#50 Biernominierungen

Soziale Netzwerke wie Facebook können zur Diskussion über gemeinsame Interessen genutzt werden und in geringem Umfang sogar zur politischen Agitation – auch wenn so eine harmlose Benutzung am eigentlichen Zweck von Facebook gnadenlos vorbei geht. Die Selbstdarstellung bürgerlicher Subjekte, die zwar alle den gleichen stupiden Alltag haben, kommt hier voll zu seinem Zug – egal ob Tattoos, Urlaub, gestorbene Haustiere oder Kinobesuche; alles taugt zur wechselseitigen Vorführung der eigenen Perönlichkeit.

Die neueste Selbstinszenierung ist die Biernominierung. Der Spiegel warnt: „Der Spaß kippt also gerade, es mehren sich Stimmen, die in der Eskalation der alkoholischen Blödelei eine lebensbedrohliche Gefahr sehen.“ (1) und verweißt damit auf irgendwelche Irren, die vor der Kamera einen halben Liter Whisky tranken – und starben. Die traurige Gemeinschaftsbildung vereinzelt Einzelner, die nicht mehr Freunde sind als Ausdruck gemeinsamer Interessen, sondern nur noch das gemeinsame Interesse haben, Freunde sein zu wollen kann der Spiegel indes gut verstehen:

„Doch es gibt Möglichkeiten, dabei zu sein und sich dem Saufspiel trotzdem zu verweigern: So konkurriert die Biernominierung inzwischen mit Challenges wie der „Fruchtzwerg-Nominierung“ – man kann sich denken, wie die Regeln dafür aussehen. Im Grunde ist das die cleverste Weise, mit der Sache umzugehen: Die Welle einfach mit einer klugen Verweigerung umzulenken, vielleicht sogar eine eigene zu starten.“ (1)

Ziel der Kritik ist für den Spiegel also tatsächlich, dass Alkohol schädlich sein kann – eine Erkenntnis, die so mancher schon vor der Biernominierung hatte. Unangetastet bleibt von SPON, dass sich in Facebook Privatmenschen zu öffentlichen Personen machen, egal ob sie etwas Interessantes zu sagen haben oder eben nicht. In der Melange aus Katzenfotos, Essensbildern und neuestem vom Schulhof erkennt mancher seine Chance in der Biernominierung zur Darstellung seiner Trinkfestigkeit – und natürlich seine lockere Art, auch mal Blödsinn mitzumachen. Zur Herstellung eines Charakters taugt eben auch der hinterletzte Schwachsinn.

(1) http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/facebook-biernominierung-ist-neuer-internet-trend-a-951679.html


#49 Hauptsache, man hat die richtige Einstellung zu Palästina

Bereits vor fast einem Jahr, druckfrisch also, fand ich Evelyn Hecht-Galinskis Buch „Das elfte Gebot: Israel darf alles. Klartexte über Antisemitismus und Israelkritik“ auf einem linken Infotisch in Stuttgart und war irritiert. Auskunft wurde mir nur zuteil in linkskryptischer Form: Sie sei fortschrittlich.

Jetzt ist ein Radiobeitrag von EHG auch auf einer anarchistischen Seite zu finden (1). Das wirklich ärgerliche daran ist, das EHG lauter Positionen vertritt, die kein Linker, Kommunist oder Anarchist bei einer anderen Person diskutabel fände. So schreibt EHG in dem Artikel auf syndikalismus: „Wie ist es möglich, dass eine deutsche Bundeskanzlerin den Kriegsverbrecher, dessen Sarg eigentlich noch nach Den Haag gehört, als einen”israelischen Patrioten, der sich große Verdienste um sein Land erworben hat”, würdigt?“ (1)

Da fühlt sich eine gute Patriotin beleidigt, und findet das der gute Einsatz fürs Vaterland der hier gewürdigt wird ja wohl kaum mit jemand zusammenpasst, der Menschen ermordet. Dabei ist der Einsatz fürs Vaterland eben eine blutige Angelegenheit.

Auch nicht begriffen hat EHG, dass der Staat nunmal nicht „wir alle“ sind, sondern die Menschen eines Landes nur das Material, dass für die herrschaftlichen Zwecke hergenommen wird. So ist sie völlig empört und schreibt: „Wie ist es möglich, dass der neue und alte SPD Außenminister Steinmeier, den Kriegsverbrecher Scharon als einen “unermüdlichen Verteidiger seines geliebten Heimatlandes Israel ” würdigt?“(1) und zeigt dabei, dass es für sie nicht zusammenpasst, die Interessen das Vaterlandes zu verteidigen und dabei durchaus das Leben von israelischen Soldaten zu gefährden bei Angiffen gegen Nachbarländer.

