#4 Fortschritt in Widersprüchen

Engels beschreibt in „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“ den Fortschritt allgemein noch als Zusammenhang von technischer Innovation und sozialem Fortschritt. Das Wissen der einen Generation erweitert das Wissen der nächsten und so entwickelt die Wissenschaft sich stetig weiter. Bereits in der ersten großen Veröffentlichung Engels – Die Lage der arbeitenden Klasse in England – kehrt er allerdings die Schattenseiten der technischen Entwicklung hervor und bricht mit dem Gleichschritt der technischen und sozialen Entwicklung. Hier taucht die menschliche Verelendung bereits als Probleme der technischen Innovationen auf.

Für Marx ist der Fortschritt immer nur in Widersprüchen zu denken – das voranschreiten aus einer Situation ist immer Ausgangspunkt eines neuen Problems. In seiner Frühschrift Zur Judenfrage schreibt Marx: „Die politische Emanzipation ist allerdings ein großer Fortschritt, sie ist […] die letzte Form der menschlichen Emanzipation innerhalb der bisherigen Weltordnung.“ [Marx]. Diese Idee eines Fortschrittes innerhalb eines Verhältnisses, welcher selbst aber wieder der Kritik unterworfen wird, macht einen allgemeinen Fortschrittsgedanken bei Marx unmöglich. So gibt es in einzelnen gesellschaftlichen Bereichen für Marx immer wieder Fortschritte, wobei gerade die technische Innovation immer wieder einhergeht mit großen Zerstörungen von Mensch und Umwelt.

Die Unterscheidung von Marx und Engels zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, welche zum ersten mal in der Deutschen Ideologie aufgemacht wird, eröffnet einen genaueren Blick auf das marxistische Verständnis von sozialem Fortschritt und technischer Innovation. Die spezifisch kapitalistische Form des Produktionsverhältnisses (Privateigentum) erzeugt bei den Produktivkräften eine „[…] nur einseitige Entwicklung, werden für die Mehrzahl zu Destruktivkräften.“ [Marx/Engels]

Hier wird ein kontinuierlicher Fortschritt durch technische Innovation verworfen, die Produktionsverhältnisse müssen revolutionär umgewälzt werden. So erkennt Marx einzig Fortschritt wieder als Teilaspekt: Ein Fortschritt sei die kapitalistische Produktion, vor allem durch die klar zu Tage tretenden Ausbeutungsverhältnisse, die nicht mehr durch feudale Moralvorstellungen verdeckt seien. Aber auch dieser Fortschritt wird von einem späteren Werk von Marx wieder in Zweifel gezogen; im Fetischkapitel des Kapitals sieht Marx, dass auch im Kapitalismus das Verhältnis der Menschen zu ihren Produkten durch einen Fetisch belegt und somit wieder verdeckt ist.

Dieser Widerspruch zwischen technischem Innovation und sozialer Verelendung wird von Marx und Engels im kommunistischen Manifest besonders hervorgehoben: „Der morderne Arbeiter dagegen, statt sich mit dem Fortschritt der Industrie zu heben, sinkt immer tiefer unter die Bedingungen seiner eigenen Klasse herab.“ [Marx/Engels]

Ganz verschwindet der Fortschrittsglaube der bürgerlichen Gesellschaft aber nicht in der begrifflichen Entwicklung des Widerspruchs zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. So sieht Marx den Kommunismus, also die Auflösung des Widerspruches zwischen technischer Entwicklung und sozialem Fortschritt, in diesem Werk noch als „[…] gleich unvermeidlich“ [Marx/Engels] und zeigt sich damit noch als Anhänger eines Thelos der Geschichte, einem Erbe des jungen Linkshegelianers Marx.

Im Kapital zeigt Marx einerseits die Entwicklung des Kapitalismus als einen ständigen technischen Fortschritt, als ein Gesellschaftssystem das technische Innovationen ständig hervorbringt. Um die Affirmation mit dem bestehenden zu vermeiden, stellt er aber auch immer die sozialen Folgen der technischen Innovation in dieser Gesellschaftsform dar: Die Maschinerie ist „[…] stets auf dem Sprung, den Lohnarbeiter >überflüssig< zu machen. Als ihm feindliche Potenz wird sie das machtvollste Kriegsmittel zur Niederschlagung der periodischen Arbeiteraufstände, strikes usw. wieder die Autokratie des Kapitals.“ [Marx]. Wolfang Fritz Haug spricht davon, das „[…] jeder ökonomische F[ortschritt] zur gesellschaftlichen Katastrophe [wird].“

Marx wehrt sich gegen die Maschinenstürmer, welche zwar erkannt haben, dass in den frühkapitalistischen Verhältnissen die technische Innovation ihre Lebensbedingungen untergräbt. Immer wieder hält er diesen entgegen, dass „[…] die kapitalistische Industrialisierung zum ersten Mal in der Geschichte die menschlichen und sachlichen Grundlagen schafft, die es möglich machen, der Arbeitsnotwendigkeit auf nicht mehr antagonistische und menschenwürde Weise gerecht zu werden.“ [Haug]. Er sieht die Potenziale technischer Entwicklung und ihre destruktive Wirkung in den bestehenden Produktionsverhältnissen. Obwohl es also den Fortschritt für Marx nicht gibt, kommen immer wieder Momente einer Fortschrittsgläubigkeit auch bei Marx zum Vorschein, wo der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit mit Notwendigkeit überwunden wird.



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