#6 Ostermärsche

DIE OBEREN SAGEN: FRIEDE UND KRIEG
Sind aus verschiedenem Stoff.
Aber ihr Friede und ihr Krieg
Sind wie Wind und Sturm.

Der Krieg wächst aus ihrem Frieden
Wie der Sohn aus der Mutter.
Er trägt
Ihre schrecklichen Züge.

Ihr Krieg tötet
Was ihr Friede
Übriggelassen hat.

[B.Brecht]

Brutaler Frieden …

Im Unterschied zum zitierten Dichter haben Friedensbewegte vom Frieden, dem sie ihre Bewegung widmen, eine gute Meinung. Dabei sind ihnen die Schönheiten, die die friedlichen Zustände weltweit auszeichnen, keineswegs unbekannt: Alles ist der Konkurrenz ums Geld als Geschäfts- und einziges Lebensmittel unterworfen, die Staaten verpflichten mit ihrer Gewalt alles Wirtschaften auf Kapitalvermehrung, um daraus für sich und ihren Auftritt in der Konkurrenz der Staaten Mittel abzugreifen. Das hat mitten im Frieden Ausbeutung, Armut, Hunger, Flüchtlingsströme, Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen … zur Folge. Auch der Friedensfreund mag das nicht schön finden, aber, so denkt er, im Krieg ist alles noch viel schlimmer. So ganz stimmt das im Einzelfall nicht immer, im Allgemeinen ist aber schon was dran. Also, so denkt der Friedensfreund weiter, muss, wer keinen Krieg will, für den Frieden eintreten – und da denkt er falsch. Die Gründe, für Krieg, entstehen nämlich im Frieden.

führt notwendigerweise zum Krieg.

Staaten konkurrieren mit ihresgleichen um die Kontrolle über und den Zugriff auf den Reichtum der Welt. Und für beides ist der Einsatz von Waffen das – letzte – Mittel. Politiker erreichen ihre Ziele zwar lieber ohne Krieg und sie setzen, wenn sie ihn denn für unumgänglich halten, ihre Kriegsmaschinerie für nichts anderes ein als für den nächsten, in ihrem Sinne besseren Frieden. Aber um ihren nationalen Interessen die Sicherheit zu verschaffen, die sie brauchen, und ihrer Macht den Respekt, der ihr gebührt, müssen die anderen Staaten eben zu einem derart nützlichen Frieden gezwungen werden.

Freunde des Friedens wollen davon nichts wissen …

Dass dafür wirklich Krieg notwendig ist, bestreitet die Friedensbewegung. Sie hält Rüstung, Militäreinsätze und NATO schlicht für überflüssig. Das geht nur, wenn man konsequent die Staatszwecke derer ignoriert, die Militär unterhalten und einsetzen und für den erfolgreichen Einsatz Militärbündnisse gründen, und ihnen entgegenschmettert, sie sollten sich, in jedem Fall und für was auch immer, friedlicher Mittel bedienen. „Wir wollen Frieden und Überwindung von Gewalt überall auf der Welt und durch eine umfassende Abrüstung eine Welt ohne Waffen schaffen. Konflikte müssen zivil gelöst werden.“(1)
Die kapitalistische Weltordnung, die die NATO-Staaten zu ihrem jeweiligen Nutzen eingerichtet haben, ist aber ohne einen weltweit schlagkräftigen, schwer bewaffneten Gewaltapparat nicht zu haben! Und es ist ein Fehler, wenn kritische Leute, die das Kriegspotenzial und den Kriegswillen der Staaten für skandalös halten, sich neben den wirklichen Demokratien, die die Eigentümer und Kommandeure der Militärmaschinerie sind, zusätzlich noch eigentliche Gemeinwesen erfinden, die dieselben oder eigentlich andere(?) Staatszwecke ohne Militarisierung und Konfrontationslogik verfolgen.

und erklären sich selbst zum friedensschaffenden Subjekt

Unter dem Motto „Unsere Verantwortung heißt: Frieden!“ marschierte in Stuttgart der Ostermarsch 2015, und man möchte gar nicht fragean, wer mit „uns“ nun eigentlich gemeint ist und worin die Verantwortung der Ostermarschierer besteht, die selber ja nun niemandem den Krieg erklären können. Das Glück derer, die das können und tun, ist es, dass sie an ihren nationalen Standorten keine anderen Gegner haben als ideelle, idealistische Außenpolitiker, die was den Verkehr der Staaten untereinander betrifft, „für eine solidarische und zivile Vision des Zusammenlebens einstehen“ (2). Die werfen wirklichem Regieren allenfalls einen Verstoß ihre schöne Vision vor und halten demokratische Realpolitik für das Gegenteil des wahren, guten und schönen Regierens, das sie von den staatstragenden Parteien in unverwüstlichem Zutrauen einfordern.

