#46 Der Seufzer des enttäuschten Patrioten

Augstein ist mal wieder enttäuscht: „Deutschland bleibt ein ungerechtes Land“ (1), auch mit Schwarz-roter Regierung. Dabei hatte für ihn alles so gut angefangen: „Diese vergangenen Monate waren unser demokratischer Frühling. In Deutschland wurde über Politik gestritten wie seit langem nicht mehr.“ (1). Da kann man dann schon mal den Inhalt der Debatten getrost vergessen, wenn man sich als guter Demokrat alleine schon über den Streit als Kultur zu freuen vermag. Dabei hatte es dieser in sich:

Wenn da eine Kanzlerin Merkel bei dem Kanzlerduell gegen den Mindestlohnvorschlag von Steinmeier einbringt, dass dieser die Sozialkassen gar nicht entlaste, da „selbst bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro 40 Jahre Arbeit nicht ausreichen, um eine Rente zu bekommen,die oberhalb sozialer Zuschüsse liegt“ (2), dann argumentiert Merkel zynisch: Der Mindestlohn sei sowieso zu niedrig, um die Kassen zu entlasten – da können man es gleich lassen. Allerdings sollten auch die Fans der staatlich reglementierten Armutsverwaltung ala SPD dem ex Kanzlerkandidaten genauer auf den Mund schauen: Der findet den besten Grund für den Mindestlohn immer noch darin, dass der Staat dann Millionen spart beim Aufstocken der Löhne, die da nicht zum Leben reichen. Der Prolet kommt bei beiden nicht vor – kann diesem reichlich egal sein, ob er sein Geld vom Kapitalisten oder vom Staat bekommt, mit dem er kaum leben kann.

Da zeigt sich auch der gute Patriotismus der Linken, von Augstein bis zur Linkspartei: Das gefälligst die „da oben“ – in diesem Falle die Arbeitgeber – auch den miesen Lohn zu zahlen habe und nicht der Steuerzahler – wird so eingefordert, als ob die Machtmittel des Staates, also sein Bundeshaushalt, wirklich noch in mein Interesse als Arbeiter fallen würde. Das lebt von der Lüge, wenn es genügend Reichtum unter Verwaltung des Staates gäbe, wäre für alle Deutschen gut gesorgt: Eine dreiste Lüge in einem der Reichsten Länder der Welt, dass nicht trotzdem, sondern genau deswegen Billigarbeit und Kinderarmut kennt weil die Geschäfte hier so gut laufen.

Über all das will sich Augstein allerdings keine Rechenschaft ablegen. So kennt er als Opfer der Politik auch keine Lohnabhängigen sondern nur seine eigenen Ideale: „Und was bleibt auf der Strecke? Das große Thema dieses Wahlkampfs: die Gerechtigkeit.“ (1) Das es unten und oben gibt, stört einen wie Augstein ja auch gar nicht. Aber „Mit dieser Großen Koalition wird es kein Ende der Umverteilung von unten nach oben geben“ (1) – und das will er nicht ertragen. Sein Deutschland müsse doch Platz für alle haben! So ist keine noch so schlechte Realität Immun gegen den Idealismus eines enttäuschten Patrioten, der sein Land nur um so mehr liebt, um so größer sein Leichenhaufen wird.

Sein grundgutes Urteil über die Verhältnisse erklärt auch, warum er der GroKo kollektiv unterstellt: „Der Rest ist Schnarchen“ (1). Dabei schlafen die Herren von der Union und der SPD nicht, sondern richten genau die Zustände ein, die Augstein ständig von genau diesen Damen und Herren geändert haben will. So erkennt Augstein überhaupt nicht, dass Hartz IV, Billiglohn, Krieg und Flüchtlingstote im Mittelmeer kein Zeichen ausbleibender Politik sind – sondern deren blutige Konsequenz.

(1) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/augstein-kolumne-grosse-koalition-stabilisiert-soziale-spaltung-a-939284.html
(2) http://www.youtube.com/watch?v=YshR-9pf5Mk



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