#1 – Kritik des politischen Veganismus (Diskussionspapier)

Dieses Diskussionspapier wurde am 23.12.2014 im GEGEN_KULTUR Verlag veröffentlicht. Kritik und Anregungen werden unter „Debatte Kritik des politischen Veganismus“ auf keinort.de veröffentlicht. Am Ende soll mit einem abschließenden Papier die Kritik gewürdigt werden.

Kritik des politischen Veganismus

Die ‚Kritik des politischen Veganismus‘ klärt
– warum der politische Veganismus selbst nicht nur die Gemeinsamkeit sondern auch den fundamentalen Unterschied zwischen dem Mensch und anderen Tieren kennt
– warum die Leidensfähigkeit der Tiere kein Argument ist, diese auch zu berücksichtigen
– warum der Slogan ‚Tiere sind keine Ware‘ vorbeigeht an dem, was eine Ware ist
– warum der Welthunger nichts zu tun hat mit unseren Essgewohnheiten

Inhaltsangabe
1.) Mensch und Tier
2.) Leidensfähigkeit
3.) Tiere sind keine Ware
4.) Welthunger

Tiere zu essen oder nicht zu essen, das kann jeder halten, wie er will. Es gibt jedoch eine Reihe von Leuten, die sich dazu entschieden haben, keine tierischen Produkte zu konsumieren, und die es nicht aushalten, dass andere ihre Abneigung gegen Tierisches, ihre ausschließliche Vorliebe für Pflanzliches nicht teilen. Sie machen aus der Ernährungsfrage eine politische Frage, ein politisches Programm und verurteilen die Mehrheit derer, die sich pflanzlich und tierisch ernähren. Sie berufen sich für ihre individuelle Entscheidung zu einer bestimmten Ernährungsart auf Gründe, für die sie Allgemeinverbindlichkeit beanspruchen. Konsequenterweise werfen sie ihren Allesfresser-Mitmenschen vor, mit der Verspeisung von Tieren ernste Fehler zu begehen.
Im Tierreich verzehren die Tiere einander, um ihr Leben zu erhalten. Es passt hier nicht, die Tiere zum Mitleid aufzurufen. Naturwesen stellen sich ‚ignorant’ zu ihrem Essen; sie fressen, bis sie satt sind. Das macht der Mensch als biologisches Lebewesen ebenso. Damit könnte das Thema beendet werden, wäre da nicht der politische Veganismus. Dieser stellt den Imperativ auf, der Mensch dürfe tierische Lebewesen nicht essen. Es geht ihm dabei aber nicht einfach nur um eine private Entscheidung, man selbst esse keine Tiere mehr, sondern: Das darf man – also weder man selbst noch andere – nicht.

1.) Mensch und Tier

Tiere haben für den politischen Veganismus grundsätzliche Gemeinsamkeiten mit dem Menschen:
„Der Mensch ist ein Tier; und was die meisten Menschen gegenüber anderen Tieren unterscheidet, ebenso wie das, was Menschen voneinander unterscheidet, ist weniger ihre Biologie, es sind nicht in erster Linie ihre grundsätzlichen Fähigkeiten oder angeborene Eigenschaften, sondern es ist vor allem ihre aktuelle, materielle Lebenssituation.“1
Eine dieser „grundsätzlichen Fähigkeiten oder angeborenen Eigenschaften“ sieht der politische Veganismus in der Fähigkeit zu leiden. Diese soll ausschlaggebend sein für Menschen, Tiere nicht zu essen bzw. zu nutzen.

Tiere leben ihren natürlich bestimmten Gewohnheiten entsprechend. Sie fallen mitleidlos über ihre pflanzliche oder eben auch fleischliche Nahrung her und handeln sich damit keine Kritik der politischen Veganer ein. Diese wissen, dass ihr Aufruf, sich auf pflanzliche Nahrung zu verpflichten, nur beim Menschen fruchten kann. Damit kennt der politische Veganer einen Unterschied zwischen Tier und Mensch, den er gleichzeitig für irrelevant erklärt: Mensch und Tier seien fundamental gleich, weil ‚leidensfähig‘ und sie sind zugleich fundamental ungleich, da nur die Menschen dazu fähig sind, von ihren natürlichen Bedürfnissen Abstand zu nehmen.
Der politische Veganismus unterstellt damit selbst, dass Tiere keine Zwecke kennen – sich also nicht selbst mit Wille und Empathie zur Welt stellen –, wenn sie von Tieren eben nicht verlangen, was sie vom Menschen erwarten: sich vegan zu ernähren. Mit diesem Wissen darum, dass man dem Tier kein Gewissen daraus machen kann, wie es sich ernährt, unterstellt man, dass die Tiere eben doch etwas grundsätzlich anderes sind als der Mensch.

