#1 Warum Manager mehr Geld verdienen als Sanitäter. Einige Bemerkungen das Verhältnis von Lohn und Leistung betreffend

Ein Rettungssanitäter meldet sich auf einen Gastkommentar des Handelsblattes, in welchem ein Manager
sein hohes Gehalt verteidigt. Er rechtfertigt seinerseits, warum ihm doch auch mehr zustünde, da seine Arbeit den gleichen Kriterien entspräche wie die des Managers. Im folgenden referiert er, was ihm täglich so alles an Härten abverlangt wird: „Ich will Ihnen zeigen, dass Sie nicht der einzige sind, der hohen Anforderungen gerecht werden muss – und dabei nicht mit einem sechsstelligen Betrag im Jahr belohnt wird.“ (1)

Der Artikel wurde im Netz ausgiebig diskutiert, vornehmlich unter dem Banner der Gerechtigkeit, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie in der Realität immerzu fehlt. Unterstellt wird bei dieser Debatte, dass es so etwas wie ein objektives Entsprechungsverhältnis zwischen Lohn und Leistung gäbe, auf dessen Basis man dann einen gerechten Lohn ermitteln könnte. Diese Kritik im Sinne der Lohngerechtigkeit richtet sich ausdrücklich nicht gegen Lohnunterschiede, sie fordert lediglich eine plausible Rechtfertigung dafür: Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht neidisch auf Ihr Gehalt. Doch die Fähigkeiten, die es angeblich rechtfertigen, sind nicht nur in Ihrem Job gefragt.“(1)

So energisch auf dieser Entsprechung auch bestanden wird: Regelmäßig blamiert sie sich an der Realität und wird deswegen eingefordert. Eigentlich habe dies doch der Maßstab des Lohns zu sein, dass er das nicht ist, ist ein Mangel an Gerechtigkeit. Bei den Entgelten, die Menschen für ihre Tätigkeit erhalten, sind Freunde gerechter Löhne felsenfest davon überzeugt, dass sie prinzipiell deswegen ausgezahlt werden, weil jemand dies und das an Leistung erbracht hat, sich mehr oder weniger verausgabt hat. Auf den Gedanken, dass möglicherweise das gar nicht der Maßstab ist; dass Einkommen und Anstrengung prinzipiell nichts miteinander zu tun haben; dass, wenn Löhne ausgezahlt werden, ganz andere Kriterien gelten und in dieser Gesellschaft gelten müssen – auf diese Gedanken kommen sie nicht. Sie treten mit einem Einkommensideal an, nicht mit der Erklärung, wie und warum Menschen für ihre Arbeit Geld bekommen. Auch bei Managergehältern, die oft um das 100-fache den Lohn eines normalen Angestellten übertreffen, fällt ihnen dann die Unverhältnismäßigkeit der Entlohnung auf und sie entdecken den Widerspruch zwischen Ideal und Realität. Also eine Ungerechtigkeit.

Was ist der Fehler an der Forderung nach einem gerechten Lohn?

Dazu erst einmal zwei grundsätzliche Dinge:

1.) Der Lohn, für den ein jeder täglich seinen Dienst leisten muss, der nicht gerade geerbt oder im Lotto gewonnen hat, damit er ein Leben jenseits von Hartz 4 bestreiten kann, wird auch von
Gerechtigkeitsfreunden gar nicht daran gemessen, inwiefern er für die Lebensinteressen seines Empfängers taugt, sondern es wird gefragt, ob er auch gerecht ist. Anders gesagt: Der Maßstab, der hier an den Lohn angelegt wird, sind nicht die Bedürfnisse, sondern die Leistung des Arbeiters. Zu der soll die Höhe des Lohnes nämlich passen. Vorausgesetzt es gäbe ein Entsprechungsverhältnis zwischen der Tätigkeit die einer leistet und seinem Lohn: Soll man es dann gut finden, wenn jemand ganz wenig aber das wenige Geld auch im Sinne der Gerechtigkeit „verdient“ hat?

2.) Die Forderung nach einem gerechten Lohn lebt von einem Widerspruch, der darin besteht, dass man sich die Gesellschaft hierzulande als arbeitsteiliges Gebilde vorstellt, zu dem jeder seinen Teil beiträgt und auch entsprechend am Reichtum partizipiert, um dann dieses schöne Bild mit der Realität zu vergleichen und plötzlich die vernünftige Verteilung des Reichtums vermisst. Man muss keine umfassenden Forschungen anstellen, um darauf zu stoßen, dass es überhaupt kein Entsprechungsverhältnis zwischen der Tätigkeit, die einer verrichtet und dessen Lohn existiert, da man es mit zwei qualitativ verschiedenen Dingen zu tun hat.

