#6 Der Winter 2014 aus historisch-materialistischer Sicht

Pessimisten und Leugner der objektiven Wahrheit der Partei malen die Zukunft der Erde in graubraunen Farben um das Proletariat um seine Zukunft zu betrügen und ihm seiner Kampfesstimmung zu berauben. Dabei ist die Geschichte auf unserer Seite und es kann immer weniger Zweifel geben.

„Dann scheint die Sonn‘ ohn unterlass“ wussten die Genossen der ersten Internationale über eine Zukunft zu singen, die sie nur voraussehen konnten mit dem allmächtigen Werkzeug des historischen Materialismus. Als Utopisten verschrien von den reaktionären Vertretern der bestehenden Ordnung, vollzieht sich die Geschichte wider diesen Spöttern und wir erleben dieser Tage den wärmsten Winter seit der Wetteraufzeichnung. Die Klassiker sind einmal mehr bestätigt und kein kleinbürgerlicher Umweltfreund wird es verhindern können, dass der Eisbär auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen wird.

Diese Tendenz, natürlich noch zaghaft und voller Widersprüche, wird in steigender Quantität schließlich in eine neue Qualität umschlagen und in seiner revolutionären Entfaltung alle Winter- und Herbstfreunde den wahren Fortschritt zeigen: Die für den Kapitalismus geschaffenen Produktionsmittel schaffen für das Proletariat den ewigen Sommer! Ganz wider die Absicht der Unternehmer verwirklicht sich hier in der Geschichte die List der Vernunft.

Das objektive Interesse der arbeitenden Massen an 17 Grad bei Sonnenschein im Januar wurde vom XXII. Parteitag bestätigt. Der Genosse Vorsitzende warnte allerdings die Genossen vor der revolutionären Ungeduld: Auch wenn es so aussehen mag, als wäre der der ununterbrochene Sonnenschein nun in greifbarer Nähe, setzt die Partei weiter auf die Massenaktion und lehnt individuelle Aktionen ab. Das im-Kreis-fahren mit dem Auto sowie andere Aktionen von Einzelnen um der historischen Tendenz zum Durchbruch zu verhelfen – scheinbar im Sinne der Mission der Werktätigen zur Befreiung der Menschen vom der Kälte – mögen Subjektiv revolutionär gemeint sein. Durch ihre Abweichung von der Parteilinie sind sie allerdings objektiv konterrevolutionär und spielen damit dem Klassenfeind in die Hände.

Bleibt ruhig und hört auf die Weisungen. Wir sind auf dem richtigen Weg.


#5 zwölf Punkte Programm zur erfolgreichen Agitation

1.) Niemand kann etwas so gut erklären wie ein 200 Jahre alter Philosoph. Habe auf jede Frage ein passendes Hegel-Zitat zur Hand.

2.) Bürgerliche Moral und Sprachpolitik ist zu verwerfen. Will der Neger im Gespräch nicht einsehen, dass er auch als Schwarzer nur Menschenmaterial für seine Herrschaft ist und sein Ringen um Respekt bürgerlicher Mumpitz ist, liegt der Fehler bei ihm und nicht beim Agitator.

3.) Gehe niemals auf deinen Gesprächspartner ein. Wenn dieser Widerspruch anmeldet, darf man nicht auf die Kritik eingehen, sondern muss darauf bestehen, dass erst wenn der Gedanke voll entfaltet ist, seine Wahrheit erkennbar wird.

4.) Jede Nachfrage dafür nutzen, das Thema zu wechseln und grundlegender zu werden. Diese Technik findet ihre Formvollendung bei anarchistischen Genossen, die jedes Gesprächsthema auf den spanischen Bürgerkrieg lenken können. Gerne gesehen sind aber auch folgende Weisheiten als Erklärungen für alles: System, Verhältnis (große Scheiße), Kapitalismus, stummer Zwang und Antisemitismus sowie Ideologie und Verblendungszusammenhang.

5.) Wenn dein Gesprächspartner schon länger schweigt, kannst du die Gelegenheit nutzen, und endlich einmal mit Schwung klären, für was sonst keine Zeit ist: Die Staatsableitung oder die ersten Kapitel des Kapitals eignen sich besonders für solche Gelegenheiten. Fülle die unerträgliche Stille mit deinem Wissen!