2.) Leidensfähigkeit

a.) Die Mensch wie Tier gemeinsame ‚Leidensfähigkeit‘ soll nun ausschlaggebend dafür sein, Tiere nicht zu essen. Der politische Veganismus weitet die goldene Regel auf das Vieh aus und weiß zu sagen: „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu!“.
Der Widerspruch der goldenen Regel ist, dass es ganz offensichtlich Zwecke gibt, welche mit Gewalt gegen andere durchgesetzt werden, und das gerade diejenigen Zwecke sind, von welchen die Menschen überzeugt sind, dass es die besten sind. So schreckt der politische Veganismus im Namen des Tierleides nicht davor zurück, Tiere zu befreien und verstößt damit klar gegen das Interesse der Farmbesitzer, die ihrerseits die goldene Regel in Anschlag bringen können: ihr Interesse an einer Einkommensquelle.
Wo der politische Veganismus für die Tiere beansprucht, dass niemand es wollen könne zu leiden, weiß der Fleischesser seine Freiheit zu reklamieren, sich zu ernähren wie er wünscht und gesteht dies auch großzügig dem Veganer zu.

b.) Die ‚Leidensfähigkeit‘ der Tiere ist damit nicht das einzige Gut welches sich über die goldene Regel zu legitimieren weiß. Jede Seite – Tierfreunde wie Tiergenießer – unterstellen ihr Interesse am richtigen Umgang mit den Tieren als naturgemäßes und richtiges. Der politische Veganismus unterstellt einfach, dass das Leid der Tiere für den Menschen schwerer zu wiegen habe als das Interesse am Fleisch. Das Mitleid der Veganer für das Leiden in der Welt kennt allerdings selbst eine Grenze, an welcher sie ihr eigenes Interesse an Nahrung über das Leiden stellen: Die lebhafte Debatte innerhalb des politischen Veganismus, ob es noch ‚vertretbar‘ ist, Honig zu konsumieren oder Milch von Lebenshöfen, ob manche Pflanze nicht auch Respekt verdiene, so manches Insekt dagegen vielleicht nicht, zeugt davon, dass die Grenzen, die Veganer dem Töten von Lebewesen setzen, willkürlich sind.
Die ‚Leidensfähigkeit‘ ist für Fleischesser eben kein Argument, weil sie zu nichts verpflichtet. Die moralische Höherwertigkeit des eigenen Standpunkts, welche der politische Veganer sich mit dem Verzicht auf Fleischkonsum bestätigt, ist für Fleischesser kein verbindlicher Grund für den Verzicht auf Fleisch. Der Konsum tierischer Produkte hat sich schlicht selbst als Zweck und dieser verschwindet nicht durch das Lob welches sich Veganer selbst zusprechen.

c.) Aus der ‚Leidensfähigkeit‘ der Tiere wird nun beim politischen Veganismus von einem persönlichen Standpunkt der Übergang vollzogen zu einem Verbot, dem in der Welt Geltung verschafft werden soll. Dazu haben sich nun verschiedene Schulen des politischen Veganismus zu verschiedenen Konsequenzen zusammengefunden:

I.) Namensgebend für die politische Konsequenz ist die vereinigende Praxis des politischen Veganismus, sich selbst rein halten zu wollen von den Gräueln der modernen Tierhaltung. Oft flankiert von der falschen Vorstellung, der Konsument sei der Auftraggeber der Fleischindustrie2, konzentriert man selbst seinen Konsum auf die Pflanzen- und Mineralwelt. Beim praktischen Umgang damit wird klar, dass der Veganer seine Ausweitung des Merkspruchs „Was du nicht willst…“ irgendwo beenden muss, damit er überhaupt überleben kann. Also beginnt die Debatte, was zu essen noch statthaft, was bereits unstatthaft ist. Endet für die einen bereits beim Wurm die „Solidarität mit dem quälbaren Körper“, melden die anderen beim Verzehren von Pflanzen Bedenken an, wenn deren Leben durch das Pflücken beendet wird. Der Tierschützer tritt ein für eine bessere Behandlung der Tiere.