Für jemanden, der eine Welt ohne „Kriegsgeklüngel“ (3) will, ist es aber nötig, nicht nur Kriegsmittel und Kriegsbündnis abzulehnen und ihren staatlichen Nutzern und Teilnehmern schöne Vorstellungen entgegenzuhalten. Man muss ihnen und und der zivilen Ordnung, die sie verwalten, die Gegnerschaft ansagen.

Mehr zum Thema in „Weltmarkt und Weltmacht“ GegenStandpunkt 3-06
http://www.gegenstandpunkt.com/gs/2006/3/gs20063045h2.html

(1) friedenswinter.de/aufruf/
(2) http://www.friedensratschlag.de/userfiles/html/PM_2015-03-31_Koop_BAF.html
(3) http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.ostermarsch-demonstrieren-fuer-den-frieden.085bd983-0288-4984-9c09-e64e5602580c.html


#5 Frauenkampftag

Am 8. März ist Frauenkampftag und die Linksradikale der BRD macht sich mal wieder auf den Weg in ein besseres morgen. Die klassische Aufteilung der feministischen Spektren finden sich auch im Jahre 2015, hier anhand der Aufrufe der zum Frauenkampftag in Freiburg und Stuttgart. So finden sich wie jedes Jahr wieder ein:

a.) Die tapferen Kämpferinnen für die sprachliche Gleichberechtigung der Frau. Der angemeldete Veränderungsbedarf gilt dem fehlenden Respekt, der dem weiblichen Geschlecht und/oder Menschen schwarzer Hautfarbe entgegengebracht wird; ihre „Diskriminierung“ als irgendwie minderwertige Kreaturen widerspreche dem Gleichheitsgebot bürgerlicher Staaten. Das Feld, auf dem hier Kritik geübt wird, ist erklärtermaßen das der „Political Correctness (P.C.)“: der modernen Unart demokratischer Diskussionskultur. Welche Namen man einer Bevölkerungsgruppe gibt, wieviel Achtung man seinem Gegenüber zollt: Das halten die Vertreter der P.C. mit vollem Ernst für das Entscheidende, wenn sich Mann und Frau, In- und Ausländer – egal, ob im Berufs-, Privat- oder politischen Leben – begegnen. Mit dieser Abstraktion machen sie sich an die sprachhygienische Umwertung negativer in positive Begriffe und erfinden sittliche Benimmregeln, die Frauen, Proleten & Homos mit und ohne Migrantenhintergrund das Gefühl vermitteln, als vollwertige Gesellschaftsmitglieder akzeptiert zu sein. Diese Übung stößt, auch und v.a. bei sozial oder politisch benachteiligten Gruppen, auf ein geradezu leidenschaftliches Echo. Sie fordern von Behörden, Firmen und Mitmenschen, als „sehr geehrte“ Damen, MitarbeiterInnen oder Schwarze behandelt zu werden: Jeder an seinem Platz – als Chefin oder Schlecker-Frau, als Gastarbeiter oder Asylant – soll den Respekt ernten, der ihm/ihr in der jeweiligen Rolle gebührt. In der Frauenfrage gilt die Kritik der Differenz zwischen längst vollzogener Emanzipation in Sachen Dienste für Kapital & Staat und deren moralischer Anerkennung, in der Ausländerfrage mehr der vermissten Gleichbehandlung: In beiden Fällen ächtet die P.C. die populären Etiketten der Verachtung bzw. alltäglichen Sitten der Herablassung – und rettet so die Ehre der Opfer. So erweist sich die endlose Gender- und Rassen-Debatte als ebenso verlogenes wie verdrechseltes Kompliment an die kapitalistische Klassengesellschaft, in der „mensch“ gleichgestellt sein will – wenigstens moralisch.

