#44 Das Attentat gegen Charlie Hebdo, Pegida und die Presse

I. Es ist verfehlt, den Fundamentalismus des Islam auf eine besondere Eigenschaft dieser Religion zurückführen zu wollen und sich dazu in das Studium des Koran und der arabischen Geistesgeschichte zu stürzen. Für sich genommen ist jede Religion fundamentalistisch: ein moralischer Wahn, der sehr apodiktisch von sich behauptet, theoretisch wahr und praktisch wirksam zu sein. Jede Religion aber läßt sich auch in so gut wie jede politische Herrschaft eingemeinden und sich zur moralischen, gut und böse sortierenden Instanz beliebiger gesellschaftlicher und ökonomischer Verhältnisse machen. In Sachen Verstandesverachtung, Größenwahn und Anpassungsfähigkeit bleiben sich die Weltreligionen nichts schuldig.

II. Wenn sich die Gläubigen in aller Gottergebenheit entschieden haben, daß das Leben unter der frevelhaften Staatsführung nicht mehr auszuhalten ist und Schicksalsergebenheit jetzt Sünde wäre, werden sie zur politischen Partei und planen den Aufstand. Sie hetzen das gute Volk gegen die Staatsmacht auf und werben für das wahre islamische Leben. Bei ihren Bemühungen um das Volk, dessen Anstand sie die Heimat wiedergeben wollen, müssen sie allerdings feststellen, daß die ungläubigen Teufel, die sie aus dem Amt jagen wollen, die stärkste Stütze ihrer Macht im gottlosen Leben des Volkes haben. Die Islamisten sehen sich vor der Aufgabe, einen von oben nach unten verrottenden Volkskörper zu heilen. Der Machtkampf, den sie anzetteln, richtet sich daher nur zur Hälfte gegen die Staatsmacht – zur anderen richtet er sich mit gezieltem und ungezieltem Terror gegen den sündigen Alltag. Heutiges Ziel war das Satiremagazin Charlie Hebdo in Paris

III. Jürgen Elsässer und Pegida fühlen sich ein weiteres mal Bestätigt in ihrem Urteil über den Islam: Er passt nicht in die westliche Wertegemeinschaft und ist gefährlich „für uns“: „Der Terror in Paris zeigt, wie Recht Pegida hat“ (1). Dem religiösen Programm zur Säuberung eines dekadenten Westens setzten sie ein nationalistisches Programm entgegen:

IV. Pegida weiß darum, dass diese Gesellschaft eine ständige Gewalt notwendig hat und sie treten für diese Gewalt ein: „7. PEGIDA ist FÜR die Aufstockung der Mittel für die Polizei und GEGEN den Stellenabbau bei selbiger!“ Fest entschlossen für „unser Volk“ einzustehen, werden sie Anhänger der staatlichen Gewalt um Unternehmer und Prolet, Vermieter und Mieter etc. alle unter der staatlichen Herrschaft zu halten und so endlich echte Gemeinschaft herzustellen.

Wer sich so Grundsätzlich für eine Gesellschaft ausspricht, die schon nach innen nur mit Gewalt auskommt, weiß auch um ihre ständige Bedrohung von außen: „8. PEGIDA ist FÜR die Ausschöpfung und Umsetzung der vorhandenen Gesetze zum Thema Asyl und Abschiebung“ Gerade die Betonung der Gewaltfreiheit von Pegida ist als ihr Bekenntnis zur Demokratie zu verstehen: Pegida sieht sich nicht in der Rolle selbst die Gewalt auszuüben, sondern weiß sich an den Staat zu wenden: Dieser soll für Pegida endlich „das Volk“ richtig vertreten und die volksfremden Elemente nach allen Regeln der demokratischen Kunst loswerden. Pegida kann zurecht davon ausgehen, dass auch ihre Gegner Abschiebungen kaum als Akt der Gewalt, weil staatlich legitimiert, erkennen. Selbst Gegner der heutigen Asylpolitik können unterscheiden zwischen „Wirtschafts-“ und „Kriegsflüchtlingen“, und damit zwischen solchen, gegen deren Einreise gewalt legitim ist, und solche, gegen welche sie nicht es nach deren Moral nicht ist.

