#8 Die fortschrittliche Sklaverei

„Vom Faustkeil zur Fabrik“ von E.A. Rauter zählt wohl zu den Klassikern einer sogenannten materialistischen Geschichtsschreibung. Schon der Untertitel „Warum die Werkzeuge die Menschen und die Menschen die Werkzeuge verändern“ macht deutlich um was es geht – das Verhältnis von Geschichte, Fortschritt und technischen Entwicklungen zu klären.

So beschreibt E.A. Rauter an einer Stelle, wie Sklaven dank mangelnder Nutzbarkeit in Zeiten großer Raubzüge und einem daraus resultierendem Überangebot an Arbeitskraft schonmal von ihrem Herrn zerschnitten wurden und dieser sie „Fischen im Gartenteich hinwarf.“ Trotzdem, so weiß der dialektisch geschulte Historiker: „Trotzdem ist die Gesellschaft der Sklavenhalter fortschrittlicher als die der Urgemeinschaft. Die größere Arbeitsergiebigkeit ist nicht der einzige Grund.“ Dann wird Engels zitiert: „Ohne Sklaverei kein griechischer Staat, keine griechische Kunst und Wissenschaft; ohne Sklaverei kein Römerreich. Ohne die Grundlage des Griechentums und des Römerreichs aber auch kein modernes Europa.“

Engels hat durchaus Recht, wenn er die Notwendigkeit der Auspressung der sklavischen Arbeitskraft sieht, wenn vor 2000 Jahren Kunst und Wissenschaft bei den freien Bürgern blühen soll. Daraus allerdings ein positives Verhältnis zur Sklaverei aufzumachen, die ja immerhin „fortschrittlicher als die Urgesellschaft“ sei, bleibt Leuten wie Rauter vorbehalten und jenen bürgerlichen Geschichtswissenschaftler, die sich nichts schlimmeres vorstellen können als eine Menschheit ohne Aristoteles und Sophokles Dramen.

Rauter schreibt: „Man kann davon ausgehen, daß es ein Vorteil für die meisten Menschen ist, wenn es Maler, Philosophen, Wissenschaftler und Schriftsteller gibt.“ – nur eine Seite nachdem er von der alternativen Verwendung der Sklaven als Fischfutter schreibt. Diese Form des Fortschrittsglauben war Marx fremd, der selbst immer wieder polemisierte gegen einen rechtfertigenden Sinn der Geschichte oder allgemeine Prinzipien wie die Geschichte ablaufe. So sah Marx durchaus einen Fortschritt im Übergang von Feudalismus zu Kapitalismus, aber er vergaß nie zu erwähnen: „Daß die Geschichte eine bessere Gesellschaft aus einer weniger guten verwirklicht hat, daß sie eine noch bessere in ihrem Verlauf verwirklichen kann, ist eine Tatsache; aber eine andere Tatsache ist es, daß der Weg der Geschichte über das Leiden und Elend der Individuen führt. Zwischen diesen beiden Tatsachen gibt eine Reihe von erklärenden Zusammenhängen, aber keinen rechtfertigenden Sinn.“

So schreibt Alfred Schmidt richtig: „Dadurch, daß Marx nicht von der Vorstellung eines den menschen vorgegebenen Gesamtsinnes ausgeht, wird Geschichte zu einer Abfolge immer wieder neu einsetzender Einzelprozesse, begreifbar nur von einer Philosophie der Weltbrüche, die bewußt auf den Anspruch lückenloser Deduktion aus einem Prinzip verzichtet“.

Jene, die heute von Auschwitz als einem „Kulturbruch“ reden, verwerfen damit nicht das falsche Bild der Geschichte als die Ablösung einer Gesellschaftsform durch ihre jeweils höhere und fortschrittlichere. Wo Walter Benjamin gegen dieses Stufenmodell der Geschichte einwarf, die Sozialdemokraten würden sich selbst in der Position gegen den Faschismus noch schwächen, da „die Gegner ihm im Namen einer historischen Norm begegnen“, ziehen jene nur die halbe und damit falsche Konsequenz: Auschwitz sei ein Kulturbruch, weil nach Auschwitz nicht mehr gelten könne, was bis dahin gegolten habe: dass jede neue Form der Herrschaft notwendig die nächste Ablöse auf dem Weg der Menschheit zur Erlösung.

