#50 Zum Ende II

Jedes noch so kleine Projekt muss sich an seinem Ziel messen lassen. 50 Fragmente wurden geschrieben, einige diskutiert, die meisten vergessen. Was folgt:

– Mehr Text, mehr Argumente, mehr Autoren

Zum Ende ist nicht mehr zu sagen als: Es geht weiter, anders.


#49 Zum Ende I

„Auf der eigenen wie auf den Seiten anderer members werden also laufend Mitteilungen gepinnt, Meinungen und Standpunkte gepostet, Bildchen hochgeladen und die community zu Kommentaren zu all dem aufgefordert. Auf den Inhalt des Mitgeteilten kommt es dabei nicht weiter an. Das sieht man daran, dass eines so wichtig ist wie das andere, eben als: Ich habe das gesagt. Die Nichtigkeiten des eigenen Alltags haben da genau den gleichen Stellenwert wie weltbewegende Ereignisse“ [Versus #40]

Facebook als Agitationsfläche ist Propaganda zwischen Katzenbildern. Zwischen Tofschnitzel wiener Art und einem Zitat von Adorno, dass dermaßen zusammengeschnitten wurde und entkontextualisiert, dass es plötzlich Prima zu Antikommunismus taugt: „Für das Allerwichtigste gegenüber der Gefahr einer Wiederholung halte ich, der blinden Vormacht aller Kollektive entgegenzuarbeiten“; Also raus aus der Politgruppe und rein in die individuelle Freiheit der World of Warcraft Generation.

Agitation in Facebook ist Selbstdarstellung. Wo manche um sich ein Profil zu geben den Harten makieren und sich einen Character im Sportstudio schaffen, taugt auch das wohlgewählte Benjaminzitat nicht nur zur Kritik an den bestehenden Verhältnissen; der Adorno auf dem Badetuch im Schwimmbad wird nicht nur gelesen, er wird auch gesehen: Von anderen. Der Hauch des Linksintellektuellen hat noch nicht allen Glanz verloren und taugt allemal für Mittelklasseromanzen in einer beschädigten Welt.

Zu klären ist:
– Welche Themen müssen gewählt werden, damit in der notwendigen Kürze eines FB-Posts mehr als nur „Meinung“ transportiert wird?
– Werden Reihen von Artikeln die sich aufeinander beziehen überhaupt kontinuierlich verfolgt?


#48 Freizeitkommunisten; eine Charakterstudie

Die gemeine Freizeitkommunistin weigert sich in festen Struktur zu arbeiten. Das eigene Interesse an langfristiger politischer Aktivität wird mit verschiedenen Mitteln der kritischen Psychoanalyse weganalysiert und als falscher Weg hin zur Entfremdung von den eigenen Bedürfnissen gebrandmarkt.

Falls die eigene Therapie noch nicht abgeschlossen ist kommt der gemeine Freizeitkommunist mindestens eine halbe Stunde zu spät zum Plenum. Unterordnung unter das Kollektiv findet sich schon bei Adorno als Anfang vom Übel, und so wird die Individualität schon in der Uhrzeit des Erscheinens ausgedrückt.

Bei Adorno hat die Freizeitkommunistin auch gelernt, dass man sich von allen Projekten zu distanzieren hat, die im hier und heute irgendetwas machen, dass nach Aktivismus riecht. Egal ob Hippikommune, Kleinstgewerkschaft oder Antifa-Aktion: Der Freizeitkommunist weiß sich zu distanzieren und hat gelernt: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Richtig krachen lässt es der Freizeitkommunist dann in der Uni – er trifft sich mit seinen linken Professoren und lästert über das mangelnde Verstädnis seiner Kommilitonen. Stichwort: notwendig falsches Bewusstsein. Der Doktor wird angestrebt, aber natürlich nicht aufgrund der Karriere.

Auf jeder Party kennt der Freizeitkommunist eine lustige Geschichte aus seiner Antifazeit. Natürlich habe man diese pupertäre Phase längst überwunden und müsse sich nicht mehr auf der Straße mit der Staatsmacht messen – aber zwischen all der kritischen Kritik erhofft man doch, der Gegenüber erblickt an einem noch ein wenig des rauhen Straßenkämpfercharmes; die Attitüde des bösen Mädchens oder besonders: des bösen Jungen.