II.) Manche politischen Veganer gehen allerdings weiter, als nur den eigenen Ernährungsplan umzustellen. Sie sehen sich in der selbst auferlegten Verantwortung, das Schlachten praktisch zu beenden: In der Tradition der direkten Aktion und der Propaganda der Tat werden Schlachtautos abgefackelt und Hühner aus dem Schlachthof oder Versuchstiere aus Laboren befreit. Und nicht selten wird bei diesem Stellvertreterkampf für die „Rechte“ der Tiere im Namen deren Leidensfähigkeit rücksichtslos gegen die Leidensfähigkeit der Menschen vorgegangen, die ihr Geld in Laboren und Tierzuchtbetrieben verdienen: der Tierbefreier.

III.) Wer sich nicht selbst aufgerufen fühlt, gegen ‚das System‘ als einsamer Rächer aktiv zu werden, entdeckt nicht selten im Staat genau das Gewaltmonopol, das er selbst schmerzlich vermisst bei der Durchsetzung seiner erdachten Ge- und Verbote rund um das Tier. Diese Schule des politischen Veganismus erblickt im bürgerlichen Staat und seinen verschiedenen Gewaltabteilungen – Polizei, Armee, Justiz, Knäste – die Potenz zur Durchsetzung eines allgemeinen Tierkonsum-Verbots und engagiert sich dementsprechend: als Tierrechtler

*
Mit der Leidensfähigkeit ist die Kritik des politischen Veganismus abgeschlossen. Die nun folgenden Unterpunkte ‚Tiere sind keine Ware‘ sowie ‚Welthunger‘ sind Zusätze des politischen Veganismus, um auch Fleischessern ‚gute Gründe‘ zu geben, warum diese für den politischen Veganismus sein sollten.

3.) „Tiere sind keine Ware“

a) Der Slogan „Tiere sind keine Ware“ ist angelehnt an die bekannten linken Parolen, „Wasser“ oder „Bildung“ sei keine solche, hat aber eine grundsätzlich andere Bedeutung. Die Forderung der linken Parolen ist, dass Güter wie Wasser oder Bildung grundsätzlich jedem zugänglich sein und deswegen nicht den Charakter von Waren haben sollten. Waren zeichnen sich nämlich dadurch aus, dass die Menschen, welche sie benötigen, zunächst einmal von ihrer Benutzung ausgeschlossen sind und erst für Geld in deren Genuss kommen.
Diese Parole prangert an, dass durch den Warencharakter die Tiere zu Sachen würden, „verdinglicht“. „Tiere sind keine Ware“ ist also nicht mit den linken Parolen zu verwechseln. Diese finden es verwerflich, dass der Reichtum in der Welt den Menschen nicht zugänglich ist, der politische Veganismus will die Tiere gerade dem Zugriff der Menschen entziehen.3
b) Anhänger der Parole wollen Tiere nicht als Ressource wissen, unabhängig davon ob es um die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse geht oder um solche des Kapitals. All jene Übel, die Veganer gerne und oft zitieren, bebildern und als Videos ins Internet stellen – Earthlings ist der bekannteste dieser Filme –, folgen tatsächlich aus dem Warencharakter des Fleisches, der Milch etc. Die Gräuel, welche die Tiere in der industriellen Tierproduktion erleiden müssen, sind sogar schädlich für deren Gebrauchswert für den Menschen. Fleisch aus Massentierhaltung ist voll von Medikamenten, Geschwüren, ungesunden Zusatzstoffen etc.
Wo der politische Veganismus sich mit seiner Parole „Tiere sind keine Ware“ also ganz ignorant gegen den wirklichen Charakter der Ware stellt und damit nichts weiter gesagt haben will, als dass Tiere keine „Sache“ seien, kann eine Analyse, welche berücksichtigt dass Tiere heute eben nicht dafür, dass sie gegessen werden, sondern als Ware gehalten werden, erklären, warum sie so leiden müssen. Die Zustände der Massentierhaltung sind Ergebnis der Kapitalkalkulation, aus möglichst wenig Investition möglichst viel Profit zu schlagen. In dieser Kalkulation hat weder das Leiden der Tiere noch das Bedürfnis der Menschen nach gutem Fleisch seinen Platz.4