b.) Materielle Gleichberechtigung fordert dieses Jahr der internationale Frauenkampftag in Freiburg. Die Frauen im Breisgau haben der Politik des Versprechen abgelauscht, dass sie „dieselben Zugangschancen zu Beruf, Bildung und Politik“ (1) haben werden, müssen nun aber feststellen, dass es noch immer „gravierende Unterschiede“ gibt zwischen Männchen und Weibchen. An der Aufteilung dieser Gesellschaft in mies bezahlten Erzieherjobs, Niedriglohnsektor etc. für die einen und Managerposten und dem Stellen von Herrschaftspersonal auf der anderen Seite, stört diese Feministinnen die ungleiche Aufteilung der Geschlechter. Die ganz prinzipielle Zumutung sich für fremdes Eigentum benutzen zu lassen ergänzen diese Kämpferinnen um das Ideal der geschlechtlichen Gleichberechtigung bei der Vernutzung des eigenen Lebens für fremde Interessen und werden darüber richtig rebellisch. Gerade in der Erziehung und in der Pflege – dort, wo viele Frauen arbeiten – wird schlecht gezahlt: „Wir fordern eine Aufwertung dieser Berufe und ihre Anerkennung als einen wichtigen Grundpfeiler dieser Gesellschaft.“ (1) Im Namen all der Frauen die bereitwillig das kaputte und alt gewordene Material der Herrschaft pflegen und das junge auf ein Leben in Arbeit vorbereiten kann man doch einmal mehr Geld fordern: Immerhin sind sie ‚systemrelevant‘ und sind ein „wichtiger Grundpfeiler dieser Gesellschaft“!

c.) Die Gegnerinnen des Patriarchats gehen auf Ursachenforschung für schlechte Situation der Frau. „Die patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft sind die Ursachen dafür“ (2), womit nichts als eine Tautologie abgeliefert wird: Dass die Frauen schlecht wegkommen in einer Gesellschaft wird Patriarchat genannt – und genau dieses Patriarchat soll jetzt auch der Grund für das sein, was das Wort eigentlich beschreiben soll. Die Unterdrückung der Frau ist also Ursache und Produkt der Unterdrückung der Frau! Der Kapitalismus spielt natürlich trotzdem eine Rolle: „Der Kapitalismus beherbergt das Patriarchat als Mechanismus, um mehr Profit zu erlangen“ (2). Wie genau ‚der Kapitalismus‘ ‚das Patriarchat‘ einsetzt um ‚mehr Profit‘ zu erlangen (für wen eigentlich? Für ‚den Kapitalismus‘?) wird leider nicht beschrieben. Auch der Staat wird noch eingeführt, ist doch der diesjährige Schwerpunkt das Elend der Flüchtlingsfrauen. So beklagen sie die scheußliche Lage der Flüchtigen mit einer Verharmlosung der staatlichen Asylpraxis: Die „Art und Weise des Verfahrens“ im bundesdeutschen Asylprozess seien „mehr als nur unzureichend, um die persönlichen Geschichten der Frauen fassen zu können“ (2) – womit die Stuttgarter Frauengruppe dem Asyl gleich ein Zweck unterjubeln, den es gar nicht hat. Akribisch wird jede Widerlichkeit aufgezählt, die Frauen in den Heimen zu erleiden haben, als ob es sich um Versäumnisse der Staatsgewalt handeln würde, die durch die Schaffung einer empörten Öffentlichkeit schnell vermieden werden könnten.

Wer ein Interesse daran hat sich dich Rolle der Frau im Kapitalismus einmal richtig zu erklären: http://www.argudiss.de/node/248

(1) http://8maerzfreiburg.blogsport.de/

(2) http://frauengruppestgt.blogsport.de/2015/02/18/8-maerz-kampf-fuer-ein-besseres-leben-aller-frauen/


#4 „Wir sind das Volk“ ist unterwegs?

Das „wir“ haben die patriotischen Europäer, die seit Wochen mit dieser Parole durch Dresden und andere Städte ziehen, nicht erfunden. Mit der 1. Person Plural werden die Einwohner dieses Landes nicht nur während der Fußballweltmeisterschaft, sondern auch in Meldungen über den nationalen Schuldenstand oder deutsche Waffenlieferungen zusammengefasst. Die Demonstranten meinen diesen Ruf aber kritisch: wir sind das Volk, andere, die sich hier aufhalten, nicht. Und sie meinen ihn fordernd: die Regierung, deren Volk wir doch sind, erfüllt die Pflichten nicht, die sie uns als Volk schuldig ist.
Beides ist verkehrt!

Als „wir“, als irgendwie zusammengehörig, werden Menschen bestimmt, die entscheidende Unterschiede und Gegensätze aufweisen. Die Mittel, über die sie im alltäglichen Konkurrenzkampf um Geschäft und Geld verfügen, sind nämlich höchst unterschiedlich und die Lebensverhältnisse, die sich daraus ergeben auch. (Schließlich beruht die Reichtumsvermehrung der einen darauf, dass andere, um existieren zu können, für sie arbeiten müssen; und sie fällt umso deutlicher aus, je weniger denen dafür gezahlt wird.) Dass das so ist, wissen die Demonstranten durchaus, sie halten es aber für unerheblich. Das sind für sie die Zustände, die „bei uns“ eben Gültigkeit haben. Sie haben sich entschlossen, stattdessen den Umstand, dass einer auf deutschem Boden zu Hause ist, für entscheidend anzusehen und alle, die das sind, als Gemeinschaft zu betrachten.

