#40 Diese Position ist indiskutabel!

Es sind zwei Positionen, die sich scheinbar widersprechen und doch den selben Geist atmen.

Es sind jene, die sich selbst verstehen als Kommunisten, Anarchisten, Trotzkisten, Antideutsche, Maoistinnen, Anarchosyndikalisten und Feministinnen welche nur zu gerne Identitäten aufblasen. Im anderen wird immer der Feind erkannt oder zumindest ein sehr unzuverlässiger Kooperationspartner in selektirten Fragen. Dabei waltet hier keinesfalls der Pragmatismus, sondern die identitäre Abgrenzung: Wer nicht mit DEN Kommunisten reden will als Anarchist, wird seine Schwierigkeiten haben Gemeinsamkeiten zu finden zwischen Gegenstandpunkt und kommunistischer Initiative. Wer die Anarchisten kleinbürgerlich Schimpft kann nicht trennen zwischen Hippikommune und anarchistischer Gewerkschaft.

Aber die postmoderne Lösung ist nur scheinbar über diesen Geist erhaben. Wo „Identitäten“ abgelehnt werden, wird einfach jeder misstrauisch beäugt, der noch Standpunkte hat. In der Ideologie der Beliebigkeit gibt es keine Argumente mehr, sondern offene Fragen. Wo man sich freut über eine Pluralität an Standpunkten oder gar ihrem gänzlichen Fehlen sollte die Frage einsetzten, ob es tatsächlich eine Stärke ist, bei kaum einem Punkt eine (gemeinsame) Analyse zu haben.

Gerade das Argument und die gemeinsame Diskussion sollte der Grundstein sein auf welchem sich Standpunkte bilden und nicht umgekehrt die Standpunkte entscheiden, mit wem noch Diskutiert wird. Wer dann nicht mehr zusammen arbeiten kann oder will, trifft die Einzig sinnvolle Entscheidung wenn er getrennte Wege geht – Wer aber nicht mit „den“ Trotzkisten redet, hat seinem Ressentiment Platz eingeräumt, und keine inhaltlich-pragmatische Arbeitsweise entwickelt.

Was bis hierher nach linksradikalem Allgemeinplatz riecht, stellt konsequent weitergedacht doch einiges in Frage was da längst zum guten Ton gehört: Nicht mehr Agitation und Propaganda, sondern eine „Die sind doch unbelehrbar“ Atittüde ist dann nicht mehr zu halten: Wer nach dem zweiten Wortwechsel vom „Nationalismus“ oder dem Argument der „natürlichkeit“ irgendwelcher sexuellen Spielereien nicht abrücken mag ist Diskreditiert in einer Linken, die nur eines Beweisen will: Das ihre Identität die Richtige ist, und einfach besser als die anderen. Hier ersetzte moralische Empörung über Positionen den naheliegensten Versuch: Den Standpunkt des anderen zu Widerlegen und damit einen Irrtum aus der Welt zu räumen.

Was hier angeführt ist für den innerlinken Diskurs, hat Geltung aber auch in ihrem Umgang mit allen anderen: Grauzone ist in diesem Verständnis nicht etwa ein Feld von Leuten das agitiert werden muss – sondern verprügelt. Dabei muss nicht auf ein schlechtes Punkkonzert gegangen werden, um Menschen zu finden die Nation und Staat im Grunde für sinnvolle Einrichtungen halten. Mit dieser Form der identitären Politik wäre ein Johannes Agnoli niemals einer der wichtigsten Denker der Vor’68er geworden. Der Theoretiker zwischen Anarchismus und Marxismus war Mitglied der faschistischen Gioventù Italiana del Littorio und Freiwilliger der Waffen-SS in seinen jungen Jahren.


#39 Empört euch bitte nicht

Stephane Hessel ist tot, und die Graswurzelrevolution würdigt, durchaus kritisch, sein Leben. Aus seiner Zeit als Staatslakaie sei „kaum Nennenswertes zu berichten“ und „wenn doch, dann kritikwürdiges“. Sein 40.000 Zeichentext „Empört euch!“ sei aus der Sicht „anarchistischer LeserInnen stellenweise enttäuschent.“

Ob damit sein positiver Bezug auf Nationen oder seine Ausblendung der kapitalistischen Vergesellschaftung gemeint ist, bleibt den „anarchistischen LeserInnen“ überlassen.

