Der Streik der GDL

Dokumentation eines Flyers von SJD – Die Falken Stuttgart / GEGEN_KULTUR Verlag / Keinort.de zum GDL Streik. Am 6. November 2014 am Bahnhof Stuttgart Verteilt.

Der Streik der GDL
‚Jedes Maß verloren‘ – ‚auf dem Rücken der Kunden‘ – ‚Missbrauch des Streikrechts‘ – ‚Verantwortungsbewusstsein für unser Land‘ – ‚auch Andere verdienen wenig‘
Über die Argumente gegen den Streik

Die GDL streikt für bessere Ruhetagsregelungen und eine Begrenzung der Überstunden. Außerdem fordert sie fünf Prozent mehr Entgelt. Bisher verdient ein Lokführer nach 20 Berufsjahren 1.750 Euro und ein Zugbegleiter 1.300 Euro netto. Der neueste Streik begann am Mittwoch, den 5. November um 15 Uhr im Güterverkehr und erweitert sich heute Donnerstag, den 6. November von 2 Uhr auf den Personenverkehr bis zum gemeinsamen Ende am Montag, den 10. November 2014 um 4 Uhr.

‚Jedes Maß verloren‘

Arbeitnehmer haben kein anderes Mittel zur Durchsetzung ihres Interesses als den Arbeitskampf.

Die Länge eines Streikes, seine Intensität und seine Häufigkeit ist dabei von verschiedenen Faktoren abhängig: Die Gewerkschaft vertritt die Interessen der Arbeitnehmer. Falls ein Betrieb von sich aus nicht bereit ist, mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen bereitzustellen – und die meisten Betriebe sind das nicht, weil deren Interesse ein profitables Geschäft ist, das gerade von niedrigen Kosten für die Arbeit lebt –, dann müssen sich die Lohnabhängigen organisieren, wenn sie ihre Interessen nicht aufgeben wollen. Dann beginnt das Kräfteringen: Welche Seite gibt vorher auf, was ist der Betrieb bereit an kurzfristigen Kosten auf sich zu nehmen (entfallener Gewinn durch ausgefallene Produktion, vergraulte Kunden etc.) und wieviel Lohnausfall können sich die Gewerkschaftsmitglieder und die Streikkasse leisten? Das Maß jedes Streikes ist also die Kampfkraft der Gewerkschaft und des Betriebes.

Wenn nun zwischen Deutscher Bahn und GDL der Streik in die nächste Runde geht, dann hat die GDL nicht ‚jedes Maß verloren‘, sondern die deutsche Bahn weigert sich trotz vieler Ausfälle für die Kunden und hoher Streikverluste auf die Forderungen der Mitarbeiter einzugehen. Der GDL bleibt also gar nichts übrig, als weiter zu streiken, wenn sie nicht jedes Druckmittel aufgeben will.

‚Auf dem Rücken der Kunden‘

Der Gegensatz, den die GDL austrägt, wird also überhaupt erst durch die Rechnungsweise der Bahn in die Welt gesetzt. Die Kunden der Bahn haben nun fälschlicherweise oft die Vorstellung, die Bahn hätte den Zweck, sie von A nach B zu bringen – der jetzt von der GDL sabotiert würde. Dabei nutzt die Bahn das Bedürfnis der Leute von A nach B zu kommen nur, um mit diesem ein für sie profitables Geschäft zu machen – bei welchem die Kunden genauso Mittel sind wie die Bahnmitarbeiter, mit den bekannten Konsequenzen.

Deswegen sieht die Bahn ihre Züge auch lieber durch einen Arbeitskampf lahmgelegt, als ihr Geschäft mit höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen weniger profitabel zu gestalten.
Die GDL trägt den Streik nicht ‚auf dem Rücken der Kunden‘ aus, sondern setzt ihr einziges Druckmittel ein: sich der Arbeit zu verweigern, welche die Grundlage für das Geschäft der deutschen Bahn ist. Dass diese ihre Geschäft macht mit dem Bedürfnis von Menschen, von A nach B zu kommen, sorgt dafür, dass viele Pendler nun ein Problem haben. Dieses Problem entsteht allein deswegen, weil selbst aus der Notwendigkeit der Arbeiter, zu ihrer Arbeit zu kommen, noch ein profitables Geschäft gemacht wird.

‚Missbrauch des Streikrechts‘

Wenn Sigmar Gabriel von einem ‚Missbrauch des Streikrechts‘ fabuliert, meint er damit einen Gebrauch des Streikrechtes der den Regierenden nicht gefällt. Mit dem Gesetz zur „Tarifeinheit“ zeigt der Rechtsstaat, dass er diesen Gebrauch schnell abzustellen gedenkt. Das ist kein Verstoß gegen die Rechtsstaatlichkeit, sondern der Beweis, dass jenes ‚Verantwortungsbewusstsein auf allen Seiten für unser Land‘

im Notfall eben von oben durchgesetzt wird. Es zeigt auch deutlich, was die Arbeiter von ihrem Land zu erwarten haben: Wenn eine Gewerkschaft sich einmal nicht mit 2% Lohnerhöhung zufrieden gibt, dann wird diese denunziert und staatlicherseits überlegt, ihr das Streikrecht zu entziehen.
Gut täten die Lohnabhängigen daran, sich ihrerseits die Liebe zu diesem Laden noch einmal zu überlegen und sich nicht in die Verantwortung nehmen zu lassen für den Betrieb oder das Land – denn beide leben davon, den Lohnabhängigen als ihr Mittel zu ge- und verbrauchen. Dass

‚auch andere wenig verdienen‘

ist wahr – aber kein Grund für die GDL, nicht zu streiken, sondern für andere, umso mehr zu streiken. Das ändert nichts daran, dass wir in einer Gesellschaft leben, in welcher die Lohnabhängigen nur Arbeit finden, wenn sich diese Arbeit für andere lohnt – also wenn ein Geschäft mit ihnen gemacht werden kann.
Der Streik ist weder ein Allheilmittel noch das Ende der Ausbeutung – er ist nicht mehr als der Versuch der Lohnabhängigen, unter besseren Bedingungen ihre Chefs reich zu machen, und selbst jeden Monat erneut arbeiten zu müssen,um ihre Miete zu bezahlen.