Aber auch zu ihrem Leib- und Magenthema Israel und Palästina wäre Skepsis bei ihren Thesen angebracht. Wenn Juden sich ab 1936 nicht mehr völlig wehrlos den Pogromen aussetzen wollten sowie dem deutschen Faschismus der die Welt überrollte und mit Rommel sogar fast bis Palästina kam, dann wittert EHG Terrorismus. Die arabischen Antisemiten hatten bereits die Häuser ihrer jüdischen Nachbar makiert, damit die einfallenden Nazis gleich mit den Deportationen anfangen konnten. Allerdings verlor Rommel die Schlacht 1942 in El-Alamein und die Juden in Palästina wurden nicht deportiert. In dieser Zeit also bewaffneten sich auch Juden – und diese paramilitärische Organisation, die später zur israelischen Armee wurde, beschreibt EHG als „jüdischen Terrororganisation Haganah“ (1).

Der Streit zwischen Hecht-Galinksi und Henrik M. Broder illustriert die Idiotie Antideutscher und Antiimperialistischer Karrikaturen die sich ständig in neue Blödheiten verstricken sehr gut. Broder schmoddert sexistisch-dümmlich gegen Galinski und schreibt in einem Brief: “ jeder kölsche jeck mit zwei promille im blut würde sogar an weiberfastnacht erkennen, dass frau EHG eine hysterische, geltungsbedürftige hausfrau ist, die für niemand spricht außer für sich selbst und dabei auch nur unsinn von sich gibt.“ (2)

Galinski antwortet darauf rassistisch-national, Broder sei doch ein „Immigrant, den hier keiner in Deutschland eigentlich haben wollte“(3). Eigentlich also eindeutig ein Streit zwischen Positionen, die man alle nicht teilen sollte. Aber die Sympatien sind ja längst verteilt, jedes lager weiß ob es Isrealsolidarisch ist und Broder zitiert oder Palästinabefreiend und mit Galinski auf dem Infotisch. Hauptsache, man hat die richtige Einstellung zu Palästina, dann scheint in dieser Linken alles andere auch egal zu sein

Mehr auf www.keinort.noblogs.org

(1) http://syndikalismus.wordpress.com/2014/01/16/der-schlachter-von-beirut-vor-dem-hochsten-gericht/
(2) http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/tolle_tage_mit_juedischen_experten
(3) http://www.deutschlandfunk.de/streit-unter-bruedern.691.de.html?dram%3Aarticle_id=50133


#48 Von Jugendarbeitslosen und Philosophie

Das die Jugend nichts taugt wusste schon Plato. Auch bei den späteren Christen war klar: Der Mensch hat seine Existenz im Paradies begonnen und von da an ging es abwärts – heute wartet die Apokalypse hinter jeder neuen Jahreszahl, weil die Menschen so Gott- und Nächstenliebevergessen sind.

Panik ist angebracht: „Laut einer Studie sind 26 Prozent der deutschen Arbeitgeber mit dem Nachwuchs unzufrieden.“ (1) kann man da mal wieder auf SPON lesen – „Mängel sehen die Befragten demnach vor allem bei der Arbeitsmoral oder den Fähigkeiten zur systematischen Problemlösung.“ (1)

Die Objektivität des bürgerlichen Journalismus drückt sich bekanntermaßen darin aus, dass Polizeiberichte, Politikerreden und Studien von Instituten unkommentiert wiedergegeben werden und selbst bei hanebüchernem Inhalt nicht durch Kritik verzerrt werden. Man sieht sich hier nicht nur beim Thema Jugendlicher Moralverluste in einer Traditionslinie mit Plato, sondern auch bei der Stringens der Argumentation: Wo der Schüler Sokrates die Existenz von Gliedmaßen schlüssig daraus erklärte, dass die Menschenköpfe ja ansonsten ständig unkontrolliert über den Boden rollen würden, findet die Studie heraus: „Qualifikationslücken seien mitverantwortlich für die hohe Jugendarbeitslosigkeit vor allem in den Krisenstaaten.“ (1)

Wenn in Griechenland also jeder zweite der Jugendlichen keine Arbeit hat und auch keine in Aussicht steht, dann Verhält sich das wohl folgendermaßen: Die Betriebe wussten bereits im Vorraus, dass mit diesen Jugendlichen kein Gewinn zu machen ist, also haben sie vorsorglich Konkurs angemeldet und lassen die Jugendlichen jetzt im Regen stehen. Wären diese Qualifiziert, dann hätte sich der Betrieb das mit der Niederlage in der Konkurrenz natürlich anders überlegt und der Jugendliche hätte auch Arbeit.

