Der EU-Türkei Deal – ein Verrat an den „Werten“ Europas?

Pro Asyl charakterisiert in den „News“ (1) die Brutalitäten und den Zynismus des EU-Türkei-Deals wie folgt:
„Wer aus der Türkei nach Griechenland gelangt, soll … zurück in die Türkei abgeschoben werden. Im Gegenzug möchten die EU-Staaten für jeden syrischen Abgeschobenen einen syrischen Flüchtling aus der Türkei auf legalen Wegen aufnehmen…Nur wenn ein syrischer Schutzsuchender sein Leben bei der Überfahrt über die Ägäis riskiert und dann per Schnellverfahren zurückverfrachtet wird, entsteht ein Platz für einen anderen Schutzsuchenden aus Syrien, der dann legal und gefahrenfrei in die EU kommen darf…Insgesamt gilt auch das vorerst nur für 72.000 Menschen…“

Dieser „schmutzige Deal“ ist für Pro Asyl eine „Schande für Europa“, denn „Europa verabschiedet sich von seinen Werten“ (individuelles Recht auf Asyl, Schutz durch Genfer Flüchtlingskonvention). Pro Asyl, und sicherlich all jene, die die Merkelsche „Willkommenskultur“ begrüßt und überhaupt erst mit ihrem Engagement mit Leben erfüllt haben, sind der Auffassung, dass die neue Flüchtlingspolitik im Spätsommer 2015 aus den Werten der Humanität geboren wurde, sich davon also hat leiten lassen. Wer den Mächtigen der Politik jetzt einen Verstoß gegen diese Werte vorwirft, hat einerseits keine gute Meinung (mehr) vom realen, unmenschlichen Treiben der Politiker. Andererseits wird an eine ‚eigentliche‘ Politik gedacht, die den Auftrag, den die Kritiker ihr erteilen, erfülle und den Werten der Humanität verpflichtet sei. So pflegen diese Kritiker des Deals ihren guten Glauben an die moralische Wesensart der Politik. Dass Moral die Politik beauftragt und antreibt, das war in ihren Augen endlich mal verwirklicht, als Merkel im Sommer `15 Flüchtlinge aus Ungarn ungehindert einreisen ließ und die deutsche „Willkommenskultur“ einleitete.

Trifft es aber eigentlich zu, dass Humanität der Grund und die Richtschnur dieser in der Tat neuen Flüchtlingspolitik waren? War und ist das Abkommen mit der Türkei dem ‚Geist‘ dieser Flüchtlingspolitik gänzlich fremd? Wenn die Flüchtlingspolitik sich mit dem Deal von den Werten verabschiedet haben soll, bleibt zudem die Frage – worin besteht sie denn dann in ihrer tatsächlichen Praxis?

Sachlich gesehen hat das „Flüchtlingsproblem“, das Merkel Auftrag gebend und aufmunternd mit „Wir schaffen das“ neu vorgestellt hat, nie darin bestanden, die Probleme der Flüchtlinge zu lösen, so dass alle politischen und materiell-organisatorischen Anstrengungen darauf hätten ausgerichtet werden sollen. Vielmehr hat Merkel mit ihrer ergänzenden Devise „Wer, wenn nicht wir, soll die europäische Flüchtlingspolitik regeln“, von vornherein deutlich gemacht, worauf die politischen Anstrengungen gerichtet werden sollten. „Wer, wenn nicht wir“, also unter deutscher Führerschaft, soll der Umgang mit den Flüchtlingen als ein passendes Material verwendet werden, um darüber einiges auf europäischer und internationaler Bühne, auf der Staaten unterschiedlicher Gewichtung mit z. T. gegensätzlichen Interessen agieren, umzukrempeln. Kaum war der erste Willkommensruf verklungen, war für den deutschen Außenminister klar, dass die EU in seiner Gestalt mehr Einfluss zu erhalten hat im internationalen Ringen darum, wer in Zukunft wie in Syrien regieren darf. Ist der Mann dabei von der Sorge angetrieben, wie er den Flüchtlingen helfen kann?

Unter dem Aspekt der neuen „europäischen Flüchtlingspolitik“ werden die Staaten der Welt neu betrachtet, d. h. einsortiert nach bis dato unbekannten Klassifizierungen wie Flucht-, Verfolger- und Herkunftsstaaten sowie Transitländer. Diese Titel, die die EU ihnen zuschreibt, haben sie nicht beantragt. Das ist eben keine Frage einer Namensgebung, sondern damit sind praktische Ansprüche an diese Staaten mit Folgen für die jeweiligen Flüchtlinge bzw. Fluchtwilligen verbunden. Die Staaten des Westbalkan werden zügig zu „sicheren Herkunftsländern“ erklärt, etwas später Algerien, Tunesien und Marokko, und in Afghanistan werden „sichere Gebiete“ ausgemacht, in die Asylbewerber zurückzuführen sind. Damit sind per Deklaration die Fluchtgründe beseitigt, ohne dass sich an den Lebensumständen, die die Menschen zur Flucht veranlasst haben oder veranlassen werden, irgendetwas geändert hat. Von den Staatsführungen wird erwartet, dass sie ihre geflüchteten Hungerleider identifizieren und zurücknehmen und künftig „Scheinasylanten“ an der Grenzüberschreitung hindern. Ansonsten verdüstern sich ihre Beziehungen zur EU. Selbstverständlich dient das gar nicht „humane“ Abwehren, Durchsortieren und Rückführen dieser Flüchtlingskategorie nur der ‚richtigen‘, dringenden Humanität – so das moralische Etikett für die Aussortierung: Flüchtlinge dieser Art verstopfen nicht mehr die internationalen Rettungsgassen, so dass für die wirklich (!) Schutzbedürftigen der Weg frei ist. Diese Unterscheidung erfolgt nicht aus der Betrachtung des Ausmaßes von Gefahr, Not und Elend, sondern daraus, welches Interesse die EU-Flüchtlingspolitik an diese Länder anlegt. An die Türkei wird nun das EU-Interesse gerichtet, sich als neuer Außenposten für das Abschotten, Selektieren und Weiterreichen von Flüchtlingen gemäß den EU-Vorgaben bereit zu machen, also einiges an entsprechender Infrastruktur und ‚Sicherheitsorganen‘ zu schaffen und abzuzweigen. Auch hier wird die Rechtfertigung mit der Humanität schnell gefunden: Flüchtlinge an der mazedonischen Grenze können ihr Dasein im Matsch beenden und über Griechenland ein trockenes Quartier in der Türkei beziehen; den Schleusern wird die Geschäftsgrundlage entzogen und die Flüchtlinge so vor dem Ertrinken bewahrt. Die neue Einsortierung von Staaten inkl. der Vertragsregelungen mit ihnen bezweckt, dass die „Flüchtlingszahlen dauerhaft und nachhaltig reduziert werden“ und war von Beginn an Programmpunkt von Merkels Flüchtlingspolitik –immer etikettiert mit Humanitätstiteln verschiedenster Art.