4.) Welthunger

Wolfgang Schindler, Präsident der Albert Schweitzer Stiftung weiß: „Wir können dazu beitragen, den Welthunger zu überwinden, indem wir weniger oder am besten gar kein Fleisch essen.“5
Die Menschen verhungern nach dieser Rechnung, weil es zu wenig Nahrungsmittel gibt, woran die Fleischindustrie, (Mit)Schuld hat. Der politische Veganer glaubt, dass die Ignorierung des Gebotes, man dürfe keine Tiere essen, noch ganz andere Folgen zeitigt: Ein großer Teil der Menschen leidet an Hunger wegen der Vermessenheit eines anderen Teils der Menschheit, welche die Tiere nicht respektiert.
Schon heute werden trotz Fleischproduktion mehr Lebensmittel produziert als für die Versorgung aller Menschen notwendig. Der Grund für die chronische Unterernährung von 850 Millionen Menschen im Jahre 2014 kann also nicht in der mangelnden Anbaufläche oder Problemen bei technischen Konservierungs- oder Transportmitteln zu suchen sein – geschweige denn bei der energieaufwendigen Produktion von Fleisch.
Das wird allerdings dauernd behauptet: Wenn so z. B. Clements in ihrem Buch über Veganismus schreibt, dass Rinder „[…] 24% der Landfläche unseres Planeten [beweiden] und […] Getreide [konsumieren] in einer Menge, die ausreichen würde, um hunderte Millionen Menschen zu ernähren“6, dann suggeriert sie, dass der Staat aufgrund des „Fleisch-und-Milch-Mythos“, wie sie es nennt, diese Zusammenhänge nicht sieht oder nicht sehen will. Sie bleibt die Antwort auf die Frage schuldig, wer denn Nahrungsmittel anbauen soll für Menschen, welche keine Nahrungsmittel bezahlen können.
Und sie legt nahe, wie einfach es angeblich in einer Welt kapitalistischer Warenproduktion ist, den Hunger derer zu bekämpfen, die kein Geld für ihre Ernährung haben: Jeder Biss in einen Gemüsebratling – ein Beitrag zum Kampf gegen den Welthunger.

*

Die hier vorliegende Kritik des politischen Veganismus will dazu anregen, sich mit den Gründen für Welthunger, Massentierhaltung und –elend zu beschäftigen. Der politische Veganismus ist keine Ein- sondern eine Entführung aus den Fragen, für welche Interessen Tier und die meisten Menschen be- und vernutzt werden.

Fußnoten

1) http://asatue.blogsport.de/2014/08/12/von-kritikern-und-geistersehern/
2) Auf die Rolle des Konsumenten wird hier nicht weiter eingegangen. Die Erklärung zur Rolle des Konsumenten im Kapitalismus findet sich in GEGENSTANDPUNKT 2/10 bzw. hier: http://www.gegenstandpunkt.com/gs/10/2/gs20102067h1.html
3) Auch die linke Parole ist schwach: Welches Gut sollte denn vernünftigerweise eine Ware sein? Lebensmittel vielleicht, oder die auch nicht? Was ist eigentlich unnütz und unwichtig genug, dass es ruhig Ware sein darf?
4) Das Bedürfnis der Leute nach Fleisch macht die Leute ganz im Gegenteil erpressbar. Die Industrie benutzt dieses als Hebel zur eigenen Bereicherung. Das Interesse an Steak und Bockwurst ist also nicht der Zweck, sondern nur Bedingung der Fleischproduktion.
5) hhttp://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/hauptursache-fur-die-lebensmittelkrise-fleischproduktion
6) Clements 2006: 12


