#48 Von Jugendarbeitslosen und Philosophie

Das die Jugend nichts taugt wusste schon Plato. Auch bei den späteren Christen war klar: Der Mensch hat seine Existenz im Paradies begonnen und von da an ging es abwärts – heute wartet die Apokalypse hinter jeder neuen Jahreszahl, weil die Menschen so Gott- und Nächstenliebevergessen sind.

Panik ist angebracht: „Laut einer Studie sind 26 Prozent der deutschen Arbeitgeber mit dem Nachwuchs unzufrieden.“ (1) kann man da mal wieder auf SPON lesen – „Mängel sehen die Befragten demnach vor allem bei der Arbeitsmoral oder den Fähigkeiten zur systematischen Problemlösung.“ (1)

Die Objektivität des bürgerlichen Journalismus drückt sich bekanntermaßen darin aus, dass Polizeiberichte, Politikerreden und Studien von Instituten unkommentiert wiedergegeben werden und selbst bei hanebüchernem Inhalt nicht durch Kritik verzerrt werden. Man sieht sich hier nicht nur beim Thema Jugendlicher Moralverluste in einer Traditionslinie mit Plato, sondern auch bei der Stringens der Argumentation: Wo der Schüler Sokrates die Existenz von Gliedmaßen schlüssig daraus erklärte, dass die Menschenköpfe ja ansonsten ständig unkontrolliert über den Boden rollen würden, findet die Studie heraus: „Qualifikationslücken seien mitverantwortlich für die hohe Jugendarbeitslosigkeit vor allem in den Krisenstaaten.“ (1)

Wenn in Griechenland also jeder zweite der Jugendlichen keine Arbeit hat und auch keine in Aussicht steht, dann Verhält sich das wohl folgendermaßen: Die Betriebe wussten bereits im Vorraus, dass mit diesen Jugendlichen kein Gewinn zu machen ist, also haben sie vorsorglich Konkurs angemeldet und lassen die Jugendlichen jetzt im Regen stehen. Wären diese Qualifiziert, dann hätte sich der Betrieb das mit der Niederlage in der Konkurrenz natürlich anders überlegt und der Jugendliche hätte auch Arbeit.

„Junge Menschen werden falsch informiert. Unser aktuelles System der Berufsinformation und -beratung garantiert nicht, dass junge Menschen die Ausbildung wählen, die tatsächlich die beste für sie ist“ (1) – ganz so, als ginge es bei der Ausbildung irgendwie darum, was das beste für den Auszubildenden ist. So will der Satz aber eigentlich auch gar nicht gelesen werden, so will er nur klingen: Alle wissen, dass es darum geht, dass die Ausgebildeten am Ende nicht so viel Gewinn bringen wie gewünscht. „In allen analysierten Staaten scheint das Bildungssystem die Jugendlichen nicht gut genug auf den Beruf vorzubereiten“ (1) – und das soll nun ein Problem für die Jugendlichen sein, dass sie in den ersten Wochen ihrer Arbeit noch nicht die volle Gewinnspanne für den Betrieb rausholen?

Tatsächlich geht es natürlich nicht darum, dass die Jugendlichen falsch informiert darüber wären, welche Ausbildung gut für sie ist: Das stimmt zwar auch, aber wohl kaum eine Beratungsstelle für Studenten und Azubis würde die Leute wohl sachlich darüber aufklären, was zehn Jahre im angestrebten Beruf aus Körper und Geist der heute noch Jugendlichen machen würde – zu fix würden sich diese dann wohl ganz gegen das Arbeiten entscheiden. Die Information, welche den Jugendlichen fehlt und die hier eingeklagt wird, ist dieser Art, dass die Jugendlichen scheinbar immer noch nicht die Berufe wählen, in welchen sie am meisten abwerfen für Vaterland und Betrieb. Das hat selbstredent nichts mit „Information“ zu tun, aber ansonsten müsste man auch schreiben: Die Jugendlichen haben leider immer noch einen Willen und suchen sich dabei manchmal eine Ausbildung oder ein Studiengang aus, der sie am Ende gar nicht so verwertbar macht, wie wir das gerne hätten – und das klingt dann doch irgendwie hässlich.

In einem Gespräch mit einem Freund, der stark unter den Spätschäden eines Foucaultstudiums leidet, musste ich vor ein paar Tagen hören: „Als die Menschen noch dachten, die Erde sei flach, da war sie auch noch flach.“ Bei solcherlei Unsinn macht der Spiegel und Co nicht mit. Das Subjektive „Ich will eine gute Ausbildung“ mit welchem noch in dem obigen Zitat gespielt wird entlarvt sich schnell als etwas ganz anderes denn als der objektive Zweck der Ausbildung: „EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou bezeichnete fehlende Fertigkeiten als Bedrohung für Europas künftigen Wohlstand.“ (1).

Als Auszubildender und Ausgebildete sollte man sich also die Sorge um seine Ausbildung und ihren Zustand nicht zueigen machen. Wenn die Herren dieser Welt unsere Ausbildung für nicht gut genug für ihre Zwecke halten, dann sollte das kein Grund für uns sein, in Panik zu geraten.

(1) http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/ausbildung-arbeitgeber-beklagen-maengel-bei-berufsanfaengern-a-943191.html



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