#2 Vom Lernen des Lernens und der Kritikfähigkeit

Heute ist es eine der durchgesetzten Lügen der bürgerlichen Pädagogik: Es käme überhaupt nicht darauf an, was man so alles lernt – wichtig wäre vor allem, das Lernen zu lernen. Auch Edwin Hoernle (KPD) wusste über die Erziehung der jungen Proleten ähnliches zu sagen:

„Die politische Erziehung des Kindes geschiet nicht durch Vorträge, Versammlungsbeschlüsse, Resolutionen, sondern durch die sorgfältige und planvolle Anleitung zur Beobachtung des gesellschaftlichen Lebens, zum selbstständigen Ziehen von Schlüssen und deren überlegte und energische Umsetzung in organisierte Tag“ (Die Arbeit in der kommunistischen Kindergruppe: 173)

Es gibt aber keine Fähigkeit richtig zu denken jenseits von richtigen Urteilen über die Welt. Es gibt auch keine Fähigkeit in die Welt zu „blicken“ und dort direkt – ohne Wissen über Kapital und Nation – die Klassengesellschaft zu sehen. Das legt Hoernle aber nahe wenn er schreibt:

„Sehen lernen! Hören lernen! Unsere Gruppenleiter haben es selbst nötig. Im kleinsten Vorkommnis, in jedem Schaufenster, in Gestalt und Kleidung der Vorübergehenden, im Gartenzaun, im Lastwagen, in den Wagen erster bis vierter Klasse der Eisenbahn, in der Fabrik, im Städtebild, im Krankenhaus, kurz, überall spiegelt sich der Klassencharakter unserer Gesellschaftsordnung […] Unsere Kinder sollen „Röntgenaugen“ bekommen“ (Die Arbeit in der kommunistischen Kindergruppe 195)

Wie allerdings soll eigentlich das selbstständige Ziehen von Schlüssen gelehrt werden, ohne mit den Kindern über einen spezifischen Inhalt zu reden? Was soll eine Trockenübung des richtigen Denkens sein, bereinigt von jedem Inhalt, an dem sich entscheiden kann, ob ein Gedanke eine Sache richtig erfasst hat oder nicht? Es gibt schlicht keine Fähigkeit, ohne Urteil über die Welt aus deren Beobachtung die richtigen Schlüsse zu ziehen – schreit die Welt einem doch nicht entgegen, wie sie zu begreifen ist (das ist immer noch ein Akt des Menschen).

Heutige Sozialisten reden auch gerne von der Kritikfähigkeit. Sie bilden sich viel ein auf ihre Kritikfähigkeit, was nicht zuletzt für viele auch der Kern ihrer Kritik an Medien und Schule ist: Dort würde man eben diese Fähigkeit der Schüler nicht genügend ausbilden. Dabei unterscheidet sich die Fähigkeit zu kritisieren überhaupt nicht von der Fähigkeit zu denken, und ist damit allen Menschen prinzipiell gegeben, welche zweites beherrschen.

Was daher als Kritikfähigkeit gehandelt wird und was gelernt sein mag, ist deshalb auch etwas ganz anderes. Es meint eine kritische Haltung gegenüber allem und jedem und unterscheidet gar nicht mehr zwischen Kritikablem und Akzeptablem. Wo auf diese Art alles einem Verdacht unterworfen wird, wird die je spezielle Kritik auch gar nicht mehr an ihrem Inhalt geprüft sondern damit abgewertet, dass es ja einfach sei, alles zu kritisieren. Wer auf der Richtigkeit seiner Kritik beharrt und darauf besteht argumentativ widerlegt zu werden und sich nicht mit dem Hinweis zufrieden gibt, dass man es auch anders sehen könne, wird deshalb von dieser Sorte Kritik fähiger auch nicht als Kritiker gewürdigt. Wer von seiner Kritik erst abrückt, wenn sie widerlegt ist, wird daher zur Kategorie derjenigen gezählt, denen es an Selbstkritik mangelt, wegen fehlender Einsicht darin, dass auch der eigene Standpunkt und die eigene Kritik im Prinzip ja kritikabel sind.

Diese Kritikfähigkeit sieht also völlig ab von dem Inhalt des Kritisierten und dem der Kritik und würdigt das Kritisieren an sich. Damit zeigt der Kritiker, dass er ja auch eine Kritik an den herrschenden Verkehrsformen der Gesellschaft hat – Kapitalismus und Demokratie –, dass ihn diese aber nicht dazu bringt, das positive Verhältnis zu diesen aufzukündigen



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