Die fassen sie unter dem Titel „Volk“ zusammen und leiten daraus Ansprüche ab, die „ihre“ Regierung zu berücksichtigen hätte. Das ist, höflich gesagt, ein Widerspruch. Als Volk sind sie nämlich die, die regiert werden, die Untergebenen der Regierung und nicht ihre Auftraggeber. Das geistig umzukehren setzt wieder voraus, vom tatsächlichen Gegensatz zwischen der Staatsgewalt und den ihr Unterworfenen abzusehen, bzw. diesen Gegensatz umzudeuten in ein Gemeinschaftswerk, in dem die einen ihre Pflicht und Schuldigkeit tun und die anderen in ihrem Namen und Sinne für Recht und Ordnung sorgen. Insofern wird das Regiertwerden gutgeheißen, und gute Herrschaft eingefordert.

Sorgen soll eine dergestalt gute deutsche Regierung nicht etwa für konkrete sachliche Verbesserungen und das materielle Wohlergehen ihrer Bürger, sorgen soll sie nach Ansicht der marschierenden Patrioten dafür, dass „unsere“ Lebensumstände „unsere“ bleiben. Und dass sie dem nicht ausreichend nachkommt, wollen sie daran bemerken, dass sich hierzulande Ausländer aufhalten und auch das eine oder andere dürfen. Die sind schließlich nicht das Volk und deswegen steht ihnen ein berechtigtes Hiersein grundsätzlich nicht, in jeden Fall aber nur eingeschränkt zu.

Die Pegida klagen ein, dass das Leben in deutschen Verhältnissen deutsches Privileg zu sein hat. Sie halten diese Verhältnisse, die sie sich keineswegs ausgesucht haben, in denen jeder von ihnen vielmehr notgedrungen zurechtkommen muss, für schwer in Ordnung, wenn Ausländer aus ihnen weitgehend ferngehalten werden. Und mit der Regierung, die den nationalen Konkurrenzstall mit all seinen materiellen und machtmäßigen Gegensätzen gewaltsam zusammenhält, sind sie einverstanden, sofern sie Volksfremde irgendwie schlechter behandelt als deutsche Volksgenossen. Angesichts der materiellen Lage, die diese „unsere“ Lebensverhältnisse der Mehrzahl der Inländer bescheren, gibt es dafür allerdings keine guten Gründe. Patriotismus ist deshalb nicht nur blöd, er ist auch schädlich – für die Patrioten.


#3 Tag der Befreiung von Auschwitz

„Der Jahrestag der Befreiung des Lagers Auschwitz-Birkenau durch sowjetische Soldaten jährt sich morgen zum 70. Mal. Auschwitz – dieses eine Wort steht für Millionen Einzelschicksale.“ Angela Merkel beginnt ihre Rede zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz mit den Opfern. Diese Opfer sind tot und können überhaupt nichts mehr, schon gar nicht miteinander oder mit Frau Merkel für ein ehrendes Andenken streiten. Sie stehen jedem zur Verfügung und sind daher von links bis rechts beliebte Manövriermasse, um die je eigene Politik als einzige Konsequenz zu legitimieren: „Jeder, dem eine gute Zukunft Deutschlands am Herzen liegt, ist sich der immerwährenden Verantwortung nach dem Zivilisationsbruch der Shoa bewusst.“ (1).

Auschwitz ist „Erinnerung“ aus der „ein Auftrag“ „erwächst“ (1): Ein solcher Auftrag für die Toten ist es, als tote Mahnmale an die Notwendigkeit des heutigen Europa und seiner Werte zu erinnern. Im historischen Rückblick von Nationen auf ihr Schicksal sind „Opfer“ nämlich weit mehr als bloß ein beklagenswerter Tatbestand, der auf seine Ursache ein schlechtes Licht wirft, wie im weiteren zu zeigen ist: Sie ehren die nationale Sache, der sie geopfert wurden. Ihr Tot soll genau deshalb nicht umsonst gewesen sein, weil sich die heutige Herrschaft dadurch legitimieren kann.

