Was ist deine alternative Wirtschaft?

Folgender Artikel wurde in der AJ 3-2014 veröffentlicht. Die ganze AJ ist hier gratis herunter zu laden.

Was ist deine alternative Wirtschaft?
Über eine falsche Frage

Egal was mensch in dieser Gesellschaft kritisiert und ob mensch es gelungen oder weniger gelungen macht: Über kurz oder lang wird der eigenen Kritik entgegnet werden, was »die eigene Alternative« sei zum Kritisierten. Die Kritik am Kapitalismus ist dem gleichen Vorurteil unterworfen, man müsse etwas besser können, um es überhaupt kritisieren zu dürfen. Nicht wenige Linke beschäftigen sich mit alternativen Wirtschaftsmodellen, weil sie diesem Einwurf begegnet sind und für sich beschlossen haben: Ich will denjenigen etwas antworten können,die mich nach meiner Alternative fragen. In diesem kurzen Artikel soll also nicht geklärt werden, was die Fehler an Tauschringen, Umsonstläden und Regionalwährungen sind,sondern warum es richtig ist, kein alternatives Wirtschaftskonzept zum Kapitalismus zu haben, und warum man die Frage lieber zurückweisen sollte als sie zu beantworten.

Eine Alternative wozu?

Eine Alternative ist eine andere Möglichkeit sich zu entscheiden, zum Beispiel ein bestimmtes Problem zu lösen. Schon hier wird deutlich, dass die Idee eines alternativen Wirtschaftens im Kapitalismus bereits ein paar Urteile über diesen beinhaltet: Wenn mensch glaubt, dass der Kapitalismus eine schlechte Art und Weise ist, den Reichtum in der Welt zu verteilen, dann wäre es durchaus schlüssig, eine alternative Verteilung zu suchen. Wenn Kapitalismus allerdings die Bezeichnung für eine Gesellschaft ist, in welcher sich ständig sehr erfolgreich Kapital durch die Ausbeutung der Arbeiter*innen vermehrt, erscheint die Frage nach der Alternative schon sehr seltsam: Will mensch etwa eine alternative Form der Ausbeutung? Zu welcher Funktion des Kapitalismus wird eigentlich eine Alternative gesucht? Schon hier wird also deutlich, dass unser Urteil über den Kapitalismus auch bestimmend dafür ist, was geändert werden soll, was abgeschafft gehört und wozu wir vielleicht eine Alternative brauchen.

Vom Bock zum Gärtner

Welthunger, miese Arbeitsbedingungen und Umweltzerstörung sind Ergebnisse des kapitalistischen Wirtschaftens – die Frage, wie man »es« anders machen wollte, ohne die Umwelt zu zerstören, ist dabei irreführend. »Es« bedeutet hier nämlich, auf Seiten der Unternehmen Gewinne zu machen und einen erfolgreichen Staat in der internationalen Konkurrenz zu betreiben. Dies geht nur, wenn mensch andere Staaten abhängt und dafür die Menschen im »eigenen« Land und »eigenen« Betrieb als Menschenmaterial behandelt und sie dementsprechend beund vernutzt. Die Probleme, die der Kapitalismus angeblich (wenn auch mehr schlecht als recht) lösen soll, sind tatsächlich Folgen seiner Existenz. Die Frage, wie denn alternativ der Welthunger zu lösen sei, ist eine Finte – es ist der Kapitalismus selbst, der das Problem erst in die Welt gebracht hat und ständig reproduziert.

Die Lehre der Wirtschaft

Andere bekannte »Probleme«, für welche Linke häufig alternative Wirtschaftslösungen angeben sollen, sind jene, welche die VWL in die Welt lügt: Laut dieser Wissenschaft ist das Dilemma jeder Wirtschaft die Vermittlung zwischen unendlichen Bedürfnissen des Menschen und endlichen Ressourcen. Auch hier sollte mensch sich hüten, alternative Lösungskonzepte zu benennen und sich lieber das angebliche Problem etwas genauer anschauen: Das Bedürfnis nach Essen hat (wie jedes andere Bedürfnis auch) doch seine Grenze in sich selbst – es verschwindet, wenn der Hunger gestillt ist. Die Mittel zur Befriedigung des Bedürfnisses und ihre Menge ergeben sich aus dem Bedürfnis selbst – ob mensch also viel Hunger hat oder wenig (oder Durst oder Lust, Playstation zu spielen …) – und es kommt erst nach einer gewissen Zeit wieder. Dass die Ressourcen endlich sind, mag für die meisten stimmen – was allerdings noch lange nicht bedeutet, dass sie auch knapp sind. So ist das Essen natürlich begrenzt; und trotzdem ist schon heute mehr als genug Essen für alle Menschen, die Hunger haben, da.

Sage nein!

Wer nach einer alternativen Wirtschaftsweise zur kapitalistischen fragt, meint natürlich etwas anderes als alternative Formen der Profitmacherei und neue Formen der Ausbeutung – aber stellt eine falsche Frage. Diese glaubt, im Kapitalismus immer noch ein – wenn auch schlecht funktionierendes – System zu entdecken, das den Zweck hat, die Menschen zu versorgen. Eine Kritik des Kapitalismus würde helfen, diesen Fehler aufzudecken. Oder andersherum: Wer erkannt hat, was der Kapitalismus ist, der*die muss auch nicht mehr nach einer alternativen Ausprägung oder Organisation fragen, um ihn abschaffen zu wollen. Wer sich mit all seinen Tücken und Widersprü chen beschäftigt, wird feststellen, dass die Versorgung der Menschen mit dem, was sie wollen, gar keine Frage einer Alternative ist. Die meisten Probleme, die »alternative Wirtschaftler« versuchen zu lösen, entstehen erst durch den Kapitalismus (Welthunger, Umweltzerstörung) oder sie werden von seinen Ideologen zu dessen Verteidigung behauptet (unbegrenzte Bedürf-nisse, Wolfsnatur des Menschen)



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