#40 Pegida und das Elend ihrer Kritiker II

Die häufigste und unangenehmste Art des Lobes in der bürgerlichen Debatte ist das Hochhalten des Kritikers: Man sei zwar beileibe nicht einer Meinung, aber schön, dass da einer so kritisch denke.

Was sich hier als Lob der Kritik verkleidet, ist nicht weniger als der Abgesang ans Denken. Nicht der Inhalt des Widerspruchs wird geprüft und für tauglich oder untauglich befunden, sondern ausgerechnet, dass überhaupt Widerspruch geäußert wurde, erscheint schon lobenswert.

Damit wird der Kritiker anerkannt und seine Kritik niedergemacht: Der Grund seiner Kritik – irgendetwas hat dem Kritiker wohl nicht gepasst und das hat er artikuliert – wird geradewegs entsorgt und seine Persönlichkeit gelobt! ‚Schön kritisiert!‘ spricht der Professor hinter dem Katheder und wiegelt so alles ab, was es an Widerspruch gab.

Wer dann allerdings auf dem Inhalt seiner Kritik besteht und Rede und Antwort einfordert, wird unverschämt, weil er die Respektsbekundungen seines Gegenübers glatt in den Wind schießt und einfach auf den Widerspruch selbst besteht. Wer so argumentiert, ist schnell ‚unangenehm‘ und sowieso kein guter Zeitgenosse.

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An Pegida ist gerade die umgekehrte Tour zu beobachten. Pro Asyl identifiziert Pegida: „Die Anführer dieser Demonstrationen sind keine Patrioten, sondern Rassisten“ (1). Und mit Rassisten – das ist klar – hat man nicht zu reden. Auch hier wird der Inhalt durchgestrichen durch den Verweis auf die – dieses Mal mangelhafte – Persönlichkeit des Kritikers: Mit dessen Kritik habe man sich gar nicht zu beschäftigen, sei dieser ja nicht einmal ein Patriot!

Die Identifizierung und Diffamierung der Kritik von Hogesa, Pegida etc. als ‚rechts‘, ‚diskriminierend‘ oder gar ‚faschistisch‘ mag zutreffen oder nicht – nimmt aber – wie das ‚Lob der Kritik‘ – den Inhalt nicht ernst und sucht ausgerechnet jenseits des Inhalts ein Kriterium, warum gerade diese Kritik nicht erlaubt sein sollte. So wird nicht widerlegt, was ‚das Volk‘ sich zusammengereimt hat, sondern die Persönlichkeit des Kritikers zum Thema – weswegen jeder Zuschauer der ‚Heute-Show‘ und ‚der Anstalt‘ sowie zig anderer Sendungen weiß, dass der Initiator der Pegida-Demonstrationen ein verurteilter Verbrecher ist, der sich schon einmal selbst nach Südafrika flüchtete.

Diese Verwechslung von Identifikation mit Kritik – ‚Der hier ist ein Rassist / hat rassistische Slogans‘ ist eben keine Kritik des Rassismus, sondern setzt beim geneigten Zuhörer oder Leser bereits voraus, dass dieser Rassismus ungebührlich findet – ist schädlich fürs eigene Anliegen: Selbst der letzte bürgerliche Vollpfosten mit Deutschlandfahne merkt noch, wo er nicht widerlegt sondern stigmatisiert wird.

Wer sich nicht abfinden will mit 15.000 Volksfreunden, der muss die Argumente lernen gegen Volk und Vaterland. Eine Linke, die ihre Gegner nicht mehr widerlegen sondern nur noch markieren kann, wird endgültig ohnmächtig wo die Stimmung im Lande kippt, und Rassist zu sein kein Makel mehr ist, für welchen man sich in den meisten Kreisen zu schämen braucht. Eine Antifa, welche nichts mehr kann als ‚Nazis outen‘ ist schon heute ohnmächtig gegen die Propaganda eines Makss Damage, der stolz dazu steht: „Ich bin Rassist.“

Eine richtige Kritik von Pegida beginnt mit einem Verständnis des Rassismus – woher er kommt und wie er geht: http://www.gegenstandpunkt.com/gs/1995/1/gs19951008h2.html

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/pegida-proteste-angela-merkel-verurteilt-fremdenfeindlichkeit-a-1008576.html


#39 – Patriotismus von Links

Das „rote Salzburg“ weiß sich nicht mehr zu helfen, warum so viele Kommunisten gegen das Vaterland hetzen: „Wer das wirklich Beste für ihr oder sein Land will, kann letztlich nur SozialistIn sein“. Stefan Klingersberger will den schlechten Ruf der guten Sache in linken Kreisen stärken: „Die ArbeiterInnen sind es aber, deren individuelles und Klassenschicksal am unmittelbarsten mit dem der eigenen Nation verbunden ist, und die sich daher dementsprechend eng mit ihr identifizieren können und müssen.“

Tatsächlich ist das Wohl und Weh des Arbeiters eng verbunden mit dem Schicksal seiner Nation: Geht es dem Staate schlecht wie in Griechenland, hat er keine Arbeit oder kann nicht mehr von ihr Leben. Und geht es der eigenen Nation so gut wie Deutschland, dann hat auch das mit dem Arbeiter zu tun: Dieser erarbeitet dann den Reichtum der Nation durch Europas größten Billiglohnsektor und niedrigste Lohnststückkosten. Als Menschenmaterial seines Staates wird er entweder erfolgreich Ausgebeutet oder nicht gebraucht und daher selbst von der Möglichkeit ausgeschlossen, zu (über)leben durch den Verkauf seiner Zeit und seiner Gesundheit. Was für ein guter Grund sich mit seiner Nation zu identifizieren lieber Stefan!

Es stimmt eben nicht, wenn Herr Klingersberger behauptet: „Was der Arbeiterklasse nützt, nützt der Nation, und was der Nation nützt, nützt der Arbeiterklasse“. Es Verhält sich genau anders herum: Alles was die Nation besitzt, besitzt sie auf Kosten der Arbeiterklasse. Die älteste Lüge der Politiker – das Wohl des Vaterlands sei unser Wohl – ist schon empirisch nicht zu halten mit einem Blick in die reichen Länder Westeuropas und die Armut deren Menschenmaterials: Sei es in den Nordamerikanischen Zeltstädten, den Französischen Vorstädten oder dem deutschen Niedriglohnsektor.

