#10 Fortschritt und Revolution

Marx sah die zweite Natur des Menschen, also die Gesellschaft, als etwas dem der Mensch heute Begriffslos ausgesetzt ist und in welcher blinde Notwendigkeit und blinder Zufall zusammenfallen. Damit trat er in Widerspruch zu Hegel, der so die erste Natur beschrieb, also „die außerhalb der Menschen bestehende Dingwelt“ [Schmidt] – Wenn Marx also das werden der heutigen bürgerlichen Gesellschaft als „naturhistorischen Prozeß“ behandelt, beabsichtigte er damit zu zeigen, dass „die Gesetze der Ökonomie in aller […] plan- und zusammenhanglosen Produktion den Menschen als objektive Gesetze, über die sie keine Macht haben, entgegentreten, also in Form von Naturgesetzen“ [Marx]. Am Ende sei es also noch immer nicht der Mensch, der bewusst die Gesellschaft gestalte, sondern er sei der zweiten Natur ausgesetzt wie ehedem der ersten Natur.

Die Notwenidigkeiten welchen der Mensch in dieser zweiten Natur ausgesetzt ist sind also bestimmt dadurch, dass die bürgerliche Gesellschaft gar nicht bewusst von den Menschen ins Werk gesetzt wird, sondern hinter ihrem Rücken sich herstellt.

Die Revolution ist der bewusste Bruch mit dieser zweiten Natur und die herstellung eines Zustandes, in welchem der Mensch zum ersten Mal bewusst die Gesellschaft gestalten in welcher er lebt. Hier gibt es keine „objektive[n] Gesetze“ mehr, welche dem Menschen Verhältnisse aufnötigen – und so erscheint wedern die Revolution noch der Sozialismus „in Form von Naturgesetzen“.

Deswegen irrt sich Lenin auch, wenn er schreibt, was Darwin für die Biologie geleistet habe, „so hat Marx seinerseits der Vorstellung ein Ende bereitet, als sei die Gesellschaft ein mechanisches Aggregat von Individuen, an dem gemäß dem Willen der Obrigkeit […] beliebige Veränderungen vorgenommen werden können, das zufällig entsteht und sich wandelt, hat er als erster die Soziologie auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt, indem er den Begriff der ökonomischen Gesellschaftsformation als Gesamtheit der jeweiligen Produktionsverhältnisse festlegte und feststellte, daß die Entwicklung solcher Formationen ein naturgeschichtlicher Prozeß ist.“ [Lenin]

Marx hat nicht festgestellt, dass Gesellschaft wie ein naturgeschichtlier Prozeß zu fassen ist, sondern das die Menschen gerade der Gesellschaft unterworfen sind wie zuvor der Natur – und das daher ihre Gesetze in naturwissenschaftlicher Form auftreten und den Menschen entgegentreten. Mit diesen Verhältnissen zu brechen ist aber gerade Marx anliegen; wären aber die Gesetzte der Gesellschaft Naturgesetze, müsste dieses anliegen so sicher scheitern wie der Versuch die Naturgesetze zu hintergehen.

Da dies auch Lenin bewusst war, findet er nun also bei Marx solche Gesetzte, die Unweigerlich und Notwendig zu Revolution führen – was abermals bei Marx so nicht zu finden ist. Es bleibt festzuhalten:

Es gibt keine Notwendigkeit, welche die Geschichte zur Revolution treibt – aber es gibt die historische Möglichkeit, mit dieser Gesellschaft zu brechen.



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