6.) Es gibt keinen schlechten Zeitpunkt für die Agitation, sondern nur gute oder schleche Voraussetzungen. Die erste Verabredung kann geschickt eingesetzt werden um ein paar richtige Gedanken zur bürgerlichen Beziehung zu äußern. Die Hochzeit unliebsamer Verwandter oder alter Schulfreunde ist die ideale Grundlage für ein Gespräch über den Irrsinn der Ehe.

7.) Kommunisten wissen es besser, egal ob es um Ökonomie, Psychologie oder Staatskunde geht. Das Objekt der Agitation darf daran keinen Zweifel haben und muss deswegen regelmäßig daran erinnert werden.

8.) In kurzen, knappen Sätzen kann man einen Punkt lange nicht so gut erklären wie in langen, mit Fremdwörtern komplettierten und perfektionierten, an Nebensätzen reichen Erklärungen, die – besonders wichtig – immer die eigene Belesenheit genauso unter Beweis zu stellen haben wie die Klärung des eigentlichen Punktes, dessen Erläuterung damit auch zur willkommenen Darstellung der vortrefflichen eigenen Persönlichkeit wird.

9.) Wirke sympathisch, indem du immer wieder erzählst, dass du auch einmal, als du jung warst, wie dein Gesprächspartner gedacht hast, dann aber deinen Fehler eingesehen hast.

10.) Es ist verlorene Zeit, deinen Gesprächspartner ausreden zu lassen, wenn du bereits weißt, was er sagen will. Mache ihm freundlich, aber bestimmt klar, dass du bereits weißt was er sagen will.

11.) Argumente sind nicht schlicht als „falsch“ oder „richtig“ zu bezeichnen, sondern sind oft undialektisch, antimaterialistisch, ideologisch, stalinistisch, gefährlich oder personalisierend. Solche Argumente sind dem Gesprächspartner schlicht zu untersagen (mit dem Verweis auf das passende Adjektiv). Argumente hingegen, die emanzipatorisch, antifaschistisch oder dialektisch sind, sollten dem Gesprächspartner wärmstens empfohlen werden (auch wenn sie manchmal nach den Geboten der Logik etwas krumm sind).

12.) Gehe immer mehr auf deine Methode als auf den Inhalt ein. Schreibe argumentlose methodische Listen um Genossen endlich den Schlüssen in die Hand zu geben, wie sie die proletarischen Massen erreichen.


#4 Wir sind die Bösen

Privateigentum hat die Eigenschaft, den allergrößten Teil der Menscheit von seiner Nutzung auszuschließen. Wir sind glücklicherweiße alle Eigentümer – unglücklicherweise eignet sich so manches Eigentum mehr zum vorankommen als Anderes. Hat der Eine ein ansehnliches Fabrikgelände nebst Eigentumwohnung geerbt ist es beim Anderen dann doch nur die eigene Arbeitskraft zu der er sich als Eigentümer verhalten kann.

Mit dem Eigentum kommen auch sehr unterschiedliche Interessen in die Welt. Kann für die freien Arbeiter – doppel frei nannte Marx das mal, weil man kein Sklave ist aber leider auch von allem frei ist was man so zum leben braucht – kann also für die doppelt freien Arbeiter der Lohn nicht hoch genug sein; für den Eigentümer der Fabrik ist jeder gezahlte Lohn ein Abzug vom Gewinn – bei Marx heißt das dann die ’negative Größe‘ dieser Wirtschaft – und kann deswegen nicht niedrig genug sein.

Das führt ganz notwendig zu – nennen wir es einmal freundlich ‚unharmonischen‘ Verhältnissen. Marx nannte das mal Klassenkampf. Hat man andere Interessen wie eine andere Gruppe – schließen sich diese Interessen sogar gegenseitig aus – sei einem eigentlich geraten die anderen Gruppe zu meiden. Unglücklicherweiße sind Arbeiter und Fabrikant aufeinander verwiesen – ‚Antagonistische Kooperation‘ heißt das bei… ach, ihr wisst schon – und können deswegen nicht ohne den anderen.

In dieser Art eine Wirtschaft zu betreiben gibt es also Notwendig die ganze Zeit Ärger zwischen den verschiedenen Rollen die man so einnehmen kann – Charaktermasken heißt das bei du-weist-schon-wem.

