#45 Es wird nicht besser, aber es klingt so

Prolet soll man nicht mehr sagen; heute heißt es Prekariat oder Unterschicht. Das alte Wort sei diskriminierend. Manchmal gehen solche Wortschöpfungen auch nach hinten los; Wie gerne denken wir alle noch an das Unwort irgendeines Jahres: totes Humankapital.

Die materiellen Umstände des Arbeitestieres interessieren dabei nicht wirklich, umso mehr die politisch korrekte Bezeichnung. Als ob die negative Konnotation in „Du Prolet!“ vom Wort käme, und nicht von der Lebensrealität eben jener, die da den ein oder anderen Namen tragen. Auch die weniger normativ belasteten Wortneuschöpfungen werden von dieser Lebensrealität früher oder später eingeholt; auch wenn heute das Schimpfwort „Du Landwirt“ noch weit weg erscheint, geht es dem Bauer doch immer noch so, dass man im Streit es gut einem anderen an den Kopf werfen kann.

Die Sprachaktivisten sind da besonders der Lächerlichkeit Preis gegeben, wo sie Erfolge erzielen. In einer Diskussion über das Wort Zigeuner zeigte sich ein junger Mann direkt betroffen; er habe nicht gewusst, dass dieses Wort diskriminierend sei. Wie solle man dann diese Minderheit nennen, die bekannterweiße fahrend und vom Diebstahl lebe und trotzdem vom Staat unterstützt wird? Hier wird klar, dass gerade jene Geister, welche die neuen Wörter benutzten, damit noch lange nicht die alten Stereotype los werden. Sollange die materiellen Verhältnisse so sind, bleibt die Sprache eben doch vor allem Ausdruck dieser; dabei ist, ganz Dialektisch, nicht zu vergessen das sie auch Werkzeug sein kann im Kampfe – aber eben eines mit Grenzen und Schwächen.

Wer sich ernsthaft über die Frage streitet, ob die Schlampe jetzt ein profeministischer Begriff für die eigene Gestaltung der Sexualität sein kann oder doch nur jenes Ressentiment sprachlich transportiere, dass Frauen eben jene nicht zugesteht, scheint an einer Moralkritik gar nicht interessiert. Hier wird nich kritisiert wie die Leute sich zur Welt stellen, sondern der Sexist wird gerochen, wenn ein Wort benutzt wird.

Vielleicht wäre es sinnvoller, Kinderbücher mal nicht nach bösen Wörtern, sondern nach dumpfen Inhalten zu durchsuchen. Das sich diese beiden Dinge zumeist kombinieren, mag da nicht überraschen: Wer von den abenteuerlichen Zigeunern schreibt, hat nur selten eine gute Kritik des Nationalismus.



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