Wenn Sie dieses Flugblatt gerade am Bahnhof lesen und auf einen Zug warten, der im Moment bestreikt wird, dann können Sie diese Gelegenheit nutzen. Sie können sich zum Beispiel fragen, warum niemand die Bahn verantwortlich macht für die Streiks, obwohl diese jene jederzeit beenden könnte, wenn sie die Forderungen ihrer Arbeiter akzeptiert. Sie können sich auch fragen, ob Sie zu jenen gehören, die von der billigen Arbeit der Angestellten leben – oder ob Sie einer jener Angestellten sind, die jeden Monat neu schauen müssen, dass der Lohn fürs Leben reicht. Nach diesen Kriterien allein sollten Sie entscheiden, ob Sie den Streik befürworten oder ablehnen.


5 Comments on “Der Streik der GDL”

  1. Klaus Leitner sagt:

    Hallo Leute,
    im wesentlichen ist der Inhalt des Flugblatts richtig, allerdings mit einer Ausnahme:
    Zum Schluß wird den LeserInnen nahegelegt, sich aufgrund ihres Kontostands (d.h. Profiteure oder Ausgebeutete im Kapitalismus)zu entscheiden, ob diese den Streik befürworten oder ablehnen.

    Einmal abgesehen davon, daß aus einer wirtschaftlichen Lage eines Menschen keineswegs die richtigen Schlüsse folgen (bekanntlich sind z.B. auch etliche ArbeiterInnen selbst einem Adolf Hitler nachgelaufen), stimmt es zwar, daß die ärmeren Leute mehr Gründe für die Abschaffung des Kapitalismus hätten.

    Da sich dieser allerdings demnächst im Rahmen eines (innerhalb der kapitalistischen bzw. bürgerlichen Welt unausweichlichen bzw. zwangsläufigen) 3.Weltkriegs sowieso weitgehend von selbst erübrigt, hätten letztlich alle Menschen gute Gründe, diesen kapitalistischen Irrsinn endlich zu beenden.
    (Schließlich ist spätestens danach auch der Reichtum der Reichen kaum mehr etwas wert.)

    Aber naja, zumindest in ihrer Unwissenheit bzw. Dummheit sind sich „Arm und Reich“ sehr ähnlich und unterscheiden sich kaum voneinander.
    Und genau das ist das Problem, das mit einem „Blick in den Geldbeutel“ kaum zu lösen ist.

    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Leitner

  2. Klaus Leitner sagt:

    Am Rande bemerkt:
    Jedenfalls scheint das Welt- bzw. Menschenbild der VerfasserInnen des Flugblatts sehr einfach zu sein.
    Kontostand prima = Welt in Ordnung.
    Kontostand im Minus = Welt schlecht.
    Obwohl der Kapitalismus unabhängig von der persönlichen wirtschaftlichen Lage der gleiche bleibt.

    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Leitner

  3. Klaus Leitner sagt:

    Noch eine These:
    Wahrscheinlich haben die meisten Bahnreisenden das Flugblatt kaum gelesen bzw. wegeworfen.
    Was sogar verständlich ist.
    Was haben diese davon, wenn es z.B. dem Zugpersonal etwas besser ginge?
    (Außer vielleicht demnächst weitere Preiserhöhungen der Bahn.)
    Letztlich sind das Streitereien innerhalb des Systems, welche die Beteiligten unter sich ausmachen sollten und SozialistInnen bzw. KommunistInnen weitgehend egal bzw. allenfalls einer Kritik wert sein könnten.
    Innerhalb der kapitalistischen bzw. bürgerlichen Verhältnisse gibt es nunmal keinen Ausweg aus der Misere.

    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Leitner

  4. Klaus Leitner sagt:

    Für SympathisantInnen des Zugpersonals bzw. der GDL noch ein Hinweis:
    Letztlich bleibt diesen sowieso kaum etwas anderes übrig, als zu versuchen, die eine oder andere Verbesserung zu erreichen.
    Und eben SozialistInnen bzw. KommunistInnen werden, um eine bessere Welt zu schaffen.
    Doch daran mangelt es meist.

    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Leitner

  5. Klaus Leitner sagt:

    Ergänzend:
    Die Trostlosigkeit der GDL zeigt sich auch in deren Vorsitzenden Claus Weselsky, der anscheinend CDU-Mitglied ist.
    Vielleicht sollte den Lohnabhängigen z.B. ‚mal erklärt werden, daß aufgrund der kapitalistischen Entwicklung der Wert der menschlichen Arbeitskraft zwangsläufig sinkt.
    Zumindest sollten sich Leute, die Marktwirtschaft und Kapitalismus möchten, nicht über die Folgen beschweren bzw. beklagen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Leitner


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