Ich erzähle das ganze, weil man glauben könnte hier hätte sich die Geschichte auch schon. ‚Ziemlich dumme Einrichtung einer Gesellschaftt‘ könnte man sich denken, und sie einfach wegschaffen. Denn das sie Elend und Not produziert, dass weiß wirklich jeder. Aber warum dieses Elend in der Welt ist, dazu gibts ne Menge dummer Theorien. Die beliebteste – und auch so ziemlich die Dümmste – ist die Erklärung über die fehlende Moral in der Welt: Der Mensch, ein einziger Sünder der sich ständig gegen seine Mitmenschen herausnimmt, was eigentlich in den Sündenpfuhl der Ungerechtigkeit gehört.

Diese Theorie heißt gemeinhin Moral und kennt verschiedenste Vergehen, welchen sich der Mensch schuldigt macht und warum die Welt so vor die Hunde gegangen ist.

Natürlich sind wir alle zu egoistisch. Nun könnte man naiverweise glauben, das wenn jeder an sich denkt doch an alle gedacht wäre, aber so meinen es unsere Moralisten gar nicht: Rücksichtslos würden in dieser Welt die Interessen durchgesetzt, und da würden dann die Schwachen halt gegen die Starken verlieren. Das dafür schon eine Wirtschaft eingerichtet sein muss, bei der das Interesse der Starken gegen das Interesse der Schwachen steht – also Eigentum in der Welt sein muss – vergessen die Moralisten in ihrem Kampf gegen den Egoismus gerne.

Natürlich sind wir auch alle verdorben durch den Konsum. Auch das ist ne komische Theorie, werden doch mehr Lebensmittel weggeschmissen als die ganze Menschheit bräuchte um sich zu ernähren, und trotzdem Hungern viele Menschen. Das klingt doch erstmal nach zu wenig und nicht zu viel Konsum. Auch haben viele Menschen keine Wohnung, und so manche Wohnung steht leer, so mancher friert, dabei sind die Warenhäuser voller Klamotten…

Natürlich haben wir auch keinen Respekt vor der Natur, keinen vor den Kindern und außerdem schätzen wir die kleinen Dinge im Leben zu wenig. Natürlich sind wir zu intolerant und geben zu wenig… Kurz: Wir sind die Bösen. Und das ist die große Leistung der Moral:

Sie erklärt zwar nicht wirklich, warum so viele Menschen schlecht leben, aber sie entschuldigt es so gut : Wie sollte das elende Leben so vieler schon zu ändern sein, wenn es an ‚dem‘ bösen Menschen liegt – und wer sollte es ändern, wenn der Verfall der Moral einer ist der ‚uns alle‘ betrifft? Da ist das Privateigentum und die Spaltung in welche die haben und welche die nichts haben einfach verschwunden und stehen bleibt:

„Wer möchte nicht in Fried und Eintracht leben, doch die Verhältnisse, die sind nicht so. Da hast Du leider eben Recht, die Welt ist arm der Mensch ist schlecht.“


#3 Georg wird Obdachlos

Heute wollen wir mal besprechen, warum es eigentlich Obdachlosigkeit gibt. Nehmen wir Georg. Georg wohnt auf der Straße. Georg kann nämlich seine Miete nicht mehr bezahlen. Wenn man kein Geld hat, dann kann man auch nicht in einer Wohnung wohnen. Die Leute, die so ein Haus bauen lassen, machen das um Geld zu verdienen. Und wenn Georg dafür nicht taugt, weil er keine Miete bezahlen kann, dann muss er raus. Der Grund für Georgs Obdachlosigkeit ist also – genau! – Georg ist krank.

Ja, Georg ist krank geworden. Er ist ganz dolle auf den Kopf gefallen. Das passiert ganz vielen Menschen und meistens ist das nicht so schlimm. Schlaue Leute haben rausgefunden: „Jedes Jahr erleiden in Deutschland schätzungsweise mehr als 270.000 Menschen ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT)“. Aber bei Georg und ein paar anderen hat es das Oberstübchen ganz kräftig durchgeschüttelt und auch nach ein paar Tagen im Bett sind nicht alle Bretter wieder gerade geworden. Macht ja nichts, es gibt ja genug Wohnungen und Essen und Autos und Hilfe für Georg, auch wenn er nicht arbeitet. Denn es gibt ganz viel Reichtum in dieser Gesellschaft, weil es richtig gute Maschinen gibt, und ganz wenig Menschen ganz viele tolle Sachen machen können. Sachen, die gerade einer wie Georg jetzt brauchen kann, weil es ihm nicht gut geht. Er ist ja auch auf den Kopf gefallen. Schade für Georg, dass er jetzt oft Kopfschmerzen hat und seine Lieblingsbücher nicht mehr richtig lesen kann, aber mit der Wohnung hat das ja erstmal nichts zu tun. Aber Georg konnte auch nicht mehr arbeiten. Hat mit der Wohnung auch nichts zu tun. Aber mit dem Geld. Das hat Georg nicht mehr bekommen. Denn auch die Arbeit gibt’s hier nur, wenn sie sich für jemand anders lohnt. Das ist wie mit der Wohnung.

