#5 zwölf Punkte Programm zur erfolgreichen Agitation

1.) Niemand kann etwas so gut erklären wie ein 200 Jahre alter Philosoph. Habe auf jede Frage ein passendes Hegel-Zitat zur Hand.

2.) Bürgerliche Moral und Sprachpolitik ist zu verwerfen. Will der Neger im Gespräch nicht einsehen, dass er auch als Schwarzer nur Menschenmaterial für seine Herrschaft ist und sein Ringen um Respekt bürgerlicher Mumpitz ist, liegt der Fehler bei ihm und nicht beim Agitator.

3.) Gehe niemals auf deinen Gesprächspartner ein. Wenn dieser Widerspruch anmeldet, darf man nicht auf die Kritik eingehen, sondern muss darauf bestehen, dass erst wenn der Gedanke voll entfaltet ist, seine Wahrheit erkennbar wird.

4.) Jede Nachfrage dafür nutzen, das Thema zu wechseln und grundlegender zu werden. Diese Technik findet ihre Formvollendung bei anarchistischen Genossen, die jedes Gesprächsthema auf den spanischen Bürgerkrieg lenken können. Gerne gesehen sind aber auch folgende Weisheiten als Erklärungen für alles: System, Verhältnis (große Scheiße), Kapitalismus, stummer Zwang und Antisemitismus sowie Ideologie und Verblendungszusammenhang.

5.) Wenn dein Gesprächspartner schon länger schweigt, kannst du die Gelegenheit nutzen, und endlich einmal mit Schwung klären, für was sonst keine Zeit ist: Die Staatsableitung oder die ersten Kapitel des Kapitals eignen sich besonders für solche Gelegenheiten. Fülle die unerträgliche Stille mit deinem Wissen!

6.) Es gibt keinen schlechten Zeitpunkt für die Agitation, sondern nur gute oder schleche Voraussetzungen. Die erste Verabredung kann geschickt eingesetzt werden um ein paar richtige Gedanken zur bürgerlichen Beziehung zu äußern. Die Hochzeit unliebsamer Verwandter oder alter Schulfreunde ist die ideale Grundlage für ein Gespräch über den Irrsinn der Ehe.

7.) Kommunisten wissen es besser, egal ob es um Ökonomie, Psychologie oder Staatskunde geht. Das Objekt der Agitation darf daran keinen Zweifel haben und muss deswegen regelmäßig daran erinnert werden.

8.) In kurzen, knappen Sätzen kann man einen Punkt lange nicht so gut erklären wie in langen, mit Fremdwörtern komplettierten und perfektionierten, an Nebensätzen reichen Erklärungen, die – besonders wichtig – immer die eigene Belesenheit genauso unter Beweis zu stellen haben wie die Klärung des eigentlichen Punktes, dessen Erläuterung damit auch zur willkommenen Darstellung der vortrefflichen eigenen Persönlichkeit wird.

9.) Wirke sympathisch, indem du immer wieder erzählst, dass du auch einmal, als du jung warst, wie dein Gesprächspartner gedacht hast, dann aber deinen Fehler eingesehen hast.

10.) Es ist verlorene Zeit, deinen Gesprächspartner ausreden zu lassen, wenn du bereits weißt, was er sagen will. Mache ihm freundlich, aber bestimmt klar, dass du bereits weißt was er sagen will.

11.) Argumente sind nicht schlicht als „falsch“ oder „richtig“ zu bezeichnen, sondern sind oft undialektisch, antimaterialistisch, ideologisch, stalinistisch, gefährlich oder personalisierend. Solche Argumente sind dem Gesprächspartner schlicht zu untersagen (mit dem Verweis auf das passende Adjektiv). Argumente hingegen, die emanzipatorisch, antifaschistisch oder dialektisch sind, sollten dem Gesprächspartner wärmstens empfohlen werden (auch wenn sie manchmal nach den Geboten der Logik etwas krumm sind).

12.) Gehe immer mehr auf deine Methode als auf den Inhalt ein. Schreibe argumentlose methodische Listen um Genossen endlich den Schlüssen in die Hand zu geben, wie sie die proletarischen Massen erreichen.



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