„Junge Menschen werden falsch informiert. Unser aktuelles System der Berufsinformation und -beratung garantiert nicht, dass junge Menschen die Ausbildung wählen, die tatsächlich die beste für sie ist“ (1) – ganz so, als ginge es bei der Ausbildung irgendwie darum, was das beste für den Auszubildenden ist. So will der Satz aber eigentlich auch gar nicht gelesen werden, so will er nur klingen: Alle wissen, dass es darum geht, dass die Ausgebildeten am Ende nicht so viel Gewinn bringen wie gewünscht. „In allen analysierten Staaten scheint das Bildungssystem die Jugendlichen nicht gut genug auf den Beruf vorzubereiten“ (1) – und das soll nun ein Problem für die Jugendlichen sein, dass sie in den ersten Wochen ihrer Arbeit noch nicht die volle Gewinnspanne für den Betrieb rausholen?

Tatsächlich geht es natürlich nicht darum, dass die Jugendlichen falsch informiert darüber wären, welche Ausbildung gut für sie ist: Das stimmt zwar auch, aber wohl kaum eine Beratungsstelle für Studenten und Azubis würde die Leute wohl sachlich darüber aufklären, was zehn Jahre im angestrebten Beruf aus Körper und Geist der heute noch Jugendlichen machen würde – zu fix würden sich diese dann wohl ganz gegen das Arbeiten entscheiden. Die Information, welche den Jugendlichen fehlt und die hier eingeklagt wird, ist dieser Art, dass die Jugendlichen scheinbar immer noch nicht die Berufe wählen, in welchen sie am meisten abwerfen für Vaterland und Betrieb. Das hat selbstredent nichts mit „Information“ zu tun, aber ansonsten müsste man auch schreiben: Die Jugendlichen haben leider immer noch einen Willen und suchen sich dabei manchmal eine Ausbildung oder ein Studiengang aus, der sie am Ende gar nicht so verwertbar macht, wie wir das gerne hätten – und das klingt dann doch irgendwie hässlich.

In einem Gespräch mit einem Freund, der stark unter den Spätschäden eines Foucaultstudiums leidet, musste ich vor ein paar Tagen hören: „Als die Menschen noch dachten, die Erde sei flach, da war sie auch noch flach.“ Bei solcherlei Unsinn macht der Spiegel und Co nicht mit. Das Subjektive „Ich will eine gute Ausbildung“ mit welchem noch in dem obigen Zitat gespielt wird entlarvt sich schnell als etwas ganz anderes denn als der objektive Zweck der Ausbildung: „EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou bezeichnete fehlende Fertigkeiten als Bedrohung für Europas künftigen Wohlstand.“ (1).

Als Auszubildender und Ausgebildete sollte man sich also die Sorge um seine Ausbildung und ihren Zustand nicht zueigen machen. Wenn die Herren dieser Welt unsere Ausbildung für nicht gut genug für ihre Zwecke halten, dann sollte das kein Grund für uns sein, in Panik zu geraten.

(1) http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/ausbildung-arbeitgeber-beklagen-maengel-bei-berufsanfaengern-a-943191.html


#47 Von Gefahrenzonen für die Demokratie

Manchmal ist es schon verwirrend. Da wird in Hamburg ein „Gefahrengebiet“ (1) ausgerufen, weil die demokratisch gewählten Herrschaften nicht mehr hinnehmen wollen, dass einige Krawallmacher diejenigen angreifen, welche ihre Herrschaft sichern und durchsetzen.

Das nimmt die Linke dieses Landes allerdings nicht zum Anlass sich mal ein paar Fragen zu Stellen zur Sache Demokratie, die sich wie andere Formen der bürgerlichen Herrschaft natürlich zu wehren weiß gegen Gefährdungen ihres Personals und so zum Schutze der Demokratie auch mal ihre Bürger in bestimmten, suspekten, Stadtteilen ohne Anfangsverdacht kontrolltiert.