Dabei ist Auschwitz eben kein Kulturbruch, sondern eine Konsequenz des Nationalismus – so wie Auschwitz nicht der Bruch mit einer Geschichte des Fortschritts ist die bisher stattgefunden habe; sondern es schon immer falsch war, die Sklaverei als historischen Fortschritt zu betrachten und die Menschheit und ihre Geschichte aus Prinzipien abzuleiten, welche am Ende notwendig zum Kommunismus zu führen habe. Jene, die den „Kulturbruch“ Auschwitz also für jedes Beschreiben von Geschichte und Fortschritt für Notwendig halten und sich selbst als die größten Kritiker eines Fortschrittsbegriffes wie jener der DDR verstehen, unterliegen selbst noch dem falschen Verständnis von Geschichte, dass sich für diese erst mit Treblinka auflöst; Alle vorherigen Historischen Widerlichkeiten erscheinen diesen Anhängern einer „Dialektik der Aufklärung“ wohl auch mehr Notwendig „für den Fortschritt“ als Ziel der Kritik. Die größten Kritiker der Elche sind wohl auch hier selber welche.


3 Comments on “#8 Die fortschrittliche Sklaverei”

  1. Klaus Leitner sagt:

    Naja Meister,
    derart einfach ist das nicht.
    Immerhin ist die enorm gestiegene Produktivität der bürgerlichen Gesellschaft der Grund, warum Sie sich als ein Mensch, der vermutlich nicht zu den sog. Eliten zählt, derartige Gedanken machen und sogar studieren können.
    Anstatt wie frühere Generationen in weitgehend bäuerlicher Subsistenzwirtschaft mit einfachsten Mitteln Ihre spärlichen Lebensmittel zu erwirtschaften.

    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus Leitner

    PS: Es versteht sich von selbst, daß der Kapitalismus sein historisches „Verfallsdatum“ bereits längst überschritten und von einer vernünftigen Wirtschaftsweise abgelöst gehört.
    Aber dennoch…

  2. Peter sagt:

    Der Text ist eine Polemik gegen die Vorstellung, die Geschichte hätte eine Mission zu erfüllen – den menschlichen Fortschritt – und dabei sei alles Notwendig was diesen Fortschritt hervorbringt. Was genau soll ihr Einwand damit zu tun haben, ich sollte doch glücklich darüber sein, studieren zu dürfen?

    • Klaus Leitner sagt:

      Hallo Peter,
      Danke für Ihre Antwort trotz meines etwas provokanten Kommentars.

      Ich wollte damit ausdrücken, daß die bürgerliche Welt zumindest in den kapitalistisch erfolgreichen Zentren die Lebensbedingungen der meisten Menschen verbessert hat.
      (Was allerdings aufgrund des wissenschaftlich-technischen Fortschritts auch weitgehend ohne den Kapitalismus, der bislang immerhin 2 Weltkriege hervorbrachte,
      möglich gewesen wäre.)

      Desweiteren existiert schon sowas wie ein „Entwicklungsgesetz“ der Menschen bzw. der Natur, die nach dem 0-1-Prinzip, d.h. richtig oder falsch funktioniert.
      Während das Richtige sich früher oder später durchsetzt, stirbt das Falsche weitgehend aus, siehe die Evolution.

      Bekanntlich ist die Frage „Sozialismus oder Barbarei“ heute aktueller denn jemals zuvor.
      Und daß die „Barbarei“ (in der die heutige kapitalistische bzw. bürgerliche Welt zunehmend versinkt bis hin zu einem 3.Weltkrieg) keine Zukunft hat, ist offensichtlich.

      Mit freundlichen Grüßen
      Klaus Leitner


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