Die Kritik von Pro Asyl und anderen, die das Treiben der Politik nach „human“ und „nicht human“ besichtigen, beschäftigt sich nur mit der menschlich-moralischen Interpretation, die die Politik sich selbst zuschreibt und mit der Frage, ob sie ihr die zugestehen will und kann.

(1) https://www.proasyl.de/news/warum-der-deal-mit-der-tuerkei-eine-schande-fuer-europa-ist/


(Kommentar zum Köln-Blog)

Am Blog zu Köln „Die sind so“ ist mir Folgendes aufgefallen:

In der Mitte des Blogs führst Du Beispiele auf, wie „Millionen in Deutschland lebende Moslems“ ganz normal im deutschen Arbeitsalltag stecken und sich sogar – wie marokkanische Anwohner in Düsseldorf – für die Durchsetzung von Recht und Ordnung gegen ihre kleinkriminellen ‚Landsleute‘ aussprechen.

Die erwähnten Beispiele lassen allerdings die Lesart zu, dass Ausländerhass & Fremdenfeindlichkeit simple Vorurteile wären, die durch gedankliche Faulheit zustande gekommen wären. Bei genaue(re)m Hingucken könnte man doch sehen, dass die meisten hier lebenden Moslems sich ordentlich aufführen, dass auf dem Oktoberfest auch Einheimische grapschen und dass die meisten hier lebenden Ausländer auf Recht & Ordnung stehen. Und deshalb gäbe es doch – wenn man eben nur genauer hinguckte – keinen wirklichen Grund für die Feindschaft…

Wenn’s doch nur so einfach wäre… Nein, da hat der Blog insgesamt schon recht: Der Ausländerfeind „weiß“, dass „die hier nicht hingehören“, weil „die nicht zu uns passen“, und es stimmt, dass dieser Standpunkt schon vor Köln „fix und fertig“ ist. Und das bringt mich zu einer weiteren Anmerkung. Ich finde, der Blog hört genau da auf, wo er weitermachen müsste: Wie geht denn eigentlich dieser „Standpunkt“, den der Blog mit „Flüchtlinge aus islamischen Staaten ‚passen nicht zu Deutschland’“ zusammenfasst, worin besteht er denn eigentlich? Mal ein Versuch:

Der Einheimische ist von Kindesbeinen an daran gewöhnt worden, sich in seinem Leben mit allen Anforderungen zu arrangieren; und was es heißt, sich in ständiger Konkurrenz um Arbeit, Wohnung, Einkommen… durchzuschlagen, weiß er aus seinem täglichen Leben nur zu gut. Ob er was davon hat oder nicht, ob er ein gutes Leben führt oder sich ständig herumplagt – , diese Lebensumstände betrachtet er als an manchen oder auch vielen Stellen zwar ungemütliche, aber hierzulande eben übliche und deshalb auch selbstverständliche Art des Zusammenlebens. Und alle, die hierzulande durchaus im Gegensatz zueinander stehen (Hauseigentümer/Mieter, Unternehmer/Lohnabhängige, Hersteller/Verbraucher etc.) und an der Konkurrenz ums Geldvermehren und Geldverdienen teilnehmen, sind für ihn ein „Wir“, eine Gemeinschaft, zu der jeder an seinem Platz seinen Beitrag leistet und zu leisten hat. Wenn sich alle an das halten, was, und sich so verhalten, wie es „hier so üblich ist“, dann ist das die Art und Weise, wie man hier zurechtkommt und geht in Ordnung.

Das Sammelsurium von Anforderungen, Sitten, Gewohnheiten usw. redet er sich als „Lebensart“ schön, die er und seine Zeitgenossen gemeinsam zustande kriegen und die er zusammenfassend „Heimat“ nennt. Angereichert um schöne Bilder von Landschaften, Festen, kulinarischen und sonstigen Spezialitäten (nicht zufällig alles Dinge, die nichts mit Arbeit, Konkurrenz etc. zu tun haben!) wird daraus dann ein komplettes Sittengemälde. Und das bringen „wir“ zustande, eben alle, die hier leben. Das macht die „nationale Identität“ aus, die uns auszeichnet. Und das ist nicht beschreibend gemeint, sondern verpflichtend: So hat man sich hierzulande dann auch aufzuführen bzw. zu sein!

„Wir“, so die Fortsetzung, gehören dazu – im Unterschied zu jedem, der schon äußerlich erkennbar anders ist. „Heimat“ – das ist ihr harter Inhalt! – steht nur denen zu, die hierher gehören, schließt also grundsätzlich alle aus, die „nicht (so wie) wir sind“. Und das ‚weiß‘ der einheimische Heimatfreund, auch wenn er noch nie in seinem Leben mit einem Dunkelhäutigen zu tun hatte. Denn: Der kommt von woanders her, kommt aus einer anderen Gemeinschaft und ist deren Regeln und Gewohnheiten verpflichtet, er will also was anderes – weshalb das Verdikt über alle Fremden lautet: Die sind anders, gehören nicht hierher und schon gar nicht zu uns. Und von „fremd“ zu „gefährlich“ ist’s dann wirklich nicht mehr weit; und dieser Standpunkt sucht und findet in „Köln!“ und anderswo sein Anschauungsmaterial für das, was er vorher schon wusste.


„Begriff und Wirklichkeit“ des Rechts – zwei Bücher, ein Fehler

Bereits 2012 ist in der Theorie.org Reihe der Band „Kritik des Rechts“ von Stefan Krauth erschienen, 2015 im Suhrkamp Verlag die „Kritik der Rechte“ von Christoph Menke. Letzterer gehört zur dritten Generation kritischer Theoretiker, der erste ist Jurist und lebt in Berlin. Bei allen Unterschieden teilen beide Bände einen Fehler, der hier Thema sein soll
Stefan Krauths Kritik des Rechts besteht darin, nachweisen zu wollen, dass die Ausnahme vom Recht zum Recht selbst dazu gehört: „Rechtlich vermittelte gesellschaftliche Herrschaft kann nur dann angemessen kritisiert werden, wenn die Ausnahme, der Exzess und die Nichtanwendung von geltendem Recht noch als Ausübung rechtlich vermittelter gesellschaftlicher Herrschaft verstanden und nicht äußerlich, als <> (Hegel) abgetan wird“ (10). Seine Rechtskritik will nachweisen, dass zum Recht zum Recht auch Nichtrecht gehört und es daran blamieren.
Dass man sich einen Widerspruch einhandelt, wenn man als erstes an einer Sache festhalten will, dass sie gar nicht nur sie selbst, sondern auch ihr Gegenteil ist, stört Stefan Krauth nicht, sondern hält er hoch. Wer einfach „nur“ erklären will, was das Recht ist, der würde gerade an der Sache vorbeigehen: „So unterstellt die vermeintlich abgeklärte marxistische Kritik ein Ideal, das die bürgerliche Gesellschaft sich selbst gibt, als wirklich, und wird damit letztlich selbst idealistisch“ (11). Er sucht dagegen im „Ausnahmezustand, im rechtlichen Exzess und damit im Auseinanderfallen von Begriff und Wirklichkeit des Rechts“ (121) nach einer Erklärung und zeigt damit den ganzen Irrsinn seines Unterfangens. Er sagt eben nicht, dass der Begriff des Rechts, den die Bürger oder die ‚vermeintlich abgeklärten Marxisten‘ haben, nicht der der Sache sei. Er will keinen Fehler nachweisen. Viel mehr wird durch das „Auseinanderfallen von Begriff und Wirklichkeit“ behauptet, dass es sich sowohl um den Begriff der Sache handelt – man also richtig bestimmt hat, was Recht ist – als auch ihr zugleich nicht entspreche – man also einen Fehler bei der Bestimmung gemacht habe.
In den Fußspuren Adornos behauptet Krauth damit, er wisse noch etwas von der Wirklichkeit des Rechts, was in ihrem Begriff nicht gewusst wird. Woher weiß allerdings Krauth von etwas, dass man scheinbar über das Recht nicht weiß, auch wenn man weiß, was Recht ist – also seinen Begriff hat? Er behauptet ja, man könne es gar nicht wissen, die Wirklichkeit sei einfach anders als „der Begriff“ – aber ausgerechnet er kann in seinem Buch scheinbar Begriff und Wirklichkeit versöhnen, was seine Behauptung widerlegt, „Begriff und Wirklichkeit“ des Rechts würden auseinanderfallen: Immerhin für seine Kritik des Rechts nimmt er ja in Anspruch, nicht diesem vermeintlich abgeklärten Marxismus zu verfallen.