3 Kommentare on “#1 – Kritik des politischen Veganismus (Diskussionspapier)”

  1. Ferdinand Fürchtegott Hund sagt:

    „Kritik besteht darin die begriffene Sache am Interesse zu messen“ (vgl. GSP: Kritik – wie geht das?). Der politische Veganismus macht sich zum Anwalt der Tiere und will darum wirklich „nichts weiter gesagt haben […], als dass Tiere keine „Sache“ seien“, weil dieser Status, durch systematische Gewalt und Herrschaft zur Sache gemacht, der Grund ihres Leidens ist. Der Verweis auf die geschädigten Interessen der Tiere in diesem Gewaltverhältnis muss darum schon genügen, um sich mit ihnen zu solidarisieren und sie aus ihrer Lage zu befreien.
    Was du am pol. Veg. aber schwer vermisst, ist ein moralisches Argument, warum du die Interessen der Tiere unbedingt zu den deinen machen sollst. In monotoner Weise belegst du diesen „Mangel“ an verschiedenen moralisch gemeinten Argumenten oder „Slogans“. Da sich Mitleid nicht erzwingen lässt und Leid nur ein Argument für denjenigen ist, der sich dafür interessiert oder selber welches erfährt, ist dein Standpunkt der des fröhlichen „Tiergenießers“, der an einem „guten Steak“ nun wirklich nichts auszusetzen hat (Vortrag). Wie jeder gute Moralist abstrahierst du von den betreffenden Herrschaftsverhältnissen und stellst abstrakteste „Interessen“ gegenüber. Da gehts zu wie im Ethikunterricht 8. Klasse, wenn sich „Farmbesitzer“ und Tierbefreier begegnen und unklar bleibt, ob nun das schöne Leben der Tiere oder des Farmers „Einkommensquelle“ schwerer wiegt. Oder noch besser: Wenn du anklagst, wie sich der Tierbefreier arroganterweise aufschwingt mit „Propaganda der Tat […] das Schlachten praktisch zu beenden […] Und nicht selten […] bei diesem Stellvertreterkampf für die „Rechte“ der Tiere im Namen deren Leidensfähigkeit rücksichtslos gegen die Leidensfähigkeit der Menschen vorgegangen [wird], die ihr Geld in Laboren und Tierzuchtbetrieben verdienen“, dann hätts ein Schinkenfabrikant aus dem CSU-Kreisverband nicht schöner sagen können. Würdest du rumänischen Wanderarbeitern am Schlachtfließband eigentlich auch sagen, sie dürfen die „Einkommensquelle“ des Fabrikherren nicht beschädigen, etwa wenn die sich zu einem Streik aufraffen? Weiß schon, die haben ja ein „berechtigtes Interesse“ – tiergenießender Menschenfreund. Dein zweierlei Maß in dieser Sache „erschließt“ du dir aus der Adressierung veganer Kritik: Der politische Veganismus agitiert Menschen! – wer hätte das gedacht! Es soll ja durchaus schon vorkommen sein, dass diese „biologische[n] Lebewesen“, die „fressen, bis sie satt sind“, doch ihre Ignoranz gegenüber Tieren aufgegeben haben, weil sie die Konsequenzen aus ihrem verspürten Mitleid zogen. Du aber ersiehst daraus und weißt zu berichten, dass Tiere gar „keine Zwecke kennen – sich also nicht selbst mit Wille und Empathie zur Welt stellen“. Wie sie sich denn sonst zur Welt stellen sollen, als mit Wille und Gefühl, und ob denn Selbsterhaltung nicht ein notwendiger Zweck jedes lebendigen Individuums ist, weiß man zwar nun nicht (Descartes, der die Tiere frank und frei zu Maschinen erklärte, gestand ihnen doch auch das Interesse