#3 – Interview ’sozialistische Erziehung‘ Teil 1

Der GEGEN_KULTUR Verlag veröffentlicht nun (fast) jeden Monat ein Video zum Thema sozialistische Erziehung. Den Anfang macht Hashomer Hatzaire, weiter geht es mit der palästinensischen Schwesterorganisation der Falken, der Bundesvorsitzenden sowie der Landesvorsitzenden BW der Falken. Den Abschluss bildet ein Interview zur Kritik der sozialistischen Erziehung von Gegenstandpunkt. Hier geht es zum ersten Video:


#2 Vom Lernen des Lernens und der Kritikfähigkeit

Heute ist es eine der durchgesetzten Lügen der bürgerlichen Pädagogik: Es käme überhaupt nicht darauf an, was man so alles lernt – wichtig wäre vor allem, das Lernen zu lernen. Auch Edwin Hoernle (KPD) wusste über die Erziehung der jungen Proleten ähnliches zu sagen:

„Die politische Erziehung des Kindes geschiet nicht durch Vorträge, Versammlungsbeschlüsse, Resolutionen, sondern durch die sorgfältige und planvolle Anleitung zur Beobachtung des gesellschaftlichen Lebens, zum selbstständigen Ziehen von Schlüssen und deren überlegte und energische Umsetzung in organisierte Tag“ (Die Arbeit in der kommunistischen Kindergruppe: 173)

Es gibt aber keine Fähigkeit richtig zu denken jenseits von richtigen Urteilen über die Welt. Es gibt auch keine Fähigkeit in die Welt zu „blicken“ und dort direkt – ohne Wissen über Kapital und Nation – die Klassengesellschaft zu sehen. Das legt Hoernle aber nahe wenn er schreibt:

„Sehen lernen! Hören lernen! Unsere Gruppenleiter haben es selbst nötig. Im kleinsten Vorkommnis, in jedem Schaufenster, in Gestalt und Kleidung der Vorübergehenden, im Gartenzaun, im Lastwagen, in den Wagen erster bis vierter Klasse der Eisenbahn, in der Fabrik, im Städtebild, im Krankenhaus, kurz, überall spiegelt sich der Klassencharakter unserer Gesellschaftsordnung […] Unsere Kinder sollen „Röntgenaugen“ bekommen“ (Die Arbeit in der kommunistischen Kindergruppe 195)

Wie allerdings soll eigentlich das selbstständige Ziehen von Schlüssen gelehrt werden, ohne mit den Kindern über einen spezifischen Inhalt zu reden? Was soll eine Trockenübung des richtigen Denkens sein, bereinigt von jedem Inhalt, an dem sich entscheiden kann, ob ein Gedanke eine Sache richtig erfasst hat oder nicht? Es gibt schlicht keine Fähigkeit, ohne Urteil über die Welt aus deren Beobachtung die richtigen Schlüsse zu ziehen – schreit die Welt einem doch nicht entgegen, wie sie zu begreifen ist (das ist immer noch ein Akt des Menschen).

Heutige Sozialisten reden auch gerne von der Kritikfähigkeit. Sie bilden sich viel ein auf ihre Kritikfähigkeit, was nicht zuletzt für viele auch der Kern ihrer Kritik an Medien und Schule ist: Dort würde man eben diese Fähigkeit der Schüler nicht genügend ausbilden. Dabei unterscheidet sich die Fähigkeit zu kritisieren überhaupt nicht von der Fähigkeit zu denken, und ist damit allen Menschen prinzipiell gegeben, welche zweites beherrschen.

Was daher als Kritikfähigkeit gehandelt wird und was gelernt sein mag, ist deshalb auch etwas ganz anderes. Es meint eine kritische Haltung gegenüber allem und jedem und unterscheidet gar nicht mehr zwischen Kritikablem und Akzeptablem. Wo auf diese Art alles einem Verdacht unterworfen wird, wird die je spezielle Kritik auch gar nicht mehr an ihrem Inhalt geprüft sondern damit abgewertet, dass es ja einfach sei, alles zu kritisieren. Wer auf der Richtigkeit seiner Kritik beharrt und darauf besteht argumentativ widerlegt zu werden und sich nicht mit dem Hinweis zufrieden gibt, dass man es auch anders sehen könne, wird deshalb von dieser Sorte Kritik fähiger auch nicht als Kritiker gewürdigt. Wer von seiner Kritik erst abrückt, wenn sie widerlegt ist, wird daher zur Kategorie derjenigen gezählt, denen es an Selbstkritik mangelt, wegen fehlender Einsicht darin, dass auch der eigene Standpunkt und die eigene Kritik im Prinzip ja kritikabel sind.