2.) Christoph Menke wälzt in seiner „Kritik der Rechte“ den gleichen Wiederspruch auf mehr Seiten und wie es im Deutschlandradio Kultur heißt, „schwer verständlich“: „Das ist die begriffliche Bestimmung des Zusammenhangs zwischen der Selbstreflexion des Rechts und der modernen Form der Rechte. Ihr widerspricht, wie es tatsächlich ist“ (164). Auch Menke will also einen „Begriff des Rechts“ kennen, der gleichzeitig leider etwas ganz anderes beschreibt als das Recht der Realität. Man fragt sich unwillkürlich: Was soll das eigentlich für ein Begriff von Recht sein, der nicht die Realität des Rechts beschreibt? Menke selbst weiß es: „Die moderne Form der Rechte ist ihrem Begriff nach die Verwirklichung der Selbstreflektion des Rechts, aber tatsächlich, in der Realität, ist sie das Gegenteil“.
Das bekommen nur Dialektiker eines Schlages Krauth/Menke hin: Beim Nachdenken über einen Gegenstand finden sie nicht nur einen „Begriff der Sache“ sondern zusätzlich noch einen anderen Begriff der Sache, der dann dem Gegenstand in der Realität entspricht, aber den vorherigen „Begriff“ nicht etwa als Fehler wiederlegt, sondern ihn als „Gegenteil“ ergänzt. Das ist nun wirklich „schwer verständlich“!

Das Zitat aus dem Deutschlandradiokultur ist hier nachzulesen: „http://www.deutschlandradiokultur.de/christoph-menke-kritik-der-rechte-ruf-nach-revolutionierung.950.de.html?dram:article_id=339446“

Menke, Christoph 2015: Kritik der Rechte. Frankfurt: Suhrkamp. 29,95 Euro
Krauth, Stefan 2013: Kritik des Rechts. Stuttgart: Schmetterling Verlag 10 Euro


„Abgehauen…Neue deutsche Flüchtlingspolitik“

Ein Interview von KeinOrt mit Freerk Huisken zu seinem neuen Buch und zur derzeitigen Flüchtlingspolitk. Veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Auswege – Perspektiven für den Erziehungsalltag“:

KeinOrt: In Ihrem neuen Buch „ abgehauen. eingelagert aufgefischt durchsortiert abgewehrt eingebaut. Neue deutsche flüchtlingspolitik “ stellen Sie die Flüchtlingspolitik Deutschlands 2015/2016 dar. Dabei fällt schnell auf, dass Sie gängige linke Urteile über Asyl und Flüchtlinge nicht teilen: Eines davon ist, dass viele Linke Merkel gerade in Schutz nehmen gegen ihre Kritiker von rechts: Während die AfD der Kanzlerin vorwirft, Deutsche Interessen zu verraten und dem Humanismus verfallen zu sein, gibt es von linker Seite die komplementäre Vorstellung, Merkels Flüchtlingspolitik sei „nicht die Schlechteste“. In Ihrem Buch hingegen wollen Sie zeigen, dass Merkel „für diese humanitäre Aktion ihre politischen Gründe “ (Seite 68) hatte. Was sind das für Gründe?

Freerk Huisken: Eine Einmischung in den Streit zwischen der Seehofer- und der Merkelfraktion in der Flüchtlingspolitik ist meine Sache nicht. Mir kam es in meinem Buch allein darauf an, einmal den Gesamtzusammenhang der Flüchtlingspolitik abzustecken und dabei die Politik der Merkel-Regierung zu kritisieren. Deswegen gibt es ein Kapitel „Flüchtlinge“, ein Kapitel „Fluchtursachen“ und eines über das Asylrecht, bevor ich die neue imperialistische Offensive in der Flüchtlingspolitik zum Thema mache. Die „politischen Gründe“ der deutschen Regierung unter der Kanzlerin lassen sich kurz etwa so zusammenfassen: Merkel will weder über Verschärfung des Schengengrenzregimes die Flüchtlinge von Europa fernhalten noch hat sie vor, sie unkontrolliert einreisen zu lassen. Sie will vielmehr die Kollateralschäden westlicher Zerstörungswerke im Nahen Osten und in Afrika in Gestalt der Flüchtlingsströme politisch so kontrollieren und in den Griff bekommen, dass sie die imperialistische Politik des „freien Westens“ nicht mehr stören bzw. durcheinanderbringen. Und das ist der Fall, wenn Staaten, die nach westlichem Muster umgekrempelt werden sollen, von Völkern – die dafür gebraucht werden – verlassen werden, wenn riesige Lager mit Flüchtlingen das Leben und die staatliche Ordnung in „Lagerländern“ durcheinanderbringen, wenn Flüchtlingstrecks illegal Grenzen überschreiten, ein Schleusergeschäft anheizen, das inzwischen alle sonstigen mafiösen Geschäfte in den Schatten stellt, und sich auch von Europas Außengrenzbefestigungen nicht aufhalten lassen. Allein deswegen hat Merkel vor, an allen Fronten der „Flüchtlingskrise“ tätig zu werden, das Fliehen einzudämmen, zu überwachen und einen Teil der Flüchtlinge auch in der EU zu verteilen.

KeinOrt: Was sagen Sie zu dem Urteil mancher Linken, dass Merkels Flüchtlingspolitik – zumindest zur Zeit der „Willkommenskultur 2015“ – „nicht die Schlechteste“ war?