Jetzt konnte Georg nicht mehr arbeiten. Und weil er nicht mehr arbeiten konnte, hat er auch kein Geld mehr bekommen. Und ohne Geld musste er aus seiner Wohnung raus. Aber dass Georg seine Wohnung verloren hat, liegt nicht am Geld, oder dass es Wohnung nur gibt, damit der Besitzer der Wohnung jeden Monat ganz viel Geld von Georg bekommt. Schlaue Leute haben den wirklichen Grund gefunden: „Rund zehn Prozent der Untersuchten erlitten ihre Hirnverletzung sogar unmittelbar vor dem Fall in die Obdachlosigkeit – ein deutlicher Hinweis darauf, dass es sich hier offenbar um einen auslösenden Faktor handelt“ So ganz sicher ist man sich mit der Reihenfolge auch bei den schlauen Leute noch nicht: „Bedeuteten die Befunde, dass Hirnverletzungen das Risiko von Obdachlosigkeit erhöhen, oder dass Obdachlosigkeit mit einem erhöhten Risiko von Hirnverletzungen einhergeht?“ Aber klar ist auf jeden Fall: Obdachlose haben ein Problem im Oberstübchen.

Und weil das kaputte Oberstübchen natürlich gleich zum Verlust der Wohnung führt, muss man den Kopf wieder heile machen, damit Menschen wie Georg mit ihren Lieblingsbüchern nicht noch Sofa und Fernseher verlieren. „Anders gesagt: Obdachlosigkeit wäre unter Umständen durch rechtzeitig einsetzende neurologische Therapie vermeidbar.“ Aber zum Glück gibt es schlaue Menschen die Leuten wie dem Georg helfen wollen. „Frühzeitige Therapie könnte zudem mittelfristig helfen, Obdachlosigkeit zu verhindern.“ Da wird Georg sich aber freuen!

Alle Zitate aus:
http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/obdachlosigkeit-neurologische-probleme-und-hirntraumata-als-grund-a-966299.html


#2 Kotze, Uli und der deutsche Imperialismus

Ich wache auf und muss kotzen. Leider liege ich nicht wie sonst am Rand, sondern in der Mitte meines Bettes. Ich kotze direkt aufs Bett. Als es besser wird, wische ich so gut es geht meine Kotze mit meiner Decke weg. Das geht eher schlecht und ich verteile alles im Bett. Als sich die erste Übelkeit legt, erkenne ich, dass es nicht mein Bett ist und nicht meine Decke. Neben mir sehe ich C., der betrunken schnarcht. Er ist nackt.“ Er wird sich morgen nicht sehr freuen wenn er aufwacht“, denke ich mir und schlafe wieder ein.

Eine Stunde vorher

„Warum hängen in deinem Zimmer Che Guevara und Jasir Arrafat an der Wand?“ frage ich besoffen, während ich versuche aus der Hose zu kommen. C. versucht sich währenddessen seine Klamotten auszuziehen, ohne sie zu berühren. Sie sind vollgekotzt, von oben bis unten. „Alter, ich versuch mich hier zu konzentrieren“. Er zieht an einer Ecke seines Pullis, stellt dann aber fest, dass er ihn nur über seinen rechten Arm bekommt, wenn er ihn auch dort anfasst, wo sich ein paar besonders fiese Brocken festgesetzt haben. Ich versuche es mit einem weiteren Anlauf: „Der eine hat als politischen Ziehvater einen Mufti, der mit der SS zusammen gearbeitet hat, und der andere hat vom Neuen, für die Gemeinschaft hart arbeitenden Menschen geträumt“ sage ich. „Das ist mir gerade scheißegal. Hilf mir aus diesen widerlichen Klamotten!“ brüllt mich C. an. Ich bin eingeschnappt und lege mich demonstrativ ins Bett. „Weißt du eigentlich“, frage ich während ich das Licht ausmache und C. beim Versuch, ohne Berührung seine Hose auszuziehen hinfällt „dass Che Guevara  Homosexuelle als politische Gegner verfolgen ließ?“ Dann schlafe ich ein.