Was sind die Kriterien der Bezahlung von Managern? Was sind die Kriterien der Bezahlung eines
Lohnarbeiters?

Wie viel einer leistet scheint nicht ausschlaggebend dafür zu sein, was er damit verdient. Soviel wird aus dem Artikel deutlich. Ob Rettungssanitäter oder Manager: Beide werden am Ende ihres 13h Tages erschöpft sein und auch einiges an Verantwortung getragen haben. Anscheinend sind Verantwortung, Komplexität und andere Arbeitsanforderungen in dem einen Beruf mehr wert, als in einem anderen, zumindest demjenigen, der sie entlohnt. Gemessen werden die Berufe nämlich nicht an diesen Kriterien. Stattdessen macht den Unterschied auf dem Gehaltszettel die Funktion, die einer im kapitalistischem Getriebe einnimmt: Ob man als abhängig Beschäftigter einen Dienst leistet, der mit einem Lohn entgolten wird, der als möglichst gering zu haltende Kost kalkuliert wird oder als „Eigentumsverwalter“ dafür sorgt, die Arbeit anderer möglichst rentabel zu gestalten und genau dafür am Gewinn beteiligt wird, ist für den Standpunkt des Profits, der ja der ganze
Zweck des Unternehmens ist, nicht unerheblich.

Manager sind solche Eigentumsverwalter. Ihre ganze Aufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, dass das
Eigentum seines Auftraggebers (Investor, Unternehmer, Grundeigentümer) sich tüchtig vermehrt, also Profit abwirft. Der Manager tritt als Kapitalfunktionär auf, indem er die Aufgaben übernimmt, die sonst der Unternehmer machen würde. Dazu gehört vornehmlich, die Arbeit derjenigen, die als abhängig Beschäftigte für das vom Manager verwaltete Unternehmen arbeiten, rentabel zu machen. Oder im Falle des
Krankenhauses sie als möglichst geringe Kost zu kalkulieren. Die Methoden dafür sind mit „viel Arbeit für wenig Lohn“ erschöpfend beschrieben. Der Kapitalist selber tritt nur noch als Eigentümer auf den Plan und lässt sich vom Manager vertreten, den er für seine Arbeit am Profit beteiligt. Manager bekommen also nur dem Anschein nach einen Lohn: Zwar sind sie nach wie vor keine Eigentümer des von ihnen verwalteten Kapitals, da sie aber die Funktion eines Kapitalfunktionärs einnehmen, gelten für ihre Bezahlung andere Kriterien, als es beim Lohnarbeiter der Fall ist. Wichtig ist, dass Manager zu den ihnen anvertrauten Angestellten im Gegensatz stehen, da ihre Aufgabe der Organisation der Arbeit nach Maßgabe der Rentabilität im Widerspruch zu den Interessen der Lohnarbeiter steht. Von wegen also, dass Manager bloß normale Angestellte sind, deren Verdienst durch die von ihnen erbrachte Leistung zustande kommt! Soviel zu der Form der Bezahlung. Welche Kriterien der Bezahlung gibt es bei Managern?
Für die Höhe der Managergehälter (die ja auch durchaus variieren) gibt es mehrere Gründe.

Einerseits dient ein hohes Gehalt natürlich als Anreiz, sich ganz auf den Unternehmerstandpunkt zu stellen, schließlich gehört dem Manager nichts, seine Aufgabe besteht aber darin so zu tun als ob. Zweitens ist die Gehaltshöhe auch davon abhängig, wie groß das Kapital ist, welches den Auftrag erteilt hat. Drittens praktizieren Manager sehr gekonnt eine Lebenslüge, die darin besteht ihren beruflichen Erfolg ihren persönlichen Eigenschaften zuzuschreiben und dies als Ausweis über ihre geheime Kunst der Verwaltung fremden Eigentums teuer zu verkaufen: „Manager werden nicht fürs Arbeiten bezahlt, sondern für Fähigkeiten, die in keinem MBA-Kurs auftauchen.Die Öffentlichkeit weiß nichts von diesen Fähigkeiten. Gute Manager kennen sie, beherrschen sie und wenden sie an: Dafür werden sie bezahlt.“ (2)

