Interview mit einer Hure

Ich hab mal wieder mit Rauchen aufgehört. Das ist immer dann besonders anstrengend, wenn wenn man einen peinlichen Moment hat. Wenn man jemand trifft, den man kennt, mit dem man aber nichts zu reden hat – und dann steht man da an der Bushaltestelle, und weiß nicht genau was man machen soll. Ganz automatisch klopft man nach zehn Jahren rauchen seine Jacke ab um zu sehen wo der Tabak ist. Erst nach der Bewegung wird einem klar, dass man nicht mehr raucht – und lächelt dann verlegen, und weiß nicht genau, ob der Andere bemerkt hat, was man getan hat und ob man es erklären soll.

Ein anderer Moment an welchem man unbedingt rauchen will ist wenn man in Boxershorts vor einer Prostituierten sitzt und sich gerade so eine Stille ausbreitet, weil man nicht genau weiß was man sagen soll. Das ist mir gestern passiert. Und ich bin stolz auf mich – ich habe trotzdem nicht geraucht.

Wenn man Soziologie studiert, muss man sich irgendwann, bei mir ist es im fünften Semester, fragen, was genau man sich eigentlich dabei gedacht hat, als man es begonnen hat. Weil dieses sich selbst befragen und nach einer Erklärung ringen die Zukunftschancen aber nicht besser macht und man so oder so auf keine befriedigende Erklärung kommt, außer das dem Studienanfänger-Selbst das bald-mit-dem-Studium-fertig Selbst wohl Scheißegal war, widmet man sich wieder dem Studium und stellt fest, dass man noch ein Interview mit einer Arbeitskraftverkäuferin führen muss. Und weil die Prostitution gerade in aller Munde ist, entschließt man sich dazu, im Stuttgarter Rotlichtviertel nach einer Nutte zu fragen, die möglichst gut Deutsch spricht und wohl nichts dagegen hätte, wenn man das Gespräch aufzeichnet.

Wenn die nette Dame am Eingang eines der Bordelle einen anlächelt und dann nach oben brüllt, dass am Eingang ein Typ in Lederjacke sei, der eine richtige Deutsche wolle und ob Tanja gerade Zeit habe, wird man sich unsicher, ob man nicht irgendwie Rassistisch rüberkomme. „Muss keine richtige Deutsche sein, sie muss nur gut Deutsch sprechen können“ ergänze ich die Dame. Sie lächelt mich wieder an. „Kannst nach oben gehen“ sagt sie kurz darauf, als von oben irgendwas gebrüllt wird, was ich nicht verstehe. Ich werde zu einer Tür geführt die mir aufgemacht wird. Vor dem Bett steht Tanja und korrigiert ihren Lippenstift. Tanja trägt Strapse, deren unteren Teil ich von hinten nur sehe – der Rest ist von einem roten Bademantel bedeckt. Wenn ich bisher noch etwas erregt war, ist es jetzt vorbei.

„Hallo. Ich muss für mein Studium jemand interviewen. Wieviel kosten denn 15 Minuten interview? Ich würde das ganze auch aufnehmen, aber natürlich anonymisieren. Obwohl „Tanja“ wohl eh nicht dein richtiger Name ist, oder?“ – Was studierst du denn? – Soziologie – „Soziologie. Soso“ sagt Tanja. „Soziologie. Hab ich auch mal studiert“. Und ich mache mir noch Sorgen um meine Zukunft. Tanja dreht sich um und ich sehe mich selbst in fünf Jahren in ihrem Gesicht. „50 Euro für die 15 Minuten – sagt Tanja – 50 sage ich – ok. Ich will mich aufs Bett setzen, da kein Stuhl im Raum ist. Tanja zischt – Nicht mit den Straßenklamotten – zieh die Hose aus. Ok. Ich ziehe die Hose aus. Ich sitze also in meiner Jacke, in Boxershort auf dem Bett.

Noch nie wollte ich so dringend eine Zigarette rauchen.

Wir haben einen standardisierten Fragebogen. Ich stelle die erste Frage – sie soll das Eis brechen. Was hat sie zu Beginn an ihrer Arbeit gereizt? Nach dem Vorlesen finde ich die Frage unpassend. Eigentlich zu so ziemlich jeder Arbeit. Es breitet sich ein unangenehmes schweigen aus. Ich frage Tanja nach einer Zigarette. Ich rauche nicht sagt Tanja. Ich auch nicht sage ich.

Nachdem Tanja keine Anstalten macht zu antworten Stelle ich die nächste Frage: Würden sie sagen, dass ihre Arbeit ihnen Spaß macht? – Würde es dir Spaß machen, mit fetten alten Kerlen zu ficken? – Äh.. sage ich – Würde es dir Spaß machen, alte Säcke zu lecken und dabei zu erzählen, dass du ein Schulmädchen bist? – Stille.
Ich fange an meine Idee mit dem etwas anderen Interview für gar nicht mehr so wahnsinnig gut zu halten. Ich stelle die dritte Frage: Wie haben sich die Arbeitsbedingungen in ihrer Branche in den letzten Jahren entwickelt? – Tanja holt eine Wasserflasche unter dem Bett hervor, nimmt einen Schluck und setzt sich ebenfalls aufs Bett. Sie schaut die Wand an während sie trinkt. Dann fängt sie an:

Das kommt ganz darauf an wo du Arbeiten musst Schätzchen. Wenn du als Illegale hier ins Land geschmuggelt wirst, dann bist du wie Abfall. Da hat sich in den letzten 10 Jahren auch nicht viel verändert. Auf dem Straßenstrich machen dich die Stricher fertig. Jeden Monat ist ein Wichser dabei der nicht zahlen will. Wenn du Glück hast geht er einfach – wenn du Pech hast läst er dich bezahlen, und er nimmt nicht nur was du denn ganzen Tag zusammenbekommen hast, sondern auch noch das bisschen Gefühl von Sicherheit, weil deine Kolleginnen und du hier vielleicht seit Wochen anschaffen geht, und du immer gehofft hast, dass die Straßenbeleuchtung sowas verhindert was jetzt passiert. Wenn du auf dem Straßenstrich arbeitest werden die Bedingungen nicht anders – sie sind immer so beschissen wie es überhaupt geht.

Wenn du im Escortservice arbeitest, dann musst du meistens studiert haben oder zumindest so wirken. Reichen Alten Typen den Opernbesuch versüßen, in dem du ihnen ür 150 Euro die Stunde die welke Hand hälst beim Wagnerhören und ihnen Abends im Hotelzimmer erzählst, dass es ganz normal ist mit 50 keinen mehr Hoch zu bekommen. Der Escortservice verändert sich auch nicht. In der Krise haben diese Typen genauso Kohle wie vor der Krise. Das ist eine Schicht von Leuten, die haben immer Geld – auch wenn die Welt um sie zugrunde geht.

Hier im Laufhaus merkt man wenn es an Kohle fehlt. Viele Stammkunden kommen seltener, dafür zieht Stuttgart 21 schon jetzt neue Kunden für uns an: Bauarbeiter, Leute vom Securitydienst, Techniker – nicht selten Leute, die fast ihren ganzen Tageslohn hier an einem Abend versaufen und verhuren.

Das Eis scheint gebrochen. Ich unterhalte mich noch mit Tanja über ihr Soziologiestudium, Zukunftsperspektiven und die Auswirkung eines 8,50 Euro Mindestlohn auf ihr Gewerbe. Wir lachen beide Herzhaft.



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