„Wahrer Patriotismus kann nicht rechts sein“ weil man nur die Vaterlandsliebe, dass „Wir-Gefühl“ in die „richtige, progressive, revolutionäre Richtung zu lenken“ braucht. Aus diesem Gefühl wächst eben nicht „nur chauvinistischer Nationalismus, sondern auch Solidarität samt Internationalismus“. ‚Wir‘ – egal ob ‚revolutionär‘ oder ‚reaktionär‘ – besteht, gesehen aus der patriotischen Brille, allerdings nicht aus einer Klasse an Lohnabhängigen. Diese finden sich nun wirklich ganz unabhängig von Landesgrenzen.

Das spezielle am nationalen ‚Wir‘ ist gerade, dass hier Chef und Lohnarbeiter, Beamter und Soldat, Student und Professor unterschiedslos als Einheit gedacht wird. Und tatsächlich erwächst aus dieser Einheit auch Solidarität und Internationalismus. Frau Merkel erinnert so die Arbeitstiere der Nation in jeder Neujahrsansprache daran, weiterhin den ‚Gürtel engel zu schnallen‘ und weiß freudig zu berichten über das hohe Ausmaß an nationaler Solidarität bei so mancher Gewerkschaft, welche die Lohnforderungen seiner Mitglieder immer daran relativiert, dass der Betrieb nicht geschädigt werden darf.

Auch eine Form des Internationalismus erwächst ohne Frage aus dieser Sorte Patriotismus. Da fühlen sich Deutsche einmal mehr Verantwortlich für den Weltfrieden und der imperialistische Internationalismus eines Joschka Fischer steht Pate, wenm dieser schon lange keine linke, sondern nur noch ‚deutsche‘ Außenpolitik kannte und nicht nur, ’nie wieder Krieg‘ sondern eben auch ’nie wieder Auschwitz‘ gelernt hat. Ob Che sich so die ‚Zärtlichkeit der Völker‘ vorgestellt hat?

Der Unsitte unmengen an Autoren für seine Sache in Beschlag zu nehmen setzt Herr Klingersberger die Krone auf mit seinem Versuch, ausgerechnet Fichte zum Zeuge für seine Idee eines Patriotismus zu machen, der die Welt umarmt. Fichte hat seine Vorlesungen gerne im Militärkostüm und Säbel gehalten, welche so schöne Titel trugen wie ‚Über den Begriff des wahrhaftigen Krieges‘. Frankreich war für ihn nicht nur der Erbfeind der Deutschen, sondern ‚aller Menschen‘ [!], und obwohl selbst nicht für den Kriegsdienst tauglich, so ersuchte er doch darum, die deutschen Kämpfer als Wanderprediger unterstützen zu dürfen. Ein wunderbares Beispiel für die stille Zuneigung der Völker in patriotischem Gefühle!

An dieser Stelle mag noch gesagt sein, das Patriotismus tatsächlich schlecht kritisiert ist, wenn der Krieg angeführt wird. Es ist nicht die Feindeshaltung nach außen, sondern das ‚Wir-Gefühl‘ nach innen, welches bereits Ziel der Kritik sein muss. Gerade dieses allerdings ist für Klingersberger der Anknüpfungspunkt: „Was der Nation am meisten nützt, ist sehr wohl ein legitimes Kriterium für richtige Politik.“ Zwar könnte jetzt behauptet werden, dass die Nation ja gerade von der Ausbeutung der Arbeiter und so manchem Kriege profitiert, „jedoch wird der überwältigende Großteil dieses Extraprofits wieder nur von der eigenen Ausbeuterklasse eingestreift.“ Ein schönes Knechtsbewusstsein legt der gute damit hin, echauviert er sich nämlich darüber, dass doch glatt der falsche von seiner Arbeit profitiert: Nicht fürs Vaterland, sondern für den Kapitalisten schuftet er sich kaputt!

Einem solchen Linken ist der eigenen Materialismus und jener der Arbeiter dann auch zuwieder: „Jener Teil der Beute, welcher der Arbeiterklasse zugeteilt wird, ist vergiftet und wirkt als Droge, die vom notwendigen Klassenkampf ablenkt und den proletarischen Internationalismus zurückdrängt“ Hunger sollen die Hunde und sich aufopfern für Höheres, für „Fortschritt“ und „Vaterland“! Und so leuchtet dann auch ein: „Die Aufgabe der SozialistInnen besteht folglich darin, theoretisch herzuleiten, überzeugend und mobilisierend darzulegen und schließlich auch praktisch zu beweisen, warum gerade der Sozialismus der Nation am meisten nützt.“

Und so ist der Übergang gemacht: Sozialismus ist eben nicht das Beste für deine Interessen, sondern für die deiner Nation. Opfer dich auf: Für den Sozialismus und dein Vaterland. Bei Fidel hieß das: patria o muerte!

Alle Zitate aus http://www.rotes-salzburg.at/?p=513
Die Daten und Zitate von Fichte finden sich in: Münkler 2003: Über den Krieg. Verlag Velbrück Wissenschaft


#38 Pegida und das Elend ihrer Kritiker

Die „Patriotische Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes“ demonstrierten diesen Montag in Dresden. Mit 10.000 Teilnehmern war es die bisher größte Demonstration Pegidas. Weitere sind in Planung.

Die Kritik an Pegida ist in den letzten Tagen ebenso angewachsen wie die Protestbewegung selbst. Dresdner Bürger versammelten sich gestern gegen die Bürgerinitiative und waren sichtlich erschüttert: „Eine Schande für Dresden“ (1) findet ein betroffener Bürger, der kritikabel an dem patriotischen Umtrieb seiner Landsleute nur findet, dass diese selbst seinem geliebten Dresden schaden könnten. Die Ablehnung von Patriotismus aus patriotischen Gründen zeigt sich dann auch entsetzt, dass die Pegidas „Wir sind das Volk“ skandieren: „Eine Losung die einfach für die Leute da nicht passt“ (1), weil man selbst doch immer im Namen eben dieses seinem Standpunkt legimität verschaffen will und wollte.