an Leidensfreiheit zu, sagt aber in einem Brief, er will sich den Fleischverzehr nicht madig machen lassen – na, merkt er was?). Und ist das Fernsehen nicht voll von Beiträgen über das faszinierende Sozialverhalten der putzigsten Tiere? Man hätte Tiere gar nicht „domestizieren“ können, wenn sie keine Soziabilität, also Empathie, Wille, Interessen hätten. Beziehungen zwischen Mensch und Tier können auch Quelle des Glücks für beide sein. Frag doch mal z.B. gute Hundefreunde zum Thema Empathie. Aber was scherts den Tiergenießer, der hat sich „erschlossen“, was er wollte, der kennt nur eine Stellung zum Tier: totschlagen, gute Steaks draus machen. Die Selbstgefälligkeit des Tiergenießers ist nur getrübt dadurch, dass er mit Fleisch aus Massenhaltung so schlecht bedient wird.
    Interessant dabei ist, dass du doch noch den Umweg gehen musstest, dir die Selbstzwecklosigkeit von Tieren, die gegessen werden sollen, „herzuleiten“. „Umgekehrt, umgekehrt“ – soll das den Keim deines eigenen Mitleids ersticken? wie fällt denn das Urteil aus, wenn Tiere doch Interessen haben sollten? – da wird doch nicht ein verkappter polit. Veganer in dir stecken – aufpassen! Vor allem am Ende, da bejammerst du auch noch das „unsägliche Leid“ (Vortrag; Text: „so leiden müssen“) der Tiere in der Massentierhaltung, zum Glück fällt dir ein sehr feinsinniger Unterschied ein – puh, das war knapp, gerettet – , und zwar der zwischen „gegessen werden“ und „als Ware gehalten werden “. Abgesehen davon, dass letzteres nur die aktuelle Form von ersterem ist, sich hier gar kein Widerspruch findet, müsstest du aber mal erklären, warum Tiere bei vor- oder post-industrieller Freiheitsberaubung, Kastriert- oder sonst wie Verstümmeltwerden (die Massai z.B. zerreiben den Tieren die Hoden zwischen 2 Steinen; andernorts Sticht man ihnen die Augen aus, damit sie nicht weglaufen können) und Ermordung für die Interessen ihrer Beherrscher besser wegkommen sollen, als in kapitalistisch-industrieller Versklavung, Kastrierung und Ermordung. Werden also in kommunistischen Tierlaboren die Tiere jauchzen vor Glück?
    Das „Leiden der Tiere“ und das „Bedürfnis der Menschen nach gutem Fleisch“ etwa, das dir so am Herzen liegt, gehören in jeder Welt notwendig zusammen. Der „Genuss“ von Tierleichenteilen ist nur möglich durch mordende Gewalt.
    Übrigens verhindert ja der Kapitalismus nicht, dass du an Qualitäts-Fleisch kommst, du müsstest nur mal anderswo etwas kürzer treten und dann an der Bio-Theke beim Metzger deines Vertrauens tiefer in die Tasche greifen, dann klappts auch mit dem schadstoffarmen Fleisch.
    Zu guter letzt, da du ja schon im ersten Satz behauptest, dass es den politischen Veganismus gar nicht geben kann, weil die Stellung zu Tieren Privatsache sei, und du dich ausschließlich mit moralischen Argumenten befasst und auch um deinem eigenen vertretenen moralischen Standpunkt besser gerecht zu werden, empfiehlt sich eine Umbenennung des Vortrags etwa zu „Warum ich gerne und guten Gewissens billiges und gutes Fleisch fresse bis ich satt bin.“ oder etwa „Tiere haben keine Zwecke außer gute Steaks zu werden“ oder ähnliches.