Wo sich in Form von Notstandsgesetzen die bürgerliche Herrschaft mal von der ruppigen Seite zeigt – und wir alle wissen wieviel mehr dieser Staat an Gewaltmitteln hat als ein paar Polizisten die Personalausweise kontrollieren – da wird als Opfer ausgerechnet die Demokratie erkannt: „Umstritten ist jedoch, ob die Befugnis mit dem Grundgesetz vereinbar ist.“ (2)

Da richtet der demokratische Staat also Zonen ein, in welchen er sein Menschenmaterial für so aufmüpfig erklärt, dass er ihnen die Freiheit nicht mehr erlauben kann, nicht kontrolliert zu werden, und die Linke dieses Landes entdeckt nicht, dass Freiheit eben nicht mehr ist als eine staatliche Lizens, die einem wieder genommen werden kann. Nein, da schallt es aus dem Facebookwald doch sofort: „Rettet die Demokratie“ und der Likebutton wird heißgedrückt.

Die Demokraten von unten können sich gar nicht vorstellen, dass die Demokratie gar nicht so schön ist wie es im Gemeinschaftskundeunterricht gelehrt wurde und fangen wie immer an zu schreien: Demokratie in Gefahr!

Indes ist eigentlich niemand in Gefahr:

– Die Demokratie nicht, weil die Untertanen dieses Staates die Herrschaftsform der sie unterworfen sind noch selbst beschützen wollen vor ihren hässlichen Seiten, die für sie ja immer „antidemokratisch“ sind
– Die Polizei nicht, weil sie alle Gewaltmittel monopolisiert hat, und die Autonomen nur ein paar Steine und Böller haben
– Die Linke nicht, weil sie sich zu Verteidigern einer Demokratie erklären, und diese sich höchst erfolgreich gegen ihre Feinde durchsetzt (wenn auch aus anderen Gründen als die TAZ vermutet)
– „Anwohner oder Besucher sollen laut Polizei nicht übermäßig belastet, die Kontrollen „mit Augenmaß“ durchgeführt werden. Sie richteten sich gegen relevante Personengruppen.“ (1) – Was schön formuliert nichts anderes meint als: Die Polizei kontrolliert nur Leute, die sie auch für Leute hält die sie sucht. Was auch sonst?

(1) http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-01/hamburg-gefahrengebiet-stpauli
(2) http://taz.de/Polizeirecht-und-Gefahrengebiete/!130433/


#46 Der Seufzer des enttäuschten Patrioten

Augstein ist mal wieder enttäuscht: „Deutschland bleibt ein ungerechtes Land“ (1), auch mit Schwarz-roter Regierung. Dabei hatte für ihn alles so gut angefangen: „Diese vergangenen Monate waren unser demokratischer Frühling. In Deutschland wurde über Politik gestritten wie seit langem nicht mehr.“ (1). Da kann man dann schon mal den Inhalt der Debatten getrost vergessen, wenn man sich als guter Demokrat alleine schon über den Streit als Kultur zu freuen vermag. Dabei hatte es dieser in sich:

Wenn da eine Kanzlerin Merkel bei dem Kanzlerduell gegen den Mindestlohnvorschlag von Steinmeier einbringt, dass dieser die Sozialkassen gar nicht entlaste, da „selbst bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro 40 Jahre Arbeit nicht ausreichen, um eine Rente zu bekommen,die oberhalb sozialer Zuschüsse liegt“ (2), dann argumentiert Merkel zynisch: Der Mindestlohn sei sowieso zu niedrig, um die Kassen zu entlasten – da können man es gleich lassen. Allerdings sollten auch die Fans der staatlich reglementierten Armutsverwaltung ala SPD dem ex Kanzlerkandidaten genauer auf den Mund schauen: Der findet den besten Grund für den Mindestlohn immer noch darin, dass der Staat dann Millionen spart beim Aufstocken der Löhne, die da nicht zum Leben reichen. Der Prolet kommt bei beiden nicht vor – kann diesem reichlich egal sein, ob er sein Geld vom Kapitalisten oder vom Staat bekommt, mit dem er kaum leben kann.

Da zeigt sich auch der gute Patriotismus der Linken, von Augstein bis zur Linkspartei: Das gefälligst die „da oben“ – in diesem Falle die Arbeitgeber – auch den miesen Lohn zu zahlen habe und nicht der Steuerzahler – wird so eingefordert, als ob die Machtmittel des Staates, also sein Bundeshaushalt, wirklich noch in mein Interesse als Arbeiter fallen würde. Das lebt von der Lüge, wenn es genügend Reichtum unter Verwaltung des Staates gäbe, wäre für alle Deutschen gut gesorgt: Eine dreiste Lüge in einem der Reichsten Länder der Welt, dass nicht trotzdem, sondern genau deswegen Billigarbeit und Kinderarmut kennt weil die Geschäfte hier so gut laufen.