So bleibt die Würdigung, dass seine Broschüre „wohl die am meisten verbreitete Propaganda für gewaltfreie Aktionen darstellt, die es in den letzten Jahren gegeben hat.“ Welche Ziele gewaltfrei errecht werden sollen, kann da wohl schonmal in den Hintergrund rücken.

Und so sind alle Glücklich, dass sich mal jemand Empört, natürlich Gewaltfrei. Warum sich dann da über was Empört wird, ist dann zwar „stellenweise enttäuschent“, aber Hauptsache es Bewegt sich mal was und die Leute stellen das staatliche Gewaltmonopol nicht in Frage.

Wenn dann wieder Hundertausende in den Straßen von Paris gegen die Ehe von Homosexuellen und moralische Verwahrlosung auf die Straße gehen bleibt nur übrig zu sagen: Empört euch bitte nicht!


#38 Jagd nach einem Gespenst

„Die ‚befreite‘ Türkei schlachtet, mit den ihr von Rußland gelieferten Waffen, die Kommunisten ab. Das in seinem nationalen Freiheitskampf von Rußland und der Dritten Internationale unterstützte China würgt seine Arbeiterbewegung nach dem Muster der Pariser Kommune ab. Abertausende von Arbeiterleichen bestätigen Rosa Luxemburgs Auffassung, daß die Phrase vom Selbstbestimmungsrecht der Nationen nichts als „kleinbürgerlicher Humbug“ ist. Wie sehr der Kampf um die nationale Befreiung ein Kampf um die Demokratie ist, zeigen wohl die nationalistischen Abenteuer der Dritten Internationale in Deutschland, die mit zu den Vorraussetzungen des faschistischen Sieges gehören. Man hat die Arbeiter selbst zu Faschisten erzogen, indem man zahn Jahre lang mit Hitler um den ‚wirklich Nationalismus‘ konkurrierte.“ Anton Pannekoek 1935

Der Versuch, Nationalismus zu verstehen kann sehr leicht scheitern. Man sucht in positivistischer Manier eine Definition zu finden und findet sich in einer Reihe mit Stalin, welcher eine gemeinsame Wirtschaft, gemeinsame Kultur, gemeinsame Regierung und anderes als Merkmale einer Nation zu fassen glaubte.

Die Nation indes ist ein Gespenst dem Leben erst eingehaucht wird durch eben jene Versuche, diese hässliche Abstraktion in der Realität geltend zu machen. Nationalismus ist zuallererst das gemeinsame vereinzelt Einzelner in einer Gesellschaft, die eben durch die Wertform bestimmt wird. Dieses gemeinsame Existiert aber nicht aus den Verhältnissen an sich, und muss somit ständig gewaltförmig hergestellt werden. „Ein Ausländer ist,…“ „Deutsch ist…“ kann nicht beantwortet werden, ohne diese Gewalt. Ein richtige Antwort ist hier, wie so oft, eben nur das verwerfen der Frage.

Wo die KPD/ML noch schrieb „Deutschland dem deutschen Volk!“ (1974) drückte sie ihr Verhältnis zum falschen Ganzen aus: Das Gemeinsame wird in eben jener Ideologie gesucht, welche die Einzelnen gleich macht als Deutsche, um sie dann im Konkurrenzkampf (Individuell wie Kollektiv als Deutsche) auf die Schlachtbank zu schicken.

In diesem Sinne gibt es auch hier kein Richtiges im Falschen, kein Kollektiv das bereits existiert und von den Kommunisten nur mit dem richtigen Inhalt gefüllt werden müsste. Es gibt keinen Nationalismus, welcher Staat und Kapital abschaffen könnte.