Gerichtet an die letzten Überlebenden von Auschwitz fasst Merkel das in folgenden Worte: „Gleichwohl haben Sie mit dafür gesorgt, dass Erinnerung über Generationen hinweg wachbleibt – dass aus ihr auch künftig Lehren gezogen werden können. Sie haben uns damit ein großes, ein wichtiges Geschenk [!] gemacht, für das ich Ihnen von ganzem Herzen danken möchte. Denn wir dürfen nicht vergessen. Das sind wir Ihnen schuldig. Das sind wir den vielen Millionen Opfern schuldig. Und das sind wir uns selbst schuldig, die wir heute leben und eine gute Zukunft gestalten wollen.“

Die heutige Demokratie ist dann auch die erhabenen Größe, die den Toten einen moralischen Wert gibt: Das gebietet schon der Anstand gegenüber den Toten, die ja andernfalls ohne tieferen Sinn und höheren Zweck umgekommen wären. Und damit leisten die Leichen von einst einen immer aktuellen Beitrag zur bedingungslosen Wertschätzung der Sache, die alle Opfer überdauert hat: Ganz grundsätzlich setzen sie die Nation mit ihren sämtlichen gegenwärtigen Ansprüchen ins Recht, beglücken deren Anhänger mit dem unwiderleglichen Gefühl, gegen alle denkbaren Anfeindungen im Recht zu sein. Und verdienen deshalb eine Gedenkstätte, an der dieses nur den jeweiligen Stammesgenossen zustehende und verfügbare Rechtsbewusstsein zu Hause ist.

Dass die Juden gerade für diesen höheren Zweck – jener der Nation – dahingeschlachtet wurden, ist auch Herrn Gauck bekannt. Dass es sich dabei allerdings nur um einen Missbrauch des eigentlich guten Vaterlandes gehandelt haben kann beweist dieser in seiner Rede zynischer Weise mit dem Patriotismus der Juden selbst, die für diese Nation geopfert wurden:

„Ich spreche von Willy Cohn. Er stammte aus einer gut situierten Kaufmannsfamilie und unterrichtete an einem Breslauer Gymnasium. Er war ein orthodoxer Jude, tief verbunden mit deutscher Kultur und Geschichte, im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz. Unter dem NS-Regime verlor Cohn seine Arbeit, er verlor Freunde und Verwandte durch Selbstmord und Ausreise. Er ahnte das Ende, als ihn Nachrichten von der Errichtung der Ghettos im besetzten Polen erreichten und von Massenerschießungen in Lemberg. Doch obwohl er all dies wusste, bewahrte sich Cohn eine nahezu unerschütterliche Treue zu dem Land, das ihm das seine schien. „Ich liebe Deutschland so“, schrieb er, „dass diese Liebe auch durch alle Unannehmlichkeiten nicht erschüttert werden kann. […] Man muss loyal genug sein, um sich auch einer Regierung zu fügen, die aus einem ganz anderen Lager kommt.“ Cohns Loyalität, deren Unbedingtheit uns fast unbegreiflich erscheint, weil wir den weiteren Verlauf der Geschichte kennen, Cohns Loyalität wurde auf das Bitterste enttäuscht.“ (2)

Darüber sind die guten Patrioten dann immer am tiefsten enttäuscht von „ihrem“ Deutschland: Lauter Unschuldige hat es getroffen, insbesondere ganz unterschiedslos auch Frauen und Kinder. Bei den Männern hat es sich zu einem guten Teil um fraglos gute Deutsche gehandelt, sogar um mit Orden ausgezeichnete Weltkriegsteilnehmer! – kaum eine Erinnerung schenkt sich den Hinweis, viele Opfer seien allemal bessere Patrioten gewesen als ihre deutschtumbesessenen Verfolger. Widerständler waren sie auf alle Fälle nicht, vielmehr wehrlose Zivilisten, die für ihre Verfolgung durch die Nazis weder Grund noch Anlass geboten haben. Dass Menschen nach ihrer Volkszugehörigkeit unterschieden sind und sortiert gehören und ihnen demgemäß das Recht auf ein Dasein in einem bestimmten Land zusteht oder nicht, ganz gleich, wie eingehaust sie dort sind, gehört nicht zu den Punkten, über die sich die demokratische Erinnerung empört – viel eher ist das für Führung wie Staatsbürger selbstverständlich.