Über all das will sich Augstein allerdings keine Rechenschaft ablegen. So kennt er als Opfer der Politik auch keine Lohnabhängigen sondern nur seine eigenen Ideale: „Und was bleibt auf der Strecke? Das große Thema dieses Wahlkampfs: die Gerechtigkeit.“ (1) Das es unten und oben gibt, stört einen wie Augstein ja auch gar nicht. Aber „Mit dieser Großen Koalition wird es kein Ende der Umverteilung von unten nach oben geben“ (1) – und das will er nicht ertragen. Sein Deutschland müsse doch Platz für alle haben! So ist keine noch so schlechte Realität Immun gegen den Idealismus eines enttäuschten Patrioten, der sein Land nur um so mehr liebt, um so größer sein Leichenhaufen wird.

Sein grundgutes Urteil über die Verhältnisse erklärt auch, warum er der GroKo kollektiv unterstellt: „Der Rest ist Schnarchen“ (1). Dabei schlafen die Herren von der Union und der SPD nicht, sondern richten genau die Zustände ein, die Augstein ständig von genau diesen Damen und Herren geändert haben will. So erkennt Augstein überhaupt nicht, dass Hartz IV, Billiglohn, Krieg und Flüchtlingstote im Mittelmeer kein Zeichen ausbleibender Politik sind – sondern deren blutige Konsequenz.

(1) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/augstein-kolumne-grosse-koalition-stabilisiert-soziale-spaltung-a-939284.html
(2) http://www.youtube.com/watch?v=YshR-9pf5Mk


#45 Punk lebt

Schon die ’77er Punks von Crass wussten, „Punk is dead“. Der Ausverkauf hatte begonnen, bevor es richtig losging mit den Sex Pistols und ihrem Outfit – schon damals – designd bei Vivian Westwood. „The great Rock ’n Roll Swindle“ ist also von Anfang an treuer Begleiter dieser Subkultur und eigentlich war den wenigen vernünftigen Exemplaren dieser Gattung immer klar, dass ein wirklich autentischer Punk zu sein hieß sich gut bezahlen zu lassen für die hässlichen Klamotten die man trägt.

Punk meinte von Anfang an die Ästhetisierung – und damit immer auch die Konsumierbarkeit – von dem Müll dieser Gesellschaft (semi)professionell voran zu treiben. Wo „wirklicher Punk“ gegröllt wurde, war es einfach nur so schlecht, dass sich damit kein Geld verdienen lies: Wasted youth zwischen „Knochenfabrik“ und „Dödelhaien“.

Eigentlich nur Konsequent, wenn die CDU es jetzt für sich entdeckt, aus Müll noch Geld zu machen: „Politik brauche mehr Punk“ (1) sagt da der neue Generalsekretär der CDU dem Spiegel, und während die letzten Anhänger von Nietengürtel und schlechten Frisuren sich aufregen, zeigt die CDU Zeitgeist: Wo jedem klar ist, dass die Verhältnisse jeden Einzelnen zermalmen, da kann auch die Regierungspartei nichts Schlechtes mehr daran erkennen, mit der neuen Kriegsmama von der Leyel den „Trümmertango“(2) zu tanzen; und Merkel hört man schon die Melodien von Slime pfeifen, während ihre neuen Minister der CDU zwischen ihren SPD Kollegen singen: „Wir sind wie Blumen im Müll“ (2).

Nein, wenn die CDU Punk wird, ist Punk nicht tot, sondern es ist endlich erreicht: „Dieses Land, dass wird nach uns benannt“(3) und die Chaostage werden neben dem Oktoberfest und der Wasn die offiziell anerkannte Tour sich seinen Arbeitsalltag ein weiteres mal im Jahr erträglich zu saufen. Was wir hier erleben ist keine Zeitenwende, sondern die kleine Erkenntnis, das zwischen „Lebt den der alte Holzmichl noch“ und „die Getränke sind frei“(4) noch nie mehr als ein Notenblatt passte.

„Viva Punk“!(5)

(1) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/peter-tauber-soll-als-neuer-cdu-generalsekretaer-partei-oeffnen-a-939328.html
(2) Normahl
(3) Slime
(4) SIK
(5) Die goldenen Zitronen


#44 Das Fest der Liebe

Jedes Jahr erinnern die Menschen Spektrenübergreifend daran, dass der eigentliche Zweck des Weihnachtsfestes ja längst zwischen Tonnen von Lametta und Geschenken erstickt wäre und das Fest der Liebe zum Fest des Konsums verkommen wäre. Die Zeit stellt fest, dass „Müllberge, Akkordarbeit, Konsumstress“(1) die Folge des Weihnachtsfestes seien und bereits 2011 schrieb der Althippi Langhans, dass „Eigentlich klar [ist], dass Linke Weihnachten hassen sollten“ (2) – eben weil es zum Kauffest geworden wäre.

