#48 Die DDR: Ursuppe des bundesdeutschen Nationalismus

Wenn in der BRD seit Wochen besorgte Bürger in Dresden demonstrieren und die Kanzlerin selbst sich von den Patrioten abzugrenzen sucht (1), dann wird es Zeit für den Spiegel, einen Schuldigen zu finden. Weil Tote gute Sündeböcke sind und die BRD als Kandidat für aufkeimenden Patriotismus, der selbst für so manche Teile der CDU unangenehmen Sorte, selbstredend ausfällt, findet man beim Spiegel mal wieder das schlechtere Deutschland als Verantwortlichen.

Schon 1988 – so entdeckt der sich investigativ gebende Artikel der gegen die im Jahre 2015 scheinbar ungebrochene Medienmacht der DDR anschreibt – gab es Neonazis in der DDR. Aus dieser schlichten Tatsache wird dann gleich die Verbindung zu Rostock-Lichtenhagen gezogen: „Das war vor dem Mauerfall, Erich Honecker regierte noch. Kaum zwei Jahre später brannte es in Rostock-Lichtenhagen, in Hoyerswerda und anderswo.“ Kein Wort im Artikel über die als Wiedervereinigung eu­phe­mis­tisch verklärte Annektion der DDR und der von oben angeheizte Nationalismus der Jahre 1990/1991.

Aber nicht nur die Toten des jungen Großdeutschlands werden post mortem noch den Mauertoten beigestellt: „Das spätere NSU-Trio mit seinen zahlreichen Helfern in der rechtsextremen Ost-Szene, fand sich bereits in den Neunzigerjahren in Thüringen zusammen und mordete dann von Sachsen aus. Heute marschieren Hooligans und Neonazis einträchtig zusammen mit den Frustbürgern der Pegida, um endlich in der Mitte der Gesellschaft anzukommen.“ Pegida und NSU – späte Blüten der von Honecker verschwiegenen Neonaziszene der DDR?

Tapfer kämpft der Spiegel für die Wahrheit und gegen die Lügenpresse der DDR: „Denn der größte Mythos, der sich noch bis heute bei vielen rückblickend hält, ist der vom antifaschistischen Staat. […] Diese Legende war den antifaschistischen Kämpfern der alten KPD um Staatschef Erich Honecker und Stasi-Chef Erich Mielke besonders wichtig.“ Warum genau die Existenz von Nazis in einem Staat dessen antifaschistische Gesinnung widerlegen soll wird leider nicht erklärt. Aber ein Glück das die Nazis der BRD eigentlich DDR-Importe sind – sonst müsste Wensierski wohl auch am Antifaschismus der BRD zu zweifeln beginnen.

Nährboden für die Faschisten in der DDR war natürlich „der autoritäre sozialistische Staat“. So wenig die BRD und ihre Politik verantwortlich sein kann für den NSU, umso mehr war die SED eigentliche Mutter der Faschistenbrut: „Die SED förderte nicht die Entwicklung demokratischer Tugenden, sondern ein autoritäres System von Untertanengeist, Militanz und Parteidisziplin. Die politische Kultur der DDR kam in weiten Teilen rechten Ideologien entgegen […] Nicht Widerspruch und Kritik sind wirklich geschätzt, sondern Anpassung und Duckmäusertum.“ Da kann dann schonmal vergessen werden, ob die Medien Antifaschismus oder Rassenwahn predigen und in der Schule das Horst-Wessel Lied oder die Internationale gesungen wird: Überall, wo nicht die FDgO herrschaft, ist guter Nährboden für Faschisten.

Überhaupt, wo man schon dabei ist: „Was bis heute viele nicht wissen: Die DDR, die gerne mit den Fingern auf die alten und neuen Nazis im Westen zeigte, hatte selbst keine weiße Weste. Auch in ihrem Staats- und Parteiapparat gab es viele ehemalige Nazis“ Da wirken die Altnazis im Kanzleramt und in den Geheimdiensten der BRD schon viel harmloser: Auch bei der Alternative sah es düster aus, und bekanntlich lässt ein guter Bürger keine Kritik zu, wenn er die alternative nicht sofort serviert bekommt. Rausgefunden hat der findige Journalist das übrigens mit Hilfe der SED: „Über die Präsenz von NS-Kadern führte die SED penibel Buch.“ Ein Glück, dass diese Stasi 1.0 ihre Nazis so gut protokolliert hat!

Mit der Wiedervereinigung sollte dann der „braune Sumpf“ eigentlich trocken gelegt werden. Aber Faschisten sollten nicht Thematisiert werden, weil „Investoren“ gesucht wurden. Selbstkritisch wird das Resumee: „Hier liegen seiner Ansicht nach auch bis heute die Wurzeln der Ignoranz der Behörden gegenüber den Neonazis. Das Bindeglied der Rechtsextremen im Video von 1988 und ihren Nachfolgern heute ist der Hass auf das gesamte „Schweinesystem“, die Fremdenfeindlichkeit, die Ablehnung von Demokratie und der „Politikerelite da oben“. Die Unterdrückung des Problems durch die DDR und dann im vereinten Deutschland hat es nicht gelöst, sondern verstärkt.“

Fazit: Die Ursuppe des bundesdeutschen Nationalismus, der „braune Sumpf“ ist wie junge Welt und Sinalco-Cola ein unerwünschter Ost-Import in die BRD. Versäumt hat dieses bessere Deutschland, in ihrem Willen aus dem exsozialistischen Brachland blühnende Landschaften qua Kapitalimport zu machen, eigentlich nur schnell genug zu reagieren gegen die Nazis: Und heute haben wir die PEGIDA Suppe!

Nationalismus hat also nichts zu tun mit der normalen Politisierung des Bürgers, der sich fürs Vaterland weiß und sich seine Misere nur als Abweichung vom guten Plane Deutschlands erklären kann. Ausgerechnet mit der Abweichung von den bürgerlichen Tugenden in der DDR erklärt sich der Spiegel PEGIDA 2015 und beweist einmal mehr: Die DDR taugt noch im 25. Todesjahr als Rechtfertigung und angebliche Ursache für jede Brutalität der BRD. Hätte es keine DDR gegeben, man hätte fast eine erfinden müssen.

(1) http://www.welt.de/politik/deutschland/article135886217/Merkel-warnt-vor-Pegida-Folgen-Sie-denen-nicht.html
Alle weiteren Zitate aus diesem Aritkel: http://www.spiegel.de/einestages/neonazis-in-der-ddr-video-zeigt-rechte-szene-1988-a-1013448.html



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