Bürgerliche wie linksradikale Kritiker indes recherchieren auch über Netzwerke rechter Kader und wollen den Nachweis führen, dass Nazis und Rechtsradikale die Proteste initiiert haben und weiterhin vorantreiben. So entdeckten Linksradikale in Würzburg „mindestens zwei organisierten Neonazis“ (2) unter den Demonstranten und die ARD fragt Pegida Teilnehmer, ob diese wüssten, dass auch rechte Parteien auf der Demo seien (1). Diese Pseudokritik nimmt damit Vorlieb, Pegida als Rechts zu identifizieren und hofft schlicht, dass alle ihr Vorurteil teilen, dass es sich nicht gehört, rechts zu sein. Diese Strategie gipelt wie immer in den unvermeidlichen Artikeln, die in mühseliger Recherchearbeit die je einzelnen Nazis ausfindig macht, welche sich auf irgendwelchen Demos blicken lassen oder diese anmelden (3). Insofern diese überhaupt agitieren wollen, setzen sie den antifaschistischen Standpunkt immer schon voraus, mit Nazis dürfe man nicht Demonstrieren.

Mit dieser Tour geben sich aber nicht alle zufrieden. Die “ Bürgerinnen und Bürger gegen extreme Rechte“ (4) entdecken sogar einen Zusammenhang zwischen Nationalismus und Rassismus bei ihrer Analyse von Pegida auf Linksunten.indymedia, um dann mit ihrem Begriff des „Nationalrassismus“ (4) zu zeigen, dass sie eben nicht verstanden haben, was der innere Zusammenhang von beidem ist – viel mehr sehen sie in dem gleichzeitigen Auftreten von Nationalismus und Rassismus bei den Demonstrationen eine besondere Gattung von beidem am Werk: Eben ‚Nationalrassismus‘ – als ob das eine ohne das andere überhaupt zu haben wäre.

Auch „leipzig.antifa.de“ (5) bemüht sich um mehr als der Artikelanfang mit klassischem ‚Welche Nazis organisieren was bei Pegida‘ vermuten lässt. Diese wollen erkannt haben, dass Pegida den Islam nur als „abstrakte Chiffre gebrauchen: Der empirische Gegner ist der „Fremde“ schlechthin“ (5) – was schlechthin unmöglich ist: ‚Fremd‘ ist erstmal vom bisher nicht probierten Essen über den Ausgang des nächsten Fußballtuniers alles mögliche – für den einzelnen ‚Patriotischen Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes‘ nicht zuletzt auch so ziemlich jeder andere Gesinnungsgenosse auf der eigenen Demonstration. Das die Patrioten so genau wissen gegen was sie sind und gegen was nicht lässt sich eben nur aus dem Inhalt ihres Denkens erklären, und nicht mit Leerformeln wie ‚Fremdenhass‘.

Auf der Spur der historischen Genese von Pegida wird jeder Gedanke den sich Nationalisten machen weiterhin konsequent ignoriert und soziologischer Unsinn erzählt: „Dennoch darf vermutet werden, dass für die Normalisierung rassistischer Positionen – insbesondere deren antimuslimische Variante – in „bürgerlichen“ Spektren andere Diskurse bedeutender waren, die mit symptomatischen Namen wie Thilo Sarrazin und Akif Pirinçci sowie der Etablierung der AfD zusammenhängen.“ (5) – Das darf natürlich vermutet werden, kann aber auch genau andersherum behauptet werden: Die Behauptung, dass die Normalisierung rassistischer Positionen dafür gesorgt hat, dass Sarrazin und Pirinçci ihre Bücher erfolgreich verkauft haben ist ebenso schlüssig und nichtssagend wie jene der Antifaschisten, weil beide als Erklärung des Phänomens einfach ein anderes herbeiziehen: Rassismus wird normal, weil Rassisten jetzt erfolgreich Bücher verkaufen?!

Das Elend der Pegida-Kritik ersetzt natürlich nicht die Kritik des Pegida-Elends. Wer verstehen will, warum sich in der Krise immer mehr Menschen unter der deutschen Fahne mobilisieren lassen und warum sie gerade im Ausländer ihren Feind identifizieren – oder eben im Muselmann, welchem sie prinzipiell eine fremde Fahnentreue unterstellen – sei allerdings auf einen anderen Artikel verwießen: http://301507.server.adminflex.de/node/43

(1) http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/mittagsmagazin/videos/kritik-an-pegida-demo-und-gegendemos-100.html
(2) https://linksunten.indymedia.org/de/node/128645
(3) https://linksunten.indymedia.org/de/node/128322
(4) https://linksunten.indymedia.org/de/node/129109
(5) https://linksunten.indymedia.org/de/node/129209


#36 Linksunten. Die Autorität der Antiautoritären

Auch dieser Beitrag zur Debatte wurde von Linksunten gelöscht.

„Sie brauchen nur zu sagen, dieser oder jener Akt sei autoritär, um ihn zu verurteilen.“ Das schrieb 1872 Engels über die Antiautoritären, die historische Vorform der Rudi Dutschkes und der Linksunten-Moderatoren. Letzte praktizieren noch heute die Identifikation als Kritik, glauben mit der Makierung einer Position als Autoritär müsse die Debatte bereits beendet sein: „bitte hör auf Gegenstandpunkt-Propaganda und -Termine zu posten. Wir verstecken Postings autoritärer Gruppen und der Gegenstandpunkt gehört für uns dazu.“ (1)

Die Überordnung des eigenen Willens über den eines anderen: Autorität, wie sie von den Linksunten-Moderatoren abgelehnt wird, praktizieren diese selbst. In dem sie ihre Stellung als linksradikales Schwarzes Brett dazu benutzen, einiges an Veranstaltungen unsichtbar zu machen. Die Postings löschen ist die Autorität der Antiautoritarier über die Autoritären.