Freerk Huisken: Diese Linken halten die „humanitären Aktionen“ für den Kern der Flüchtlingspolitik und übersehen dabei, dass die herrschende Politik so etwas nie ohne politische Berechnung betreibt. Es interessiert sie deswegen die gerade angeführte Kalkulation nicht. Sie begreifen nicht, wie ernst es die Kanzlerin meint, wenn sie warnt, dass an der Bewältigung der Flüchtlingspolitik die Zukunft Europas hängt. Europa unter deutscher Führung ist für sie das Instrument, mit dem sich die europäischen Führungsmächte in die Weltmachtkonkurrenz eingemischt haben und dabei weiter Boden gegenüber den USA, China etc. gut machen wollen. Merkels imperialistische Offensive in der Flüchtlingspolitik sucht in dieser Konkurrenz mit den Weltmächten Boden dadurch zu gewinnen, dass sie mit deutschgeführter Europapolitik ein ganz neues Kapital imperialistischer Weltpolitik aufschlägt und darin deutschen Führungsanspruch reklamiert. Was daraus wird, das ist offen. Dass diese Politik den Flüchtlingen auf allen Stationen ihrer Flucht nicht gut bekommt, muss nicht ausgeführt werden.

KeinOrt: Ein anderes Urteil von Ihnen, dass dem linken Commen sense merkwürdig erscheint, betrifft das Asylrecht: Während Linke sich zumeist für das Asylrecht aussprechen und die elende Lage von Flüchtlingen in Deutschland als mangelhaft um gesetztes Asylrecht deuten, kritisieren Sie das Asylrecht selbst: „ Es ist eine Richter rolle über die Innenpolitik eines anderen Staates, die sich der deutsche Staat mit dem Art. 16 Grundgesetz (GG) heraus- und ganz selbstverständlich in Anspruch nimmt. Er mischt sich in Belange des fremden Souveräns ein und sorgt mit der Wahrnehmung dieser Richterrolle für eine Sortierung der Staatenwelt nach Verfol gerstaaten und Nichtverfolgerstaaten“ (Seite 42). In einer Debatte über Ihr Buch in Facebook habe ich den Post gelesen: „ Besser noch ein imperialistisches Asylrecht als gar keines “ – was würden Sie zu diesem Satz sagen?

Freerk Huisken: Warum müssen Linke immer Partei ergreifen? Und warum sind sie selbst dann, wenn sie eigentlich nichts entdecken, das ein Parteiergreifen rechtfertigt, für das „kleinere Übel“. Sie führen sich auf wie Politiker in Merkels Regierungsrunde, die sich mit Sachzwängen konfrontiert sehen – die sie selber herbeigeführt haben – und nun wegen ihrer „nationalen Verantwortung leider zwischen Übeln“ wählen müssten. Immer geht es diesen Linken darum, in der deutschen Politik doch noch irgendeinen Strohhalm zu finden, mit dem sie sich mit ihr versöhnen können. Nur so kommt man auf diese Alternative. Dabei gibt es – und das plaudert der Facebook-Kommentar ja selbst aus – hier nicht einmal diesen Strohhalm in Gestalt eines „kleineren Übels“.

Ich will bei der Gelegenheit noch einmal darauf verweisen, dass das Asylrecht nur bei „politischer Verfolgung“ greift und dass die genau definiert ist: Es müssen, wie es im Asylgesetz heißt, „in staatlicher Handlung, Verfolgung, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung“ nachgewiesen werden. Was im Privat-, Stammes oder Wirtschaftsleben an Gewalt und „unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung“ abgeht, das interessiert die Asylrechtsgelehrten einen feuchten Kehricht. Das heißt im Kern: Nicht was den Menschen in ihrer Heimat so alles angetan wird, steht auf dem Prüfstand, sondern nur ob der Herkunftsstaat sich gegenüber seinem Volk an die Regeln hält, die hierzulande den Umgang der Staatsgewalt mit dem Staatsvolk ausmachen – womit dieser Umgang, zum positiven Maßstab erklärt, natürlich jeder Kritik enthoben sein soll.

KeinOrt: Wie passt denn dazu die aktuelle EU-Grenzpolitik, derzufolge erst einmal kein Flüchtling, der Griechenland erreicht, weiterreisen darf? Das sieht doch alles wieder mehr nach Abschot tungspolitik aus? Wie passt zu Ihrer These der Deal mit der Türkei?

Freerk Huisken: Merkel hat nicht kapituliert, sondern zieht ihr Ding unter der neuen innereuropäischen Konstellation weiter durch. Mit der Regelung, erst einmal keine illegal anlandenden Flüchtlinge weiter gen Norden ziehen zu lassen, hebelt die neue Beschlusslage zum ersten die Grenzpolitik Österreichs, Mazedoniens, Sloweniens etc. ziemlich aus; dass die in Idomeni gestrandeten Flüchtlinge nicht unter diese Beschlusslage fallen, wird dabei erst einmal als Kollateralschaden abgebucht. Mit dem Deal, alle Illegalen nach Schnellbearbeitung in Griechenland in türkische Lager zurückzuschicken, soll zum zweiten den Schleusern – wenigstens in der Region – das Handwerk gelegt werden. Dadurch werden drittens türkische Lager zu Dauerprovisorien – der Widerspruch ist von der EU beabsichtigt – nahe der Grenze Syriens, um syrische Flüchtlinge dann in das zerstörte und ruinierte Land zurückzuschicken, wenn sie im Land bzw. in „sicheren Landeszonen“ für den Friedensaufbau benötigt werden; der ist dann natürlich Heimatdienst und nicht etwa neuer Fluchtgrund. Viertens werden per Tauschhandel gegen Illegale erst einmal 72.000 Flüchtlinge – von den dort existierenden ca. 3 Mio (!) – aus der Türkei legal in die EU verbracht und dort – wie auch immer – verteilt. Hübscher Tausch: Wenn ein syrischer Flüchtling sein Geld den Schleusern geopfert, sein Leben auf der Ägäis riskiert hat und als Illegaler im Hotspot kaserniert ist, darf ein anderer Flüchtling aus einem türkischen Lager legal einreisen. Und wer wird zu den „Glücklichen“ gehören? Auf jeden Fall keiner, der es schon einmal illegal versucht hat! Weitere Sortierungskriterien werden nichts zu wünschen übrig lassen. Da bin ich mir sicher.
Festzuhalten ist: Das politische Interesse der Merkel-Politik, der „Flüchtlingskrise“ auf allen Fluchtstationen Herr zu werden, kann man nicht mit einer Hilfe verwechseln, die die Flüchtlinge brauchen. Das zeigt erneut der Türkei-Deal: Hilfe gibt es nur , soweit das politische Programm sie erfordert. Auch darin bleibt sich Merkel treu. Und dass jetzt von Rechtsidealisten darüber gejammert wird, dass mit dem Deal internationales Recht gebrochen wird, belegt nur eines: politisches Interesse hält sich nur soweit und solange an solche Konventionen, Prinzipien und Rechte, wie diese zu ihm passen. Ist das nicht mehr der Fall, werden sie passend gemacht. Auch dabei ist Deutschland mit der „Reform des Asylgrundrechts“ bereits 1993 beispielhaft mit der Erfindung des Kriteriums „sichere Herkunftsstaaten“ und der „Drittstaatenregelung“ vorangegangen.

