Schon wieder eine „industrielle Revolution“ – und die Frage „Was wird aus unserer Arbeit?“

Schon wieder eine „industrielle Revolution“ – und die Frage „Was wird aus unserer Arbeit?“

Eine kapitalismusspezifische Absurdität: Technologischer Fortschritt, der Arbeit erleichtert und erspart, bedeutet für die arbeitende Bevölkerung nicht reduzierte Arbeitslast bei steigendem Wohlstand, sondern eine existenzielle Bedrohung.

Die Wirtschaft steht, so kann man es den Medien und öffentlichen Debatten entnehmen, am Beginn der „vierten industriellen Revolution“. Gemeint ist damit die Optimierung der Produktion bzw. der „gesamten Wertschöpfungskette“ durch Verzahnung von industrieller Produktion mit moderner Informations- und Kommunikationstechnik. Mit Hilfe intelligenter und digital vernetzter Systeme sollen in und zwischen „smart factories“ Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkte kommunizieren und kooperieren. So soll eine weitestgehend selbstorganisierte Produktion möglich werden. In „menschenleeren Fabriken“, so die Vision, tun Roboter und sonstige intelligente Maschinen die Arbeit.

Dass sich mehr von dem, was man braucht und gerne hätte, mit viel weniger menschlichem Arbeitsaufwand herstellen lässt: Insassen der Marktwirtschaft wissen aus Erfahrung, dass das keine Verheißung ist. Es ist gerade umgekehrt – und jeder hat sich an diese Verrücktheit gewöhnt – ein „Problem“, wenn Arbeit überflüssig wird. Es wird nämlich nicht einfach gearbeitet, um die Produkte herzustellen, die in der Gesellschaft gewünscht und benötigt werden, sondern um Geld zu verdienen. Wer keines hat, braucht Arbeit, um leben zu können. Genauer: Er braucht einen bezahlten Arbeitsplatz, den ein Unternehmen einrichtet, weil es selbst einen Geldertrag (= Gewinn) erzielen will. Fallen diese Arbeitsplätze weg, entfällt für die, die da gearbeitet haben, Ein- bzw. Auskommen.
Es ist eine bodenlose Dummheit, den Wegfall von Arbeitsplätzen als ungewollte Nebenwirkung oder „Schattenseite“ der anrollenden Automatisierungswelle zu besprechen. Diese Welle rollt eben nicht einfach so, sie wird von Unternehmern ins Rollen gebracht, nicht um „Arbeit“ zu ersparen, sondern um ihre Arbeitskosten zu verringern. Bezahlte Arbeit einzusparen, das ist der Sinn der Sache: Unternehmer entlasten ihre betriebliche Kostenrechnung von dem Geld, das ihre Angestellten brauchen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Um die Produktionskosten zu senken investieren sie in technisch immer aufwändigere und immer teurere Produktionsstätten: Der Produktionsausstoß soll sich so erhöhen und/oder der Geldaufwand für Arbeitslöhne so verringern, dass der Produktionspreis pro Stück sinkt. Mit anderen Worten: Es kommt darauf an, für jedes produzierte Stück mehr an Lohnkosten einzusparen als die Investition aufs Stück gerechnet kostet.
Wenn im Kapitalismus also technischer Fortschritt produktiv zum Einsatz kommt, dann landet immer weniger von der Geldsumme, die ein produziertes Stück wert ist, in den Händen der Belegschaft. Die, die den Reichtum produzieren, sind damit in wachsendem Maße von ihm ausgeschlossen. Der Vorteil liegt ganz bei den Unternehmen, die so die Stückkostensenkung inszenieren. Wem das nämlich am besten gelingt, der kann seine Konkurrenten im Verkaufspreis unterbieten, mehr absetzen und auf dem weltweiten Markt gesteigerte Renditen einfahren.

