#2 Kotze, Uli und der deutsche Imperialismus

Ich wache auf und muss kotzen. Leider liege ich nicht wie sonst am Rand, sondern in der Mitte meines Bettes. Ich kotze direkt aufs Bett. Als es besser wird, wische ich so gut es geht meine Kotze mit meiner Decke weg. Das geht eher schlecht und ich verteile alles im Bett. Als sich die erste Übelkeit legt, erkenne ich, dass es nicht mein Bett ist und nicht meine Decke. Neben mir sehe ich C., der betrunken schnarcht. Er ist nackt.“ Er wird sich morgen nicht sehr freuen wenn er aufwacht“, denke ich mir und schlafe wieder ein.

Eine Stunde vorher

„Warum hängen in deinem Zimmer Che Guevara und Jasir Arrafat an der Wand?“ frage ich besoffen, während ich versuche aus der Hose zu kommen. C. versucht sich währenddessen seine Klamotten auszuziehen, ohne sie zu berühren. Sie sind vollgekotzt, von oben bis unten. „Alter, ich versuch mich hier zu konzentrieren“. Er zieht an einer Ecke seines Pullis, stellt dann aber fest, dass er ihn nur über seinen rechten Arm bekommt, wenn er ihn auch dort anfasst, wo sich ein paar besonders fiese Brocken festgesetzt haben. Ich versuche es mit einem weiteren Anlauf: „Der eine hat als politischen Ziehvater einen Mufti, der mit der SS zusammen gearbeitet hat, und der andere hat vom Neuen, für die Gemeinschaft hart arbeitenden Menschen geträumt“ sage ich. „Das ist mir gerade scheißegal. Hilf mir aus diesen widerlichen Klamotten!“ brüllt mich C. an. Ich bin eingeschnappt und lege mich demonstrativ ins Bett. „Weißt du eigentlich“, frage ich während ich das Licht ausmache und C. beim Versuch, ohne Berührung seine Hose auszuziehen hinfällt „dass Che Guevara  Homosexuelle als politische Gegner verfolgen ließ?“ Dann schlafe ich ein.

Eine Stunde vorher

Gerade lache ich noch schallend, als C. mich aus der Bahn stößt. Ich stolpere aus der Bahn und falle  direkt auf meine Knie. „Aua. Du Arsch“ ,schreie ich C. an. „Was soll der Scheiß, ich muss doch hier noch gar nicht raus.“ Ich schaue mich um. Hinter mir schließt sich die Tür der Bahn, C. schaut entgeistert in Richtung Tür und dann erleichtert. Vor mir steht auf einer Wand „Schwabstraße“. „Scheiße“ sage ich nochmal. Beim Versuch aufzustehen, wird mir unglaublich übel. Das Hinfallen und mein Versuch, jetzt aufzustehen war wohl zuviel. Ich muss kotzen. Ich kotze. „Scheiße“ sagt dieses Mal C. „Du hast mich direkt angekotzt Alter.“ „Recht so“, sage ich und wische mir den Mund mit seinem Pulli ab. „Was schmeißt du mich auch an deiner Haltestelle aus der Bahn. Dafür lässt du mich jetzt aber auch bei dir Pennen, Arschloch“.

10 Minuten vorher

„Lass den Scheiß“, sagt C. „Ne, das ist witzig“, sage ich und gehe mitten zwischen die Gruppe übel aussehender Bayernfans, die gerade in einem Gang der Bahn angeregt über den Fall Uli Hoeneß reden. Ihre Sympatien sind klar verteilt. Ich mische mich sofort ein als ich zwischen ihnen angekommen bin. Einer sagt noch: „Man muss ja schon sehen, dass er auch Millionen gespendet hat! Soviel ich weiß in die Dritte Welt“. Das reicht mir schon. Ich beginne meinen Monolog und habe sofort die Aufmerksamkeit der Bahnteilnehmer:

„Natürlich ist Uli nur ein Bauernopfer. 28,5 Millionen soll er hinterzogen haben und dafür jetzt in den Bau gehen – das steht doch in keinem Verhältnis. Ganz nüchtern betrachtet“ – ich nehme einen Schluck Bier aus meiner Flasche aber die Situationskomik aus Geste und Satz bleibt von den Holligans leider unbemerkt – „Ganz nüchtern betrachtet“, wiederhole ich nochmal, aber es kommt erneut keine Reaktion und ich resigniere,  „hat er damit wahrscheinlich einer Menge Leuten den Arsch gerettet. Wahrscheinlich hätte der deutsche Staat mit diesem Geld eh nur Panzer gekauft, oder Geld an die Konrad-Adenauer Stiftung abgedrückt, die damit irgendwelche Faschisten in der Ukraine finanziert hätte. Vielleicht hätte er das Geld sogar für Schulen verwendet und damit diese Anstalt finanziert, die uns die ganze Kindheit vermiest hat. Alles in allem ist Uli Hoeneß nicht nur trotz, sondern wegen der Steuerhinterziehung ein guter Kerl. Er hat mit dem Geld sicher harmlosere Sachen angestellt: Da ein bisschen Weißbier, hier eine Würstchenfabrik und dort die eine oder andere Villa – das bringt keinen um.“

Obwohl ich mir sicher bin, dass die meisten Hools nicht allzuviel verstanden haben und wenn sie es verstanden hätten, wohl anderer Meinung wären, sind sie jetzt gut gelaunt. Mein Ende gefällt ihnen und sie stoßen mit mir an. Ich bin bereit zum finalen Schlag. C. schlägt die Hände über dem Gesicht zusammen. „Auf der anderen Seite natürlich“ – alle Blicken liegen auf mir – „muss man, wie du richtig gesagt hast“, ich deute auf den Glatzkopf der vor mir sprach, „beachten, dass Uli Millionengelder gespendet hat. Diese gängigen Spendenorganisationen in der Dritten Welt arbeiten zumeist eng mit dem Entwicklungshilfeministerium zusammen, das eigentlich nur einen Job hat: den deutschen Imperialismus in der Welt voran zu bringen – unter einem netteren Label. Das macht eine Strafe für Uli eigentlich mehr als gerecht. Und es muss wohl diese berühmte Dialektik sein, dass ausgerechnet der Staat Uli Hoeneß einsperrt, zu dessen imperialistischem Helfershelfer Uli sich gemacht hat und man ihm überhaupt Knast wünscht. Am Ende ist es also fast sogar eine antiimperialistische Tat Uli in den Knast zu wünschen – und wenn es sich negativ auf das Image der Nürnberger Würstchen auswirkt, dann ist es sogar irgendwie Antispe“. Ich bin begeistert von meiner Pointe und lache laut, während die Hools schon ihre Biergläser an den Hälsen nehmen. Die Bahn hält gerade, und C. stößt mich sofort aus der Bahn

5 Stunden vorher

„Trinken wir noch ein Bier? Ach, kannst du überhaupt? Du hast es doch gerade mit dem Magen, oder?“, fragt C. „Ja, das geht schon“, sage ich, „aber betrink dich nicht wieder so.“



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