#37 Avantgarde und Dominanz

In der radikalen Linken werden diejenigen Kritisiert, die viel tun; sie sind dominant, und schließen andere davon aus zu reden. Es sind jene Schweigenden, welche nicht wissen was sie sagen sollen, welche die eigene Schwäche in der Dominanz der anderen erkennen. Das Ergebnis ist nicht der Kampf gegen die eigene Unzulänglichkeit, sondern gegen den Wunsch anderer, sich Auszudrücken und etwas zu bewegen in den versteinerten Verhältnissen. Das „no more Heros anymore“ wird hier zur Ablehnung jedes Lernen; wer mehr redet als ich, muss Feind sein; Vorbild ist ausgeschlossen.

In der radikalen Linken wird die Avantgarde verabscheut. Diese, die Vorangehen, werden von jenen, die nur ihre Rücken sehen mit schrecklichen Fratzen gemalt. Diese, die Vorangehen, sollten warten auf jene, die hinten stehen; und allzuoft gar nicht zu laufen beginnen. Wo alle auf alle warten, gibt es keine Bewegung. Wo Menschen vorangehen, gibt es eine Avantgarde.

Avantgarde und Dominanz wird zusammen gedacht. Ein Macker, wer seine Interessen ausspricht; Ein Stalinist, wer sich organisiert; Ein Fanatiker, wer sich nicht alle Optionen offen lässt.

Die postmoderne Beliebigkeit ist der alte Liberalismus, welcher im Sommerkleid der Dominanzkritik längst Einzug in den Linksradikalismus gefunden hat (vielleicht auch konstitutiv für diesen ist).


#36 Stalins Dick

Ein einzelnes Gebäude, dass direkt an der Hauptstation von Warschau steht – die Warschauer nennen es wohl wenig liebevoll „Dick of Stalin“. Es ist der Versuch das Gebäude ins Lächerliche zu ziehen; eine Reaktion auf die Furchterregende Architektur, deren Bann durch solch einen Namen aber nicht vollstaendig gebrochen werden kann.

Diese Art der Architektur ist Realsozialistisch und gleichzeitig ein Comicstrip. Hier trifft sich Spektakel und Stalinismus, Bild und Bruch. Die Situationisten schrieben, das Blut ist Real, aber die Sprache ist die von Gotham City. Dieses Gebäude IST Gotham City.

Aber es ist mehr. Es ist so monumental, dass es nur als Machtdemostration verstanden werden kann. Wo die Sozialisten behauptet haben, es sei die Macht des Menschen über die Natur und über sein eigenes Schicksal zeigt es indessen ein ganz anderes Bild: Das Gebäude zeigt die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber dem Ganzen, es ist ein Monument der absoluten Ohnmacht. Um das Gebäude herum sieht man schöne Menschen, Statuen mit totem Blick. Sie wirken wie der neue, der Sowjetmensch. Sie sind so groß, dass man selbst sich klein vorkommen muss; sie sind kein Ansporn zu wachsen, sie sind Ausdruck der Nichtigkeit des Lebens.

Als ob das alles noch nicht reichen würde, gipfelt das Gebäude in einer gigantischen Uhr. Als sowjetisches Geschenk an das „polnische Volk“ erscheint es damit nur noch Furcherregender; noch immer stimmt die Uhrzeit, als ob diese seine Zeit nicht mit dem Ende der Sowjetunion abgelaufen wäre, sondern als ob dieses Gebäude in seinen rießigen Mauern nur darauf warten würde, dass seine Stunde noch kommt. Im polnischen Nebel ist es rießenhaft, umgeben von neuen Hochhäusern noch immer das bestimmende Moment. Nicht schlafend, sondern wachend bis seine Stunde schlägt. Es überlebt als Monument, dass den Zeitpunkt seiner Realisierung verpasst hat.


#35 In guten wie in schlechten Zeiten

Wegwerfgesellschaft ist eine etwa so treffende Beschreibung für die Kapitalistische wie Überflussgesellschaft – sie sagt nichts aus über Verlaufsformen und Ordnungsprinzipien, aber der Name suggeriert bereits das die guten Werte längst alle über Bord geworfen sind. Moralischer Verfall an allen Ecken und Enden der Welt; wer wundert sich da noch über Tot und Mordschlag in der Familie und will da noch das bisschen Ursachenforschung betreiben, dass ihm verständlich machen könnte, dass es mit dem Verfall der Sitten gar nicht so viel zu tun hat wenn zuhause die Bierflaschen fliegen.

