#1 Einmal werden froh wir sagen

Einmal werden froh wir sagen Die etymologische Herleitung des Himmels von der Heimat verweist auch auf einen gemeinsamen Inhalt von beiden: Das Heim deckt den gesamten menschlichen Körper und der Himmel deckt die Erde ab. Das Heim ist der Schutz des Menschen, das ihn wie sein Hemd kleidet, womit das dritte Wort genannt ist, dass sich aus dem Heim herleitet. Dieses Heim ist aber historisch immer beschränkt gewesen auf die Besitzenden. Konnten jene sich ein Heim auch in der Fremde kaufen, wurde das Heim in vielen Gesellschaften vererbt an den ältesten Sohn – Töchter und jüngere Kinder gingen leer aus, waren schon immer Heimlose wie die Wandernden und Geschmähten.

Das Heim, darauf verweist Alexander von der Borch Nitzling, wird zur Heimat mit der Industrialisierung. War das Heim noch das Haus, gerichtet gegen die Zumutungen der Natur und ihre Bedrohungen, ist im Begriff der Heimat die Natur selbst bereits gezähmt und Teil des idyllischen Bildes der Heimat. Das Heim trotzte noch der Kälte des Winters und der Hitze des Sommers, den Tieren des nahen Waldes und dem Regen. Durch die Beherrschung der Natur und die Entfremdung von ihr, wird diese dem menschlichen Leben als Heimat wieder einverleibt – als Mutter Natur –. Die Heimat wird zum generisch Weiblichen wie die Natur, als beherrschtes, gezähmtes. Im späteren Heimatschutz taucht dann die Natur als etwas auf, das es zu bewahren und zu beschützen gilt gegen den Menschen. Die Vernunft ist in diesem Bild der Heimat nicht mehr die menschliche Reflexionsfähigkeit, in deren Gegensatz die „begriffslose Welt des Tieres“steht [Adorno] und mit deren Hilfe das Heim geschaffen wurde. Die Vernunft wird vielmehr Bedrohung der Heimat, des Ursprünglichen. Im Bild der Heimat, die schützt vor der Entfremdung der Welt da draußen, klingt schon der Chauvinismus der Nationalisten mit – die Vernunftsverneinung derjenigen, die da wissen: Kein schöner Land in dieser Zeit

 

Die Beschädigungen und Zumutungen des kapitalistischen Alltags werden im Alltagsbewusstsein der bürgerlichen Individuuen nicht zu Folgen dieser spezifischen Kultur sondern zu scheinbar notwendigen Bestandteilen jeder Kultur. So wird die Natur und die Heimat, nunmehr miteinander verschmolzen, zum Hort der Sicherheit gegen die Zumutungen des Kapitalismus – der mit Vernunft an sich gleichgesetzt wird. So erscheinen die Bilder der Heimat auch immer als Projektionen einer Harmonie, die ohne Vernunft auskommt – die eigene Kindheit, selige Zeit, als man noch nicht mit der Fähigkeit der Selbstreflexion geplagt war. Der eigene Hund, das Tier in der Heimat, das selbst auf die vitalen Funktionen beschränkt ist. Die Mutter – das bürgerliche Gegenbild zum Menschen, Naturverbunden im Gegensatz zum Vater, dem Schaffenden und Denkenden, der auch nie ganz im Bild der Heimat aufgeht. Die Heimat ist stumpf, natürlich, weiblich.

Diese Heimat hat ein anziehendes Element für die Armen und Habenichtse. War das Heim doch etwas, von dem sie historisch immer getrennt waren und stets darauf vertröstet, im Himmel ihr Heim zu finden – erst im Jenseits einen Platz zu haben zu dem sie gehören. Die Heimat als vorbewusste Lebensphase, als geographischer Ort an dem die Mutter einem die Brust gab, ist auch jenen gegeben, die an diesem Ort kein Heim besitzen. Die Heimat ist bürgerliche Ideologie: War das Heim etwas, dass man als privilegierte Klasse besaß und und wovon man als Taugenichts stets ausgeschlossen war, wird die Heimat zum nationalen Gemeingut: Eine Mutter, ein Ort an dem man die ersten Lebensjahre verbracht hat ist bei jedem gefunden – und in trauter Geschlossenheit schwärmen Heimlose und Besitzende zusammen von der Heimat, die für den einen immer nur Drangsal und Arbeit bedeutete und für den anderen Reichtum und Gewinn. Einigend ist die gemeinsame Sehnsucht nach einem Ort vor den Irrungen und Wirrungen in diesen Verhältnissen – verklärt wird dabei all der Wahnsinn, dem bereits als Kind hier die Menschen ausgesetzt sind. In der Heimat gibt es all die Klassenunterschiede und Widerlichkeiten, die auch die Fremde kennzeichnen.

 

Aus der Heimat Verzogene beschreiben oft ein Heimweh nach dem Ort der Kindheit oder der Jugendjahre. Im KZ-Lied Wir sind die Moorsoldaten singen die Gefangenen von der Heimat, die bald wieder ihre sein wird. Mit seiner Erfahrung als österreichischer Jude, der Auschwitz überlebte, reflektiert Jean Amery auf diesen Begriff der Heimat und muss ihn verwerfen:

Wir haben das Land nicht verloren, sonder mußten erkennen, daß es niemals unser Besitz gewesen war. Für uns war, was mit diesem Land und seinen Menschen zusammenhing, ein Lebensmißverständnis. Wovon wir glaubten, es sei die erste Liebe gewesen, das war, wie sie es drüben nannten, Rassenschande. […] Bei einiger geistiger Redlichkeit war es uns, die wir während des Krieges unter feindheimatlicher Besatzung lebten, ganz unmöglich, die Heimat als von einer fremden Macht unterdrückt zu denken: zu gut gelaunt waren die Landsleute, denen wir, verborgen hinter den belgischen Landessprachen, getarnt in Kleidern belgischen Schnitts und Geschmacks, in Straßen und Tavernen zufällig begegneten.“ [Jean Amery]

Die Heimat als natürlicher Ort jenseits der Willfährigkeit dieser Verhältnisse ist Ideologie. Die Illusion des schützenden Elternhauses zerbrach für jene, deren Eltern in den Hochöfen von Treblinka verbrannten, von den eigenen Nachbarn und Eltern der Spielkameraden denunziert. Der Reaktionär sucht Schutz in einer Heimat, die er als vorrational und natürlich ansieht, eng verknüpft mit einem geographischen Landstrich oder einem Staat. Er sieht eben nicht die Konkurrenz und die Erkaltung dieser Welt, die vor den Türen des Kinderzimmers nie Halt gemacht hat. Einzig die imaginierte Flucht in einen Zustand bevor man selbst Denken konnte, in die Kindheit als vorbewusste Lebensphase [von der Borch Nitzling] lässt den Reaktionär die schlechte Realität ertragen.

Ein Ort, wo man ohne Angst anders sein kann ist dabei keiner, der in der Geschichte, in der Natur oder geographisch zu suchen wäre, sondern ist einzig in der Potenzialität der Zukunft zu finden. Eine verwirklichte Kritik dieser Verhältnisse würde nicht nur das Bedürfnis nach Sicherheit an einem bestimmten Ort verstummen lassen sondern auch die falsche Verbindung mit der Natur aufkündigen.



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