Eine Stunde vorher

Gerade lache ich noch schallend, als C. mich aus der Bahn stößt. Ich stolpere aus der Bahn und falle  direkt auf meine Knie. „Aua. Du Arsch“ ,schreie ich C. an. „Was soll der Scheiß, ich muss doch hier noch gar nicht raus.“ Ich schaue mich um. Hinter mir schließt sich die Tür der Bahn, C. schaut entgeistert in Richtung Tür und dann erleichtert. Vor mir steht auf einer Wand „Schwabstraße“. „Scheiße“ sage ich nochmal. Beim Versuch aufzustehen, wird mir unglaublich übel. Das Hinfallen und mein Versuch, jetzt aufzustehen war wohl zuviel. Ich muss kotzen. Ich kotze. „Scheiße“ sagt dieses Mal C. „Du hast mich direkt angekotzt Alter.“ „Recht so“, sage ich und wische mir den Mund mit seinem Pulli ab. „Was schmeißt du mich auch an deiner Haltestelle aus der Bahn. Dafür lässt du mich jetzt aber auch bei dir Pennen, Arschloch“.

10 Minuten vorher

„Lass den Scheiß“, sagt C. „Ne, das ist witzig“, sage ich und gehe mitten zwischen die Gruppe übel aussehender Bayernfans, die gerade in einem Gang der Bahn angeregt über den Fall Uli Hoeneß reden. Ihre Sympatien sind klar verteilt. Ich mische mich sofort ein als ich zwischen ihnen angekommen bin. Einer sagt noch: „Man muss ja schon sehen, dass er auch Millionen gespendet hat! Soviel ich weiß in die Dritte Welt“. Das reicht mir schon. Ich beginne meinen Monolog und habe sofort die Aufmerksamkeit der Bahnteilnehmer:

„Natürlich ist Uli nur ein Bauernopfer. 28,5 Millionen soll er hinterzogen haben und dafür jetzt in den Bau gehen – das steht doch in keinem Verhältnis. Ganz nüchtern betrachtet“ – ich nehme einen Schluck Bier aus meiner Flasche aber die Situationskomik aus Geste und Satz bleibt von den Holligans leider unbemerkt – „Ganz nüchtern betrachtet“, wiederhole ich nochmal, aber es kommt erneut keine Reaktion und ich resigniere,  „hat er damit wahrscheinlich einer Menge Leuten den Arsch gerettet. Wahrscheinlich hätte der deutsche Staat mit diesem Geld eh nur Panzer gekauft, oder Geld an die Konrad-Adenauer Stiftung abgedrückt, die damit irgendwelche Faschisten in der Ukraine finanziert hätte. Vielleicht hätte er das Geld sogar für Schulen verwendet und damit diese Anstalt finanziert, die uns die ganze Kindheit vermiest hat. Alles in allem ist Uli Hoeneß nicht nur trotz, sondern wegen der Steuerhinterziehung ein guter Kerl. Er hat mit dem Geld sicher harmlosere Sachen angestellt: Da ein bisschen Weißbier, hier eine Würstchenfabrik und dort die eine oder andere Villa – das bringt keinen um.“