Wegwerfgesellschaft; das sind wir auch zwischenmenschlich geworden, hört man es munkeln. Da werden Beziehungen einfach beenden, wenn sie zu anstrengend werden, wenn Menschen sich nicht mehr mögen. Kritiwürdig wäre wohl durchaus die Einrichtung dieser Gesellschaft, die uns für Menschen, die wir Lieb haben so wenig Zeit lässt, dass man allzuoft sich um die Probleme eines Menschen nicht mehr kümmern kann den man mag.

Was hier aber in die Kritik gerät, ist alleine das Abbrechen einer Beziehung, wenn sie zur Belastung wird; der Wert an sich soll das gegenseitig sich-aushalten sein.

Verstehen sie mich nicht falsch. Ich möchte nicht die Liebe predigen. Sie zu predigen, halte ich für vergeblich: keiner hätte auch nur das Recht, sie zu predigen, weil der Mangel an Liebe – ich sagte es schon – ein Mangel aller Menschen ist ohne Ausnahme, so wie sie heute existieren. Liebe predigen, setzt in denen, an die man sich wendet, bereits eine andere Charakterstruktur voraus als die, welche man verändern will. Denn die Menschen, die man lieben soll, sind ja selber so, dass sie nicht lieben können, und darum ihrerseits keineswegs so liebenswert.“ [Adorno]

Wo dieser Mangel an Liebe sich trifft mit der vernutztung der Menschen auf Arbeit & Schule; Wo das sich-lieb-haben hergenommen wird zum staatlichen Programm der Familienbildung – da erscheint die Kritik an der „Wegwerfmentalität“ geradzu zynisch, ist doch jedes Familiendrama (bei Türken wird es von den Medien Ehrenmord genannt) der tödliche Beweis für die Konsequenz von Menschen, die es ernster nehmen mit dem …bis das der Tod uns scheidet.

Die Angst wegen irgendwelcher Eigenarten oder der unberechenbarkeit der erotischen Gefühle vom Partner verlassen zu werden und das Einfordern es jeden Abend zu hören: „Sag mir das du mich noch liebst“ hingegen ist Ausdruck eben jener Kälte, die da gar nicht mehr kritisiert wird. Kritisiert wird, wo der Partner es nicht mehr leisten kann oder will Wärmfalsche zu sein.

Vernünftig wäre einzig, die Welt so einzurichten, das die gesellschaftliche Kälte aus Konkurrenz und Unsicherheit verschwindet; dann wäre auch zu vermuten, dass der Mensch sich lieben kann jenseits kurzweiligen Lebensabschnitspartnern – und jenseits der Familie.


#34 Heiterkeit zum Trotze II

„Wenn ich nicht dazu tanzen kann, ist es nicht meine Revolution!“ Emma Goldman

Es ist ja bekanntlich so, das ein Faschist der nur ein Faschist ist ein Faschist ist, dass aber ein Antifaschist der nur ein Antifaschist ist kein Antifaschist ist. Der Kommunist ist nicht zuletzt deshalb Kommunist, weil er nicht nur gegen Verhältnisse kämpft welche ihm das „Träumen, Lavieren und Schweben“ unmöglich machen. Vielleicht kommt es auch darauf an, sich etwas davon zu erhalten und im hier und jetzt schon immer die Unreduzierbarkeit menschlichen Lebens auf ein Ziel oder eine Bestimmung zu beanspruchen, gerade für sich selbst. Wir sind eben nicht „zum Kampf geboren“, sondern setzten uns Ziele um etwas allumfassendes Möglich zu machen, dass schon heute immer wieder aufblitzen sollte:

Auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, „sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung“ Adorno

Zuletzt sind es ja keine Verhältnisse die jenseits des Menschen stehen, welche abgeschafft gehören. Ein nötiger Schritt hin zur befreiten Gesellschaft ist wohl auch diese Attitüde, dass Leben zu genießen, trotz aller Beschädigung oder besser: Gegen alle Beschädigung das Leben genießen.