Dabei ist die beschauliche Rücksinnierung auf den Herrn im Himmel der uns geboren ward wohl einer der Ursprünglichen Ideen des Weihnachtsfestes und drückt in seinem sehnen nach einem guten Herren eine so devote Lebenshaltung aus, dass I-Phones und Legoburgen auf Wunschzetteln eigentlich Sympatischer wirken sollten. Die Sorte Kinder, die für einen Herren, der sie ausnahmsweiße mal nicht verprügelt sondern sogar für sie stirbt gerne mal auf den obligatorischen Umschlag von Oma zu Heiligabend verzichten, sind viel gefährlicher als jeder „Konsumwahn“ unterm Weihnachtsbaum.

Der Christ im Stroh ist der Idealismus einer Sorte Menschen, die sich ein Leben ohne Herren überhaupt nicht vorstellen kann, aber zumindest noch feststellt, dass es ihre Führer im hier & heute doch nicht immer gut mit ihnen meinen. So verpflichten sie sich jenem einen, der wirklich nur über sie Herrschaft, damit es i h n e n gut geht – Amen.

Wo Langhans und andere Linke den Kern des Weihnachtsfestes betrauern – da angeblich völlig verlorengegangen – geht es freilich nicht um irgendwelche heiligen Kinder sondern um „das Fest der Liebe“, dass sich bei genauem Hinschauen als passendes Fest zur bürgerlichen Familie entpumpt.

Wo einen genauer Betrachtet mit der „heiligen Familie“ keine gemeinsamen Interessen verbinden sondern die staatlich gesetzte Bedarfsgemeinschaft und die finanzielle Verantwortung für die Balger, die eh nicht werden wollen was man sich für sie erträumt hat, da passt ein „Fest der Liebe“ gut ins Repertoire der Pflichtübungen, die einmal im Jahr geübt wird. Da sitzen dann alle zusammen, die man sonst nie sieht – weil einen ja auch nichts verbindet was über den Geldbeutel und ein paar DNA Fetzen hinausgeht – und heucheln sich jene Liebe vor, die sonst ganz kalkuliert gar nicht vorkommt im menschlichen Konkurrenzkampf der hier Gesellschaft geschumpfen wird.

Wo der vereinzelte tatsächlich mal gerne Zeit mit seiner Familie verbringt ist nicht das Prinzipielle widerlegt, sonder findet sich zur Zwangsgemeinschaft durch Zufall oder viel guten Willen tatsächlich das gemeinsame Interesse. Oder aber, der Alltag ist bereits so unterträglich geworden, dass selbst die Pause vom Arbeiten die man mit der Familie verbringt noch als Erholung wahrgenommen werden von dem was die Arbeit mit uns macht.

Wo die Menschen tatsächlich Zeit hätten sich mit jenen zu treffen die sie mögen bräuchte es kein „Fest der Liebe“, und wo die Menschen nicht als vereinzelt Einzelne gegen jeden anderen antreten müssten in dem Versuch ihre Reproduktion zu arragieren, da braucht es auch die Familie nicht. Es ist also bei weitem nicht die „Konsummentalität“, welche das eigentlich gute Weihnachten kaputtmacht, sondern viel eher der Flachbildfernseh unterm Weihnachtsbaum, welcher die religiös-devote Liebesheuchelei der heiligen Nacht noch erträglich macht.

(1) http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-12/weihnachtskonsum
(2) http://www.taz.de/!83858/


#43 Lebenstipps für Manager

„Materialismus hat einen hohen Preis“ heißt das Video aus der Ecke der Postmaterialisten, Esoteriker und Konsumächter, dass gerade auf Facebook fleißig geteilt wird.

„Studien machen deutlich, dass Menschen um so unglücklicher und unzufriedener mit ihrem Leben sind je mehr sie ihr Ziel auf materielle Ziele legen“ (1). Was ein Argument dafür sein soll, dass Menschen ja  e i g e n t l i c h vor allem Liebe und Bäume brauchen, ist die Ignoranz der Filmemacher gegen die Lebensrealität der Lohnabhängigen. Das „Depression, Angststörungen und Drogenmissbrauch“ (1) bei diesen Menschen häufiger der Fall sind, sollte nicht wundern: Wer Geld hat, hat andere Ziele – Materialisten sind ja in erster Linie die, welche gar nicht genug haben für ihre Bedürfnisse.