Diese demokratischen Methoden zur Entsorgung volksfremden Menschenmaterials sieht Pegida noch lange nicht ausgereizt. Als gute Bürger fordern sie den Staat zum Handeln auf: „9.
PEGIDA ist FÜR eine Null-Toleranz-Politik gegenüber straffällig gewordenen Asylbewerbern und Migranten!“. Im vollen Bewusstsein, dass die meisten Bürger der BRD ihren patriotischen Standpunkt teilen wollen sie nicht weniger, sondern mehr Mitbestimmung: „14.
PEGIDA ist FÜR die Einführung von Bürgerentscheidungen nach dem Vorbild der Schweiz!“

Gerade weil Pegida sich selbst als Vertreter dieser bürgerlichen Werte versteht, können sie auch ganz ohne Heuchelei gegen jede Form des Extremismus auftreten: „18.PEGIDA ist GEGEN Radikalismus egal ob religiös oder politisch motiviert!“ Pegida tritt eben nicht für den Faschismus, sondern für den Nationalismus ein – eine Tugend, die der gemeine Demokrat allemal genau so zu schätzen weiß. Deswegen waren auf den Demonstrationen gegen Pegida nicht zu letzt auch diese Plakata zu finden: „Wenn ihr das Volk seid sind wir Volker“.

Eine Linke, welche in Pegida immer nur den rassistischen Mob, “ angestachelt von Rechtspopulisten und Neonazis“ (2) erkennen will, verharmlost diese Gesellschaft: Ausgerechnet Neonazis, die geächteten Außenseiter dieser Gesellschaft, sollen Verantwortlich sein für den Rassismus dieser Bewegung und nicht deren nationalistischer Normalvollzug.

V. Der religiöse Fundamentalismus ist ein Programm gegen den imperialistischen Westen und für die Umma. Diese Gläuben sehen ausgerechnet in einer fremden Abweichung von einem Leben voller religiöser Demut den Grund für ihre Beschädigung. Pegida ist eine Bewegung von unten, welche für ihre miese Lage nicht die über sie eingerichtete Herrschaft, sondern ausgerechnet deren mangelhafte Gewalt gegen fremdes Menschenmaterial verantwortlich macht.

VI. Die Presse weiß nun zu Berichten, dass den Bürgern einer Gesellschaft, welche auf so hohen Idealen basiert wie „Meinungsfreiheit“, „Pluralismus“ und „Toleranz“ (3) gar nicht so richtig zu trauen ist. Diese vermutet nun nicht einen „Aufstand der Anständigen“ (4) gegen die Terroristen, wie sie ihn gegen Pegida fordert, sondern wissen anderes zu Berichten:

„Wenn Islamophobie und extreme Ansichten bald in Europa den Diskurs über den Islam, Migrationspolitik und Nahost-Politik bestimmen, wird es richtig gefährlich.“ (3) Die bürgerliche Presse weiß eben, dass sich das Gedankengut eines normalen Deutschen von jenem eines Pegida-Anhängers gar nicht so Grundsätzlich unterscheidet, dass sich jene nicht diesen Anschließen könnten, wenn diese hohen Ideale einmal bedroht werden.

Die Verteidigung dieser Gesellschaft, so weiß SPON, erfordert nun die Übernahme der rechten Positionen: „François Hollande spürt den heißen Atem seiner FN-Verfolgerin Marine Le Pen im Nacken. Er wird sich jetzt bald wohl nicht anders zu wehren wissen, als im Kampf gegen den Terror den starken Mann zu machen.“ (3) Zwar wollen nur die Extremisten den „Kampf der Kulturen“, jedoch: „Leider wächst mit jedem neuen Anschlag die Gefahr, dass sie ihn bekommen.“ (3)

Die bürgerliche Presse bestätigt so selbst, dass ihr Patriotismus nicht unterscheidet vom Nationalismus Pegidas: Die Politisierung des braven Bürgers und seine Unterscheidung in „die“ und „wir“ ist die Grundlage für die Beurteilung eines Attentates wie jenem heute in Paris. Mit diesem falschen Urteil über „uns“ ausgerüstet, ist es tatsächlich kein Wunder, wenn Pegida zulauf erhält und SPON selbst weiß keine andere Handlungsweise für den französischen Präsidenten, als dieser Logik zu folgen.