#33 Heiterkeit zum Trotze

„Dann sieh zu, daß Du Mensch bleibst. Mensch sein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt: fest und klar und heiter sein, ja heiter trotz alledem und alledem, denn das Heulen ist Geschäft der Schwäche. Mensch sein heißt sein ganzes Leben ›auf des Schicksals große Waage‹ freudig hinwerfen, wenns sein muß, sich zugleich aber an jedem hellen Tag und jeder schönen Wolke freuen, ach ich weiß keine Rezepte zu schreiben, wie man Mensch sein soll, ich weiß nur wie mans ist und Du wußtest es auch immer, wenn wir einige Stunden zusammen im Südender Feld spazierengingen und auf dem Getreide roter Abendschein lag. Die Welt ist so schön bei allem Graus und wäre noch schöner, wenn es keine Schwächlinge und Feiglinge auf ihr gäbe.“

– Rosa Luxemburg aus der Gefängnisfestung Wronke am 28. Dezember 1916

Gerade jene Kommunistinnen, welche sich heute gegen eine „blinde Wut des Machens“ stellen, und sich nicht durch Aktionismus der Illusion von Macht ergeben, sondern sich der „fast unlösbare Aufgabe [stellen] weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen“ verzweifeln nur allzuoft an dieser Aufgabe. Rosas Heiterkeit aus der Gefängnisfestung trotz Haft und Bann, Zerschlagung der Internationalen und dem wüten des ersten Weltkrieges und nicht zuletzt dem Verrat der SPD, ist ein Beweis für den Willen zu Leben der sich nicht an die Verhältnisse gewöhnt oder an ihnen verzweifelt.
Es ist eine Heiterkeit zum Trotze gegen die Verhältnisse, welche einem die Heiterkeit doch ständig austreiben.

Der Aufruf, jeder habe sein Leben ganz zu Leben erscheint mir hier treffend. Sollen die Verhältnisse doch daran zugrunde gehen, dass wir ihnen noch auf unserem letzten Loch eine Melodie vorpfeifen, die sie eines Tages zum Tanzen bringen werden. Wenn sie uns nicht hören, dann so lesen wir auch bei Rosa L., dass der allgemeine „Dalles viel zu groß ist, um über ihn zu stöhnen“ und es ihr auch „Schnurrz“ ist.


#32 Kritik und bürgerliches Leben

Sollange für den Tauschwert produziert wird, ist der Gebrauchswert einer Sache immer durch jenen geprägt: Da findet sich Pferd in der Lasange, Handys gehen nach den ersten Tagen zu Bruch und die Hosen, welche ich einkaufe scheinen jedes Jahr schneller kaputt zu gehen.

Kritik an den Verhältnissen sollte sich nicht mit zynischen Rechnungen zufrieden geben, ob bei Fair-Trade Kaffee XY weniger Menschen elendig verreckt sind als bei der Packung Ja! Kaffee, oder die 200 Arbeiter_innen in Bangladesch, welche H&M belieferten und in ihrer Fabrik begraben wurden nicht doch noch „vertretbarer“ sind als tausende geschundene Menschen der Kik! Produktion.

Zynisch ist auch die Rechnung beim Fleischkonsum: Lieber Lederstiefel als Turnschuhe aus Plastik, weil am Ende die Produktion des einen Schuhes mehr Tiere das Leben kostet als die Produktion eben dieses Schuhes, welcher aus dem toten Tier selbst besteht? Die Antwort kann hier immer nur darauf verweißen, dass Leid keinen naturwüchsigen Zusammenhang zur Produktion hat, und wer mit dieser Logik brechen will anfangen sollte, gegen die Verhältnisse zu arbeiten.

