Dresden: Verfechter deutscher Wesenseinheit stören deutsche Einheitsfeier „Volksverräter“

Der „Tag der Deutschen Einheit“ wurde dieses Jahr in Dresden, dem Hauptquartier des Pegida-Bündnisses, gefeiert und dessen Anhänger ließen sich nicht lumpen. Sie störten die Veranstaltung empfindlich durch lautstarkes und hartnäckiges Pfeifen und Brüllen. „Haut ab“, „Merkel weg!“ und „Volksverräter“ schrien sie den anrückenden Politiker entgegen und nach. Worin besteht denn der „Verrat“, der die Demonstranten so erbittert? Oder anders rum: Wer oder was wird in ihren Augen da eigentlich verraten? „Das Volk“, das sie im Munde führen, ist – das ist auch ihnen bekannt – eine Ansammlung von Figuren, die sich in arm und reich scheidet. Auf Basis dieser unterschiedlichen materiellen Ausstattung konkurrieren diese Figuren gegeneinander. Auf die wirtschaftlichen Gegensätze und das alltägliche Hauen und Stechen kommt es für die rechten Volksfreunden aber nicht an. Sie setzen Unternehmer, Arbeiter und Arbeitslose, Hausbesitzer, Mieter und Obdachlose, Warenproduzenten, -verkäufer und -konsumenten als Volksangehörige in eins und fassen sie als „Volk“ zusammen. Damit meinen sie nicht das, was Volk wirklich ist, also die staatsrechtliche Tatsache, dass alle Deutschen der Verfügungsmacht des deutschen Staates unterliegen und deshalb über einen deutschen Pass verfügen. Die Staatsmacht, die Eigentum und Gelderwerb garantiert und rechtlich vorschreibt, zwingt sie alle dazu, ihre Interessen als Teilnehmer am kapitalistischen Gegeneinander zu verfolgen. Und sie erlässt verbindliche Regeln, die das Funktionieren dieses Gegeneinanders überhaupt erst ermöglichen: Den wirtschaftlichen Konkurrenten nötigt sie die dafür nötigen Rücksichten auf andre Konkurrenten und damit die Schranken ihrer Interessenverfolgung auf. Die Gemeinsamkeit, die tatsächlich existiert, ist eine vom Staat herbeigeführte und hat diesen Inhalt.

Die Vertreter des völkischen Gedankens sind wild entschlossen, es anders herum zu sehen: Sie behaupten eine ursprüngliche, quasi naturgegebene Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit der Volksgenossen. Die bilden eine Volksgemeinschaft und setzen – ausgerechnet! – einen führenden Gewalthaber über sich. Diese politische Herrschaft über das Volk soll dem Volk dienstbar und verpflichtet sein. Dass dienstbare Herrschaft/Führung/Regierung ein Widerspruch ist, stört die Liebhaber diese Idee ebenso wenig wie der Umstand, dass auch unter ihnen selbst umstritten ist und bleibt, was das „uns alle“ einigende Band denn nun inhaltlich ausmacht. Sprache, Kultur, Geschichte, Hautfarbe, Religion, Koch-, Bekleidungs- und Lebensgewohnheiten … all das soll zu „uns“ gehören und auf nichts davon kommt es wirklich an. Viele dieser Bebilderungen widerlegt schon der bloße Augenschein – hoch- und plattdeutsch und denglisch, Bach´sche Fugen, Udo Lindenberg und Rag ’n’ Bone Man, Rosenkranz und Atheismus, Spätzle, Pommes und Sterneküche – nichts als Unterschiede in der ach so identischen deutschen Volksseele. Und das, was als typisch deutsch gilt – Arbeit, Sparen, Eigenheim, Familienleben, Urlaub …-, ist zum einen gar nicht so typisch, sondern in fast allen kapitalistischen Industrienationen zu Hause; es ist zum anderen auch nicht allen Deutschen gemeinsam, Reichtum erlaubt und Armut erzwingt da durchaus eine andere Lebensgestaltung; und es ist zum dritten nichts als die gewohnte Art, sich an gegebene Verhältnisse anzupassen. Für die deutsche „Identität“ als vorstaatliche Verbundenheit spricht letztendlich nichts, als dass ihre Verfechter fest daran glauben. Die sehen dann den Staat, der überhaupt erst definiert, was bzw. wer Volk ist, der dem Volk die Lebensverhältnisse vorgibt und dem es zu gehorchen hat, in gekonntem Kopfstand als Auftragnehmer des Volkes. Der Auftrag, den „das Volk“, nämlich sie, ihm erteilt: seine „Identität“ zu schützen und gegen alles, was „anders“ ist, durchzusetzen. Auch wenn sich nicht angeben lässt, was denn nun „deutsch“ ist, Ausländer sind es jedenfalls nicht. Die, davon sind die Verfechter deutschen Volksgemeinschaft zutiefst überzeugt, gehören dahin, wohin sie eben gehören und jedenfalls nicht hierher. Solche hat die Merkel-Politik aber reingelassen und ihnen mittelfristiges Bleiben ermöglicht. Das ist es, was die in Dresden trillerpfeifenden Deutschen nicht dulden wollen, denn darin sehen sie das Heimatrecht der Deutschen verletzt. Mit materiellen Berechnungen hat das nichts zu tun. Soziale Not von Deutschen fällt ihnen immer nur in Bezug auf die Flüchtlinge ein: Für die wird Geld aufgewandt, und genau das soll dann den Einheimischen fehlen. Dabei weiß jeder, dass Hartz IV ganz ohne Flüchtlinge so armselig war und ist, wie es eben ist. Mehr Kindergeld oder Rente hätte es auch nicht gegeben, wenn die Flüchtlinge nicht gekommen wären. Und niedrige Löhne und hohe Mieten zahlen bzw. kassieren sowieso nicht die Zuwanderer, sondern deutsche Volksgenossen. Auch negative Erfahrungen mit Flüchtlingen sind dafür nicht nötig. Es reicht das Wissen, dass in Deutschland fremde Sitten und Gebräuche praktiziert werden dürfen. Das ist „Überfremdung“, und die hat die deutsche Regierung nicht nur zugelassen, sondern initiiert. Sie hat, so sehen es Pegida, AfD und die Demonstranten, Politik für Fremde gemacht und ist den Eigenen den Dienst, die Heimat rein zu halten, schuldig geblieben. Dafür kann es für diese Volks- und Heimatfreunde keinen guten Grund geben. Das ist „Volksverrat“, der nur böser antideutscher Absicht der Regierung geschuldet sein kann. Das quittieren gute Deutsche mit Hass. Im Namen der deutschen Identität wünschen sie die deutsche Regierung „weg“, „in die Wüste“ oder „an den Galgen“.

Lesetipp:
Das Volk: eine furchtbare Abstraktion
GEGENSTANDPUNKT 1-06
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/2006/1/gs20061087h2.html



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