KeinOrt: Nachdem die AfD nun zwischen 12 und 25% in den Landtagswahlen 2016 erreicht hat – und das vor allem wegen ihres Standpunkts zu Flüchtlingen – ist es endgültig vorbei mit der Willkommenskultur. Was ist Ihre Kritik an den „Willkommensfeiern“ wie sie im kurzen Sommer 2015 das Bild von Deutschland geprägt haben?

Freerk Huisken: Es ist keineswegs vorbei mit der Willkommenskultur. Das Ergebnis der Landtagswahlen unterstreicht für alle etablierten Parteien nur die Notwendigkeit, mit ihr fortzufahren. Willkommenskultur erschöpft sich nämlich nicht in den von TV, Presse und Funk zu nationalistischen Toleranz-Bekenntnissen hochgejubelten Begrüßungsorgien vom Oktober 2015. Willkommenskultur ist das Synonym für das Anliegen von Politik, Kirche und linken Vereinen, den völkischen AfD- und Pegida-Nationalismus mit einem neuen, globalisierungstauglichen Nationalismus zu bekämpfen. Deutsche Bürger sollen sich eine etwas andere nationale Identität zulegen, in der die imperialistischen Anliegen der Merkel-Regierung Platz haben. Das geht natürlich nur, wenn denen die Nationalerziehung der Ausländerpolitik der vergangenen Jahrzehnte – „Das Boot ist voll!“, „Wir sind nicht das Sozialamt der Welt!“, „Kinder statt Inder“… – wieder ausgetrieben wird. So gesehen bekämpft die Politikergarde um Merkel mit der Willkommenskultur nur die eigenen Erfolge bei der Etablierung eines im Kern ausländerfeindlichen Nationalismus.

Über den Interviewpartner: Freerk Huisken, Dr., *1941, studierte in Oldenburg Pädagogik und arbeitete bis 1967 als Lehrer. Anschließend Studium der Pädagogik, Politik und Psychologie in Erlangen-Nürnberg. Von 1971 an Professur an der Universität Bremen: Politische Ökonomie des Ausbildungssektors. Seit März 2006 im Ruhestand.


Die Avantgarde und die Revolutionierung des Alltags

KeinOrt im Gespräch mit Alexander Emanuely, Autor des Buches „Avantgarde I“. Veröffentlicht in Graswurzelrevolution #408.

Anarchistische Bohémiens wie Jules Vallès, Stéphane Mallarmé, Félix Fénéon bereiteten im Paris des 19. Jahrhunderts mit ihrem Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft den Boden für Dada. Dieser entstand schließlich 1916 in Zürich, in Auflehnung und Wut gegen das blutrünstige Europa des Ersten Weltkriegs [vgl. GWR 406]. Die Revolte dieser ersten Generation von AvantgardistInnen, größtenteils Kriegsflüchtlinge, war zuerst gegen die eigene, korrumpierbare Sprache und gegen die Institution Kunst gerichtet. Doch nicht nur die DadaistInnen wollten nichts mehr mit einer gesellschaftlichen Ordnung zu tun haben, die Weltkriege provoziert.

So kam es zu mehreren Revolutionen, von denen sich eine hat durchsetzen können, nämlich jene in Russland. Diese sollte der nächsten Avantgarde-Generation – den SurrealistInnen – ganz neue Möglichkeiten von Antikunst eröffnen, um revolutionäre und emanzipatorische Ziele zu verfolgen sowie Kunst und Lebenspraxis zusammenzuführen. Vor einigen Monaten erschien Alexander Emanuelys Buch „Avantgarde I“ im Schmetterling-Verlag. Untertitel:

„Von den anarchistischischen Anfängen bis Dada oder wider eine begriffliche Beliebigkeit“.
Mit dem Autor sprach für die Graswurzelrevolution KeinOrt. (GWR-Red.)

KeinOrt: Hallo Alexander. Du hast in der Theorie.org Reihe des Schmetterling Verlag ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: „Avantgarde I. Von den anarchistischen Anfängen bis Dada oder wider eine begriffliche Beliebigkeit“. Die Reihe will „zentrale Themen linker Debatten“ (Einband) aufarbeiten, dazu willst du mit dem Band einen Beitrag leisten. Was ist das politische an der Avantgarde?

Alexander Emanuely: Für mich liegt das Politische in der Avantgarde in ihrem revolutionären Streben. Für die Entwicklung der Avantgarde von Dada, über den Surrealismus, bis hin zum Lettrismus und zu den SituationistInnen war der Anarchismus des 19. Jahrhunderts prägend. Auch waren von Félix Fénéon, Arthur Cravan, André Breton bis Guy Debord Menschen am Werk, die auf ähnliche und gleichzeitig komplett unterschiedliche Art und Weise versucht haben Kunst und Lebenspraxis zusammen zu führen. Sie wollten das Affirmative in Kultur und Kunst auflösen, eben u.a. durch das Schaffen von dem, was als Antikunst bezeichnet wird. Weiters sollten den Bedürfnissen, Träumen und Wünschen eines jeden Menschen zum Durchbruch verholfen werden. Dieser Durchbruch war eine der Säulen, eine der Bedingungen der angestrebten Revolution. Man wandte verschiedene neue, alte Techniken aus Kunst und Psychoanalyse an: die Collage, die Entfremdung, das automatische Schreiben, das Flanieren…

KeinOrt: Was waren die politischen Leitbilder der Avantgarde?

Alexander Emanuely: Manche AvantgardistInnen orientierten sich in den 1920er-Jahren an der erfolgreichen Oktoberrevolution, dann an Stalin, andere an Trotzki, doch der Kern der AvantgardistInnen blieb beim Anarchismus, bzw. kehrte nach einem enttäuschenden Intermezzo – meist in der Kommunistischen Partei – zu diesem zurück.

Zum revolutionären Handeln kommt hinzu, dass die meisten AvantgardistInnen im besten Alter waren, als Faschismus und Nationalsozialismus europaweit an die Macht kamen und mordeten. Und zwar im besten Alter, um Widerstand zu leisten. Der Beitrag der alten und jungen DadaistInnen und SurrealistInnen, der zukünftigen LettristInnen an der Résistance war ein bedeutender. Zum Beispiel André Breton. Er wetterte schon gegen Hitler, setzte sich schon für deutsche Flüchtlinge in Frankreich ein, da verstanden die allermeisten seiner ZeitgenossInnen noch nicht, was sich da zusammen braute. Die Liste der WiderstandskämpferInnen ist lang, es seien hier Claude Cahun, Asger Jorn, Benjamin Péret, Robert Rius erwähnt. Dazu gehören auch jene jungen Pariser Nachwuchs-SurrealistInnen, Jahrgang 1920, die sich 1940 allesamt in den allerersten, eher dilettantisch organisierten Widerstandszellen wiedergefunden hatten. Viele von ihnen sind in diesem Kampf umgekommen. Sie hatten Karl Marx, Charles Fourier, aber eben auch die Gedichte Arthur Rimbauds gelesen. Und sie hatten André Breton gelesen, der unter anderem geschrieben hat: „’Die Welt verändern‘, hat Marx gesagt; ‚das Leben ändern‘, hat Rimbaud gesagt: Diese beiden Losungen sind für uns eine einzige.“ Dieser Satz drückt wohl am Besten das Politische, das Revolutionäre an der Avantgarde aus.