Bis zur Abschaffung der Verhältnisse ist unser Leben ein Bürgerliches; selbst sein autonomes Abziehbild aus klauen, Lebensmittel aus containern fischen und Häuser besetzten entkommt nicht der Logik der Verwertung. Eben jenen Autonomen ist der Stempel der Verhältnisse in ihrer Negation so deutlich aufgedrückt wie dem Kathetersozialisten in der Uni. Die sich da bewusst entscheiden, mit dieser zynischen Rechnung brechen zu wollen und ab jetzt autonom zu leben, müssen erfahren, dass die Welt kein jenseits der Ware mehr kennt: Nur was nicht mehr zum Profitmachen taugt, fällt für die Ritter in Schwarz ab und ermöglicht ihnen eine Armutsverwaltung zwischen Dauerpräkariat und Kleinkriminalität. Wo Konny singt, der Staat solle ruhig seine Bullen schicken, und sie kämen „gefedert und geteert“ zurück, mischt sich diese Attitüde noch mit der Wahnvorstellung, dass die Autonomen nicht etwa in einem Großteil ihrer Lebensweiße ungefährlich sind für die kapitalistische Verwertung, sondern dass sie tatsächlich seit den 80’er Jahren im offenen Krieg mit dem bestehenden durchgehalten hätten. Wo der Staat seine Interessen wirklich bedroht sieht, wo Kosten und Aufwand einer Räumung mit dem Profit sich rechtfertigen lassen ist keine autonome Hausgemeinschaft sicher.

Und doch tritt der Zynismus doppelt auf. Nicht nur der Konsumkritiker ist unerträglich, welcher moralgetränkt den Biotofu zum Leidfrei-Produzierten Alternativessen verklärt. Wer sich in der Reflektion über die bestehenden Verhältnissen erhaben glaubt und nicht mehr als ein müdes Lächeln übrig hat für alle Versuche eines richtigen Lebens im Falschen zieht aus der eigenen Ohnmacht nicht die Wut über die Verhältnisse. All jene, welche die widerlichkeit einer Aufrechnung von Leid ablehnen, sehen sich trotzdem in einer Wirklichkeit in der sie Essen müssen wieder und entscheiden sich: Hühnchen oder Tofu?

Zynisch ist hier nicht nur die Entscheidung als freie Wahl zu verkaufen. Zynisch ist auch die berechtigte Frage auszublenden, ob es außer einer Kritik des ganzen Falschen nicht auch in dieser Situation eine Entscheidung gibt, welche Leid verhindert


#31 Fortschritt

Der Fortschritt beinhaltet den Gedanken, dass nur ein Fortschreiten von dem was ist, vernünftige Verhältnisse ermöglicht. Er wendet sich als revolutionäre Perspektive gegen alles reaktionäre und rückwärtsgewandte, gegen jeden Versuch vergangene Verhältnisse zu verklären und wieder zu beschwören.

Der Fortschritt selber wird aber reaktionär, fällt er mit der Modernisierung zusammen. Die rationalisierung und industrialisierung der Welt setzt die Dialektik des Fortschritts in Bewegung, in der die potenziale der technischen Entwicklung die Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse weiter verschlechtern und im Jahre 2013 mehr Menschen von den Lebensnotwendigen Mitteln ausschließen als jemals zuvor. Hier geht es um mehr als Produktivkraft und Produktionsverhältnis: Der Technik selbst wohnt eine Form der Herrschaft inne, ist sie doch Produkt einer Modernisierung, die nur den Zweck hat Profit zu erwirtschaften. Mensch und Natur werden verkrüppelt durch die spezifische Form moderner Technik und ihrer Modernisierung.

Fortschritt ist kein Selbstläufer und nur im inneren Widerspruch mit der Modernisierung zu denken. Keine Quantitative steigerung von technischer Entwicklung kann die Lebensmittel zugänglich machen. Fortschritt muss Qualitativ gedacht werden, als Bruch mit dem Bestehenden, als Fort-schreiten in andere Verhältnisse. Alles andere fällt zusammen mit der Neoliberalen Idee einer Welt, die durch Profitmaximierung Stück für Stück Wohlstand über der Erde verteilt.

Der Fortschritt selbst hat von dieser Idee eine Beschädigung davon getragen. Die naive Fortschrittsgläubigkeit sollte wie der Zynismus der Apokalypse-Prediger wohl nur den bissigen Spott einer Bewegung ernten, welche alle bestehenden Verhältnisse umwerfen will, in welchen der Mensch ein verachtetes, ein verächtliches Wesen ist.