#9 Fortschritt und Leninismus

Marx und Engels waren sich bereits in ihrer späten Junged einig was von allgemeinen Prinzipien, Weltanschauungen und Philosophie zu halten ist: „Man muß ‚die Philosophie beiseite liegenlassen‘ […], man muß aus ihr herausspringen und sich als ein gewöhnlicher Mensch an das Studium der Wirklichkeit gegen, […] Philosophie und Studium der wirklichen Welt verhalten sich zueinander wie Onanie und Geschlechtsliebe.“ [Marx/Engels].

So analysierte Marx im Kapital die kapitalistische Produktionsweiße und widmete sich dem Studium dieser Welt. 50 Jahre später verwandelte Lenin die beiden Kritik der Philosophie selbst in Philosophen: „Die Lehrer von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinerlei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren läßt.“ [Lenin].

Aus den beiden Kritikern Marx und Engels werden die Gralshüter des Marxismus-Leninismus, des dialektischen Materialismus, der auf die Gesellschaft als Weltanschauung angewendet den historischen Materialismus ergibt. Richtig angewendet erhält man durch diese Formeln die Erkenntnis vom Untergang des Kapitalismus und von der Unvermeidlichkeit des Sozialismus, „also die Lebenslüge der kommunistischen Weltbewegung.“ [Uske]

Ausgerüstet mit dieser Weltanschauung (übrigens hatte auch Marx ein Wort für Weltanschauung: Ideologie) wissen die Leninisten nicht nur von der „immer krisenhaftigere[n] Krisenhaftigkeit“ [Uske] des Kapitalismus, sondern sehen im Imperialismus sogar schon die Keimzelle des Sozialismus: „In seinem imperialistischen Stadium führt der Kapitalismus bis dicht an die allseitige Vergesellschaftung der Produktion heran, er zieht die Kapitalisten gewissermaßen ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen in eine Art neue Gesellschaftsordung hinein, die den Übergang von der völlig freien Konkurrenz zur vollständigen Vergesellschaftung bildet“ [Lenin].

Trotz der von Lenin erkannten „Tendenz zu Stagnation und Fäulnis“ im Kapitalismus erscheint dieser uns noch heute Quicklebendig und Weltweit ist auch keine sozialistische Gesellschaftsordnung zu erblicken, die aus dem Imperialismus Leninscher Zeit erwachsen wäre. Es gibt eben keine historische Notwendigkeit hin zum Kommunismus, keine Aufgabe des Proletariats die ihm vom Weltgeist gestellt wurd. All diese Vorstellungen sind Idealismus in materialistischer Gewandung.

Marx selbst polemisierte übrigens gegen jeden Versuch, „Das Kapital“ bzw. einzelne Stellen geschichtsdeterministisch zu Deuten: „Er [ein Kritiker von Marx] muß durchaus meine historische Skizze von der Entstehung des Kapitalismus in Westeuropa in eine geschichtsphilosophische Theorie des allgemeinen Entwicklungsganges verwandeln, der allen Völkern schicksalsmäßig vorgeschrieben ist, was immer die geschichtlichen Umstände sein mögen, in denen sie sich befinden, […]“


3 Comments on “#9 Fortschritt und Leninismus”

  1. Klaus Leitner sagt:

    Hallo Peter!
    Ich bin jedesmal wieder erstaunt, wie sich selbst kritische Intellektuelle von der offiziellen Propaganda täuschen lassen.

    Immerhin erlebt die kapitalistische bzw. bürgerliche Welt derzeit ihre bislang schwerste und auch finale Krise,
    in der z.B. reihenweise Banken nur noch mit ständig neuen staatlichen Geldern am Leben gehalten werden können, während zunehmend mehr Staaten vom Bankrott bedroht sind bzw. deren Währungen (z.B. der Euro) nur noch an einem „seidenen Faden“ hängen.

    Da braucht es schon einiges an Unverständnis, dem Kapitalismus zu bescheinigen, daß dieser „heute Quicklebendig“ sei.

    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Leitner

    PS: Sicherlich war Lenins Verständnis des Kapitalismus mangelhaft und dessen Kritik deshalb auch „halbherzig“.
    Allerdings ändert das nichts an der Tatsache, daß es schon sehr „daneben“ ist, dem Kapitalismus ausgerechnet inmitten der heutigen Weltwirtschaftskrise beste Gesundheit zu bestätigen.

  2. Klaus Leitner sagt:

    Hallo Peter,
    noch folgende Ergänzung:
    Das Problem liegt im wesentlichen in einem falschen Verständnis der kapitalistischen Entwicklung, die keine „innere Schranke“ der Kapitalverwertung sieht und deshalb allen Ernstes meint, der Kapitalismus könne mehr oder weniger ewig existieren bzw. nur mittels eines Umsturzes bzw. Revolution beseitigt werden.
    (Diesen Unsinn vertritt z.B. auch der heutige GegenStandpunkt-Verlag, obwohl einige andere Erklärungen stimmen.)

    In Wirklichkeit dagegen hat auch der Kapitalismus ein „Verfallsdatum“ und verschwindet sowieso, d.h. entweder im Rahmen einer bewußten Handlung einer Gesellschaft oder eines 3.Weltkriegs.
    Ersteres wäre ein Sieg des Verstands bzw. der Vernunft, letzteres der Unwissenheit bzw. Dummheit.
    Das Ergebnis allerdings ist hinsichtlich des Kapitalismus das gleiche.
    So funktioniert Geschichte bzw. Entwicklung, auch wenn die meisten Menschen davon kaum eine Ahnung haben.

    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Leitner

  3. Klaus Leitner sagt:

    Ein abschließendes Fazit:
    Deshalb ist die Zukunft keineswegs unbestimmt und hat eine Richtung bzw. ist ein Vektor.
    Während das Richtige bleibt bzw. sich entwickelt, stirbt das Falsche früher oder später weitgehend aus.
    Und es gibt keinen Grund zu der Annahme, warum ausgerechnet die Spezies „Mensch“ von der Evolution ausgeschlossen sein sollte.

    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Leitner


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