#2 Kastanienrede

Soma Morgensterns schrieb 1972 an Benjamins Freund Gershom Sholem, dass Benjamin erschüttert war von dem Hitler-Stalin Pakt. Diese Erschütterung nahm Benjamin, so vermutet Morgenstern, zum Anlass, den historischen Materialismus neu zu überdenken und neu zu denken. Diesen Reflexionen entsprangen die Thesen Über den Begriff der Geschichte. In der These VIII heißt es: „Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß er ‚Ausnahmezustand‘, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff der Geschichte kommen, der dem entspricht. Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustandes vor Augen stehen; und dadurch wird unsere Position im Kampf gegen den Faschismus sich verbessern. Dessen Chance besteht nicht zuletzt darin, daß die Gegner ihm im Namen des Fortschritts als einer historischen Norm begegnen.“


Die Chance, die der Faschismus bekommen hat, die nach Benjamin darin besteht, dass die Gegner des Faschismus ihm im Namen des Fortschritts begegnen, geht auf eine These der KPD zurück. Diese sah den kommenden Faschismus als das beginnende Ende des Kapitalismus, da dieser als „die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ [Dimitroff] eine notwendige oder zumindest mögliche Phase hin zum Übergang vom Kapitalismus in den Sozialismus sei. Wie sich in der um 1933 ausgegebenen Parole Nach Hitler kommen wir! ausdrückte, galt die Machtübergabe an die Faschisten als Beginn einer von Imperialisten gesteuerten faschistischen Phase als Zwischenspiel vor der Revolution. Dimitroff sah nicht die Zustimmung breiter Teil der Bevölkerung die ab 1933 weiter wuchs. So verpasste die kommunistische Bewegung die Möglichkeit eines Aufstandes gegen die Faschisten. Die größten Organisationen der Arbeiter, so auch die Gewerkschaften, wurden so fast ohne Widerstand am 2. Mai 1933 von den Nazis zerschlagen. Benjamin sah, dass jenes Bild vom Fortschritt ein volkommen Falsches sein muss, wenn der Faschismus darin einen Platz hat. „Das Staunen darüber, daß die Dinge, die wir erleben, im zwanzigsten Jahrhundert ’noch‘ möglich sind, ist kein philosophisches. Es steht nicht am Anfang einer Erkenntnis, es sei denn der, daß die Vorstellung von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist.“ [Benjamin]



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