Dabei soll auf keinen Fall der Eindruck erweckt werden, Autorität wäre – wie es die Antiautoritarier von Linksunten unterstellen – derart zu verurteilen, dass die Markierung als „Autoritär“ schon ausreicht als Kritik. Es soll nicht unter Wahrung des Dogmas hier der mühsige Versuch geführt werden, nun die Moderatoren von Linksunten als eigentlich Autoritäre zu überführen. Viel mehr soll kurz dargelegt werden, dass der Ausschluss von als ‚Autoritär‘ identifizierten Gruppen von dem Widerspruch lebt, jenen zu Unterstellen was man mit dem Ausschluss selbst praktiziert. Die Notwendigkeit Autoritär zu handeln wird also ausgerechnet gerechtfertigt mit dem autoritären Verhalten der Gruppen – was sich in der Regeln selbst natürlich wieder durch ähnliche Behauptungen legitimieren kann.

Deswegen ist es nicht ohne Charme, wenn das Portal der Mülltonnenzündler und Steineschmeißer in einer Veranstaltungsreihe aus Workshops und Vorträgen (2) jenes autoritäre Prinzip entdecken, dass ihnen bei ihrem eigenen Ziel – immerhin eine Plattform der ‚revolutionären Linken‘ will Linksunten sein – wohl entgeht. Schon Engels wusste von diesem Widerspruch: „Haben diese Herren nie eine Revolution gesehen? Eine Revolution ist gewiß das autoritärste Ding, das es gibt; sie ist der Akt, durch den ein Teil der Bevölkerung dem anderen Teil seinen Willen vermittels Gewehren, Bajonetten und Kanonen, also mit denkbar autoritärsten Mitteln aufzwingt“.

Die Antiautoritarier sind sich selbst also in ihrer übergroßen Mehrheit durchaus bewusst darum, dass ihr Dogma gegen die Autorität in der Praxis nicht viel Wert ist und sich nur gegen seinen Inhalt durchsetzen lässt. Das hindert sie überhaupt nicht daran mit großem Eifer und Selbstbewusstsein sehr Autoritär und damit gegen ihr eigenes Dogma eben dieses an seinen Kritikern zu exerzieren. So wird der Einsatz der eigenen Autorität gerechtfertigt durch die Behauptung, der andere sei Autoritär.

Wer ein Interesse daran hat, eine Debatte über die Autorität und ihre Rolle in der Linken zu führen, müsste als erstes verstehen, dass die Kritik einer Position – Autoritär oder Antiautoritär – etwas anderes ist als die Unsichtbarmachung anderer Positionen. Diese Praxis setzt schlicht Autoritär die eigene Position durch und liefert niemanden auch nur ein Argument, den eigenen Standpunkt zu übernehmen – in diese Falle lächerlicherweiße im Namen des angeblich Antiautoritären.

Der Aufsatz von Engels und die Zitate finden sich in: MEW18/305-308
(1) E-Mail an den Autor
(2) Wer sich trotzdem Bann über die ‚autoritären Gruppen‘ über die Veranstaltungsreihe Informieren will sei auf www.antikapitalismusbw.blogsport.de hingewiesen.


#35 Deutsche Helden

Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen; ich habe gemalt, was sie nur taten. Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate.“ Karl Kraus – die letzten Tage der Menschheit.

Wenn ‚die Zeit‘ den Nationalismus ihrer Leser mobilisieren will, dann macht sie es mit großen Bildern. Blutleer sei die Spätmoderne, wir – das deutsche Volk – sitze nur hilflos vor dem Fernseher während um uns die Welt zusammenbricht. Egal ob „uns die Gottesschlächter den abgeschlagenen Kopf eines westlichen Journalisten hämisch entgegenhalten“ oder „uns die Nachricht von einem abgeschossenen Passagierflugzeug ereilt“ – alles was ‚uns‘ da präsentiert wird ist für ‚uns‘ auch ein Handlungsauftrag – zumindest wenn wir noch das Blut unserer Vorväter in ‚uns‘ hätten. Die haben mal kurz einen Weltkrieg vom Zaun gebrochen „nachdem in Sarajevo ein Thronfolger samt Gattin erschossen worden war – bloß ein Thronfolger samt Gattin erschossen worden war, bin ich versucht zu schreiben.“

Heute dagegen ist angeblich das Opfern für höhere Werte nicht mehr im Kurs, auch da „für uns Kinder des Kalten Kriegs jeder „Heiße Krieg“ unvorstellbar geworden“. Ja, ein Krieg „in dem Soldaten töten und getötet werden, in dem die Gewalt auch vor Zivilisten nicht haltmacht – dieser Gedanke ist uns so fremd geworden“ in den friedlichen Jahren des Eisernen Vorhangs zwischen 1945 und 1989, in dem es nur kleine, unbedeutende Kriege ohne zivile Opfer gab: Frankreichs Indochinakrieg und Algerienkrieg, den Koreakrieg, den Vietnamkrieg, den ersten Golfkrieg und noch ein, zwei oder 54 (!) andere…

Es geht vielmehr darum, den Frieden zu loben in dem man ihn zu einem „kostbarsten Vermächtnis“ verklärt, das natürlich bewahrt werden muss – im Notfall eben mit Krieg. Dafür wird ein sehr eigentümliches Bild Europas im Jahre 2014 gezeichnet. Dort gibt es eine „östlichen Nachbarschaften“ in welcher „wieder heftige Brände ausbrechen – Brände, die beginnen, ihre Funken bis zu uns zu schicken“ – ganz so, als wäre es nicht Deutschland gewesen, welche einen Putsch in der Ukraine mitgetragen und –organisiert hat. Und so kommt ‚die Zeit‘ zur anderen Seite des gerade noch so kostbaren Vermächtnisses: „Die Kehrseite dieser Zivilität ist allerdings die Feigheit“. Und wer will schon Feige sein?

