#5 Wenn Antideutsche mal wieder schlecht abschreiben

2002 verteilte die Junge Linke auf der LL Demo ihr Flugblatt „Coole Kids tragen kein Pali-Tuch“. Inhaltlich ging es hier vor allem um eine Kritik deutscher Linker, die sich aus Solidarität mit verschiedenen palästinensischen Gruppen eben jenen um den Hals oder die Lederjacke wickelten. In den Flugblatt, auch wenn es zu kurz ist um mehr zu sein als eine lange Parole, geht es mehr oder weniger um eine Kritik an den nationalen Befreiungsbewegungen.

Die heutige antideutsche Szene heute scheint aber bereits von den knappen Din-A-4 Text überfordert zu sein, und so bleibt eben nur hängen: Palituchträger = Antisemiten. So geschehen nicht zuerst und nicht zuletzt auf dem Workers Youth Festival, als eine Gruppe antideutscher die Delegation aus Palästina generell als Antisemiten beschimpfte. Weil sie sich dann wohl doch nicht gleich selbst als Rassisten outen wollten die Antisemitismus gleich zu einem Teil der palästinensischen Volksseele machen, schoben sie eben jenes Kleidungsstück vor, dass ihre Gesinnung offenbaren solle.

Wenn kein Unterschied mehr gemacht wird zwischen seltsamen Linken Symbolen der Solidarität in Deutschland und eben jenen Menschen, die eben einfach solche Tücher tragen, sagt das schon einiges aus über diese Linke. Noch mehr, wenn in Israel eben jene zionistischen Organisationen, welche doch angeblich jenen Antideutschen so am Herzen liegen, selbst überhaupt kein Problem mit diesem angeblichen „Bluttuch der Judenvernichtung“ haben.

Vielleicht wäre es hier mal an der Zeit sich wieder mit Argumenten zu beschäftigen, und sich nicht damit aufzuhalten, irgendwelche Punker aus dem örtlichen AZ zu schmeißen weil sie den falschen Schal tragen. Denn seien wir ehrlich: Modisch gesehen ist die ganze Linke ein Reinfall. Und wer partout von der Kritik des Schals nicht lassen kann, kann sich dann ja mal mit diesem Plakat beschäftigen:

Es bildet einen arabischer Pionier ab, der im jüdischen Kibbutz ausgebildet wurde und zusammen mit den zionistischen Juden der ersten und zweiten Alija für den Sozialismus kämpfte. Noch heute sieht man in Israel in zionistische Jugendverbänden Jugendliche mit eben jenem Tuch. Je nach Verdummungsgrad kann sich dann jeder aussuchen, ob es sich hier um Juden mit Selbsthass, Alibijuden oder Geschichtsvergessene Spinner handelt.

Altes Plakat von Hashomer Hatzaire


#4 Siedlungen zu Kommunen

Fertigbauweise meint die simple Tatsache, dass die ultraorthodoxen Juden ihre Siedlungen praktisch über Nacht entstehen lassen können. Sobald Leitungen gelegt sind, wird per Hubschrauber oder LKW einfach das ganze Haus herbeigeschafft. Nicht wenige Siedlungen bedienen sich dieser Art der Besiedlung. Die Häuser sind geräumig und für den Israelischen Winter gut genug isoliert. Die weiten Glasfenster sind einladend, die Klimaanlage ist vorinstalliert.

Ich befinde mich zwischen den Häusern und bin begeistert. Nicht weil ich die Siedlungen im Gazastreifen für eine gute Sache halte. Ich sitze im Innenhof zwischen vier der Fertighäuser und höre der Geschichte zu, wie es zu dieser Situation kommen konnte:

Hashomer Hatzaire hat eine eigene Einheit in der israelischen Armee. Als sozialistische Zionisten stellen sie sich gegen die Siedlungen und so wird ihre Einheit oft eingesetzt, wenn es darum geht eine eben dieser zu räumen. Die Erzählerin war selbst als Soldatin bei einer dieser Räumungen im Gazastreifen beteiligt. Die orthodoxen Juden hatten sich bei ihrem Abtransport selbstgemachte Judensterne angeheftet und haben so eindrücklich bewiesen, dass es für geschmacklose Nazivergleiche überhaupt keine Deutschen braucht.