Das Menschen um so Glücklich sind, um so mehr ihre materiellen Bedürfnisse befriedigt sind und sie sich anderem widmen können überrascht weder, noch zeigt es das, was die Filmemacher beweisen wollten. Das zeigt sich besonders deutlich, wenn im Video die Alternativen zu den fiesen, geldgeilen Materialisten gezeigt werden: Am Strand sitzen, ein Buch lesen oder einfach mal die Seele mit Freunden baumeln lassen. Das die Menschen aber gar nicht Arbeiten s t a t t am Strand zu liegen, sondern damit sie ü b e r h a u p t eine Wohnung haben und mit viel Glück das Geld haben zwei Wochen im Jahr am Strand zu liegen wird dabei weggelassen.

Der Film in seiner dümmlich-naiven Art ignoriert das offensichtliche für Lohnabhängige: Um überhaupt mit Freunden Zeit zu verbringen, Hobby zu haben und in der Natur zu wandern braucht man Geld – wieso der Tipp aufs Geld zu verzichten um dem nachgehen zu können wohl nur von Managern wirklich verfolgt werden kann.

(1) https://www.youtube.com/watch?v=D2KbzZrBbMo#t=318


#42 Guter Rechtsstaat vs. böser Unrechtsstaat

Will man die Menschenverachtung der DDR darstellen, taugt zumeist die Mauer als Beispiel: in 40 Jahren 98 Tote DDR-Flüchtlinge und 8 Tote Grenzsoldaten. An den EU Grenzen bei Lampedusa des freien Europa starben alleine in den letzten Wochen über 300 Menschen. Abgesehen von dieser bekannten Grenze hat der freie Westen aber noch mehr zu bieten. In Spanien wird ein Zaun (wieder) aufgebaut: „Mindestens ein Drittel der 12 Kilometer langen und 6 Meter hohen Grenzanlage soll mit dem Draht, der mit rasiermesserscharfen Klingen versehen ist, bestückt werden.“ (1) Alleine zwischen 2005 und 2007 starben mindesten 13 Menschen an dem Zaun. „Einige verbluteten erbärmlich, nachdem sie sich im Draht verfangen hatten.“ (1)

„Die Zahl der Menschen, die beim Versuch die Grenze illegal zu überschreiten sterben, wird auf 250 bis 500 jährlich geschätzt“ (2) Hier ist nicht die Rede von Nordkorea sondern von der Grenze zwischen Mexiko und den USA.

Schwieriger zu finden sind die Zahlen der Toten die Frontex in der Ukraine und anderen Grenzen der EU zu verantworten hat, an welchem die Menschen weniger spektakulär sterben als in Lampedusa (3).

Der Rechtsstaat und der Unrechtsstaat sind nicht daran zu unterscheiden, wieviele Tote produziert werden. Der Unterschied ist einfach: Der Rechtsstaat ändert zuerst seine Gesetze und führt dann die gewünschte Maßnahme durch, der Unrechtsstaat führt zuerst die Maßnahme durch und legitimiert die Aktion danach. So gibt es in jedem Rechtsstaat auch ab und an Unrechtmäßige Staatsaktionen, wie z.B. flächendeckende Überwachung, welche (in manchen Fällen) in dieser Form (noch) nicht legitimiert ist.

Diese Unterscheidung ist allerdings nicht die zwischen BRD und DDR – beide Staaten waren und sind Rechtsstaaten, welche ihre staatliche Gewalt nach Recht und Ordnung ausüben. Ganz nebenbei: Auch der Nationalsozialismus richtete sich einen Rechtsstaat ein – kaum ein Jude wurde willkürlich ermordert; der Staat schuf sich vor jeder Deportation und jeder neuen Widerlichkeit entsprechende Gesetze.

Der Schrei nach dem Rechtsstaat ist demnach bei der Überwachung nur der Schrei danach, die Gesetze der Praxis anzupassen – und im Falle der Grenzen des freien Westens die Forderung, keinen Menschen Unrechtmäßig zu töten. Sollange die Gesetze eingehalten werden, haben die Befürworter des Rechtsstaats nichts als ihre moralische Empörung gegen die Leichen an den Grenzen – wenn überhaupt.

