#10 Praxis gegen den Krieg

Längst hat man sich in den letzten Wochen daran gewöhnen müssen, dass die Rufe nach US-Luftangriffen längst nicht mehr nur aus dem Mündern derjenigen kommen, die schon seit Jahren mit ’stars and stripes‘ auf bundesdeutschen Demonstrationen sind.

Kritik an diesen Freunden der gepflegten Luftangriffe wird stehts begegnet mit der Einforderung einer ‚konstruktiven Kritik‘, die sich als mächtig Imaginiert und das alternative Weltordnungsprogramm benennt. Der gedankliche Übergang von der eigenen Ohnmacht hin zur angeblichen Praxis den jeweilig Mächtigen in ihren Kriegsprogrammen zuzustimmen und deren Intervention sogar zu fordern ist derjenige der aus der eigenen Hilflosigkeit den Schluss des Appells zieht, die Herrschenden sollten doch zumindest Verantwortungsvoll mit diesen ihren Untertanen verfahren. Die Kritik an Staat und Nation wurde in dieser Linken nie anders gedacht denn als moralischer Titel der deswegen auch entsorgt wird sobald die Lage einmal ernst wird und die IS sich jeglicher Antiimperialistischer Projektionsmöglichkeit entziehen. Das die Situation ständig ‚ernst‘ ist und der mediale Fokus auf den Irak schon die bürgerliche Agitation fürs imperialistische Manöver ist wird dabei selbst von manchen Linksliberalen die an Dafur und andere Dauerkrisenherde erinnern besser durchschaut als von einer Linksradikalen die an ihrem eigenen Mitleid ersäuft.

Diese Reihe zum Krieg und seinen neuen Freunden sowie zu seinen falschen Feinden wird beendet mit einem Kommentar eines Genossen, der endlich „etwas tun“ will gegen den IS und dabei zeigt, wie schnell man sich verlieren kann wenn die Frage „was tun?“ nicht als Aufruf verstanden wird sich Rechenschaft über etwas abzulegen und zu verstehen, wie es geändert oder abgeschafft werden muss – und einer Antwort, die versucht dieses Elend zu kritisieren.

„Mir fällt was besseres ein [als Luftangriffe der USA]. Interbrigaden. Lass uns ma die Theorie beiseitelegen, Knarren holen und die Praxisdebatte mit Schusswaffen lösen. Wenn du den USA ihren Imperialismus nicht verzeihen kannst und ich hier vor Mitleid und Verzweiflung zugrundegehe, kann ich mich entweder hier umbringen oder wenigstens dort noch ein Paar böse Menschen mit in den Tod reißen. KeinOrt: Das ist doch Zynisch, da unten passiert n Massenmord und du und ich versuchen irgendwelche Theoriespitzfindigkeiten auszubaldowern. Ich habe heute soviele Flüchtlingskinder gesehen, ich habe keinen Bock mehr Nichtsnutz zu sein.“

1.) Es war schon immer die billige Nummer der Moralisten wenn die Not groß ist nach einer Praxis zu verlangen, ganz so als ob die Theorie nicht der Versuch ist, die Sache richtig zu bestimmen um zu wissen was zu tun ist. Wenn du diesen Schritt einfach überspringen willst – dir also nicht als „Nichtsnutz“ Rechenschaft ablegen willst über die Welt sondern diese verändern – landest du Notwendig bei einer Praxis, die sich vertut in Ort, Zeit und Inhalt. Umgekehrt könntest du etwas erreichen

2.) wenn du nicht an „Mitleid und Verzweiflung“ untergehen willst, in dem du dir endlich mal einen Begriff von dem machst was da passiert und dich nicht mit dem menschlichen Elend überhäufst. Das bringt weder dir noch den Menschen dort etwas. Deswegen ist es auch

3.) alles andere als „zynisch“ sich hier über die Gründe zu streiten, warum dort was passiert und Kritik daran zu üben, wenn sich Linke hier in Kriegsfreunde und Waffenfans verwandeln. Wenn wir uns diese Gründe nämlich nicht oder falsch erklären ist der Übergang in eine fatale „Praxis“ schnell gegeben, wie die Freunde der US-Bombenflieger genauso anschaulich zeigen wie die an „Mitleid und Verzweiflung“ zugrunde gegangenen der letzten Generation, die in Form

4.) der RAF damals den Bombadierungen der Vietnamesen nicht mehr mit „irgendwelchen Theoriespitzfindigkeiten“ begegnen wollten, sondern mit „Knarren“. Das notwendige Scheitern und lächerliche dieser Nummer sollte mahnen sich einer Praxis zu verschreiben, welche die Theorie in Zeiten der Krise – wo sie noch Nötiger wird – als „zynisch“ denunziert. Es ist übrigens kein Zufall das auch die RAF von

5.) „bösen Menschen“ sprach, weil es die gleiche Sorte Moralismus ist: Das Schlechte, das der Bürger in seiner Ordnung erfährt, wird ihm, weil unbegriffen, zum Bösen, vor dem er sich fürchtet. Der sogenannte Böse ist nur die Veranschaulichung des Unerklärten, die Personifizierung des Irrationalen. Ein weiterer Hinweis darauf, das die richtige Erklärung zu suchen nie einen besseren Zeitpunkt hatte als jetzt.

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