Aus der Reihe „Schönheiten unseres Wirtschaftssystems“: Das billige Öl III

Die Spekulation auf den Ölpreis

Die schönen Errungenschaften unserer Marktwirtschaft, die Förderung und den gewinnbringenden Verkauf von Öl betreffend, wurden in Teil 1 und 2 bereits hervorgehoben. Die eigentliche Fortschrittlichkeit der Marktwirtschaft beweist sich allerdings erst da so richtig, wo Subjekte auf den Plan treten, die mit der Produktion von Öl, seinem Transport, seiner Weiterverarbeitung zunächst überhaupt nichts zu tun haben, dafür aber umso mehr in die Preisgestaltung eingreifen. In der Marktwirtschaft bleibt es nämlich nicht dabei, dass nicht geplant wird. Die für keinen einzelnen Konkurrenten planbaren Entwicklungen von Produktion und Preis sind ihrerseits der Gegenstand der überaus rationellen wirtschaftlichen Betätigung namens Spekulation. Sie ist, wie es sich gehört, auf das Verdienen von Geld ausgerichtet. Statt mit Öl zu handeln – das machen ja schon andere –, handeln die Vertreter dieses ehrenwerten Gewerbes mit Anrechtstiteln auf Öl, die sie kaufen und verkaufen, weil mit dem Bedarf anderswo der Ölpreis steigt oder fällt – und damit auch der Wert ihrer Titel. Also versuchen sie vorherzusehen, wie sich die Preise entwickeln; natürlich nicht, um doch noch das marktwirtschaftliche Prinzip außer Kraft zu setzen, dass die Versorgung der Gesellschaft mit den benötigten sachlichen Gütern als private Konkurrenz stattfindet.
Umgekehrt: Dass die ganze Gesellschaft ihrem eigenen wirtschaftlichen Treiben so fassungslos gegenübersteht wie dem Wetter, ist ihre Geschäftsgrundlage. Im Unterschied zu Meteorologen hoffen die in Öl investierenden Spekulanten allerdings, dass ihre Vorhersagen möglichst niemand anders teilt. Zumindest erst einmal nicht. Denn Gewinn machen Spekulanten auch am Ölmarkt so, dass sie als erste eine Tendenz aufspüren, die nachher aber auch eintreten muss, was sie dann und in dem Maß tut, wenn bzw. wie alle anderen dann doch in die gleiche Richtung spekulieren.

Das sieht nur auf den ersten Blick ein wenig wie Irrenhaus aus; auf den zweiten Blick sieht man nämlich, dass sich damit gigantische Gewinne machen lassen, und darauf kommt es ja schließlich an. So dass es wiederum nur Ausweis höherer marktwirtschaftlicher Vernunft ist, dass es von den einschlägigen in der Zukunft liegenden Kontrakten über Kauf und Verkauf von Öl ein Vielfaches mehr gibt, als Öl überhaupt vorhanden ist. Vor allem hat es die einzigartige marktwirtschaftliche Konsequenz, dass der Preis des tatsächlich verkauften Öls dadurch beeinflusst wird. Denn wenn die Mehrheit der Spekulanten auf fallenden Preis setzt, dann ist das für die Ölhändler ein Datum: Es macht Sinn, mit dem Einkauf zu warten. Und volle Lager sind dann ein Risiko: Also am besten schnell verkaufen. Das führt zu sinkenden Preisen. Nach Aussagen der zuständigen Insider erreichen die Preisänderungen durch die Spekulation auf sie überhaupt erst das Ausmaß, das im Moment für ganze Nationen eine ziemliche Katastrophe bedeutet.

Lesetipps:
Geschäfte mit Optionen und Futures. Spekulation auf die Spekulation. Erschienen in Gegenstandpunkt 2-1995
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/95/2/gs952024.htm



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