Aufruf gegen „Überfremdung“ können demokratische Verantwortungsträger schon deswegen gut verstehen, weil sie die ersten sind, die da „Gefahren“ diagnostizieren und bei sich selbst vorbedachte und bürokratisch ordentliche Abhilfe anmahnen. Bestimmte Volksgruppen zu identifizieren und im Zweifelsfall als fremd zu deklarieren gehört also auch zum Demokratischen Alltag. Nur umbringen hätte man sie nicht müssen, unschuldig wie sie waren…

Freilich, auch das ist dem realistisch denkenden Staatsbürger geläufig und nur bedingt abscheulich, dass gelegentlich „Unschuldige“ von Staats wegen liquidiert werden: Im modernen Krieg trifft die Wucht militärischer Gewalt und Vernichtungskunst allemal wehrlose Patrioten, die weder dem eigenen noch irgendeinem feindlichen Staat je Grund und Anlas geboten hätte, sie massenhaft umzubringen. Ohne eigene Zutun werden sie dem Kriterium des „normalen“ politischen Rassismus subsumiert: Sie gehorchen einem zum Feind erklärten Staat, gehören also dem verkehrten Volk an. Die Vollstreckung des in dieser Subsumtion enthaltenen Todesurteils überlässt kein Staat einem spontanen Volkzorn; ein jeder bereitet sich mit einer eigenen Bürokratie und ganzen Industriezweigen geradezu planwirtschaftlich darauf vor und lässt die nötigen Aktionen mit perfekter Technologie durchführen…

Da aber wissen die Staatsbürger lauter gute Gründe und gerade die finden sie nicht bei der Judenvernichtung: Was die Nazis so endgültig disqualifiziert, ist der Befund, dass sie für ihren Völkermord keine besseren Gründe gehabt haben als pure ideologische, an die heute, im Unterschied zu damals eben, kein Mensch mehr glaubt – es gibt ja auch die Staatsgewalt nicht mehr, die ihren Volkgenossen diesen Glauben abverlangt hat. Keiner der damals angeführten Gründe hält einer kritischen Prüfung durch den Bundespräsidenten stand: „Der Jude der Antisemiten war kein Wesen aus Fleisch und Blut. Er galt als das Böse schlechthin und diente als Projektionsfläche für jede Art von Ängsten, Stereotypen und Feindbildern, sogar solchen, die einander ausschließen.“ (2)

Erst beim Rassenwahn als einzigem erkennbaren Beweggrund eines akribisch durchgeführten Völkermords an den Juden, da endlich, ist der betroffene Patriot sich also sicher, dass die Naziherrschaft zu weit gegangen und nicht zu rehabilitieren ist – und sogar da muss die große Zahl und die absolute Unauffälligkeit der Mehrzahl der Opfer im zivilen Leben der Nation immer hinzugedacht werden: Der nicht minder total angelegte Genozid an Europas Zigeunern lässt saubere Deutsche schon wieder an eventuell doch akzeptable Beweggründe denken; und wäre die Zahl der Opfer nicht garantiert siebenstellig, dann hielte sich das nachträgliche Entsetzen auch schon wieder in den Grenzen eines mehr routinemäßigen Bedauerns über ein „dunkles Kapitel“ der Geschichte, wie es im Leben jeder Nation irgendwann vorkommt…
Das „Nie wieder“ – der zentrale Auftrag der deutschen Regierung für Merkel und Gauck ist dabei die nicht fehlbare Rechtfertigung der demokratischen Herrschaft: Das gesamte demokratische Staatsleben geht in Ordnung, solange sich dort nicht wieder eine fanatische Mannschaft zum Ermorden von Juden verabredet – was ja wirklich nur selten zur Räson eines Staates und zu der des neuen Deutschland tatsächlich nicht gehört.

Damit allein geben sich die demokratischen Führer der BRD allerdings noch nicht zufrieden. Auschwitz dient in seiner heutigen Form als Ort der nationalen Erinnerung nicht nur zur Legitimation der heutigen Nation nach innen – solange der Staat seinen „Nie wieder“ Auftrag erfüllt – sondern auch nach außen: „Was ist es wert, fragte Buergenthal, dieses „Nie wieder“, das zentrale Versprechen nach Auschwitz? Gab es nicht – so Buergenthal damals – Kambodscha, Ruanda und Darfur? Gab es nicht – so könnten wir hinzufügen – Srebrenica? Und gibt es heute nicht Syrien und Irak? Auch wenn hier die Verbrechen nicht die Dimension nationalsozialistischen Mordens erreichten und erreichen, so sei es doch schrecklich entmutigend, erklärte Thomas Buergenthal, und ich zitiere, „wenn Genozid und Massenmord fast Routine werden“. Wenn die Welt „Nie wieder“ erkläre, aber „die Augen vor dem nächsten Genozid“ verschließe.“(2)