Zumeist werden die Häuser abgerissen nach den Räumung – in dieser Siedlung allerdings konnten sie „ausgeflogen“ werden. Sie gingen über in staatlichen Besitz und wurden dort billig versteigert an: Eine neue Kommune von Hashomer Hatzaire. So wurde aus einer Siedlung im Gazastreifen einige Kilometer weiter eine sozialistische Kommune mit Seminarräumen.


#3 Hagshama

Kommunistische Praxis in Zeiten ohne kommunistische Bewegung ist für uns die Kritik aller Verhältnisse, welche den Menschen zu einem verachteten und verächtlichen Wesen machen. Die Verwirklichung der Kritik durch die reale Abschaffung dieser Verhältnisse hat als Bedingung eben die Verbreitung dieser Kritik. Es bedarf vieler Menschen, welche die Verhältnisse abschaffen wollen. Wie werden Menschen zu Kritikern? In dem sie selbst kritisiert werden in ihrer affirmativen Bezugnahme auf alles das sie und andere schädigt.

Hagshama ist ein Ausdruck der Blauhemdbewegung in Israel für die realisierung des Sozialismus. Im Kibbuzim wird gemeinsam gewirtschaftet und gewohnt, in dem Internat die Kinder im Geiste des Movements erzogen. In den urban communities wohnen die Schmutzniks gemeinsam und gehören trotz ihrer oft kleinen Gruppengröße (ca. 10) zu dem großen Netz von Gemeinschaften. Hagshama meint nicht nur die Kritik als Waffe, sondern die Umstrukturierung des Alltags.

Hagshama ist sozialistische Praxis verstanden als der Aufbau solidarischer Wirschaftsstrukturen, gemeinsamer Mietzahlung, dem lernen und erleben in Gruppen.

Auf den ersten Blick erinnert vieles an die Kommunenbewegung in Deutschland. Man ist versucht, sofort vom naiven Versuch zu sprechen, dass richtige im falschen zu suchen. Es liegt einem auf der Zunge: Statt den Reichtum einzufordern, baut ihr ein Netzwerk zur Armutsverwaltung auf. Im Kopf hängt auch noch der Satz aus dem zionistischen Vortrag am Vortag: „Out of our Communitys and Strukturs, Israel as a state was born“. Spätenstens hier verliert der Hippivergleich an geltung: Bei aller Kritik an Kommune II und Projektwerkstätten hat wohl niemand die Angst, aus dieser Mischung an Selbstausbeutung und Selbstfindungstrip könnten staatliche Strukturen erwachsen.

Kann eine kommunistische Bewegung enstehen aus der Kritik an den Bestehenden Verhältnissen oder andersherum: Aus was sonst sollte so eine Bewegung enstehen, die alle Verhältnisse umwerfen will wenn nicht aus der Kritik und aus dem Hass? Welche Rolle spielen hierbei jene Kommunen und Kibbuzims in Israel und welche Rolle spielt dafür unser Alltag in Deutschland?

Hagshama meint auch, immer wieder zu reflektieren, ob wir als Sozialisten auch als solche Leben. Wie sollte man leben als Sozialist im Kapitalismus?
Ich erinnere mich an Ebermann 1993 auf dem KonkretKongress. Sinngemäß sagt er: Flüchtlinge verstecken wir nicht, weil es revolutionär oder kommunistisch ist. Flüchtlinge verstecken wir um Menschen zu bleiben.

Sind Kommunen und die gegenseitige Hilfe unter Genossinnen wirklich Teil einer kommunistischen Praxis oder sind sie eben genau das: Der Versuch, trotz allem Mensch zu bleiben?


#2 Toleranz

„Wenn ich in der Oeffentlichkeit meinen Boyfriend kuesse, fuehre ich damit anderen Menschen demonstrativ vor Augen, was ihnen versagt bleibt – zum Beispiel jenen, die einander jetzt auch gern kuessen wuerden, es aber nicht tun, um Sanktionen zu vermeiden. Darauf Ruecksicht zu nehmen faende ich als Argument fuer einen sensiblen Umgang mit der eigenen Paarsituation eigentlich schon ausreichend… Ob ich will oder nicht – durch meine Hetero(paerchen)performance demonstriere ich nicht nur den Normalzustand und erinnere schmerzhaft an Ihn, ich stelle ihn auch aktiv her und re_produziere ihn.“

Wer auf diese Art von Toleranz steht (hier entnommen von einem Kommentar auf Maedchenmannschaft) fuehlt sich in Jerusalem sicher wohl. Weil Rammadan ist, sollen wir auf der Strasse nicht essen oder trinken – den Islam respektieren. In der Naehe der Klagemauer sollen die Schultern bedeckt werden. Im Felsendom muss die Muetze abgezogen werden – wir seien ja nicht am Strand. In Ramallah durften wir keine kurzen Hosen tragen, und die Frauen keine Tangtops.