Irgendwann hat man sein Steckenpferd als Freizeitkommunist, dass wichtiger ist als es all diese Aktivisten es je verstehen werden. Egal ob die Verfolgung von Sinti und Roma im Spätmittelalter, Auschwitz oder der Wert des Wertes: Das ganze Weltbild oszilliert um diese eine Sache, die für sich genommen eigentlich viel zu wichtig ist um sie den Freizeitkommunisten für ihre Profilierung zu überlassen.


#47 Tu quoque, mi fili Brute?

Wer sich enttäuscht oder gar verraten gibt, sagt damit einiges aus über seinen Bezug zu eben jenen, von denen er sich verraten glaubt. „Wer hat uns verraten?“ setzt immer vorraus, dass einmal etwas erhofft war. Wer sich also desillusioniert gibt von der Regierung, zeigt zugleich das die Illusion in die Regierung als solche noch immer Quicklebendig ist.

Wer sich von den Verhältnissen keinen Begriff machen will, verharrt in der Begriffslosigkeit. Aus jeder Beschädigung wird böse Tat und jeder Widerspruch wird Gotteslästerung. Wo die antagonistischen Interessen nicht erkannt werden, wird die Welt zu einem mystischen Ort voller Gefahren und böser Kreaturen. Quod erat demonstrandum; lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.

Bewiesen ist natürlich gar nichts, außer das der Mensch dem Menschen ein Wolf sein kann, aber eben nicht muss. Auch hier zeigt sich wieder die Enttäuschung der Menschen, die so gerne an „das Gute im Menschen“ geglaubt hätten anstatt etwas zu verstehen, und jetzt, genauso naiv wie zuvor, überall nur noch Wölfe zu erblicken glauben.

Klug wäre es wohl einzig, sich aller Täuschung zu erwehren um nicht ständig enttäuscht zu werden. Die Illusionslosigkeit ist keineswegs ein bitterer Zustand in welchem sich nicht leben lässt; die Illusionslosigkeit ist der erste Schritt in eine Welt, in welcher wir die Illusion nicht mehr brauchen.


#46 sorry, It’s my generation or my subculture?

Wir haben unseren ersten Burnout bevor wir den ersten bezahlten Job haben. Wenn wir eine Ausbildung haben arbeiten wir trotzdem lieber am Wochenende in einer Disco, weil es mehr Geld bringt. Wenn wir studieren sind wir Alkoholiker bevor wir Bachelor sind.

Keiner von uns glaubt noch, er hätte hier etwas zu gewinnen.
Wir haben keine Ahnung, warum wir noch hier sind – und so gehen einige auch sehr schnell wieder.

Wir haben mehr Freunde in der Klapse als Freunde die sich regelmäßig rasieren.

Tocotronic ist der Soundtrack zu unseren Schlachten, ausgetragen zwischen unserer Mutlosigkeit und der Lethargie; Schlachtfeld ist das Bett.


#45 Es wird nicht besser, aber es klingt so

Prolet soll man nicht mehr sagen; heute heißt es Prekariat oder Unterschicht. Das alte Wort sei diskriminierend. Manchmal gehen solche Wortschöpfungen auch nach hinten los; Wie gerne denken wir alle noch an das Unwort irgendeines Jahres: totes Humankapital.

Die materiellen Umstände des Arbeitestieres interessieren dabei nicht wirklich, umso mehr die politisch korrekte Bezeichnung. Als ob die negative Konnotation in „Du Prolet!“ vom Wort käme, und nicht von der Lebensrealität eben jener, die da den ein oder anderen Namen tragen. Auch die weniger normativ belasteten Wortneuschöpfungen werden von dieser Lebensrealität früher oder später eingeholt; auch wenn heute das Schimpfwort „Du Landwirt“ noch weit weg erscheint, geht es dem Bauer doch immer noch so, dass man im Streit es gut einem anderen an den Kopf werfen kann.

Die Sprachaktivisten sind da besonders der Lächerlichkeit Preis gegeben, wo sie Erfolge erzielen. In einer Diskussion über das Wort Zigeuner zeigte sich ein junger Mann direkt betroffen; er habe nicht gewusst, dass dieses Wort diskriminierend sei. Wie solle man dann diese Minderheit nennen, die bekannterweiße fahrend und vom Diebstahl lebe und trotzdem vom Staat unterstützt wird? Hier wird klar, dass gerade jene Geister, welche die neuen Wörter benutzten, damit noch lange nicht die alten Stereotype los werden. Sollange die materiellen Verhältnisse so sind, bleibt die Sprache eben doch vor allem Ausdruck dieser; dabei ist, ganz Dialektisch, nicht zu vergessen das sie auch Werkzeug sein kann im Kampfe – aber eben eines mit Grenzen und Schwächen.