Überhaupt gehen die Werte der westlichen Gesellschaft immer mehr verloren: „Doch nicht nur das Ritterliche, die Bereitschaft, Schutzbedürftigen zu Hilfe zu eilen, ist im Begriff, endgültig zu verschwinden.“ Nein, selbst die Bereitschaft für die eigene freiheitliche Gesellschaft im Dreck zu verrecken ist im Schwinden begriffen, obwohl doch jeder Einzelne „So zäh um den Erhalt all jener Privilegien, vom wärmegedämmten Eigenheim bis zu drei Urlauben im Jahr“ kämpft. Dem Schreiberling scheint gar nicht aufzufallen, dass es ein seltsames ‚wir‘ ist, welches er zu mobilisieren gedenkt, wenn man da in Friedenszeiten schon um das ‚Privileg‘ einer wärmegedämmten Wohnung kämpfen muss – und dabei auch verlieren kann.

Aber diese Vaterlandsverräter, die den Hauptfeind im eigenen Land suchen, ist ‚die Zeit‘ allemal vorbereitet: „Es erzählt einiges über die Kurzsichtigkeit unserer intellektuellen Eliten, dass ihnen die – unbestreitbar aggressive – Geschäftspolitik eines Konzerns wie Amazon die größere Bedrohung unserer Lebensart zu sein scheint als der mörderische Fanatismus, der seit Monaten von der Ukraine, vom Irak und von Syrien ausstrahlt“. So wird dann die be- und vernutzung von Arbeitern für den Nutzen des Kapitals zur ‚aggressiven Geschäftspolitik‘ und die Kritik an dieser zur Legitimation weil Ablenkung vom wirklichen Menschheitsfeind: Den Russen, welche sich in der Ukraine gegen europäische Expansionsträume stellen. Die schlecht bezahlte Arbeitskraft ist also genauso ‚wir‘ wie der Chef von Amazon und beide gemeinsam sollen sich gegen den Feind in der Ukraine stellen – und dabei den kleinlichen Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit einfach mal links liegen lassen.

Den ‚höheren Wert‘ Europas gegen die niedere Russen gilt es dann auch zu verteidigen: „Soldaten sind Männer – und seit einer Weile auch Frauen –, die bereit sind, ihr Leben im Namen eines übergeordneten Werts aufs Spiel zu setzen – und bereit sind, in diesem Namen zu töten.“ Und das macht sie zu „Helden“ – die Opferbereitschaft gegenüber sich selbst und anderen und das Absehen von eigenen Interessen. Dieses Verlang ‚die Zeit‘ dann auch nicht von allen ihren Lesern – aber zumindest Respekt vor dem Opfer der Soldaten: „Gerade weil uns Durch-und-durch-Zivilisierten beide Gedanken immer fremder werden, sollten wir denen, die überhaupt noch willens sind, sich beiden existenziellen Gefährdungen auszusetzen, umso dankbarer sein.“

Und da ist es wieder – das ‚uns‘. Dieses ‚uns‘ für welches die Soldaten sterben, und das für die Insassen dieser feinen Gesellschaft selbst nach Auskunft ‚der Zeit‘ ein ständiger Kampf ist. Dieses ‚uns‘, zu dem Amazon genauso zählt wie sein Menschenmaterial. Dieses ‚uns‘, für das diese als „Helden“ kämpfen und sterben und damit schon Beweisen, was es mit diesem ‚uns‘ auf sich hat: Wo sie „Helden“ sind, kämpfen sie eben nicht für ihr, sondern für ein fremdes Interesse: Für Deutsches.

Alle Zitate aus http://www.zeit.de/2014/46/beruf-soldat-bundeswehr


#35 Die Antilopen Gang

Das erste Album der Antilopengang auf einem Label erscheint und wird begleitet von einer ganzen Welle von Interviews der Band. Die unter Linken beliebte Crew zeigt sich dabei von ihrer politischen Seite und erschreckt damit nicht nur einige Rap-Magazine sondern auch alle, welche durch ihre bisherige vornehmen Zurückhaltung bei politischen Themen richtige Argumente erwartet hatten.

Schnell kommen sie auch beim ‚neuen Deutschland‘ zu politischen Themen: So macht sich nach dem Urteil der Antilopen Occupy „verkürzter Kapitalismuskritik“ (1) schuldig, weil „99%“ und sowieso: „Die Vorstellung, dass 1% von Menschen die Welt regiert, zeigt auch ein Weltbild, das völlig krude und absurd ist. Das meinte ich mit »das ruft ja schon fast zum Pogrom auf«.“ (1) Koljah rappt ja schon in ihrem neuesten Hit: „Man kann und darf mit diesen Leuten gar nicht erst reden.“ (2) Argumente sind eh fehl am Platz, das „ist ja auch schon fast Antisemitismus“ (2). Man selbst sehe das komplexer und weiß, dass es sich um „abstrakten Probleme“ (1) handelt, die man nicht „auf irgendwelche Minderheiten oder am Ende noch die Juden projiziert“ (1) dürfe.

Bei solchen ‚Kampfansagen‘ an die deutsche Mehrheit verwundert der Erfolg auch nicht: Wer würde von sich selbst schon sagen, dass er Probleme auf Minderheiten ‚projiziert‘ oder gar ‚abstrakte Probleme‘ am Ende sogar ‚einfach‘ Lösen will? Deutschland besteht auch nicht aus Occupy-Aktivisten, welche sich den Kapitalismus falsch erklären, sondern aus Menschen welche sich für den Kapitalismus nicht interessieren, sich aber darüber freuen wenn einmal Linke wie Rechte durch den Kakao gezogen werden. Leider verschweigen die Antilopen was genau der Kapitalismus jetzt eigentlich so an ‚abstrakten Problemen‘ erzeugt oder welche Kapitalismuskritik eigentlich ‚unverkürzt‘ ist, sprich: Eine Kritik am Vaterland und Kapital kommt bei den Antilopen gar nicht vor. Das laue „Deutschland, Deutschland, du tüchtiges Land“ (2) kann von Patrioten problemlos gehört werden, die schon mit Egotronics „Raven gegen Deutschland“ erstaunlich gut zurecht kamen beim Tanzen in der Disco. Zwar wundern sie sich etwas „dass uns ein vaterlandsverräterisches Antifa-Lied, auf dem wir gegen Günter Grass oder Ken Jebsen schießen, gerade in den Mainstream befördert“ (3), aber am Ende freut es sie doch mehr als das es sie zum Nachdenken bringt.

