#50 Biernominierungen

Soziale Netzwerke wie Facebook können zur Diskussion über gemeinsame Interessen genutzt werden und in geringem Umfang sogar zur politischen Agitation – auch wenn so eine harmlose Benutzung am eigentlichen Zweck von Facebook gnadenlos vorbei geht. Die Selbstdarstellung bürgerlicher Subjekte, die zwar alle den gleichen stupiden Alltag haben, kommt hier voll zu seinem Zug – egal ob Tattoos, Urlaub, gestorbene Haustiere oder Kinobesuche; alles taugt zur wechselseitigen Vorführung der eigenen Perönlichkeit.

Die neueste Selbstinszenierung ist die Biernominierung. Der Spiegel warnt: „Der Spaß kippt also gerade, es mehren sich Stimmen, die in der Eskalation der alkoholischen Blödelei eine lebensbedrohliche Gefahr sehen.“ (1) und verweißt damit auf irgendwelche Irren, die vor der Kamera einen halben Liter Whisky tranken – und starben. Die traurige Gemeinschaftsbildung vereinzelt Einzelner, die nicht mehr Freunde sind als Ausdruck gemeinsamer Interessen, sondern nur noch das gemeinsame Interesse haben, Freunde sein zu wollen kann der Spiegel indes gut verstehen:

„Doch es gibt Möglichkeiten, dabei zu sein und sich dem Saufspiel trotzdem zu verweigern: So konkurriert die Biernominierung inzwischen mit Challenges wie der „Fruchtzwerg-Nominierung“ – man kann sich denken, wie die Regeln dafür aussehen. Im Grunde ist das die cleverste Weise, mit der Sache umzugehen: Die Welle einfach mit einer klugen Verweigerung umzulenken, vielleicht sogar eine eigene zu starten.“ (1)

Ziel der Kritik ist für den Spiegel also tatsächlich, dass Alkohol schädlich sein kann – eine Erkenntnis, die so mancher schon vor der Biernominierung hatte. Unangetastet bleibt von SPON, dass sich in Facebook Privatmenschen zu öffentlichen Personen machen, egal ob sie etwas Interessantes zu sagen haben oder eben nicht. In der Melange aus Katzenfotos, Essensbildern und neuestem vom Schulhof erkennt mancher seine Chance in der Biernominierung zur Darstellung seiner Trinkfestigkeit – und natürlich seine lockere Art, auch mal Blödsinn mitzumachen. Zur Herstellung eines Charakters taugt eben auch der hinterletzte Schwachsinn.

(1) http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/facebook-biernominierung-ist-neuer-internet-trend-a-951679.html



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