Wer sich ernsthaft über die Frage streitet, ob die Schlampe jetzt ein profeministischer Begriff für die eigene Gestaltung der Sexualität sein kann oder doch nur jenes Ressentiment sprachlich transportiere, dass Frauen eben jene nicht zugesteht, scheint an einer Moralkritik gar nicht interessiert. Hier wird nich kritisiert wie die Leute sich zur Welt stellen, sondern der Sexist wird gerochen, wenn ein Wort benutzt wird.

Vielleicht wäre es sinnvoller, Kinderbücher mal nicht nach bösen Wörtern, sondern nach dumpfen Inhalten zu durchsuchen. Das sich diese beiden Dinge zumeist kombinieren, mag da nicht überraschen: Wer von den abenteuerlichen Zigeunern schreibt, hat nur selten eine gute Kritik des Nationalismus.


#44 Eure Alternativen kotzen mich an

Kritik soll ja bekanntlich nur konstruktiv sein – damit meinen die Herrschenden nichts anderes, als das eine Kritik immer schon die Zustimmung zum Laden enthalten muss wenn sie ernstgenommen werden will; kritisiert werden soll einzig die Art der Durchführung, nicht der Zweck. So solle man doch bitte Lohnarbeit nur kritisieren, wenn man eine Alternative kenne zur Herstellung des nationalen Reichtums.

Aber es sind ja nicht nur die Lakaien von Staat & Kapital die da Konstruktivität einfordern. Ein ganzes Heer von Linken fordert eine Praxis zur Umgestaltung der Welt ohne sich noch die Mühe zu machen diese einmal anständig zu kritisieren. Vom Keynsianismus über die die Nullwachstumsgesellschaft werden da Leichen zusammengeflickt und Unsinn verzapft.

Und die Alternativsucher haben indess ihre ganz eigene Biographie des Scheiterns. Mit 15 in der Punkerclique, mit 18 auf der Antinazidemo, mit 20 in der Kommune oder im Frauenbuchladen, dann irgendwo zwischen Gorleben Zelten und die Zeit totschlagen im selbstverwalteten Jugendhaus. Reichlich desillusioniert landen sie dann bei der SPD oder den Grünen, weil „es“ ja alles nichts gebracht hat. „Es“ ist dabei ihre eigene Praxis – wird aber gerne mit der Kritik am bestehenden verwechselt, die wirklich zu leisten sie nie in der Lage waren.

Eure Alternativen zur Kritik am bestehenden sind keine; es sind beschäftigungstherapien und der Versuch sich mächtig zu fühlen.
Eure Alternativen kotzen mich an.


#43 Diebstahl ist Eigentum

Besser bekannt ist dieser Satz unter Eigentum ist Diebstahl; Er stammt von Pierre-Joseph Proudhon, einem Anarchisten, den die meisten Anarchisten am liebsten aus ihrer Ahnenreihe streichen würden – dieser Satz selbst erfreut sich allerdings bis heute großer Beliebtheit.

Wie schnell sich dieses Verhältnis von Diebstahl und Eigentum wandelt ist bei der Mafia zu sehen. Die hat nicht zuletzt deshalb einen so großen legalen Arm um, wie es so blumig heißt, ihr Geld zu waschen. Damit ist nichts anderes gemeint, als das sie legal erklären kann, wo das Geld herkommt – damit der Diebstahl eben wieder Eigentum wird. Das hat seinen guten Grund – ist doch heute selbst der Dieb am Ende seines Coups darauf angewießen, dass die Staatsmacht mit ihrem Gewaltapparat sein Eigentum schützt; vor den eigenen Kollegen.

Das angeblich subversive Potenzial dieses Satzes ist also schnell erschöpft, ist der Diebstahl selbst doch eine Kategorie die nur mit Eigentum zusammen gedacht überhaupt einen Sinn ergibt. So war Proudhon auch gar kein Feind des Eigentums per se; nur wenn es „[…] Privilegien birgt, solange bedeutet privilegiertes – also erpresserisches – Eigentum Diebstahl […]“. Ansonsten, wie könnte es anders sein, ist für den Frühanarchisten das Eigentum Ausdruck der menschlichen Freiheit und damit gegen die Kommunisten zu verteidigen.