Man macht ein Geheimnis um seine tollen Managerfähigkeiten und verkauft sich dementsprechend teuer an
seine Arbeitgeber, die auf den Schwindel auch noch reinfallen, oder ihrerseits damit kalkulieren, dass andere es tun: Sie leisten sich teure Funktionäre und stellen dem Kapitalmarkt damit dar, dass sie sich nur Leute leisten, die ihr Geld wert sind, die sie also als Garantie dafür präsentieren, dass ihr Geschäft gute Profite abwirft. (Dabei liegt es nicht an den Fähigkeiten oder der hohen Leistung der Manager, ob sie Erfolg haben. Das ist immer noch eine Frage der Konkurrenz. Manager können allerhöchstens Bedingungen für den Erfolg schaffen, ihn aber nicht garantieren, auch wenn sie gerne so tun.) So spekulieren sie durch die Zurschaustellung ihres Reichtums auf weitere Investoren, also steigende Aktienwerte, mehr Geldmittel und folglich mehr Gewinn, der sich aus mit diesem Geld erzielen lassen.Wenn sie drauf reinfallen, zeugt das nur von der Vorstellung, die sich noch jeder Unternehmer von seiner Tätigkeit macht und die bloße Eigentümer des Unternehmen sich folglich von ihren Funktionären machen: Sie sind Ausgangspunkt des Geschäfts und sein Endpunkt, wenn sie präsentieren, wie erfolgreich sich das Eigentum vermehrt hat, um deren Verwaltung sie sich bemühen. Ein abhängig Beschäftigter wie ein Fließbandarbeiter bekommt hingegen kein Geld dafür, dass er das Eigentum seines Arbeitgebers erfolgreich verwaltet, sondern sich produktiv an dessen Mehrung zu schaffen macht bzw. von dessen Funktionär dafür eingespannt wird. Damit seine Arbeitskraft auch möglichst produktiv (rentabel) ausfällt, wird sein Lohn dementsprechend als niedrig zu haltende Kost behandelt, weil sie einen Abzug vom Profit darstellt.

Das Entgelt, von dem er immerhin sein Leben bestreiten muss, ist eine (Un)Kost, mit der ein Manager kalkuliert, um das ihm anvertraue Eigentum zu vermehren. Viel Leistung für wenig Lohn ist hier die Devise, auch im Falle des Rettungssanitäters, dessen Arbeitgeber gar nicht auf Profit aus ist, sondern „bloß“ auf die Vermeidung überflüssiger Unkosten, denn eine Kost ist das ganze Gesundheitswesen sowieso. An seinem Arbeitsverhältnis lässt sich ablesen, wie viel dem Staat die Gesundheitsversorgung seiner Bürger wert ist, nämlich genau so viel, dass die Bediensteten 1600€ netto verdienen und dafür auch mal das Wochenende durcharbeiten müssen.

Bei diesen knappen Kalkulationen ist es erfreulich, dass Rettungssanitäter, aber auch sonstiges Pflegepersonal, einfach billig zu haben sind. Was allen abhängig Beschäftigten gemeinsam ist: Sie sind als eigentumslose Bürger gezwungen, ihre Arbeitskraft dem anzubieten, der sie gerade für sein Geschäft benötigt. Was ihren Arbeitsplatz angeht, ist das Verhältnis von Lohn und Leistung schon vorher festgelegt und tritt ihnen als Anforderungen gegenüber, denen sie zu entsprechen haben. Im Arbeitsvertrag wird das ganze dann rechtlich besiegelt: Ein bestimmtes Maß an Leistung für einen

festgelegten Lohn (Korrekturen zugunsten des Arbeitgebers sind natürlich nicht ausgeschlossen).
Jeder Arbeitsplatz ist also mit einem (Leistungs-)Diktat verbunden, bei dem es absolut kein Kriterium der Gerechtigkeit gibt, sondern einzig die Geschäftskalkulation des Unternehmers zählt. Dass diese
Kalkulationen im Gegensatz zu den Interessen der Beschäftigten stehen, die vielmehr auf wenig Arbeit und mehr Lohn aus sind, ist wenig verwunderlich und überhaupt kein Kriterium für eine Veränderung des Lohn/ Leistungsverhältnisses zugunsten der Angestellten. Egal wie oft und laut der Ruf nach „Gerechtigkeit“ zu vernehmen ist.

Gerecht ist das Verhältnis von Lohn und Leistung für diejenigen, die die Löhne bezahlen, allemal.
„Gerechtigkeit“ ist in diesen Verhältnissen nämlich schlicht eine Machtfrage und zwar zugunsten desjenigen, der die nötigen Mittel besitzt, um das Recht zu setzten, also praktisch über Recht und Unrecht zu entscheiden. Aus diesem Grund taugt der Ruf nach mehr Gerechtigkeit überhaupt nichts, wenn einem daran gelegen ist die bestehenden Einkommensunterschiede zu seinen Gunsten zu verändern. Die Gründe für diese Unterschiede erfährt man damit schon gleich nicht.

(1) http://www.handelsblatt.com/meinung/gastbeitraege/gastkommentar-warum-ich-mehr- verdienen-sollte/
10294522.html

(2) http://www.handelsblatt.com/meinung/gastbeitraege/plaedoyer-fuer-hohe-managergehaelter-das- sinddiegruende-warum-ich-so-viel-geld-verdiene-/10281822.html