#3 Europas Kampf um die Werte

Mit den Anschlägen in Paris war für Deutschlands Herrschaften in Politik und Öffentlichkeit sofort klar: „Nichts ist mehr wie vorher“. Mit Paris „ändert sich alles“.
Wieso eigentlich?

Rein sachlich genommen reiht der Anschlag sich ein in eine ganze Kette terroristischer Großaktionen: gegen ein Schiitenviertel in Beirut, gegen russische Touristen im Sinai-Flieger, gegen oppositionelle Kurden und deren Sympathisanten in der Türkei, gegen Christen in Nigeria. Die Terroropfer im Irak zählt schon längst niemand mehr… Mit Paris kann man die nach Auffassung der deutschen Öffentlichkeit aber gar nicht vergleichen. Die Pariser Opfer stehen mit all den anderen Opfern völlig selbstverständlich nicht auf einer Stufe.

Was macht den Unterschied?

Auf den ersten Blick ist klar: Paris ist einem Deutschen, einem zivilisierten Mitteleuropäer unmittelbar nah; dort ist es im Prinzip wie hier. Und jedenfalls ganz anders als da, wo die Leute sowieso ganz anders leben: Wo in ihrem Alltag so viel Elend und Gewalt herrscht, dass sie daran irgendwie gewöhnt sind. Für solche Leute spendet man – vielleicht; aber auch das bestätigt nur: So richtig vom eigenen Schlag sind die nicht. Für die ändert sich mit einem Massenmord mehr nicht so viel – und für den Gang der Weltgeschichte schon gar nicht.
Das ist anders, wenn es gesittete Europäer trifft; noch dazu, wenn die sich gerade einem gesitteten Feierabend hingeben. Da ist nämlich nicht bloß der abendländische Bürger, der sich ganz gut selbst als Kunde in einem Pariser Bistro vorstellen kann, gefühlsmäßig betroffen. Da sind sofort die Figuren, die den Gang der Weltgeschichte professionell managen, mit einer Diagnose geistig vor Ort. Die Repräsentanten europäischer Staatsgewalt identifizieren mit der Autorität ihres Amtes das eigentliche Anschlagsopfer, und zwar links wie rechts des Rheins dasselbe: unsere Werte.

Welche?

Das erklären die dafür Zuständigen ganz locker mit einem Blick auf die heile Welt aus Fußball und Konzerten, Bars und Flaniermeilen, über die der Terror „hereingebrochen“ ist: Ziel der Anschläge ist „unsere Lebensart“. Die ist, so – nämlich von den kommandierenden Herren dieser Lebensweise durch die Brille ihrer terroristischen Feinde – betrachtet, nicht mehr das, was sie ist: das Absacken nach einem Alltag des Gelderwerbs, die bemühte Kompensation der gewohnten Drangsale der Konkurrenz, der kleine Luxus, den man sich gönnt, wenn schon sonst nicht allzu viel läuft… Aus höherer Warte besichtigt sind die Vergnügungen des Alltags erstens der wahre und eigentliche Inhalt abendländischer Lebensart – also nicht die Hetze des Berufslebens, nicht die Armut derer, die noch nicht einmal ein Berufsleben haben, sondern die Freizeit, die dann noch übrig bleibt, und der Spaß, den man sich dann noch leisten kann. Zweitens steht dieser banale Inhalt nicht für sich selbst, sondern dafür, dass der Mensch im Abendland das alles darf: für die Freiheit, die er dort genießt, wo sein Staat sie ihm lässt. Und weil Freiheit und Vergnügen in Paris in so idealer Weise zusammenfallen, ist drittens klar, dass sich dort Bahn bricht, was im Grunde jeder Mensch sich von tiefstem Herzen wünscht, also die unverfälschte Menschennatur freigesetzt und verwirklicht ist. Womit das Wichtigste an „unseren Werten“ klargestellt wäre: das Feindbild vom bösen Fanatiker, der sich am Wesen des Menschen schlechthin vergeht. Und noch wichtiger: das Bild von der Staatsgewalt als Hüter der menschennatürlichen Freiheit, mit dem die Vertreter dieser Gewalt sich ins Spiel bringen.

Denn denen kommt es ja auch dann, wenn sie vor einer trauernden Gemeinde ihre Reden halten, weder auf die Freizeitsitten ihrer angepassten Jugend noch auf die „Grundprinzipien des menschlichen Seins“ als solche an, sondern auf die Schlussfolgerung, die sich ihnen aufdrängt, die aber auch nur Machthaber von ihrem Kaliber ziehen können: Sie sorgen dafür, dass „nach Paris alles anders“ wird. Das ist für sie das Entscheidende: Sie beziehen die Gewalttaten der Terroristen auf sich als Herrschende, auf ihr Gewaltmonopol. Sie erklären sich, nämlich ihre durchgreifende Hoheit über die „Lebensart“ ihrer Bürger für angegriffen. Und sie machen nicht einfach weiter wie bisher, sondern machen mobil. Der französische Präsident ergreift die Gelegenheit und tut, was nur wenige seiner Kollegen tun könnten, ohne sich zu blamieren: Er erklärt „dem Terrorismus“ den Krieg, mit einem Bombenflugzeug pro Terroropfer, und weiß auch schon, wo er den führen will, gegen wen – und vor allem: mit wem. Die ganze Welt, vor allem aber Europa und hier insbesondere der deutsche Nachbar, sind herzlich eingeladen, mit einem ziemlich umfangreich und längerfristig angelegten nahöstlichen Feldzug dafür zu sorgen, dass die Weltgeschichte wirklich nicht mehr weiterläuft wie zuvor.

