Im Namen der Menschheit stellen die einen Atomwaffen auf — und in demselben Namen warnen andere vor dem Kältetod. Letztere schätzen ihre Glaubwürdigkeit als Kritiker höher als die Anstrengung, einen effektiven Widerstand auf die Beine zu stellen. Die Glaubwürdigkeit beweisen sie durch eine Abstraktion, die es in sich hat: Die politischen und ökonomischen Gegensätze, die ihre schöne Welt bevölkern, sind vergessen. Der Glaube, die Einbeziehung aller in die eigenen Sorgen würde einem Einwand die Wirkung verleihen, die ihm sonst abgeht, ist offensichtlich.

So richtig glaubwürdig wird die Berufung auf die Menschheit immer nur bei Leuten, die durch ihr Amt befugt sind, Moral zu verabreichen und auf die Erfüllung ihrer Rechte zu dringen. Wenn sie den sozialen Frieden und den Frieden überhaupt für unabdingbar und den Klassenkampf für überholt erklären, wissen sie sehr wohl, daß das Verbot, Gegensätze auszutragen, ihre Manier der Durchsetzung ist! Und ihnen steht es auch gut zu Gesicht, ihre Gegner zu Feinden der Menschheit zu stempeln. So etwas haben Marxisten nicht nötig. Ihnen genügt das bißchen Wissen darüber, wer was wie auf wessen Kosten anrichtet, vollauf.

Die praktischen Konsequenzen betreffen dann auch einmal jene Sorte „Menschheit“, die beim freien Wirtschaften so merkwürdig konsequent zu kurz kommt, weil sie fremdem Reichtum dient.

Uns geht es darum, daß sich ein gewisser Teil der „Menschheit“ nicht mehr gefallen läßt, sich für ein illusionäres gemeinsames Interesse verheizen zu lassen. Dafür ist deren Materialismus allemal genug.

Zahl der Wohnungslosen: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zahl-der-wohnungslosen-ist-in-deutschland-drastisch-gestiegen-a-914380.html#spRedirectedFrom=www&referrrer=http://m.facebook.com

(1) http://audioarchiv.k23.in/Referate/Falken_Erfurt/Kritik_des_GegenStandpunkts_02_Diskussion.mp3



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