#7 Faltbilder

Die Menschen unterliegen der ersten Natur, jener stofflichen Welt, die sie sind und die Grundlage und Stoff ihrer Produktion und Reproduktion ist. Die Gesellschaft und ihre Geschichte ist die zeitliche Abfolge der Unterwerfung dieser Natur, ihrer Berechnung und ihrer Nutzbarmachung – ohne das dabei Wider die Natur des Menschen oder irgend einer anderen Natur gehandelt werden könnte. Wider die Natur zu handeln hieße von hier aus in den Himmel springen. Diese erste Natur ist nicht nur Grundlage alles handeln, stoffliche Quelle allen Reichtums sondern auch Grenze menschlicher Willkür – die Naturgesetze können genutzt werden, aber nicht außer Kraft gesetzt.

Die Surrealisten um Andre Breton entdeckten ein altes Kinderspiel für ihre Abende wieder. Ein Blatt Papier wurde mehrfach gefaltet und Reihum am Tisch gegeben. Der erste Mitspieler malte einen Kopf und knickte dann das Papier so um, dass nur noch die Linie zuunterst sichtbar war. So wurde das Papier weitergegeben, und der nächste Mitspieler malte die Schultern. So wurde das Papier weitergegeben und ein ganzes Wesen wurde gemalt, ohne das auch nur einer der Mitspieler wusste, wie es am Ende aussehen würde – jeder am Tisch kannte nur jenen kleinen Ausschnitt, den er zum ganzen Beitrug.

Dieses Kinderspiel funktioniert, bewusst spielend mit dem Reiz des Unbekannten, dass man doch selbst gemacht hat, nach den gleichen Prinzipien wie der Markt und eine Gesellschaft, deren Produktion durch diesen vermittelt stattfindet. Wo nicht vernünftig geplant, sondern zwecks Profitinteresse Produziert wird, erscheint am Ende eine Gesellschaft, deren Fratze jenen Wesen gleicht, die Andre Breton und seine Kumpanen geschaffen hatten. So wie Andre das Wesen auf dem Papier als Unbekanntes entgegentritt, stellt sich die Brutalität kapitalistischer Gesellschaft (wie auch ihr Reichtum) den Menschen als etwas fremdes dar – obwohl sie es selbst geschaffen haben.

Die Gesellschaft als zweite Natur wahrzunehmen entspringt den kapitalistischen Produktiosverhältnissen und den ihnen eigenen Individuen, die sich als vereinzelt Einzelne aufeinander beziehen. In dieser Welt des staatlichen Eigentums sind die Menschen auf der einen Seite alle Konkurrenten – wird der ganze stoffliche Reichtum der Welt doch nur zugänglich durch Geld, auf das damit alle angewiesen sind – und um das alle Konkurrieren. Auf der anderen Seite sind alle aufeinander angewiesen, da jene, die Fabriken besitzen jene brauchen, die nur ihre Arbeitskraft besitzen um in jenen Fabriken zu arbeiten. Die wieder, die nichts besitzen als ihre Arbeitskraft, sind darauf verwiesen von jenen bezahlt zu werden, die sich an ihrer Arbeitskraft bereichern. So gehört zur Grundsätzlichen Konkurrenz in diesen Verhältnissen auch eine Grundsätzliche Abhängigkeit – eine Kombination, welche sich bereits in dieser abstrakten Form als und äußerst ungemütlich entpuppt.

Gesellschaft stellt sich in diesen kapitalistischen Verhältnissen also immer als Nebenprodukt dieser durch das staatliche Recht auf Eigentum Gesetzten Regeln der Konkurrenz und der gegenseitigen Verwiesenheit her. Die Menschen machen ihre Geschichte und ihre Gesellschaft selbst – aber als Nebenprodukt ihrer alltäglichen gegenseitigen Auseinandersetzungen. Was bei dem Faltpapier-Spiel am Ende Überrascht (Das haben wir gemacht?) wird bei der Gesellschaft zur Ideologie und nicht mehr erkannt (So ist der Mensch nun mal!). Die zweite Natur kann nur aufgehoben werden durch eine bewusste Gestaltung und Planung ebendieser – dem bürgerlichen Subjekt indes erscheint sein eigenes Produkt ewig wie etwas, das von ihm getrennt sein eigenes Wesen hat.



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