Durch vernetzte Produktions- und Verkaufsabläufe werden, wie bei jeder Rationalisierung, Arbeit und Arbeiter überflüssig gemacht. Es werden aber auch die verbleibenden Arbeitsplätze verändert und – wie es im Zusammenhang mit Digitalisierung beruhigend heißt – neue Arbeitsplätze geschaffen. Auch hier nichts Neues: Es gilt, das Lohn-Leistungs-Verhältnis „betriebsoptimal“ zu gestalten, also für viel Leistung wenig zu bezahlen. Schließlich muss für die neue Technologie viel Geld aufgewendet werden, das schnell wieder rein geholt werden soll. Und schließlich gilt es, einen durch die Steigerung der Produktivität erzielten Konkurrenzvorteil auszunutzen, bevor die Konkurrenz nach- und vorbeizieht.
Und so sieht sie dann aus, die Arbeit: In der Produktion takten per Software aus der IT-Abteilung „intelligent“ gemachte Maschinen die Tätigkeit der verbliebenen menschlichen Kollegen und bringen ihnen bei, wie viel Arbeit wirklich in eine Stunde passt. Dank „gezielter Assistenz“ des Kollegen Roboter müssen sie nach- und nebeneinander verschiedene Arbeitsplätze ausfüllen. Die nahtlose Anpassung der Arbeitszeit an den wechselnden Arbeitsbedarf des Betriebs versteht sich bei der Produktion „am Puls des Kunden“ ohnehin von selbst. Im Gegenzug hat der dafür gezahlte Lohn zu sinken – lohngerechtigkeitstechnisch nur logisch, wo doch „der Computer die meiste Arbeit abnimmt“ (Arndt Kirchhoff, Präsident des Arbeitgeberverbands NRW).
Was die neuen Jobs angeht, die mit dem Einsatz digitaler Technologie geschaffen werden, so haben smarte Unternehmer mit Tagelöhnerei und Heimarbeit ein Beschäftigungsmodell aus dem vorletzten Jahrhundert wiederentdeckt. IT-Projekte werden in kleinste Teilaufgaben zerlegt und an eine Crowd von freien Mitarbeiten vergeben, die diese „Bausteine“ im home office am eigenen Computer abarbeiten. Eine Arbeitszeitregelung gibt es nicht, dafür eine zumeist eng gesetzte Deadline, die es der „Selbstverantwortung“ der IT-Fachkräfte überlässt, wann sie mit wie viel Arbeit einen Auftrag fertigstellen. Das erspart den Unternehmen nicht nur Bürogebäude, es erschließt ihnen auch das gesamte digitalisierte Weltproletariat als potentielle Freelancer. Die stehen ihnen dank Internet Tag und Nacht zur Verfügung, werden aber nur bezahlt, wenn sie für einen Auftrag aktiviert werden. Um Aufträge dürfen sie konkurrieren – miteinander, mit den freien Programmierern hierzulande und auch mit den in der betrieblichen IT-Abteilung angestellten Beschäftigten. Dank standardisierter Programmiersprachen sind sie weltweit mit anderen Experten vergleich- und damit auch austauschbar. In Sachen Vergütung kann sich der Auftraggeber dann am polnischen, rumänischen, indischen oder vietnamesischen Lohnniveau orientieren.

Im Zeitalter der Digitalisierung und bei der ‚Revolution‘, die nunmehr für die industrielle Produktion in Angriff genommen wird, gilt – Zukunftstechnologie hin und Revolution her – was im Kapitalismus seit jeher gilt: Verbesserung der Produktivität, also das Ersetzen notwendiger Arbeit durch maschinelle Funktion, sorgt bei denen, denen noch oder neu Arbeit gegeben wird, für gesteigerte Ausbeutung und Verarmung. Noch mehr von Letzterem stellt sich bei denen ein, die keine Arbeit mehr haben. Das ist die völlig absurde, aber kapitalismustypische Folge der Errungenschaft, dass für die Produktion von immer mehr Gütern immer weniger Arbeitsmühe und Arbeitszeit erforderlich ist.

Lesetipp:

GegenStandpunkt 2-16
„Industrie 4.0“ Ein großer Fortschritt in der „Vernetzung“ und die Frage, wem er gehört

Margaret Wirth, Wolfgang Möhl
Beschäftigung“ – „Globalisierung“ – „Standort“ … Anmerkungen zum kapitalistischen Verhältnis zwischen
Arbeit und Reichtum
GegenStandpunktVerlag 2014
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/2012/3/gs20123087h1.html

GegenStandpunkt 4-14
Daimler investiert und spart:
Mehr Investitionen, die Lohnkosten einsparen – und mehr Ausbeutung, die sie rentabel machen
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/2014/4/gs20144c04h1.html

Karl Marx: Das Kapital Erster Band
MEW Band 23 Berlin 1973



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