Toleranz meint das Prinzip, dass sich jedes Individuum an jede Absurde Regel zu halten hat, weil sich manche Kollektive freiwillig diesen Zwaengen unterordnen. Das es beileibe keine Spinnerei ist, welche den Religionen vorbehalten ist, zeigt das obige Zitat. Dieser verqueerte Feminismus (Magnus Klaue) nimmt sich schon lange nicht mehr heraus gegen die Herrschende Moral zu kuessen wen man wo will, sondern stellt sich gegen die Beduerfnisse der Menschen und gibt sich erst zufrieden, wenn alle Menschen so tolerant sind ihre Beduerfnisse nicht mehr auszuleben – natuerlich zum Wohle aller.

Jerusalem ist eine tolerante Stadt. Wo man geht und steht wird man von freundlichen Menschen darauf hingewiesen, dass man irgendetwas tut, was die moralischen und religioesen Gefuehle irgendeiner Gruppe zutiefst verletzt. Eine Welt die so Tolerant ist wie die unsere, muss eine voller Krieg sein – ist doch gegen jeden, der einen anderen zu mehr Toleranz auffordert (Bitte respektiere das ich auch als Frau kurze Hosen tragen moechte) einzuwenden, sie solle doch auch etwas toleranter sein (trage doch keine kurzen Hosen in der Naehe einer Moschee). Und da auch Linke wissen, man soll gegenueber allem Tolerant sein ausser der Intoleranz, findet jede idiotische Religionsgemeinschaft noch einen guten Grund, im Nahmen der Toleranz und gegen die Intoleranz ihren persoenlichen Kreuzzug zu fuehren.

Wie das mit der Toleranz so ist, funktioniert sie immer da am besten, wo es niemanden gibt den man tolerieren muss und so wundert es nicht, dass die Stadt sauber in verschiedene Viertel eingeteilt ist, in welcher jede und jeder nach seiner eigenen Art wahnsinnig sein darf. Falls sich doch einmal ein Jude, ein Christ oder ein Moslem in das falsche Viertel verirrt, wird er vom Mob direkt auf seine Intoleranz hingewiesen und dafuer bestraft, die kulturelle Homogenitaet der jeweiligen Spielwiese nicht toleriert zu haben.

Wie wissen die Leser_innen von Maedchenmannschaft? „Heteronormativitaet ist keine Einbahnstrasse. Weil hetero „normal“ ist, stelle ich mein Hetendasein unhinterfragt zur Schau… und ermutige andere, dies auch zu tun… Ich trage aktiv dazu bei, ein Klima aufrecht zu erhalten, einen Raum zu schaffen, in welchem lesbische, schwule, queere Zaertlichkeit deutlich als „Abweichung“ sicht- und fuehlbar ist.“

Da wird es mir endlich klar: Es geht diesen zutiefst toleranten Menschen gar nicht darum, endlich kuessen zu duerfen wen sie wollen (dieser Feminismus der „zweiten Welle“ ist laengst ueberholt). Es geht ihnen darum, dass noch die privateste Entscheidung, wen ich kuessen mag und wen nicht, zum Objekt ihrer politischen Idiotie wird. Da stoert natuerlich jede Hete, die einfach einen Menschen anderen Geschlechts kuesst ohne das vorher mit dem Queerenoberguru geklaert zu haben. Aber im Jahre 2013 ist man in Israel Tolerant und mit etwas Glueck bekommen auch die Queers bald ihr eigenes Viertel: Da darf dann ganz tolerant jeder und jede Queere queeren, und die Cismaenner und Cisfrauen (Cis meint im Queersprech, Menschen die Heterosexuell sind und deren Gefuehltes Geschlecht zusammenfaellt mit ihrem biologischen Geschlecht) werden dann tolerant darauf hingewiesen, doch bitte in ihr Viertel zu gehen um da rumzuheten.