Obwohl ich mir sicher bin, dass die meisten Hools nicht allzuviel verstanden haben und wenn sie es verstanden hätten, wohl anderer Meinung wären, sind sie jetzt gut gelaunt. Mein Ende gefällt ihnen und sie stoßen mit mir an. Ich bin bereit zum finalen Schlag. C. schlägt die Hände über dem Gesicht zusammen. „Auf der anderen Seite natürlich“ – alle Blicken liegen auf mir – „muss man, wie du richtig gesagt hast“, ich deute auf den Glatzkopf der vor mir sprach, „beachten, dass Uli Millionengelder gespendet hat. Diese gängigen Spendenorganisationen in der Dritten Welt arbeiten zumeist eng mit dem Entwicklungshilfeministerium zusammen, das eigentlich nur einen Job hat: den deutschen Imperialismus in der Welt voran zu bringen – unter einem netteren Label. Das macht eine Strafe für Uli eigentlich mehr als gerecht. Und es muss wohl diese berühmte Dialektik sein, dass ausgerechnet der Staat Uli Hoeneß einsperrt, zu dessen imperialistischem Helfershelfer Uli sich gemacht hat und man ihm überhaupt Knast wünscht. Am Ende ist es also fast sogar eine antiimperialistische Tat Uli in den Knast zu wünschen – und wenn es sich negativ auf das Image der Nürnberger Würstchen auswirkt, dann ist es sogar irgendwie Antispe“. Ich bin begeistert von meiner Pointe und lache laut, während die Hools schon ihre Biergläser an den Hälsen nehmen. Die Bahn hält gerade, und C. stößt mich sofort aus der Bahn

5 Stunden vorher

„Trinken wir noch ein Bier? Ach, kannst du überhaupt? Du hast es doch gerade mit dem Magen, oder?“, fragt C. „Ja, das geht schon“, sage ich, „aber betrink dich nicht wieder so.“


Interview mit einer Hure

Ich hab mal wieder mit Rauchen aufgehört. Das ist immer dann besonders anstrengend, wenn wenn man einen peinlichen Moment hat. Wenn man jemand trifft, den man kennt, mit dem man aber nichts zu reden hat – und dann steht man da an der Bushaltestelle, und weiß nicht genau was man machen soll. Ganz automatisch klopft man nach zehn Jahren rauchen seine Jacke ab um zu sehen wo der Tabak ist. Erst nach der Bewegung wird einem klar, dass man nicht mehr raucht – und lächelt dann verlegen, und weiß nicht genau, ob der Andere bemerkt hat, was man getan hat und ob man es erklären soll.

Ein anderer Moment an welchem man unbedingt rauchen will ist wenn man in Boxershorts vor einer Prostituierten sitzt und sich gerade so eine Stille ausbreitet, weil man nicht genau weiß was man sagen soll. Das ist mir gestern passiert. Und ich bin stolz auf mich – ich habe trotzdem nicht geraucht.

Wenn man Soziologie studiert, muss man sich irgendwann, bei mir ist es im fünften Semester, fragen, was genau man sich eigentlich dabei gedacht hat, als man es begonnen hat. Weil dieses sich selbst befragen und nach einer Erklärung ringen die Zukunftschancen aber nicht besser macht und man so oder so auf keine befriedigende Erklärung kommt, außer das dem Studienanfänger-Selbst das bald-mit-dem-Studium-fertig Selbst wohl Scheißegal war, widmet man sich wieder dem Studium und stellt fest, dass man noch ein Interview mit einer Arbeitskraftverkäuferin führen muss. Und weil die Prostitution gerade in aller Munde ist, entschließt man sich dazu, im Stuttgarter Rotlichtviertel nach einer Nutte zu fragen, die möglichst gut Deutsch spricht und wohl nichts dagegen hätte, wenn man das Gespräch aufzeichnet.

Wenn die nette Dame am Eingang eines der Bordelle einen anlächelt und dann nach oben brüllt, dass am Eingang ein Typ in Lederjacke sei, der eine richtige Deutsche wolle und ob Tanja gerade Zeit habe, wird man sich unsicher, ob man nicht irgendwie Rassistisch rüberkomme. „Muss keine richtige Deutsche sein, sie muss nur gut Deutsch sprechen können“ ergänze ich die Dame. Sie lächelt mich wieder an. „Kannst nach oben gehen“ sagt sie kurz darauf, als von oben irgendwas gebrüllt wird, was ich nicht verstehe. Ich werde zu einer Tür geführt die mir aufgemacht wird. Vor dem Bett steht Tanja und korrigiert ihren Lippenstift. Tanja trägt Strapse, deren unteren Teil ich von hinten nur sehe – der Rest ist von einem roten Bademantel bedeckt. Wenn ich bisher noch etwas erregt war, ist es jetzt vorbei.