An dieser Stelle hat die Staatsmacht in Berlin ihren Auftritt. Sie trauert öffentlich, erklärt sich für mit-terrorisiert und macht für sich aus Frankreichs Kriegserklärung, was für passend, nämlich für notwendig und hinreichend hält, um für das weitere Weltgeschehen „Verantwortung zu übernehmen“: Berlin gewährt dem Partner Militärhilfe. So macht die Herrschaft den Übergang von der Ordnungsmacht, die sie sowieso immer und überall sein und als die sie sich weltweit respektiert sehen will, zur Militanz.


#2 – Ein Feindbildmaler

Über die Anschläge in Paris durch den IS kann sich Michael Wollny, seines Zeichens Redakteur und Kolumnist der 3 vielbesuchten Nachrichten-Websites von t-online.de, 1&1 und web.de, nur wundern:

„Es gibt hier nichts, was ein gesunder Geist erfassen könnte. Es bleibt nur diese unfassbare Grausamkeit, die in ihrer Perversion den Verstand überfordert. Der sogenannte ‚Islamische Staat‘ hat keine politische Agenda, noch nicht einmal eine religiöse Ideologie. Das weltweite Kalifat der Terroristen ist geopolitischer Größenwahn und ihre Religion heißt Terror“. (1)

Das Töten von 130 Menschen soll also ausgerechnet deswegen nicht zu verstehen sein, weil Wollny keinen guten Grund für das Massaker finden kann. Seine Vermisstenanzeige in Sachen gute Gründe für Krieg bei den IS-Terroristen ist allerdings verräterisch: Was Leuten mit einem „gesunden Geist“, zu denen er sich unverkennbar zählt als Kriegsgründe oder –rechtfertigungen einleuchten würde, sind ganz offensichtlich all die Gründe, die er den französisch-belgischen Attentäter vom 13. November abspricht!

Für einen gesunden Geist ist die „Grausamkeit“ von Kriegen recht gut fassbar, wenn sie nur aus einer politischen Agenda folgen würde, die ihn überzeugte. Auch eine solche „Perversion“ wie 130 tote Menschen würde keineswegs seinen „Verstand überfordern“, wenn zumindest eine „religiöse Ideologie“ sie rechtfertigen würde – aber nicht einmal diesen guten Grund will Wollny dem Islamischen Staat zuerkennen, obwohl der doch sein Programm unüberhörbar mit religiösen Ideologien des Islams begründet.

Dass es auch bei den IS-Kriegern nicht ganz ohne Berechnung und Zwecke zugeht, weiß natürlich auch Wollny, wenn er deren Ziele als „geopolitische“ identifiziert und damit bemerkt, dass die Islamisten doch ein politisches Ziel verfolgen, das sie keineswegs verheimlichen: die Muslime auf der ganzen Welt zum Volk eines neuen Kalifats zu machen. Was ihm bei einer etablierten geopolitischen Großmacht, die wie z.B. die USA auch einmal ganz klein angefangen hat, nie einfiele, deren Ziel, im Laufe des 20. Jahrhunderts die einzige Supermacht zu werden und das im 21. zu bleiben und alle anderen Großmächte auf Distanz zu halten, könne auf Größenwahn schließen lassen: Beim IS ist das Ziel eines Islamischen Weltstaats dem Politpsychiater Wollny offensichtlich, ohne dass es ihm einfiele, seine Diagnose auch nur ansatzweise zu begründen.

Aber mit solchen Widersprüchen gibt sich Wollny nicht ab, wenn er ein Feindbild entwirft, das er für den IS für passend hält. Diesem Feind wird nicht nur jede Berechnung abgesprochen, sondern auch jegliche Religiosität: „Ihre Religion heißt Terror“, das deklariert der selbst ernannte Religionsexperte, um den islamischen Staatsgründern Terror um des Terrors willen vorwerfen zu können. Dabei schert er sich einen Deut um die Tatsache, dass Terror überhaupt kein Widerspruch zur Religion ist, sondern dass diese das denkbar beste Gewissen bei ihrer Durchsetzung mit terroristischer Gewalt liefert. Das war und ist nicht nur beim Islam so, sondern auch bei der christlichen Missionierung Europas und Lateinamerikas mit Feuer und Schwert und beim innerchristlichen Kampf um das wahrhaft gottgefällige Bekenntnis in Religionskriegen wie dem 30-jährigen Krieg. Und der christlichen Bibel ist in der Johannes-Offenbarung am Ende des Neuen Testaments ssogar das Drehbuch eines weltumspannenden Holocausts für die große „sündige“ Mehrheit der Menschen zu entnehmen.