Diese Kritikfähigkeit sieht also völlig ab von dem Inhalt des Kritisierten und dem der Kritik und würdigt das Kritisieren an sich. Damit zeigt der Kritiker, dass er ja auch eine Kritik an den herrschenden Verkehrsformen der Gesellschaft hat – Kapitalismus und Demokratie –, dass ihn diese aber nicht dazu bringt, das positive Verhältnis zu diesen aufzukündigen


#1 Tugend statt Inhalt

Der Mangel in der Erziehung wird bei Löwenstein empirisch festgestellt: Weil die Menschen immer noch morden, kann die bisherige Erziehung mit ihrem Aufruf „Du sollst nicht morden“ nicht richtig funktionieren:

„Moralpredigten und Lehren sind meistens gut gemeint, aber selten von nachhaltiger Wirksamkeit. Mehr als zwei Jahrtausende hat man die kultivierte Menschheit „Du sollst nicht töten“ gelehrt, die Katastrophe des Weltkriegs kann uns wirklich nicht zu dem optimistischen Glauben verleiten, daß diese Lehre wirksam gewesen ist. Was nicht erlebt ist, nicht im praktischen täglichen Leben geübt, das ist meist in der Erziehung nur schmückendes Beiwerk geblieben“ (SuE, 225)

Dabei fällt auf, dass Löwenstein hier mit den bürgerlichen Erziehern das Ideal teilt, es wäre eine Aufgabe der Erziehung, dass der Mensch sich nicht mehr gegenseitig tot schlägt. Dem ist zu widersprechen. Gerade im Weltkrieg (wird reden hier vom ersten) wurde der Prolet doch gar nicht vor die Wahl gestellt ob er morden will oder nicht – per staatlichem Akt wurde er dazu gezwungen. Den hohen Herren indes mangelte es sicher nicht an richtiger Erziehung. Sie hatten für das nationale Wohl zu sorgen, das eben so manches mal über Proletenleichen gehen muss, wenn der Erbfeind oder der „russische Barbar“ dem deutschen Wohle entgegensteht.

Es gab nun aber nicht nur den Zwang von oben, sondern auch die Kriegsbegeisterung von unten in den Augusttagen 1914. Wie aber hätte eine sozialistische Erziehung davor schützen sollen? Löwenstein äußerst sich sehr genau darüber, ob man mit den Kindern schon direkt über politische Inhalte reden sollte:

„Das Arbeiterkind kann nicht schon im frühen Alter für ein Parteiprogramm erzogen werden, das lehnen wir Kinderfreunde grundsätzlich ab. Es soll kein Gläubiger eines Parteidogmas werden. Dadurch unterscheiden wir uns von den Spartakusgruppen der Kommunisten“ (SuE, 220)

Es sei einmal dahingestellt ob es ein Ideal der Spartakisten war, Parteisoldaten im Sandkasten heran zu ziehen. Für Löwenstein ist auf jeden Fall klar, dass man den Sozialismus den Kindern anders nahe bringen muss als mit Urteilen über die Welt. Diese „dogmatische“ Herangehensweiße, über den Willen und den Verstand des Kindes ist ihm grundunsympathisch. Dafür entdeckt er bei den Kinderfreunden der Kirche und des Militärs sein Mittel der Wahl:

„Niemals haben die Kirchen sich gescheut, die Kinder vom frühesten Alter an mit all der Symbolik und dem Dogmengehalt der jahrhundertealten Überlieferung zu erfüllen. Niemals hat die monarchistische Erziehung der Vergangenheit es sich nehmen lassen, selbst die jüngsten ABC-Schützen mit „Monarchismus“ und „Patriotismus“ zu füttern. Sie taten es nicht mit Begriffsbestimmungen, nicht mit verstandesmäßigen Erwägungen, aber sie machten die Kinder vertraut mit dieser Welt, damit sie sich heimisch in ihr fühlten und sie ihnen lieb geworden war, als Heimat ihrer schönen Kinderjahre.

So und auch nur so sollen unsere Küken Heimgefühl für ihre Klasse und für die Arbeiterbewegung bekommen“ (SuE 220)

Die sozialistische Erziehung erzählt den Kindern also nicht einfach, was so ein Staat eigentlich ist und wie man als Prolet darin vorkommt. Da hätten die Kinder dann zwar die Möglichkeit, Widerspruch einzulegen und eine Debatte anzufangen, aber irgendwie ist das dann doch zu „dogmatisch“. Statt dessen also sollen Heimatgefühle in der Klasse erzeugt werden – Sozialismus soll sich einfach toll anfühlen, auch wenn die Kinder gar nichts an der Hand haben, was Sozialismus denn eigentlich ist außer ein schickes Zeltlager oder ein schmetterndes Lied: „…und wenn sie dann singen „wir sind das Bauvolk der kommenden Welt“, so haben sie gewiß noch keine Vorstellung von der gewaltigen Aufgabe der sozialen Revolution, aber sie wissen doch schon, daß es etwaas Gutes ist, und daß man stolz darauf sein kann, Bauvolk der kommenden Welt zu sein.“ (SuE 220)

Fassen wir zusammen: Über Inhalte mit Kindern zu reden ist Parteidogmatismus, Tugenden hingegen wollen gelebt sein, z.B. Kurt Löwensteins wunderbar sich selbst widersprechendes Paar von der „Friedensliebe“ und der „Kampfbereitschaft“. Dass diese Tugenden auch prima zu jeder anderen Erziehung passen, lernt man u.a. bei Hitler, der die deutsche Jugend auch aufforderte, „friedensliebend und kampfbereit“ (!) zu sein. Vielleicht liegt es eben doch nicht an einem Mangel an Tugenden, dass die Arbeiter sich 1914 gegenseitig abschlachteten, sondern an ihren falschen Urteilen über die Nation und ihre Rolle. Dagegen hilft allerdings kein noch so tugendhafter Umgang, sondern eine Debatte darüber, was der Staat ist.


#0 – Zum Geleit

In der folgenden Debatte sozialistische Erziehung werden Beiträge verschiedener Autoren veröffentlicht, die sich mit den Klassikern und den aktuellen Ansätzen der sozialistischen Erziehung beschäftigen.