    Guten Appetit

    • Peter sagt:

      Hey. Wenn du willst, dass dein Kommentar hier nicht nur ein Schattendasein fristet, dann geh doch nochmal formal drüber, ordne es etwas, und dann reich es ein:

      Call for Papers – „Debatte politischer Veganismus“ (Schwerpunktausgabe #5)

      Ende 2015 erscheint die GEGEN_KULTUR #5. Wir haben vor einigen Wochen die Debatte mit unserem Diskussionspapier „Kritik des politischen Veganismus“ (http://301507.server.adminflex.de/node/65) begonnen und suchen nun Kritik oder Ergänzungen zu diesem. Jene Kritiker, die bisher in Form von persönlichen Gesprächen, Emails oder FB-Kommentaren geantwortet haben, sowie alle weiteren an der Debatte Interessierten, rufen wir hiermit auf Artikel für die aktuelle G_K #5 einzureichen. Folgende Kriterien sollten erfüllt sein:

      – Nehmt bitte Bezug auf unser Diskussionspapier, außer ihr wollt die Kritik des politischen Veganismus um einen Punkt erweitern, der in unserem Papier nicht angesprochen wird.
      – Der Artikel sollte auch Verständlich sein für Leserinnen, welche sich nicht in der Thematik auskennen. Im Zweifel lieber mehr als zu wenig erklären.
      – Wir halten uns die Option offen, bei Artikeln mit vergleichbarem Inhalt nur einen Artikel als Repräsentant dieser Position zu veröffentlichen.

      Da es sich bei der GEGEN_KULTUR um eine Debatten-Zeitschrift handelt, kann es sein das eure eingesendeten Artikel beantwortet, das heißt, ebenfalls kritisiert werden. Ihr bekommt die Möglichkeit darauf geg. zu antworten.

      Einsendeschluss ist der 30. Juni 2015. Einsendungen sowie Fragen an: gegen-kultur@gmx.de.

  2. vvv sagt:

    Die Kritik am politischen Veganismus auf innerhalb einer Seite zu versuchen erscheint sehr gewagt. Geschafft werden kann es durch eine grobe Simplifizierung veganer Debatten und der Reduzierung auf einen angeblich in sich geschlossenen politischen Veganismus. Die Pluralität verschiedener Positionen taucht dort auf, wo sie der eigenen Argumentation dienlich erscheint, während sie dort verkürzt wird, wo sie dem Muster kaum standhalten würde. Die Albert Schweitzer Stiftung dafür zu kritisieren, dass sie nicht den Kapitalismus angreift, sondern reformistisch ist, erscheint schon arg einfach und ihre Position ist wohl kaum auf deren Veganismus zurückzuführen und ist nicht geade ein allgemeiner Standpunkt veganer Debatten.
    Überhaupt erscheint die Quellenlage erstaunlich dünn, Verweise suchen wir vergebens. Jedoch findet auch innerhalb veganer Positionen Diskussion statt und nicht jede_r begründet die eigene Haltung gleich. Dies soll an dieser Stelle nur mal angemerkt werden und dazu anregen sich auch mit veganer Kritik am Veganismus auseinanderzusetzen, wenn an einer grundlegendend Interesse besteht.
    Ich will an dieser Stelle nur auf einige Punkte eingehen und zeigen, wo in dieser oberflächlichen Diskussion Schwachpunkte liegen. Dabei sei darauf hingewiesen, dass ich in einem Rahmen westlicher Industrienationen argumentiere und hier keinesfalls eine globale Kritik am Konsum tierischer Produkte üben will.
    So wird argumentiert, dass Menschen als grundlegend unterschiedlich vom Tier betrachtet werden, weil sie über ihre Nahrung reflektieren können – was aus dieser Feststellung folgt bleibt unklar. Soll bestritten werden, dass Menschen Säugetiere sind? Denn letztlich darum geht es, dass der Mensch sich nicht radikal vom Tier unterscheiden kann, da er selbst eins ist. Dabei geht es – wenn wir radikal argumentieren wollen – vor allem darum, dass die meisten Tiere sich nicht in einer dem Menschen verständlichen Sprache artikulieren können und wir somit annehmen sie haben keine Vernunft oder nicht die unsere. Mehr können wir nicht sagen und mehr braucht es auch nicht, um anzunehmen, dass Tiere leiden. Womit wir beim nächsten Argument sind, was ins Feld geführt wird – nämlich die großartige Feststellung, dass die Leidensfähigkeit ein willkürlich gewähltes Kriterium ist. Dann bitte soll doch offen gelegt werden, was kein willkürlich gewähltes Kriterium ist. Sprache, Fell, große Ohren, spitze Zähne, Kiemen, Lunge, Vernunft sind doch ebenso willkürlich wie die Fähigkeit zu leiden. Das heißt mit der Feststellung, dass dieses Kritierum willkürlich ist, sind wir keinen Schritt weiter, sondern vielmehr sollte es darum gehen, zu zeigen, warum die Leidensfähigkeit gerade nicht das Kritierium sein sollte, an dem wir urteilen. Die willkürliche Unterscheidung, dass wir Kühe essen sollen, Katzen aber nicht erscheint dabei doch deutlich inkonsistenter. Dabei geht es auch nicht zwangsläufig um eine goldene Regel, sondern um den Anspruch auf Herrschaftsfreiheit, der in einem emanzipatorischen Projekt enthalten sein sollte. Damit sind weniger Veganer*innen in einer Position der Rechtfertigung, wenn auf tierische Produkte verzichtet wird, als vielmehr Menschen, die sich anmaßen Herrschaft auszuüben. Dabei kann das Argument der Routine wohl kaum gültig sein. Aber was für ein Argument bleibt, um Herrschaft auszuüben?