Nicht weil Günter Grass oder Ken Jebsen nicht zu kritisieren wären, sondern weil Lieder gegen Nazis sicher nicht Vaterlandsverrat sind hat die Antilopengang mit einem solchen auch nichts zu tun. Viel mehr kann sie das staatliche Programm gegen Extremismus gut Unterstützen. Gegen diesen weiß die Antilopengang eine starke Staatsmacht zu schätzen und haben sich damit zu Recht auf Platz 41 der deutschen Charts gesungen: „Da bin ich dann doch sehr froh über Rechtsstaatlichkeit, über Polizisten, die diese Leute dann im Zaum halten.“ (1) Warum sollte eine solche Band auch nicht erfolgreich sein? Im Notfall ist sie sogar bereit den Status quo zu verteidigen: „Mit Waffengewalt.“ (1). Die völlig falsche Parole der „99%“ ist zwar überhaupt nicht auf dem Weg dazu die Occupy-Aktivisten zu Mördern des ‚einen Prozent‘ zu machen. Das ganze Szenario – „die die jetzt lynchen würden“ – entspringt einzig aus der Fantasie der Antilopen, um dann alles zu rechtfertigen, was die Polizei tatsächlich macht. Man könnte sich eben alles ’noch viel schlimmer‘ vorstellen.

Massentauglich ist es eben nicht nur gegen Nazis zu sein, sondern auch Protest doof und ‚gefährlich‘ zu finden. Das sollte auch nicht mit einer Kritik verwechselt werden, welche die falsche Analyse der Occupy-Bewegung ins Visier nimmt, sondern dient einzig der Darstellung, warum der deutsche Staat dann eben doch zu unterstützen ist. Selbst harmlose Bürger wie die Stuttgart 21-Bewegten werden bei den Antilopen zu „HoGeSa in bürgerlich“(1) um eines klar zu machen: Wir können froh sein, dass wir eine Polizei haben die uns vor diesen Leuten schützt! Eines ist Klar – Vaterlandsverrat geht anders.

(1) http://www.neues-deutschland.de/artikel/951837.punk-hat-viele-widerspruechliche-inhalte.html
(2) http://www.youtube.com/watch?v=xwsOi0ypuSI
(3) Facebook der Antilopen am 10. November


#34 – Bis das der Tod dich dahinscheidet

„Verschont den Tod!“ heißt die aktuelle Kolumne von Jakob Augstein, dabei ist der Titel irreführend; hat Augstein doch gar nicht seine Liebe zum Sensenmann entdeckt, sondern viel mehr Angst um das Allerheiligste: „Der Tod auf Bestellung nimmt dem Leben die Würde“. Diese Würde entdeckt er dann auch gleich in einer Haltung, die er auch bei den Gesunden inzwischen schmerzlich vermisst: „Demut“. Wer sein Leben schon nicht in der Hand hat, der soll gefälligst auch seinen Tod nicht selbst bestimmen – oder um es mit Augstein zu sagen: „Das Leben ist nicht beherrschbar, der Tod sollte es auch nicht sein.“

So ganz stimmt das natürlich nicht, nimmt sich der Staat doch durchaus heraus das Leben seiner Bürger mit dem einen oder anderen Recht und Gesetz zu reglementieren und auch den Wunsch von Sterbenskranken doch bitte in Ruhe verrecken zu können wird hier nicht zur Frage des Willens eines Patienten, sondern zu einer Frage der staatlichen Erlaubnis. Im Mittelalter kann Herr Augstein sogar noch etwas wie Herrschaft in der Frage nach dem Leben und dem Tod finden: „Im Mittelalter wurden die Leichen der Selbstmörder durch die Straßen geschleift und danach gehenkt. Kirche und Staat wollten nicht von ihren Subjekten lassen. Eine Frage der Herrschaft, der Kontrolle.“

Dann kommt das unvermeidliche Argument: „Die ausdrücklich geregelte Suizidhilfe durch Ärzte ist das Einfallstor für eine gefährliche Entwicklung: Sterbehilfe als übliche Behandlungsmethode.“ 2001 war übrigens für die FAZ das Sterbehilfegesetz in Holland kein ‚Einfallstor‘ sondern ein ‚Dammbruch‘, was aber das gleiche meint: FAZ und SPON wissen eben sehr genau, dass es in dieser Gesellschaft eine Menge Interessen gibt, selbst und gerade den Totkranken noch ihren letzen Lebenshauch auszulöschen wollen, selbst wenn das nicht in deren eigenen Willen ist.

Natürlich zieht keiner der nun so betroffenen Moralisten daraus einmal den Schluss, an diesen Interessen etwas zu Ändern. Das unter (schwer)kranken Familienmitgliedern die ganze Sippe zu leiden hat, weil Pflege die letzten Freizeit- und Geldreserven frisst, ist immer vorausgesetzt in der bürgerlichen Gesellschaft und ist die Grundlage für den praktischen Zynismus des Jakob Augstein: „Wenn das Schule macht, wird die Frage „Wohin mit Oma?“ bald einen anderen Tonfall bekommen.“

Das Oma eine Belastung für die Familie ist kommt eben aus der Logik, dass man in der wunderbaren Keimzelle der bürgerlichen Familie aufeinander zwangsverpflichtet wird; woher auch der eine oder andere Wunsch kommen kann, dass selbst die noch recht Lebensfrohe aber zeit- und finanzaufwändige Großmutter lieber früher als später ins Gras beist. Weil aber niemand vor hat an dieser Rechnung etwas zu ändern wird lieber der Staat angehalten, seinen Mitgliedern das freiwillige Ausscheiden aus der bürgerlichen Gesellschaft zu verbieten. Weil der Moralist eines augsteinschen Schlages genau weiß, dass sich hier einige Interessen die Bahn schlagen, die gerne mal den Willen einer Person übergehen und ihn am liebsten in den letzten Willen überführen würden ist die Konsequenz klar: „Wer schützt Alte und Kranke vor dem äußeren – oder inneren – Druck, die anderen und sich selbst von der Last und den Lasten des eigenen Leids zu befreien?“