#42 Kein Verständnis ohne Verstand

Jede Form der Propaganda und der Agitation muss sich daran messen lassen, ob sie auch verstanden wird. Wenn ich jemand etwas sage, dass er nicht versteht, habe ich ihm nichts gesagt. Selbstbespaßungen mancher linken Gruppe ala „Insurektionalistische Betrachtungen über die historische Entwicklung des Anarchosyndikalismus zwischen 1932 und 1936“ kann und sollte also kritisiert werden.

Die Forderung wiederrum, jeder Gedanke müsse ohne den eigenen Verstand erfassbar sein, sozusagen sich selbst denken und damit völlig ohne Anstrengung begreifbar sein entspringt etwas anderem als der Forderung nach Verständlichkeit; Wo der Gedanke sich dem Alltagsverstand entzieht, ist es eben nicht der Agitator der keine gute Arbeit leistet. Es ist in der Sache, dass ein Gedanke der neue Wege eröffnet schwierig vorwärts kommt und anstrengung erfordert. Die Forderung nach einer einfachen Sprache ist hier nur das Ressentiment gegen Gedanken, welche nicht die eigene Ideologie bestätigen und sich damit einem Verständnis beim ersten lesen fast immer Entziehen.

Die Kritik ist noch nicht geschrieben worden, die den Kritisierten so sanft umwickelt, dass er in die Decke der neuen Erkenntnis gehüllt friedlich einschläft.


#41 Serok Apo hat Geburtstag und die Linke feiert

Allein der Name Serok Apo ist schon Kritikwürdig. Apo heißt Onkelchen, und stellt schön die Patriarchalen Verhältnisse dar. Serok heißt Führer – dazu ist nicht mehr zu sagen. Aber lassen wir Apo doch mal selbst sprechen, so wie in seinem Interview 1994:

„Die Kurden verlassen scharenweise ihr tausendjähriges Heimatland, um ihren Bauch zu füllen. Wenn man von Ehre und Stolz, von Recht und Gesetz spricht, dann werden wir sagen: Zuerst das Recht des Patriotismus, zuerst die Pflicht, die Heimat zu verteidigen.“ Süß ist das Sterben fürs Vaterland sagt man in Deutschland dazu.
Wem das noch nicht reicht, Apo reicht es auf jeden Fall noch nicht: „ein Verständnis, der Menschheit, das sich nicht auf Patriotismus stützt, ist Kosmopolitismus. […] Menschen, die ohne Heimat leben und von Demokratie und Sozialismus sprechen, begehen ein niederträchtiges Verbrechen.“
Aber der Apo ist nicht der einzige in der PKK der sowas kann. Was findet sich den schon im August 1994 in der Özgür Ülke? „in Wirklichkeit stehen das türkische spezielle Kriegsystem, heutzutage der Kemalismus, unter dem weltweiten zionitisch-imperialistischen Schutz. […] Es ist bekannt, daß die Juden weltweit sehr konspirativ arbeiten. Denn sie beuten die Welt aus, sie spielen mit der Welt. […] Alles dafür, daß eine kleine jüdische Minderheit die Welt regiert.“

Aber sicher auch nur eine Ausnahme, oder? Ah, dann gibts da noch dieses Interview in der Yeni Politika, dieses mal wieder vom Apo, wo er dann erläutert: „man muss wissen, daß Israel die tragende Macht ist, die die PKK den USA gegenüber als eine unbedingt zu eliminierende, terroristische Organisation denunziert hat.“ (18.7.1995).

Als letzten Schmankel noch das hier, wenn Antirassisten meinen den „Apo“ abfeiern zu müssen, dieses mal in einem Interview zwischen Wallraff und Apo 1997: „ich gebe zum Schluß noch eine Selbstkritik für alle Deutschen ab. Leider wird das entwickelte Deutschland aufgrund der Rückständigkeit unseres Volkes etwas verschmutzt. […] [Die Kurden] kamen aus zerstörten Dörfern und sind auf illegalen Wegen nach Deutschland geschickt worden. Das hätte nicht passieren dürfen. Auch das war ein Verbrechen. Sie wurden in die Elendsviertel der Großstädte gepfercht. Deswegen macht sich erneut Rassismus breit. Berechtigterweise übrigens! Ich finde, auch die Rechten sind im Recht. Ich sage offen, ich denke an diesem Punkt nicht wie ein Sozialdemokrat. Die Rechten haben Recht.“.