    Gehen wir weiter wird Aktivist*innen vorgeworfen, dass sie die Freiheit von Fleischfressern ebenso wenig berücksichtigen würden wie das Leid derer, die in Laboren und Schlachthöfen ihr Geld verdienen würden. Zunächst kann es durchaus sein, dass deren Leid nicht berücksichtigt wird, genauso wenig wie ich die Freiheit von Faschist*innen respektiere menschenverachtende Parolen zu brüllen und Menschen zu jagen. Die zugrunde liegende liberale Vorstellung von Freiheit, welche eben dort aufhört, wo die eines anderen beginnt, sollte überwunden werden. Freiheit bedeutet nämlich nicht alles tun und lassen zu können, was ich will, sondern sie bedeutet einen gesellschaftlichen Zustand und entsteht erst im Miteinander – nicht im Gegeneinander.
    Dabei kommen wir auch nochmal auf den angeblichen Fleisch als Selbstzweck Satz zurück, der Fleischkonsum zur Natürlichkeit stilisiert und somit den Veganismus in Rechtfertigungsdruck versetzt. Genau da liegt aber das Problem. Konsum tierischer Produkte ist kein Selbstzweck, sondern Essen ist ein Selbstzweck. Wenn überhaupt ist das Verzehren tierischer Produkte ein Genuss und diesen gilt es gegenüber dem verursachten Leid zu rechtfertigen. Kann dies nicht geleistet werden, gäbe es Gründe, die eigenen Essgewohnheiten deutlich zu überdenken.

    Zum Schluss soll noch darauf eingegangen werden, dass Tiere dem menschlichen Zugriff entzogen werden sollen. Schon die Formulierung dreht die Beweispflicht um und verlangt zu rechtfertigen, warum der Mensch eben nicht alles in seiner Umgebung beherrschen können soll. Dabei wäre doch viel mehr aus einer emanzipatorischen Perspektive zu fragen, warum der Mensch das Recht hat, alles nach seinen Vorstellung zu gestalten und dabei über jeglichen Widerstand hinweg zu gehen? Daran anschließend wird behauptet, dass die Charakterisierung von Tieren als Waren es nicht schafft den Warencharakter treffend zu analysieren. Dabei wird vollkommen vernachlässigt, was es bedeutet, wenn Dinge zu Waren werden; wenn Arbeitskraft als Ware auftritt und verkauft werden muss. Waren sind eben nicht nur Gegenstände, die dem Menschen entzogen werden, sondern sie sind verdinglichte Gegenstände, die durch ihren Fetischcharakter die wahren Produktionsbedingungen nicht mehr darstellen und die im Äquivalententausch einander gleichgestellt werden. Wie nah dieser Warencharakter letztlich an der Produktion von Fleisch liegt, müsste ins Auge springen. Nur am Rande sei dann erwähnt, dass in einer kapitalistischen Vergesellschaftung eben nicht unterschieden werden kann, was für das Kapital und was für menschlcihe Bedürfnisse produziert wird, eben weil dies teilweise ineinander fällt. Letzteres unterstellt, dass Tiere nicht mehr leiden würden, wenn sie außerhalb des Kapitalismus geschlachtet werden – ein Blick in die Tradition des Schlachtens und Mordens sollte darüber Klarheit schaffen, wie unangebracht diese Vermutung ist und es sollte berücksichtigt werden, dass die Ausbeutung von Tieren nicht erst mit dem Kapitalismus in die Welt kam.


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