Hier will einer nicht dafür Sorgen, dass die Alten kein Armutsfaktor mehr für die eigenen Kinder sind, sondern ihnen den unlauteren Ausweg durch Selbstentsorgung verbieten. Ganz im Sinne der Demut wird das Leiden der Menschen an den Krankheiten und dem materiellen Elend nicht weggeschafft, sondern geadelt zum wichtigen Bestandteil menschlicher Existenz, zuletzt bezeugt durch das langsame verrecken des zuletzt dahingeschidenen Papstes: „Der geduldete Tod wurde zu einem Zeichen für die Würde des Lebens.“

Alle Zitate aus: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sterbehilfe-jakob-augstein-ueber-die-wuerde-des-tods-a-1002693.html


#32 Mangel an Einsicht in die Notwendigkeit bei Ökos entdeckt

Mangel an Einsicht in die Notwendigkeit bei Ökos entdeckt

Die TAZ diagnostiziert einen Mangel an Einsicht in die Notwendigkeit bei den deutschen Ökos. Der Bericht des UN-Klimarates sei Eindeutig: „In 35 Jahren muss der heutige Trend von steigenden Emissionen radikal umgedreht werden – und weil Länder wie China und Indien noch lange ihre Armut mit Kohle bekämpfen, ist für die Industriestaaten praktisch nichts mehr da. Vor allem ist kein Platz mehr in der Atmosphäre für CO2 aus deutschen Kohlekraftwerken.“ (1)

Pötter (2) will aber auch gewarnt haben vor den erklärten Feindes des Klimawandels, die nicht zu allen Schritten bereit sind um die weltweiten Wetterverhältnisse vor dem fiesen CO2 zu beschützen: „Und ehe die deutschen Umweltverbände zu laut jubeln“(1) – die klassische Reaktion von Ökos auf Berichte über die vernichtende Wirkung des Kapitalismus auf den Planeten – „sollten sie ebenfalls die Details studieren. Denn der Bericht sagt auch: Ohne das Abscheiden und Lagern von CO2 aus Kraftwerken (CCS) wird der weltweite Klimaschutz sehr schwierig und sehr teuer. Da passt die generelle Ablehnung von CCS durch die Ökos nicht ins Bild.“

Pötter weiß eben, dass sich die Reaktionen auf den Klimawandel vor allem daran zu messen haben. dass sie nicht schwierig und vor allem nicht teuer zu sein haben. Wer da einfach die Umwelt für seine Bedürfnisse adäquat halten will und auch in 40 Jahren noch gerne in die Sonne gehen würde ohne an Hautkrebs zu sterben, muss sich da seine „generelle Ablehnung“ von unter die Erde gepresstem CO2 nochmal gut überlegen.

Damit ist Pötter auf eine gewisse Art sehr ehrlich: Wer in diesen Verhältnissen ein gutes Klima haben möchte, der darf nicht davor zurückschrecken den Grund und Boden als Entlager zu vernutzen und mit C02 Verpressung u.a. giftige Schwermetalle aus dem Boden zu lösen und ins Grundwasser überführen. Ein Öko der also nicht bereit ist für die Rettung des Klimas die Umwelt zu vergiften, passt für Pötter einfach „nicht ins Bild“ (1) – der weiß nämlich, dass die Vernutzung von Mensch und Natur fürs Kapitalinteresse einer der Notwendigkeiten ist, welche diese Gesellschaft prägen. Und da hat Pötter recht: Wer diese Notwendigkeiten aufkündigen will, der passt wirklich nicht ins Bild.

(1) http://www.taz.de/Kommentar-Klimabericht-des-IPCC/!148767/
(2) Pötter wurde bereits einmal mit einem KeinOrt-Artikel beglückt: http://keinort.de/?p=579


#31 Ernst Noltes Kampf gegen den Volkstod

„Das Tabu brechen“ ist neben „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, „Ich bin kein Rassist, aber…“ und „So jung kommen wir nicht mehr zusammen“ ein der zentralen Phrasen des deutschen Stammtisches und – nur konsequent – auch der Titel des neuen Artikels von Ernst Nolte im „the european“ (1).

Ernst Nolte war seinerzeit der Auslöser der Historikerdebatte, die dieser begann mit seiner – vom Holocaustleugner David Irving übernommenen – These von Auschwitz und Treblinka als Reaktion auf die Bolschwiki. „Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ‚asiatische‘ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ‚asiatischen‘ Tat betrachteten? War nicht der ‚Archipel Gulag‘ ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ‚Klassenmord‘ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ‚Rassenmords‘ der Nationalsozialisten?“ (2) Dem Film Shoa wollte er damals ausgerechnet abgeschaut haben, dass auch die KZ-Wachmänner „auf ihre Art Opfer sein mochten“ (2).

Als deutlicher Gegenbeweis zur dümmlichen These im Alter werde man allein schon aufgrund fortgeschrittener Erfahrung klug beweist Ernst Nolte das er den Historikerstreit nicht als Beendet ansieht und will das Tabu brechen, über Hitler dürfe man nur schlecht reden. Von Anfang an präsentiert Nolte einen missverstandenen Hitler, der von rassistischen Ressentiments begleitet wurde – „Zumal von konservativer Seite als Kennzeichen ­Hitlers nicht selten „schlechte Rasse“ angegeben wurde.“ – und trotz edler Ziele – „den militärischen Sieg über die kommunistische Sowjetunion als weltweite Bedrohung der ­„Zivilisation““ – ständig niedergemacht wurde: „und lange Jahre hindurch ­begegnete Hitler viel Spott“ (1).