Dies alles stimmt natürlich nicht – oder nur teilweise – für all jene, die in der Avantgarde nur das sich Aufbäumen junger, wilder KünstlerInnen gegen ältere, etablierte KünstlerInnen sehen wollen. U.a. gegen diese, weit verbreitete Definition des Begriffs Avantgarde habe ich dieses Buch geschrieben.

KeinOrt: Dass die KünstlerInnen „den Bedürfnissen, Träumen und Wünschen eines jeden Menschen zum Durchbruch“ verhelfen wollten, ist in deinem Buch schön und ausführlich festgehalten. Ebenso die Empörung über eine Welt, welche all dies den Menschen verweigert, beispielhaft in dem von dir zitierten Spruch von Max Ernst: „Dada war ein Ausbruch einer Revolte der Absurdität, der großen Schweinerei dieses blödsinnigen Krieges. Wir jungen Leute kamen wie betäubt aus dem Krieg zurück, und unsere Empörung musste sich irgendwie Luft machen“ (159) – interessant ist vor allem aber wie das Zitat weitergeht: „Dies geschah ganz natürlich mit Angriffen auf die Grundlagen der Zivilisation, die diesen Krieg herbei geführt hatte. Angriffen auf die Sprache, Syntax, Logik, Literatur, Malerei usw.“ (159). Warum ist für die Avantgarde ausgerechnet die Bekämpfung der Syntax die Konsequenz aus dem großen Abschlachten, das die imperialistischen Staaten im Ersten Weltkrieg angerichtet haben?

Alexander Emanuely: Die Sprache als Instrument der Herrschaft war eines der Angriffsziele. Ich denke, dass die ersten Dada-Abende, an denen Lautgedichte zu hören waren, eher spontan zustande gekommen sind. Dann kam noch was dazu: So am 23. Juni 1916, als Hugo Ball ein Lautgedicht vortrug und dazu im Magierkostüm eine spontane Performance gab. Simsalabim et voilà, improvisierte, nur für den Moment gemachte Kunst, etwas Rituelles ohne Ritual. Und es handelte sich ja beim Cabaret Voltaire [vgl. GWR 406] um ein Kabarett, also um einen Ort, wo Kritik und Humor Hand in Hand gehen. Und wodurch wird Kritik und Humor in diesem Kontext zum Ausdruck gebracht? Durch Sprach- und Bühnenspiel. Diese Kabarett-Tradition geht auf eine Entwicklung zurück, die sich ab den 1880er-Jahren in Paris entwickelt hat, Stichwort Le Chat Noir, die schwarze Katze, wohl das erste Kabarett dieser Art. Dort fand man dann die Hydropathen und Zutisten, SprachspielerInnen, die einen Arthur Rimbaud geformt haben, und von dort kamen die Fumisten, die ErfinderInnen von überhaupt allem. Das Kabarett wurde einer der zentralen Orte der Widerständigkeit gegen die bürgerliche Ordnung und Moral, auch weil es dank der Meinungsfreiheit nur schwer von Polizei und Justiz angetastet werden konnte. Es folgten dann vor dem Ersten Weltkrieg ähnliche Institutionen in ganz Europa, wie die 11 Scharfrichter in München. Und gerade in diesen Kabarett-Kreisen tummelten sich Menschen herum, die dem Anarchismus sehr nahe standen, ob in Frankreich Félix Fénéon, Alfred Jarry oder in Deutschland Erich Mühsam.

Die KünstlerInnen in Zürich, die 1916 Dada zum Leben erweckt haben, kamen aus dieser Tradition. Aus dieser Tradition kam aber auch die Erkenntnis, dass mit der bürgerlichen Sprache, der bürgerlichen darstellenden und bildenden Kunst, so frei sie sich auch gab, weder die sozialen Ungerechtigkeiten, noch der Weltkrieg zu verhindern gewesen waren. Nicht einmal ein Mallarmé, ein Ibsen, ein Seurat hatten die Welt retten können. Von der Sprachlosigkeit, Fassungslosigkeit, der Empörung, die Max Ernst anspricht, hin zur Spracherneuerung, Fassungserneuerung, Revolution bedurfte es scheinbar nur einen kleinen Schritt, einen kurzen Moment in der Spiegelgasse in Zürich – aber natürlich nicht nur dort.

KeinOrt: Was änderte sich, als das Zentrum Dadas von Zürich nach Paris wechselte?

Alexander Emanuely: Was die DadaistInnen in Zürich angefangen haben, haben die Pariser DadaistInnen, die späteren SurrealistInnen, nach dem Weltkrieg fortgesetzt. Sie haben dazu noch die Erkenntnisse aus Psychoanalyse ins Spiel gebracht. Sie wollten durch Formenzerstörung von Sprache – und die Syntax ist eben ein sehr wichtiges Korsett – von Bild und Ton die eigene Normiertheit und die der anderen auflösen, damit jeder Mensch sich im Sinne der Revolution neu formen, neu definieren kann, ganz unabhängig davon, was ihm von klein auf vermittelt worden ist. Konkret auf den Weltkrieg und seine Folgen bezogen: Das patriotische Geheul der Herrschenden und der Angepassten sollte durch das Dada-Geheul, aus dem Innersten des Geistes kommend, übertönt, ertränkt werden. Und es waren die Methoden der Kunst und bald der Psychoanalyse, aber auch des Spiels, welche das Innerste des Geistes, wo die Bedürfnisse und Triebe vergraben liegen, wecken sollten. Doch dieses Wecken-wollen alleine hätte nicht gereicht, um eine Bewegung zu schaffen, um Avantgarde möglich zu machen. Es musste zeitgleich, in Form der Oktoberrevolution, ein ganz anderes Erwachen erfolgen, jenes der Gewissheit, und zu diesem Zeitpunkt war es keine Hoffnung, sondern eben eine Gewissheit, dass die Menschheit sich tatsächlich nicht nur ganz anders organisieren kann (das wusste man schon seit der Pariser Kommune) sondern, dass sich dieses Neue, diese sozialistische Gesellschaft auch halten und durchsetzen kann.