(1) http://taz.de/Spaniens-Grenzschutzstrategie/!126966/
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Grenze_zwischen_den_Vereinigten_Staaten_und_Mexiko
(3) http://frontex.antira.info/frontex/


#41 Der Feind im eigenen Kühlschrank

Landhof Gratinkäse gerieben 200g (1) und auch Star Marke Gouda ger. 200g (1), sowie fast 20 andere Käsesorten, vertrieben von Kaufland, Edeka, Marktkauf, Kaiser, Lidl, Netto und Real (1) werden zurückgerufen wegen dem Verdacht, gefährliche Bakterien zu enthalten. „Wenn Packungen der genannten Art im Haushalt seien, sollten Kunden diese entweder vernichten oder in die Verkaufsstelle zurückbringen.“ (2). Der Käse kann Nebenwirkungen verursachen wie „Entzündungen des Gehirns […] Durchfall und Bauchschmerzen […] hohes Fieber, starke Kopfschmerzen, Lähmungen und Benommenheit“ (2).

Neben diesen Durchfallkäse gab es über das Jahr schon einige Lebensmittel mit überraschendem Inhalt: Bekannt geworden ist die Lasange mit Pferdefleisch geworden, weniger bekannt aber nicht weniger interessant war der Schweineanteil in der IKEA-Elchlasagne im April 2013 (3). Im März wurde Gammelfleisch in Würsten gefunden (4). Ganz aktuell berichtet heute das Gammelblatt Focus von einem Schmierenskandal in Bad Bentheim: Hier wurde wohl bereits „verdorbenes, ja schon grünes Fleisch“ (5) zu Wurst verarbeitet.

Kaum noch jemand wundert sich über solche Nachrichten und so stellt sich auch kaum noch die Frage: Warum gibt es eigentlich dermaßen viele Lebensmittel, die scheinbar gar nicht dazu taugen gegessen zu werden? Die naheliegende Antwort, dass sie überhaupt nicht für den Verzehr produziert werden sondern für den Geldbeutel der Warenbesitzer ist weder im Focus noch im Spiegel zu finden – dafür allerlei Schelte gegen die Konsumenten dieser unappetitlichen bis krankmachenden Produkte. Diese seien ja mehr oder weniger selber Schuld, da man für wenig Geld eben nur billige Ware bekomme: was scheinbar mit giftig bis widerlich gleichzusetzen ist.

Nicht nur, dass niemand in diesen Verhältnissen die Produktion bestimmt und daher so ganz genau weiß was er da eigentlich isst – ab und an wird auch mal entdeckt, dass ein Yuppi-Bio-Ei nicht ganz gehalten hat was es verspricht (6) – es gehört auch eine ordentliche Portion Zynismus dazu, gerade jenen ihre schlechte Wahl vorzuhalten, die so Haushalten müssen mit ihrem Lohn, dass die Wahl auf das Aldisteak oder den Kaufland-Käse fällt und nicht auf die Gourmettafeln, die Reichlich gedeckt sind mit dem guten dieser Erde – für jene, mit einem Geldbeutel der reichlich gefüllt ist.

Warum es selbstverständlich sein soll, dass wer von seinem Lohn nicht nur Essen und Wohnen, sondern vielleicht auch ins Kino gehen will, deshalb auf minderwertiges Essen zurückfallen muss kann man auch nur hinnehmen, wenn man bereits Unterschrieben hat, dass es eben nicht genugt für alle gibt – die dreiste Lüge der BWL, welche die Grundlage ist für ihre ganze Ideologie von „Leistung“ und „Lohngerechtigkeit“. Diese Logik von Mangel und Verzicht einmal akzeptiert, sehen die Menschen dann eben eher den Feind im eigenen Kühlschrank und predigen bewussten Konsum, anstatt sich gegen Verhältnisse zu stellen, in welchen es Normal ist auf der einen Seite Essen zu haben, und auf der anderen Seite eine eigene Abteilung Billigfraß für Studentinnen und Hartzer.

(1) http://www.dmk.de/fileadmin/redaktion/presse/pressemitteilungen/2013/20131106_DMK_Kundeninformation_final.pdf
(2) http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/listerien-in-reibekaese-molkerei-ruft-200-gramm-verpackungen-zurueck-a-932192.html
(3) http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/ikea-stoppt-verkauf-von-elchlasagne-nach-schweinefleisch-fund-a-892870.html
(4) http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/polen-gammelfleisch-in-wuersten-entdeckt-a-887787.html
(5) http://m.focus.de/gesundheit/news/der-naechste-gammelfleisch-skandal-wurstfabrik-arbeiter-packen-aus-fleisch-war-gruen_aid_1149955.html?fbc=fb-fanpage-politik&utm_content=1383731613696142
(6) http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/aigner-fordert-bio-eier-betrug-a-885377.html