Auch in Zukunft werden also die Toten des deutschen Nationalismus noch als Lehrstück hinhalten müssen, für ein Deutschland, dass nicht nur „Nie wieder Krieg“ sondern auch „Nie wieder Auschwitz“ gelernt hat – und so gerne einmal seinen Imperialismus begründet. Das hat der erste außenpolitische Anwendungsfall dieser deutschen Nationalmoral im Europa der Nach-Nachkriegzeit drastisch vorgeführt: Im Streit um einen Balkan-Einsatz der Bundeswehr konnten sich die Vertreter der Einmischungs- wie der Nichteinmischungskalkulation auf die „Erblast“ des faschistischen Krieges als Verpflichtung für heute berufen – wegen der Verbrechen, die die deutsche Wehrmacht als loyale Armee unter Hitler in Jugoslawien verübt hat, sollte die Bundeswehr nach der einen Meinung nicht, nach der anderen erst recht „wieder“ dorthin gehen. Klar ist seither, dass Deutschland seinen nächsten Kriegseintritt, egal gegen wen, auf jeden Fall aus besonders tief empfundener antifaschistischer Verantwortung beschließen wird. Und darauf bereiten Merkel und Gauck uns vor – 70 Jahre nach Auschwitz.

(1) http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Rede/2015/01/2015-01-26-merkel-auschwitz.html
(2) http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2015/01/150127-Bundestag-Gedenken.html


#2 Silvester

„Wenn’s alte Jahr erfolgreich war, dann freue dich aufs neue. Und war es schlecht, ja dann erst recht.“

Wenn es schon ansonsten keinen Anlass gibt, sich zu freuen, dann nimmt man sich eben etwas Triviales wie den Jahreswechsel und macht ihn zum Mystikum. Ja, wenn schon das Jahr neu wird, warum soll dann nicht auch alles andere neu und anders und natürlich besser werden? Mit dieser platten Mogelei wird der Wechsel des Jahres zur Feier.

Ein bisschen was weiß man doch schon über das neue Jahr: in Deutschland regiert jetzt und auch dann noch die gleiche Regierung den kapitalistischen Staat, man muss weiter in die Uni oder zur Arbeit, wird weiter wenig Zeit oder Mittel für seine guten Vorsätze haben, weil man entweder arbeitet fürs Geld, oder zwar Zeit, aber kein Geld hat.

Die Umwelt, munkelt man, wird im nächsten Jahr auch keine großen Freuden erwarten dürfen: keine Schranke gibt es für das Geschäft, das mit der Zerstörung des Planeten gemacht wird. Sogar so allgemein verabscheute Zustände wie Kriege und religiöse Konflikte werden weiterbestehen, weil sie zwar als moralisch zweifelhaft, aber praktisch für sehr gute Mittel zu sehr noblen Zwecken gelten. Welcher Krieg wurde nicht geführt für den auf ihn folgenden Frieden?

„Lasst uns gehen mit frischem Mute in das neue Jahr hinein! Alt soll unsre Lieb und Treue, neu soll unsre Hoffnung sein.“

Hoffen, das darf man allemal: hoffen darauf, dass ausgerechnet die Zeit es sein soll, die alles verändert. Sich einmal abgefunden mit der vollkommenen Unterwerfung unter das Recht des Staates, bleibt dem Bürger keine Möglichkeit, selbst tätig zu werden „für den Wandel, den man in der Welt sehen will“ – wenn Ghandi überhaupt mal Recht hatte, dann hier: auch der Xte Jahreswechsel deines Lebens wird deine Ärgernisse nicht beseitigen.

Dass die guten Vorsätze nicht aufgehen hat Systematik: keine Zeit für Sport, keine Kraft, kein Geld für gesundes Essen, dauernd gestresst und deshalb Kettenraucher. Man müsste sich schon einmal selbst aufraffen, herauszufinden, was die Gründe sind für das, was man am Jahreswechsel hofft, loszuwerden. Man muss selbst tätig werden gegen all die grässlichen Unzulänglichkeiten dieser Gesellschaften. Dann braucht man vielleicht eines Jahres nicht mehr hoffen am Jahreswechsel, weil man selbst die Kraft ist, die die Veränderungen bringt.