Mehr auf http://www.keinort.de

http://web.de/magazine/panorama/attentat-paris/islamischer-staat-reine-lust-toeten-31147234


„Unsere Art zu leben wurde angegriffen“

Auf der Trauerfeier für die Opfer der Anschläge vom 13. November verkündete Präsident Hollande:
Die Anschläge „sind eine Aggression gegen unser Land, unsere Werte, unsere Jugend und unse-ren Lebensstil“ (1).
130 überwiegend junge Leute fielen Anschlägen zum Opfer. Der Präsident macht mehr draus, viel mehr: In Wahrheit seien nicht bloß die 130 Toten, sondern das ganze Land, seine Werte, die ge-samte Jugend angegriffen worden. – So reden Politiker immer, wenn sie aus solchen schrecklichen Ereignissen wie den Überfällen vom 13.11. etwas ableiten wollen, was aus ihnen gar nicht folgt, nämlich einen Krieg. Krieg gegen eine Region im Nahen Osten, die die Organisation erobert hat, die sich für die Anschläge verantwortlich erklärt hat. Für die Begründung, den Bombenkrieg gegen die Städte und Dörfer, die vom IS beherrscht werden, „gnadenlos“ (2) auszuweiten, kann das Opfer gar nicht groß genug definiert werden, um die Bombardements allen, wirklich allen, Franzosen als die angeblich selbstverständlichste Konsequenzen aus den Überfällen jenes Abends plausibel zu machen:
Aggression gegen

– das ganze Land? – also auch gegen mich!
– die Werte Frankreichs? – also gegen alles, was auch mir heilig sein sollte!
– die französische Jugend? – also die Zukunft des ganzen Landes!
Und dann noch gegen etwas ganz Fundamentales, wirklich jeden Franzosen Betreffendes: gegen „unseren Lebensstil“, „unsere Art zu leben“!

Was haben die IS-Terroristen da getroffen?

Nur weil die meisten von den Toten sich gerade auf einem Rockkonzert vergnügten, in Pariser Bistros zusammen saßen, Pastis oder sonst was süffelten, was junge Franzosen so am Feierabend trinken; dabei über Wichtiges oder Unwichtiges debattierten, sich über die Weltläufte und ihre großen und kleinen Ärgernisse in ihrem Alltag ereiferten; über Gott und die Welt lästerten oder auch nur über gemeinsame Bekannte tratschten, kurz –
weil die Toten das machten, was man halt einen Feierabend oder ein Wochenende lang für wichtig hält, wurde – glaubt man dem Präsidenten und den Medien – von den Todesschützen etwas angeblich für das Leben der Franzosen ganz Zentrales aufs Korn genommen, „ihre Art“ – der Inbegriff ihres Lebens.

Und worin besteht der? Wenn das, was sie in den paar Stunden zwischen Arbeitstag und Bettruhe treiben – wenn das das Eigentliche ihres Lebens sein soll, dann verbringen sie den Hauptteil ihres Tages bei Tätigkeiten und Aufgaben, die sie sich nicht selbst ausgesucht haben, deren Nutzen für sie fraglich ist, die im Grunde ihnen selbst und ihren Lebenszwecken fremd sind.

Verrät nicht Hollandes Lob ihrer Art zu leben, die erst am Abend beginnt, und die nun der Grund für wirklich alle Franzosen sein soll, dem Krieg Frankreichs gegen den „Islamischen Staat“ zuzu-stimmen, manches über den großen Rest des Tages? Jedenfalls ist der kein Grund, sich für Frank-reich stark zu machen. Über den Lebensstil, der da vom Normalfranzosen gefordert ist, redet der Staatschef bei der Trauerfeier, die er in einen Aufruf zu einem lang andauernden Krieg münden lässt, lieber nicht. Und über den Lebensstil, den der auf Jahre angekündigte Krieg gegen den Isla-mischen Staat und dessen menschliches Inventar erfordert, auch nicht.

Weil die Art der Franzosen zu leben zur Zielscheibe der IS-Attentäter geworden ist, soll denen einleuchten, dass Folgendes angesagt ist: Für die Verteidigung der Freiheit, abends nach Ende der Plackerei des Tages zu tun und zu lassen, was ihnen ihre freie Art zu leben so nahe legt, ist es erst mal für die nächste Zeit Schluss mit manchen Freiheiten, z. B. der, auf den Straßen in Demos öffentlich zu meckern, was einem im Staat von liberté, égalité et fraternité so alles nicht passt. Denn jetzt ist erst mal Ausnahmezustand: Die Verfolgung der Feinde des Lebensstils der Franzo-sen rechtfertigt alle Einschränkungen ebendieses Stils, die der Staat für die Verteidigung seiner Souveränität für unumgänglich erklärt.

(1) http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/thema_nt/article148910999/Hollande-will-UN-Sicherheitsrat-anrufen.html
(2) http://www.spiegel.de/politik/ausland/paris-francois-hollande-spricht-von-krieg-a-1062828.html