KeinOrt: Diese Meinungsfreiheit, die nur schwer von Polizei und Justiz angetastet werden konnte, als Mittel zur Umgehung der Zensur erwähnst du auch in deinem Buch (107). Heute umgehen Musiker wie KIZ mit einem künstlerischen Ausdruck nicht mehr die Zensur, sondern die Irrelevanz der Linksradikalen, um z.B. Statements gegen den Nationalismus in die Öffentlichkeit zu tragen. Bei KIZ fragen sich viele, ob das unpolitische Publikum zwischen all den Provokationen mit chauvinistischen Frauenbildern und derben Humor tatsächlich die politischen Anspielungen versteht. Hier drängen sich Parallelen zur Avantgarde auf: Wurde hier mehr gemacht, als mit der Geste des Revolutionärs gespielt, um „[d]as Provozieren des Publikums durch die Negation“ (153) zu betreiben? Du schreibst z.B. von Benjamin Pérets Aufritt als deutscher Soldat, der die Franzosen 1919 schwer empörte (174). Ist das eine Form der politischen Agitation oder ist es auch deswegen von Staatswegen erlaubt gewesen, weil es über die Provokation hinaus dem nationalistischen Taumel der Franzosen nichts entgegensetze – also harmlos war, wie heute KIZ?

Alexander Emanuely: Was Provokation heute und anno 1919 betrifft, wäre zuerst festzuhalten, dass ich wie Adorno denke, wenn er schreibt, dass nach der „europäischen Katastrophe“, nach Auschwitz die Schocks der Surrealisten kraftlos geworden sind.

Und was weiters auf 1919 im Unterschied zu heute zutrifft, ist, dass die linken Intellektuellen damals, die sich gegen die bürgerliche Ordnung auflehnten, begriffen, bzw. gedacht haben, dass sie nicht alleine sind, dass es nun die Sowjetunion und eine bald starke KP gibt. Somit reagierte auch die bekämpfte Ordnung immer strenger gegen diese Provokationen und nicht selten wurden KünstlerInnen verklagt, verwarnt etc. Aber es sollte gerade einmal 20 Jahre brauchen, bis der nationalistische Taumel der französischen Mittelschicht vor dem deutschen Faschismus kapitulieren, ihn teilweise sogar begrüßen wird. 1939 hingegen finden wir Benjamin Péret als ehemaligen Spanienkämpfer (zuerst bei der POUM, dann in der Kolonne Durruti) in Paris wieder. Und er ist immer noch Surrealist, bald aber auch in der Résistance, dann im Exil.

Ich habe mich jetzt nicht mit KIZ im Besonderen beschäftigt, und vielleicht gibt es Ähnlichkeiten in der Arbeit der Band mit den Methoden der Avantgarde. Es gibt viele KünstlerInnen, die nach den SituationistInnen versucht haben, zu schockieren, zu provozieren. Doch ohne Revolution kann es keine Avantgarde geben. Selbst die provokanteste Kunst wird im Sinne Herbert Marcuse affirmativ und somit – für die Polizei in diesem Falle – harmlos. Die Avantgarde wollte die Revolutionierung des Alltags, Provokation war nur ein, wenn auch oft benützter Weg von vielen, um dorthin kommen zu können.

Vielen Dank für das Gespräch

Anmerkung:Emanuely, Alexander: Avantgarde I Von d.anarchistisch. Anfängen bis Dada od. wider eine begriffl. Belieb
1. Auflage 2015 200 Seiten, kartoniert ISBN 3-89657-680-1
10,00 Euro


Übergriffe und Randale in Köln: „Die sind so!“

Wenn Horden von Fußballfans regelmäßig Regionalzüge zerlegen, dann kommt die Frage „woher“ die Randalierer kommen, bzw. „wer“ an den Ausschreitungen teilgenommen hat, im strafrechtlichen Sinne auf. Mit den Maßnahmen von Polizei und Justiz ist die Angelegenheit i. d. R. erledigt. Dem deutschen Fußball jedenfalls und der deutschen Fankultur erwachsen daraus keine Vorwürfe.
Bei den Ausschreitungen der Kölner Silvesternacht ist das anders. Da fallen vorwiegend junge Nordafrikaner durch Diebstähle, sexuelle Übergriffe und sonstige Randale auf; sie begehen damit Rechtsbrüche und Ordnungswidrigkeiten. Zumeist existieren diese seit Jahrzehnten als Delikte in den deutschen Gesetzestexten und die einschlägigen Anzeigenformulare liegen bei jedem Polizeiposten in der Schublade – also eine deutsche Alltagssache, abzuwickeln von Polizei und Justiz. Damit alles ‚erledigt‘?

Nein, im Gegenteil! Denn aus diesen Vorkommnissen wird jetzt erst die „Kölner Silvesternacht“, eine nationale Aufregung mit dem Stichwort „Köln“, dessen alleiniges Aussprechen eine Bedrohungslage für „uns alle“ benennt. Wie werden sie dazu gemacht? Stimmen aus Politik und Öffentlichkeit behaupten, die Vorkommnisse seien „typisch“ für diese Nordafrikaner, denn „die sind so“. – Trifft es zu, dass man dieses „so“ an Köln sieht?

Das Wer und die Herkunft sollen offenkundig deren Taten auf der Kölner Domplatte charakterisieren, also Nordafrikaner, die einem „islamischen Kulturkreis“ entstammen, begehen diese Taten, weil sie diesem Kulturkreis entstammen. Mit diesem „typisch für die“ und „für dort unten“ werden die genannten Rechtsbrüche und Ordnungswidrigkeiten wie ein im Prinzip zu Deutschland und den Deutschen nicht passendes Verhalten behandelt. Sittenstrolch zu sein ist dem Mann des Orients hingegen im Grundsatz zuzutrauen – und dafür soll das Geschehen auf der Kölner Domplatte den Beweis liefern?

Millionen in Deutschland lebende Moslems laufen täglich an Frauen vorbei, stehen und sitzen am gleichen Arbeitsplatz, deutsche Frauen haben sogar „die“ als Vorgesetzte etc. – all das ist im Prinzip ein unaufgeregter deutscher Alltag. Und jetzt führen sich einige Hundert mit dem gleichen „kulturellen Hintergrund“ in widerlicher Weise auf und ausgerechnet die sollen die kulturell bestimmte Natur des islamischen Mannes belegen?!

„Ein bisschen Spaß muss sein“ und „etz stell di ned so oa“ kennen auch die Kellnerinnen auf dem Oktoberfest und so manche rüsten ihre Berufskleidung mit gepolsterter Radlerhose unterm Dirndl auf – ohne dass irgendwer eine angeblich durch katholische oder bayerische Kultur bedingte Fehlprägung der Sexualmoral von Bierzeltbesuchern als nationales Thema ausruft.
Anwohner, Händler und Passanten der marokkanischen Gemeinde in Düsseldorf beklatschen gemeinsam mit deutschen Ureinwohnern die Polizeirazzien im dortigen maghrebinischen Milieu der Kleinkriminellen – was ist jetzt „typisch“ für die Kultur: Klauen und Dealen oder für Recht und Ordnung eintreten?!