„Hallo. Ich muss für mein Studium jemand interviewen. Wieviel kosten denn 15 Minuten interview? Ich würde das ganze auch aufnehmen, aber natürlich anonymisieren. Obwohl „Tanja“ wohl eh nicht dein richtiger Name ist, oder?“ – Was studierst du denn? – Soziologie – „Soziologie. Soso“ sagt Tanja. „Soziologie. Hab ich auch mal studiert“. Und ich mache mir noch Sorgen um meine Zukunft. Tanja dreht sich um und ich sehe mich selbst in fünf Jahren in ihrem Gesicht. „50 Euro für die 15 Minuten – sagt Tanja – 50 sage ich – ok. Ich will mich aufs Bett setzen, da kein Stuhl im Raum ist. Tanja zischt – Nicht mit den Straßenklamotten – zieh die Hose aus. Ok. Ich ziehe die Hose aus. Ich sitze also in meiner Jacke, in Boxershort auf dem Bett.

Noch nie wollte ich so dringend eine Zigarette rauchen.

Wir haben einen standardisierten Fragebogen. Ich stelle die erste Frage – sie soll das Eis brechen. Was hat sie zu Beginn an ihrer Arbeit gereizt? Nach dem Vorlesen finde ich die Frage unpassend. Eigentlich zu so ziemlich jeder Arbeit. Es breitet sich ein unangenehmes schweigen aus. Ich frage Tanja nach einer Zigarette. Ich rauche nicht sagt Tanja. Ich auch nicht sage ich.

Nachdem Tanja keine Anstalten macht zu antworten Stelle ich die nächste Frage: Würden sie sagen, dass ihre Arbeit ihnen Spaß macht? – Würde es dir Spaß machen, mit fetten alten Kerlen zu ficken? – Äh.. sage ich – Würde es dir Spaß machen, alte Säcke zu lecken und dabei zu erzählen, dass du ein Schulmädchen bist? – Stille.
Ich fange an meine Idee mit dem etwas anderen Interview für gar nicht mehr so wahnsinnig gut zu halten. Ich stelle die dritte Frage: Wie haben sich die Arbeitsbedingungen in ihrer Branche in den letzten Jahren entwickelt? – Tanja holt eine Wasserflasche unter dem Bett hervor, nimmt einen Schluck und setzt sich ebenfalls aufs Bett. Sie schaut die Wand an während sie trinkt. Dann fängt sie an:

Das kommt ganz darauf an wo du Arbeiten musst Schätzchen. Wenn du als Illegale hier ins Land geschmuggelt wirst, dann bist du wie Abfall. Da hat sich in den letzten 10 Jahren auch nicht viel verändert. Auf dem Straßenstrich machen dich die Stricher fertig. Jeden Monat ist ein Wichser dabei der nicht zahlen will. Wenn du Glück hast geht er einfach – wenn du Pech hast läst er dich bezahlen, und er nimmt nicht nur was du denn ganzen Tag zusammenbekommen hast, sondern auch noch das bisschen Gefühl von Sicherheit, weil deine Kolleginnen und du hier vielleicht seit Wochen anschaffen geht, und du immer gehofft hast, dass die Straßenbeleuchtung sowas verhindert was jetzt passiert. Wenn du auf dem Straßenstrich arbeitest werden die Bedingungen nicht anders – sie sind immer so beschissen wie es überhaupt geht.

Wenn du im Escortservice arbeitest, dann musst du meistens studiert haben oder zumindest so wirken. Reichen Alten Typen den Opernbesuch versüßen, in dem du ihnen ür 150 Euro die Stunde die welke Hand hälst beim Wagnerhören und ihnen Abends im Hotelzimmer erzählst, dass es ganz normal ist mit 50 keinen mehr Hoch zu bekommen. Der Escortservice verändert sich auch nicht. In der Krise haben diese Typen genauso Kohle wie vor der Krise. Das ist eine Schicht von Leuten, die haben immer Geld – auch wenn die Welt um sie zugrunde geht.

Hier im Laufhaus merkt man wenn es an Kohle fehlt. Viele Stammkunden kommen seltener, dafür zieht Stuttgart 21 schon jetzt neue Kunden für uns an: Bauarbeiter, Leute vom Securitydienst, Techniker – nicht selten Leute, die fast ihren ganzen Tageslohn hier an einem Abend versaufen und verhuren.

Das Eis scheint gebrochen. Ich unterhalte mich noch mit Tanja über ihr Soziologiestudium, Zukunftsperspektiven und die Auswirkung eines 8,50 Euro Mindestlohn auf ihr Gewerbe. Wir lachen beide Herzhaft.