#37 Arm aber ‚Standort Deutschland‘ ist gesichert: Danke DGB!

Der DGB Index „Gute Arbeit“ hat es herausgefunden: „Durchschnittlich macht ein Arbeitnehmer 3,8 Überstunden pro Woche. Bei einem vollzeitbeschäftigten Mann sind es sogar 4,4 Stunden.“ Damit aber nicht genug findet der Index „Gute Arbeit“ noch mehr Ungemütlichkeiten: „Die meisten Befragten arbeiten 40 Stunden und länger pro Woche, aber bei nur 42 Prozent ist das die tatsächlich vereinbarte Arbeitszeit. Eine klare Mehrheit (67 Prozent) der Vollzeitbeschäftigten wünscht sich, weniger zu arbeiten.“ Viele Beschäftigte sehen das als Zumutung, „vor allem, weil ein Teil der Überstunden finanziell nicht abgegolten wird.“

Also mehr als genug zu tun für die Gewerkschaft? Ja, aber anders als vielleicht Gedacht, denn diese weiß um die prinzipielle Unvereinbarkeit zwischen dem Interesse der Arbeitnehmer und dem Wohl ihres Landes wenn sie sich für das eine und gegen das andere entscheidet: „Das ist nicht nur ein Vorschuss der Beschäftigten an Unternehmen und Vorgesetzte, sondern auch ein Standortvorteil für Deutschland“ erklärt dazu DGB-Chef Reiner Hoffmann. Der Standortvorteil Deutschlands besteht also darin, dass hier Lohnarbeiter jede Woche ein paar Stunden malochen, ohne dafür bezahlt zu werden.

Da hat der DGB Recht und entscheidet sich natürlich für Deutschland. Dafür hat er schon lange die Anerkennung der Politik. Auch Angela Merkel weiß den DGB zu schätzen und weiß: „Es sind Gewerkschafter und Unternehmer, die gemeinsam für die Sicherheit der Arbeitsplätze arbeiten.“ (1) Die Logik des DGB ist dabei so altbekannt wie falsch: Erstmal muss es Deutschland gut gehen, damit überhaupt Arbeitsplätze entstehen oder erhalten werden können – natürlich ohne Garantie. Und mit diesem prinzipiellen Unterschreiben der kapitalistischen Logik wird dann jede Sauerei gegen die Lohnabhängigen mit dem Ehrentitel ‚Standortsicherheit‘ begangen.

Der ganze Index also nur ein Grund zum Jubeln für den DGB? Beileibe nicht! „Dieses Engagement der Beschäftigten müsse aber auch gewürdigt und erhalten werden.“ Die erste Sorge des DGB besteht also darin, die Arbeiter für ihre kostenlosen Leistungen für die deutschen Unternehmen zu loben und dieses Lob auch von den Chefs einzufordern. Die zweite Sorge besteht darin, dass die Arbeiter diese Leistungen vielleicht unterlassen könnten, wieso es der DGB als seine Aufgabe ansieht, diese auch zu „erhalten“. Zur Erhaltung dieses Standortfaktors muss der Arbeiter also zuerst einsehen, dass sein Interesse an weniger Arbeit in dieser Rechnungsweise gar nicht vorkommt und am Ende nur dem ‚Standort Deutschland‘ und damit ihm selbst schade.

Dem Deutschen Gewerkschaftsbund ist dabei durchaus geläufig, dass die unbezahlten Überstunden auf die Lebenszeit und Gesundheit ihrer Mitglieder durchschlägt, und fordert die Firmen auf zumindest Wertzuschätzen, dass die Lohnarbeiter verschlissen werden für deren Profit: „ Übermäßig viele Überstunden verhindern ist das eine aus Sicht des DGB, aber auch Stress vermeiden zählt dazu.“

So ist das Programm des DGB zusammengezimmert: „Übermäßig“ viel Überstunden wird dieser verhindern, aber auch einige Zulassen, damit die Anerkennung der Chefs für das Opfer der Arbeiter auch angebracht ist. So muss die einzige Sorge des DGB sein, dass sich die Arbeiter entscheiden könnten, mit dem Standortvorteil und damit auch mit einem Stück Ausbeutung Schluss zu machen. Aber auch an dieser Front kann sich der DGB entspannt zurücklehnen: „die große Mehrheit der Befragten“ identifiziert sich „mit dem Job“.

Arm aber ‚Standort Deutschland‘ ist gesichert: Danke DGB!

Alle Zitate (außer Merkel) aus: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/dgb-umfrage-mehrheit-der-arbeitnehmer-wuerde-gern-weniger-arbeiten-a-1006511.html
(1) Zitat aus der Neujahrsansprache 2013: http://www.hna.de/politik/bundeskanzlerin-angela-merkel-neujahrsansprache-wortlaut-2682195.html


2 Kommentare on “#37 Arm aber ‚Standort Deutschland‘ ist gesichert: Danke DGB!”

  1. Klaus Leitner sagt:

    Der DGB hält nunmal die kapitalistische Produktionsweise für weitgehend „alternativlos“.
    Und nur, wenn es den Reichen und Vermögenden (d.h. dem Kapital) gelingt, ihr Vermögen zu vermehren, kann die bürgerliche Gesellschaft existieren.
    (Ansonsten z.B. keine Arbeitsplätze, Steuereinnahmen usw.)
    Das ist zwar (sau)blöd, aber innerhalb der derzeit bestehenden Verhältnisse logisch.

    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Leitner

    • Klaus Leitner sagt:

      Dennoch:
      Schon allein die geringe Resonanz auf dieser und anderer „linken“ Webseiten (immerhin bereits mehr als 150 Jahre nach Karl Marx) sollte zu denken geben, daß die kapitalistische bzw. bürgerliche Gesellschaft schlichtweg nicht zu ändern und im Rahmen eines (innerhalb der derzeit bestehenden Verhältnisse unausweichlichen bzw. zwangsläufigen) 3.Weltkriegs weitgehend zum Untergang verurteilt ist.

      Wahrscheinlich war es eine der größten Irrtümer in der bisherigen Menschheitsgeschichte, daß ausgerechnet das sog. Proletariat eine (zumindest potentiell) „revolutionäre Klasse“ wäre.

      Mit freundlichen Grüßen
      Klaus Leitner


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