#4 Die Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung und ihr Aufruf zum Engagement

Liebe bs:z-Zeigefinger,

wenn die Zeit schon seit Monaten über Generation Y lamentierend berichtet, da wollt, könnt oder DÜRFT ihr natürlich nicht fehlen und springt auf mit eurem ganz eigenen Beitrag zur Frage: was, außer sich sklavisch dem Fortkommen in Studium und Lebensplanung widmen, SOLLTEN Studenten eigentlich noch tun?

Tim (Schwermer)!
Du bist also der nicht sonderlich originellen Meinung, mehr politisches Engagement würde den Studenten gut ins Gesicht stehen (lese: in den Lebenslauf passen) – und kennst auch direkt mal so paar Sachen, die sich so gehören: wählen, Petitionen unterschreiben, Partei muss nicht sein.
Das rührt natürlich NICHT daher, dass du ein Problem ausgemacht hast, was jetzt mal politisch gelöst gehört, wo die Studenten gar ein Interesse dran haben könnten – vor solcherlei unidealistischen Niederungen sei dein demokratischer Idealismus aber mal herbe gefeit!
Politik, das hast du dir in der Uni erzählen lassen, ist, wenn man sich für lauter fremde, dafür auf jeden Fall GUTE Zwecke einspannen lässt, perdon, ganz heftig engagiert.
Ganz folgerichtig zweifelst du Vollzeitmoralist auch an dir selbst: bin ich wirklich so politisch, wie es sich gehört?

Eines kann man deinem argumentfreien Geschreibsel jedenfalls anmerken: von „etwas verbessern“ soll man erstmal den Absprung machen, sich selbst zu verbessern: vermutlich weil an all dem Mist in der Welt eh immer nur man selber Schuld ist und sich nicht Gegnerschaft, sondern Partizipation gehört – dass du diese Ansprüche dann in weinerlicher Form den Studenten vorträgst, weil ihnen etwas zu bieten deine „politischen“ Überlegungen eh nicht in der Lage sind, ist schon der passende (und gerechte) Ausgang dieses politischen Bewusstseins, dass keinen, aber auch gar keinen, Gegenstand in der Welt sich mal politisch durchdenkt, aber zu jeder Wahl fleißig ein Kreuzchen macht.

Sie „dagegen“ Herr Trilling,
vertreten eigentlich genau das Gleiche wie Tim auch, nur, dass zum Demokratieidealismus von Ihnen eine linke Begründung geliefert wird – wo man eigentlich schon aufhören könnte, wenns nämlich rechts wie links dasselbe wollen, wozu soll dann ein Kommentar noch geschrieben werden?
Nu möchte man ja nicht so sein und schreibt halt die folgende Testfrage auf Ihnen noch hin: wenn die Studenten sich also laut Ihnen nicht interessieren für Fragen, die Sie für total relevant halten, wer muss dann eigentlich was tun?
A) Sie: müssten mal überlegen, wie es dazu kommt, dass Studenten alle genau nicht das sind, was Sie von ihnen erwarten zu sein
B) Die Studenten: hätten sich gefälligst mal dem anzupassen, was Ihr Ideal von ihnen ist

Pluspunkte in der B-Note kriegen Sie dafür für die Angemessenheit der Formulierung vom „sozialen Scheiß in der Welt“, die ihnen leider mit der Benutzung eines Rosa Luxemburg Zitats für ihre moralistische linke Jammerei wieder abhanden kommt – Schade!

Studenten!

Zufrieden mit eurem Unpolitisch-Sein ist eigentlich niemand: nicht die offizielle Politik (die will nämlich, dass ihr sie gefälligst wählen geht), nicht die Zeitungen (die wollen nämlich genau das Gleiche), nicht die Professoren, nicht die studentische Politik, vielleicht nichtmal eure Eltern.

Zunächst: herzlichen Glückwunsch, dass ihr euch die bescheuerten Appelle von Zeit bis BSZ, von Merkel bis Gysi, von Burschenschaft bis Trilling nicht einleuchten lasst.
Eins solltet ihr dafür schon merken: selbst seid ihr auch unzufrieden und das dauerhaft und mit gutem Grund: das Studium ist eine einzige Qual, wo noch jeder Fitzel Fachinteresse sich dem Erhalten von Creditpoints unterzuordnen hat, wo noch jeder die Erfahrung dummer oder geradezu böswilliger Profs macht, wo die Mehrheit sich neben dem Studium durch Bafög oder irgendwelche beschissenen Minijobs über Wasser hält – um am Ende trotzdem damit rechnen zu müssen, keinen Job zu kriegen, oder einen, der einen zum Kauf von ja!-Produkten zwingt.
Vielleicht, ganz vielleicht, wäre es an der Zeit, einen Politik wiederzuentdecken, die mit dem hohen Ideal einer Merkel und von Tim nix gemein hat: eine Politik, die, statt die eigenen Interessen und Egoismen zu schelten und auf die billigen Plätze zu verweisen, diese in den Fordergrund stellt. Eine Politik, die sich Rechenschaft ablegt, wieso eigentlich alle für nen Haus mit Garten solche Konkurrenzgeier werden an der Universität, wieso eigentlich man sich durch Fächer quält, die einen einen feuchten Kehrricht scheren, wieso eigentlich in der BSZ immer so ein Mist steht, der einem nicht weiterhilft.
Politisch sein, das heißt, an der eigenen Scheißlage die allgemeine Scheißlage zu erkennen.
Nicht eine weitere Aufgabe neben dem Studieren ist die politische Perspektive der Studierenschaft, sondern eine Politik, die mit dem Aufgabendruck aufräumt, indem sie ihn erklärt, kritisiert und mit dieser Kritik praktisch wird.

Liebe bs:z (schon wieder)
Euren Zeigefinger zu erheben in der Hoffnung, dass ausgerechnet auf euch jemand hört, nachdem schon die ZEIT, große Politik und überhaupt jeder Geisteswissenschaftsdozent es versucht haben, ist doch ein reichlich müßiger Versuch.
Vielleicht wäre es mal an der Zeit, sich bei Problemen, die Studenten so haben, auf deren Seite zu schlagen und sich wenigstens zu bemühen, die Herkunft von Karrieredruck, Konkurrenz und gefördertem Desinteresse zu klären.
Bis ihr jedenfalls mal wenigstens einen lesenswerten Artikel publiziert, benutze ich euren Schmutz höchstens um in der Mensa das Essen aufzuwischen, dass einem beim Lesen eurer Ungedanken aus dem Mund fällt.

Die beiden Artikel auf welche Bezug genommen werden finden sich hier:
http://www.bszonline.de/artikel/wohlstand-statt-wahlen
http://www.bszonline.de/artikel/politisch-ohne-es-zu-merken



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