#21 Brave New Arbeitsbedingungen

Kritik an den Arbeitsbedingungen in bundesdeutschen Betrieben formuliert sich nicht selten in einer devoten Grundhaltung, die „Respekt“ dafür verlangt, dass man Tag ein und Tag aus für den Reichtum anderer sich verbraucht. So auch jüngst bei den Streiks von Verd.di bei Amazon, die natürlich „ein Erfolg“ waren, da sie dem Unternehmen „Respekt und Anerkennung“ abtrotzen konnten für die willige Verschleißung der Belegschaft fürs Kapitalinteresse (1).

Ver.di bekommt hier Rückenwind von ungewohnter Seite. Milliardäre entdecken in ihren Unternehmen einen neuen Umgang mit den Mitarbeitern als durchaus positiv für sich. Wo es um solch hohen Menschheitstitel wie Anerkennung geht wollen sich diese in ihren Betrieben nicht lumpen lassen, denn sie wissen: Respekt und Anerkennung für die Mitarbeiter ist als quid pro quo zu verstehen. Bekanntlich schafft das Unternehmen Arbeitsplätze zur Menschheitsbeglückung und kann deswegen auch von seinen Mitarbeitern mehr verlangen für die neuen Freiheiten, die aus dem neuerlichen Respekt folgen:

„Bei der in Hannover und Stuttgart ansässigen Managementberatung V&S legt jeder Beschäftigte sein Gehalt selbst fest. Auch wann und wie lange sie in den Urlaub gehen, bestimmen die 25 Mitarbeiter in eigener Verantwortung.“ Endlich wurde also der Schrei der Gewerkschaften gehört – sogar ganz ohne Streik“erfolg“ – und die Mitarbeiter werden in voller Anerkennung ihrer Dienste fürs Kapital auch als erwachsene Menschen in die Eigenverantwortung überlassen. Von selbst versteht sich dabei, dass überprüft werden muss, dass kein falscher Fünziger dabei ist der die neue Freiheit für eigene Interesse ge- und dadurch missbraucht: „Allerdings müssen sie ihre Entscheidungen vor ihren Kollegen rechtfertigen können: Jeder darf alle Bücher einsehen und weiß immer, wie es um die Firma steht.“

Mit einer Mitarbeiterstab der bei den kämpferischen Gewerkschaften geschult an seinem Betrieb nichts zu kritteln weiß als den Mangel an Vertrauen und Respekt weiß sich dann auch zu beherrschen wenn er gefragt wird und schießt nicht über Ziel hinaus: „Im Dezember waren alle Mitarbeiter aufgefordert zu sagen, wie viel Lohn sie wollen – immer mit der Option, dass sie ihr Gehalt jederzeit rauf- oder runterfahren können.“ Und sie da, nur einer wollte sich nicht bescheiden und verlor fast das große Ganze – also das Interesse des Unternehmens mit seiner Arbeitskraft Gewinn zu machen – aus den Augen. Aber auch der war mit etwas Gruppendruck und Erinnerung an den respektvollen Umgang miteinander schnell wieder auf Linie zu bringen: „Dann hat der Mitarbeiter aber einen zweiten Vorschlag gemacht. Bei dem haben alle gesagt: das ist okay.“

„Ich müsste natürlich eingreifen, wenn eine Forderung eine Bedrohung für die Firma wäre.“ sagt da der Chef, und das versteht sich von selbst. Wann ist die Firma denn Bedroht? „Bei zu hohen Forderungen wird es eine Rebellion geben im Unternehmen, die Organisation wird solche Fälle „ausschwitzen“.“ Ja, das Wort hat er wirklich selbst gewählt. „Man kommt zu der Frage: Ist derjenige ersetzbar, bekommt man jemanden, der günstiger ist? Die entsprechende Person wird früher oder später sagen, „Okay, ihr habt recht“, oder sie wird freiwillig gehen.“ So geht also eine Gehaltsverhandlung voller Respekt: Kein von oben aufgeschwätzer Lohnzettel wie bei Amazon, sondern ein selbstgewähltes Lebensgeld. Es versteht sich hierbei von selbst, dass die Firma sich von dem Mitarbeiter zu trennen hat, sobald es jemanden gibt der es auch für weniger Geld machen würde. Damit ist die Firma aber entgültig Respektvoll zum Mitarbeiter, und es ist eben der Arbeitsmarkt der manchmal dem Arbeiter sein Gehalt einfach vorenthält (2).

Die Arbeiterselbstausbeutung funktioniert nach dem lässigen Prinzip, dass die Unterordnung unter die „Sachnotwendigkeit“ Kapital zu akkumulieren derart durchgesetzt ist in den Köpfen der Mitarbeiter, dass selbst der Milliardär Richard Branson weiß, dass es nicht zu einem Missbrauch seiner Arbeiter führen wird, wenn der „Urlaub […] in Zukunft weder beantragt, noch genehmigt werden“ muss und „nur das Arbeitspensum […] bewältigt werden“ muss. Und was die freiwillige Unterordnung unter die Zwecke des Unternehmens nicht leistet, kommt als Sachzwang durch fleißige Mitarbeiter und Projektdruck zurück, damit auch sicher ist, dass die Mitarbeiter nur Urlaub nehmen „wenn sie hundertprozentig sicher sind, dass sie und ihr Team mit allen ihren Projekten auf dem laufenden sind und ihre Abwesenheit dem Unternehmen nicht schadet – und auch nicht ihrer Karriere“ (3).

(1) https://www.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++bb824ae2-4258-11e4-8c2a-5254008a33df
(2) http://www.sueddeutsche.de/karriere/ungewoehnliche-unternehmensphilosophie-mein-gehalt-bestimme-ich-selbst-1.1155180
(3) http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/richard-branson-neues-arbeitszeit-modell-fuer-virgin-urlaub-so-viel-sie-wollen-13173286.html



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