„Wage den Streit!
Vorwärts, die Zeit!“

Dazu allerdings wird man sich anlegen müssen mit allerlei Mächten, die zum Jahreswechsel nicht hoffen müssen:

– einer Regierung, die voll Vorfreude auf ein neues Jahr Gestaltungsmöglichkeit schaut, in dem man mit Sicherheit so einigen Leuten einen Strich durch ihre Hoffnung machen kann

– Unternehmen, die zufrieden oder unzufrieden auf ihre Wachstumsraten von letzten Jahr zurück blicken, aber auf jeden Fall schon jetzt unzufrieden mit ihren Prognosen sind und überlegen, an welcher Stelle Einsparungen zu einem Mehr an Profit führen könnten

– Universitäten, Schulen, Kirchen und alle anderen Institutionen, die in dieser besten aller Welten nur einen Verantwortlichen kennen für die in ihr existierenden Übel: „den Menschen“, also uns mit unserer moralischen Unperfektion, der gerade gemacht werden muss, hergerichtet für ein Leben mit Lohnarbeit (oder ohne)


#1 Weihnachten

Jedes Jahr erinnern die Menschen spektrenübergreifend daran, dass der eigentliche Zweck des Weihnachtsfestes ja längst zwischen Tonnen von Lametta und Geschenken erstickt wäre und das Fest der Liebe zum Fest des Konsums verkommen wäre. Die Zeit stellt fest, dass “Müllberge, Akkordarbeit, Konsumstress”(1) die Folge des Weihnachtsfestes seien und bereits 2011 schrieb der Althippi Langhans, dass “eigentlich klar [ist], dass Linke Weihnachten hassen sollten” (2) – eben weil es zum Kauffest geworden wäre.

Dabei ist die beschauliche Rücksinnierung auf den Herrn im Himmel der uns geboren ward wohl einer der ursprünglichen Ideen des Weihnachtsfestes und drückt in seinem Sehnen nach einem guten Herren eine so devote Lebenshaltung aus, dass I-Phones und Legoburgen auf Wunschzetteln eigentlich sympathischer wirken sollten. Die Sorte Kinder, die für einen Herren, der sie ausnahmsweiße mal nicht verprügelt, sondern sogar für sie stirbt, gerne mal auf den obligatorischen Umschlag von Oma zu Heiligabend verzichten, sind viel gefährlicher als jeder “Konsumwahn” unterm Weihnachtsbaum.

Der Christ im Stroh ist der Idealismus einer Sorte Menschen, die sich ein Leben ohne Herren überhaupt nicht vorstellen kann, aber zumindest noch feststellt, dass es ihre Führer im Hier & Heute doch nicht immer gut mit ihnen meinen. So verpflichten sie sich jenem einen, der wirklich nur über sie herrscht, damit es ihnen gut geht – Amen.

Wo Langhans und andere Linke den Kern des Weihnachtsfestes betrauern – da angeblich völlig verlorengegangen – geht es freilich nicht um irgendwelche heiligen Kinder, sondern um “das Fest der Liebe”, dass sich bei genauem Hinschauen als passendes Fest zur bürgerlichen Familie entpupt.
Wo einen bei genauer Betrachtung mit der “heiligen Familie” keine gemeinsamen Interessen verbinden, sondern die staatlich gesetzte Bedarfsgemeinschaft und die finanzielle Verantwortung für die Bälger, die eh nicht werden wollen was man sich für sie erträumt hat, da passt ein “Fest der Liebe” gut ins Repertoire der Pflichtübungen, die einmal im Jahr geübt werden. Da sitzen dann alle zusammen, die man sonst nie sieht – weil einen ja auch nichts verbindet was über den Geldbeutel und ein paar DNA Fetzen hinausgeht – und heucheln sich jene Liebe vor, die sonst ganz kalkuliert gar nicht vorkommt im menschlichen Konkurrenzkampf, der hier Gesellschaft geschumpfen wird.

Wo der Einzelne tatsächlich mal gerne Zeit mit seiner Familie verbringt ist nicht das Prinzipielle widerlegt, sondenr findet sich zur Zwangsgemeinschaft durch Zufall oder viel guten Willen tatsächlich das gemeinsame Interesse. Oder aber, der Alltag ist bereits so unterträglich geworden, dass selbst die Pause vom Arbeiten die man mit der Familie verbringt noch als Erholung wahrgenommen wird. Der Vergleich mit der Arbeit adelt hier sogar die eigene Verwandtschaft.

Wo die Menschen tatsächlich Zeit hätten sich mit jenen zu treffen die sie mögen bräuchte es kein “Fest der Liebe”, und wo die Menschen nicht als Einzelne gegen jeden anderen antreten müssten in dem Versuch ihre Reproduktion zu arrangieren, da bräuchte es auch die Familie nicht. Es ist also bei weitem nicht die “Konsummentalität”, welche das eigentlich gute Weihnachten kaputtmacht, sondern viel eher der Flachbildfernseher unterm Weihnachtsbaum, welcher die religiös-devote Liebesheuchelei der heiligen Nacht noch erträglich macht.

(1) http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-12/weihnachtskonsum
(2) http://www.taz.de/!83858/