Nach nicht wenigen historischen Klarstellungen dieser Art die Ernst Nolte vornimmt – „In dem nicht primär von Hitler, sondern durch die Verweigerung von Kompromissen ebenso [!] sehr durch Polen und England hervorgerufenen Krieg von 1940“ (1) – geht er über zu seinem eigentlichen Projekt:

Der Demographie Wandel als ein Beispiel für ein Problem des deutschen Volkes, das Adolf zu lösen verstand: „Hitler hatte diese Tendenz zum „Volkstod“, wie er sie nannte, durch eine pronatalistische Politik nicht ohne Erfolg bekämpft“ (1) steht Pate für sein Anliegen, die Ängste des deutschen Volkes – zum Beispiel vor dem Volkstod – nicht zu verwechseln mit den Lösungen des dritten Reiches: Diese Verdammung Hitlers und der Kampf gegen Rechts „[…] überschreitet die Grenzen der Verfassungsfeindlichkeit oft, indem er berechtigte Sorgen und Ängste der Gegenwart mit jenen „großen Projekten“ Hitlers in Verbindung bringt, nämlich die Vernichtung des Kommunismus und die „Entfernung“, d. h. letzten Endes die (der sowjetischen und freilich andersartigen sozialen Vernichtung der „Bourgeoisie“ entsprechende) biologische Vernichtung des Judentums“ (1).

Nolte versucht hier zu trennen was zusammen gehört: Die Judenfrage musste gestellt werden damit es die Hitlerantwort geben konnte und wo der Volkstod als Problem behandelt wird ist die Unterordnung des Individuums unter das nationalistische Kollektiv bereits vorausgesetzt, egal wie die Antwort ausfällt. Eine solche Frage verdient nur eine „einzige Antwort – die Kritik der Frage selber“ (3). Noltes Artikel ist kein Bruch mit der bürgerlichen Idiotie, den Faschismus nicht zu erklären, sondern ihn zu verdammen; Nolte vollbringt keinen Tabubruch an diesem Wahnsinn, der die Ver- mit der Beurteilung des Faschismus verwechselt, und kaum etwas gegen den Faschismus vorzubringen hat als das bürgerliche Gestotter von ‚vielen Toten‘ und der Demokratiefeindlichkeit.

Nolte hat mit einem solchen Bruch nichts zu tun. Er ersetzt nur die diabolische Fratze mit der Phrase von ‚Es war nicht alles schlecht‘.

(1) http://www.theeuropean.de/ernst-nolte/8913-vergessener-repraesentant-der-selbstbehauptung
(2) Ernst Nolte: Die Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte. FAZ, 6. Juni 1986
(3) MEW (35/159ff)


#30 Der Exorzismus

Die Tore zur Hölle wurden aufgestoßen und der Belzebub wandelt auf Erden. Weselsky ist sein Name, Deutschland sein Opfer, dass er in den „Würgegriff der Mini-Gewerkschaften“ (1) nimmt. Die Gesundheit des bundesdeutschen Menschenmaterials leidet nicht mehr unter mieser Arbeit und Geldmangel, sondern unter dem Egoismus der lohnabhängigen Lokführer: „Dabei wäre der einfachste Weg, die Volksgesundheit zu heben, dafür zu sorgen, dass die Leute wie geplant das Wochenende oder den Urlaub verbringen können, statt mit ihren Kindern auf Bahnhöfen und Flughäfen festzuhängen.“ (2)

8 Stunden Arbeit für Mindestlohn und dann noch auf die Bahn warten: der Alptraum des guten Christen, der viel Verständnis hat für die Lage der deutschen Bahn – man verhandelt schließlich nicht mit Terroristen – und keines für diejenigen, die in der gleichen Lage sind wie er selbst, nämlich abhängig vom Chef und kein Mittel sich zu wehren als die eigene Arbeitskraft zu verweigern. Wer diese Mittel einsetzt, der ist von allen guten Geistern verlassen und das Böse schlechthin – also ist der vierten Gewalt auch kein Mittel zu billlig Weselsky als dieses Böse zu inszinieren. So erfährt man in SPON das „Weselsky Behinderte als etwas bezeichnete, das herauskommt, „wenn sich zwei Kranke miteinander ins Bett legen“ (2) – das hat zwar nichts mit dem Streik zu tun, aber taugt zur Bebilderung des epischen Streites zwischen Gut und Böse. Wie lange es wohl dauert bis man Kinderpornos bei ihm findet?

Alles steht auf dem Spiel: Die Gesundheit der Bürger, aber natürlich auch das Vaterland. Es drohen „britischen Verhältnisse“ (1) oder natürlich „italienische Verhältnisse“ (3). Und wenn der gute Christ Angst hat vor dem Teufel, dann will er ihn austreiben mit harter Hand. Fleischhauer schreibt gen Himmel um Gottes Gnade zu erwirken: „Wo ist die deutsche Maggie Thatcher?“ (1) damit diese endlich auch in Deutschland ihr großes Werk vollbringen kann: „Es ist zweifellos der große bleibende Verdienst von Margaret Thatcher, die Macht der Gewerkschaften gebrochen zu haben.“ (1) Fleischhauer hofft auf die heilende Wirkung des Exorzismus und wünscht Weselsky zurück in die Hölle aus der er gekommen ist.

Dass die Bahn den Streik sofort beenden könnte indem sie einfach die Forderungen der GDL erfüllt, interessiert schon längst keinen mehr. Das würde ja „die Macht der Gewerkschaften“ stärken statt sie zu brechen. Das kann einer wie Fleischhauer nicht wollen, denn das hat er wohl doch mitgenommen aus seinem linken Elternhaus: Klassenbewusstsein ist das Gegenteil von Verantwortung fürs „Allgemeine“ (1) übernehmen und deswegen auch störend für alle Freunde deutscher Zustände. Deswegen unterstützt die Journallie die deutsche Bahn auch bei ihrer harten Linie und jammert lieber über die Nebenwirkungen des Streikes statt Partei gegen die Bahn zu ergreifen.

(1) http://www.rp-online.de/politik/im-wuergegriff-der-mini-gewerkschaften-aid-1.4477791
(2) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/streiks-jan-fleischhauer-ueber-die-macht-der-gewerkschaften-a-998370.html
(3) http://www.willizblog.de/?p=4152