Soviel Toleranz muss sein.


#1 „The Backyard of Israel“

Ramallah – Eine Stadt hinter der Mauer. Es ist eben doch keine Frage der Perspektive, wo vor und hinter der Mauer ist. Die postmoderne Beliebigkeit wird Lügen gestraft, mit dem ersten Blick hinter die kilometerlange Betonschlange die sich hier durch das Land zieht. Hier ist klar, wenn auch sonst sich alles dem Alltagsverstand entzieht, auf welcher Seite der Mauer hinter der Mauer ist. Von Jerusalem nach Ramallah eine Stunde, auch nur wegen Stau. Von Ramallah nach Jerusalm drei Stunden – Willkommen an den Jackpoints.

Ramallah – Eine Stadt mit knapp 28.000 Einwohnern. Nach Amtssprech in Israel ist es nicht in Palästina. Es ist in den „Terrretories“. Ramallah ist Zone A – Israelische Bürger dürfen diese Zonen nicht betreten, die israelische Regierung verbietet ist. An dem Checkpoint warnt ein Schild: „Danger to death for Israelis“. Darunter: „To go to the Zone A is against the Law“. Wir dürfen passieren, nach Ramallah zu kommen ist einfach, es gibt keine Kontrollen.

„The Terretories“ sind unterteilt in drei Zonen. A ist unter palästinensischer Verwaltung, Israelische Polizisten und Soldaten haben keinen Zutritt – was bei der Verfolgung aber nicht immer beachtet wird. 2008 verirrten sich ein Soldat und ein Polizist Israels in Ramallah und wurden gelyncht. Diese Geschichte ist noch heute präsent bei den Israelis, die doch einmal in die Zone gehen. In den Medien waren die Bilder einer der Mörder, der seine Blutigen Hände in die Kamera hält. Die B Zonen stehen unter palästinensischer Verwaltung im zivilen Bereich, das Militär und die Polizei ist Israelisch. C Zone ist komplett unter Israelischer Verwaltung.

„The Terretories“. C & B: Hier sind Israelische Bürger jene, die unter das Zivilrecht fallen, Palästinenser fallen unter das Militärrecht. A: Hier darf sich kein Jude aufhalten. Unsere Genossin fühlt sich hier wohl, sagt sie als sie uns durch die Straßen führt. Außer es brüllt jemand: „Yehude“. Jude. Ein Stigma das hier gefährlich werden kann. Als Deutsche werden wir hier schnell erkannt. Es ist angenehm hier als Deutscher, man wird gegrüßt und allerlei feilgeboten.

„The Backyard of Israel“ nennen es unsere Gastgeber von HasHomer Hasaire. Irgendwo jenseits der eigenen Vorstellung von dem, was Zion sein sollte. Es ist Ramadan. Es wird auf den Straßen nicht getrunken, nicht gegessen, nicht geraucht. Wir verlassen Ramallah als es hell ist – eigentlich wollen wir es nur verlassen, die Kontrollen dauern. Der Checkpoint kostet uns zwei Stunden. Studieren Palästinenser ins Israel oder arbeiten dort, müssen sie diesen Checkpoint jeden Tag überqueren. Nur an wenigen Checkpoints dürfen Palästinenser überhaupt hindurch.

Als wir den Käfig der Kontrolle verlassen, geht gerade die Sonne unter. Wir sind noch in Ostjerusalem, dem muslimischen Teil. Plötzlich sitzen überall Familien und Essen. Es wird geraucht und Tee getrunken. Feuerwerk knallt über der Stadt, arabischer Gesang ist in den Straßen.

Für den ersten Tag schon viele Eindrücke. An was wir denken wenn wir an Israel denken wurden wir heute morgen gefragt: „Problems“ sagte ein Genosse lapidar. Problems, ja. Gerade auch, wo Israel nicht gedacht wird: In den „Terretories“. Die Genossinnen in Ramallah erzählen noch eine Geschichte: „When Children from here and children of israel draw there Land, both draw the same lines“. Ich verstehe die Geschichte nicht. Ist es eine Beschreibung des Problems oder der Lösung“?