Eine Kritik von Pegida kann sinnvoller Weiße also nur in einer Kritik des Nationalismus bestehen. Dieser bietet die Grundlage für diese Bewegung. Denn der Nationalismus ist keinesweg nur bei Pegida zu finden – er ist die durchgesetzte Politisierung der Bürger dieser Gesellschaft. Pegida richtig kritisieren heißt diese Gesellschaft zu kritisieren und die eigene Gefolgschaft aufkündigen.

Die Erklärung des islamischen Fundamentalismus ist http://www.gegenstandpunkt.com/gs/95/1/gs951041.html entnommen.
(1) https://juergenelsaesser.wordpress.com/
Das Positionspapier von Pegida findet sich hier: http://www.i-finger.de/pegida-positionspapier.pdf
(2) http://www.antifa-stuttgart.tk/
(3) http://www.spiegel.de/politik/ausland/charlie-hebdo-terror-in-paris-anschlag-auf-uns-alle-a-1011766.html
(4) http://www.welt.de/politik/deutschland/article136055107/Gerhard-Schroeder-fuer-neuen-Aufstand-der-Anstaendigen.html


5 Comments on “#44 Das Attentat gegen Charlie Hebdo, Pegida und die Presse”

  1. Klaus Leitner sagt:

    Derzeit hat diese Sorte Nationalismus, wie sie z.B. von PEGIDA vertreten wird, sowieso kaum eine Chance.
    Weshalb es vorerst im wesentlichen bei der bisherigen Unterscheidung zwischen „nützlichen“ und „unnützen“ AusländerInnen bleibt.
    (Außer, daß AusländerInnen zukünftig auch dann ausgewiesen werden können, wenn sich ein bürgerlicher Nationalstaat im Krieg mit einem anderen Staat befindet.)
    Richtig gefährlich wird es erst, wenn die derzeitige Staatsmacht im Rahmen des bevorstehenden 3.Weltkriegs weitgehend zusammenbricht und ein sog. Bürgerkrieg beginnt…

    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Leitner

  2. Klaus Leitner sagt:

    Noch eine Ergänzung:
    Das fatale an der derzeitigen Entwicklung nach „rechts“ bis hin zum Faschismus ist allerdings, daß kaum mehr eine sozialistische bzw. kommunistische Bewegung existiert, die dem etwas entgegenhalten könnte.
    Weshalb davon auszugehen ist, daß die Welt in Folge des 3.Weltkriegs (ähnlich wie nach dem weitgehenden Untergang des früheren „Römischen Reichs“) in eine langanhaltende chaotische und barbarische Phase versinkt.
    Erst danach ist an eine Neue Welt zu denken.

    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Leitner

  3. Icke sagt:

    Wie würdest du denn einen Pediga Anhänger kritisieren?

    • Klaus Leitner sagt:

      Hallo „Icke“,
      eigentlich gar nicht.
      Meist sind solche Leute viel zu blöd‘, um auch nur einen richtigen Gedanken zu verstehen bzw. zu begreifen.
      Zudem ist diese Bewegung zu „schräg“, um eine Mehrheit zu finden.
      (Schließlich steht z.B. die „IS“ wirklich nicht vor den „Toren Berlins“, während die derzeitige Bundesregierung bereits die Sharia und eine weitgehende Verschleierung der Frauen anordnet.)
      Desweiteren kümmern sich bereits Merkel % Co. genügend um deren AnhängerInnen, die derzeit sowieso kaum eine Chance haben.

      Mit freundlichen Grüßen
      Klaus Leitner

      PS: Alles weitere siehe oben in meinen vorherigen Kommentaren!

      • Klaus Leitner sagt:

        Vielleicht noch eine Ergänzung:
        Ein wesentliches Problem vor allem auch der meisten „Linken“ ist, daß diese sich mit jedem Scheiß beschäftigen bzw. darauf einlassen und das wirklich Wichtige kaum erkennen.
        Und sich später wundern, daß sie wieder ‚mal die „LooserInnen“ waren.

        Mit freundlichen Grüßen
        Klaus Leitner


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