An der Sachlage ist das Vorliegen irgendeiner Wesensart, geschweige denn einheimischer oder fremdländischer, nicht auszumachen. Man kann ihr allerdings entnehmen, dass das Befolgen oder Nichtbefolgen von Geboten und Verboten, das Einlassen oder Nichteinlassen auf kulturelle oder nationale Gepflogenheiten das Resultat von jeweils willentlichen Entscheidungen ist – egal, wo man herkommt. Klauen und sexuelle Übergriffe als zu einer bestimmten Herkunft gehörend und damit als kulturell geprägt auszugeben, entspringt also dem Willen, die Kölner Randale entsprechend zurechtzubiegen. Dann war der Standpunkt, die nordafrikanischen Fremden seien „kulturbedingt“ und somit zwangsläufig bedrohlich für Deutschland und Deutsche, aber schon vor Köln fix und fertig. Die Vorfälle in Köln benutzen die Vertreter dieses Standpunkts als Angriff auf die Merkel’sche Flüchtlingspolitik, die sie schon immer als einen Akt der „Überfremdung der deutschen Heimat“ abgelehnt haben. Mit „Köln“ behaupten sie bewiesen zu haben, was für sie nie eines Beweises bedurfte und was sie mit „Köln“ auch gar nicht nachgewiesen haben: Flüchtlinge aus islamischen Staaten „passen nicht zu Deutschland“.


Rezension „Familismus“

Dieser Artikel wurde Veröffentlicht in den „libertären Buchseiten“, einer Beilage der Graswurzelrevolution #407

Notz, Gisela: Kritik des Familismus. Theorie und soziale Realität eines ideologischen Gemäldes 1. Auflage 2015 222 Seiten, kartoniert: ISBN 3-89657-681-X 10,00 Euro, Stuttgart: Schmetterling Verlag

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I. Will man dem Wörterbuch der Soziologie von Karl-Heinz Hillmann glauben, dann handelt es sich bei Familismus um die „Herrschaft der Familie, soziolog. Bezeichnung für eine Sozialstruktur, in der – inbes. in vormodernen Gesellschaften – die Familie die für die soziale Existenz des einzelnen Menschen wie für den gesellschaftl. Zusammenhalt zentrale soziale Instanz darstellt“ (Hillmann 2007: 219). Nach dem Wörterbuch ist Familismus also eine bestimmte Form der Gesellschaft. Diese Bestimmung von Familismus findet sich auch auf dem Buchrücken von Gisela Notz‘ Buch: „Familismus bezeichnet die weitgehende Identität von Familie und Gesellschaft. Danach bildet das System aller Familien das Gemeinwesen.“ (Buchrücken).

Allerdings belässt sie es nicht dabei, mit Familismus einen objektiven Zustand der Gesellschaft zu bezeichnen: „Familismus ist auch die Überbewertung des familiären Bereichs als Quelle für soziale Kontakte. In familistischen Gesellschaften – dazu gehört die Bundesrepublik Deutschland -gilt die Familie als der Dreh- und Angelpunkt aller sozialen Organisationen“ (Buchrücken). Spätestens mit dem ersten Satz des Buches ist die Doppelung des Begriffs vorgelegt: „Bei diesem Buch geht es um die Kritik am Familismus als Überbetonung der familialen Ordnung, die je nach herrschendem Gesellschaftssystem und sozialer Lage der Individuen Verschiedenes bedeuten kann.“ (8) Gisela Notz versteht im weiteren ihres Buches unter Familismus dann auch nicht „die weitgehende Identität von Familie und Gesellschaft“ (Buchrücken), sondern die „Überbetonung der familialen Ordnung“ (8), was die erste Definition ja gerade ausschließt: Es wäre ja gerade keine Überbetonung der familialen Ordnung, wenn in der BRD tatsächlich eine weitgehende Identität von Familie und Gesellschaft gegeben wäre.

II. Familismus ist nach Notz also die Überbewertung der klassischen Familie. Diese sei nicht zuletzt zu kritisieren wegen „Hass und Gewalt, die Menschen in eben dieser Familie allzu oft erfahren“. (196/197). Als Formen dieser Gewalt benennt sie „Vergewaltigung“, „Misshandlung von Kindern“, „nicht mehr zu reparierende [sic!] psychische und physische Schäden“ (197) etc. Notz weiß also durchaus um das, was bürgerliche Subjekte in Ehe und Familie sich und ihren „Liebsten“ so antun.

Der Ursache dieses Übergangs von „ich hab dich lieb“ zu „ich schlag dich tot“ widmet sie aber keine Zeile. Im „privaten Glück der Familie“ sucht das bürgerliche Individuum Entschädigung für all das, was ihm im Erwerbsleben abverlangt wird. Anders als im Konkurrenzkampf ums Geldverdienen mit seinen Härten und Misserfolgen, soll es im trauten Heim und bei seinen Lieben ganz um einen selbst gehen; da soll die eigene Person Liebe und Anerkennung erfahren und alles wieder gut gemacht werden, was man ansonsten an Negativem erlebt. Dass das Familienleben alles wieder rausreißen muss, ist ein Anspruch, den die Partner aneinander und an die Kinder stellen und den sie bei den vorprogrammierten Enttäuschungen gegeneinander wenden. Das bürgerliche Ideal, die Anstrengung für fremden Reichtum, mit der das Arbeitsleben ausgefüllt ist, und das meist mäßige materielle Ergebnis, über das man selbst verfügen kann, so „ausgleichen“ zu können und zu wollen, wird von Notz nicht kritisiert, sondern vielmehr bedient, indem sie die Akzeptanz alternativer Lebensformen einfordert: Der Staat soll doch endlich erkennen, dass nicht nur die traditionelle Familie, sondern auch die Homos, die Wagenburgler und die Wohngemeinschaften dieses Ideal bedienen können (vgl. 215)!

III. Zur Aufgabe der Familie, „Keimzelle des Staates“ zu sein, findet sich kein schlechtes Wort in diesem Büchlein, einzig der Hinweis, dass dies dem „Staat Sozialleistungen“ (100) erspart – diese ganze „Funktion im Wohlfahrtsstaat“ (Seite 100 – 102) ist allerdings kaum beleuchtet – und gegen die Politik erhebt die Autorin vor allem den Vorwurf mangelhafter Gleichberechtigung: „Man könnte <> aufgeben und etwa durch <> ersetzen. Überflüssig würde auch die Familienpolitik, denn es genügte eine Politik für Menschen. Das wäre das Ende des Familismus“ (225).

Ihr Aufruf zur Gleichberechtigung verschiedener Lebensweisen ist ein Aufruf an den Staat, doch die einseitige Förderung der traditionellen Familie zu unterlassen (eigentlich das ganze Kapitel 8.3) und stattdessen zu erkennen, dass auch andere Modelle des Zusammenlebens das erbringen können, was der Staat einer „Keimzelle“ abverlangt.
Damit ist Notz auf der Höhe der Zeit, hat die Politik doch bei den Homosexuellen bereits deren Potenzial für die Reproduktion der Gesellschaft erkannt. Die dürfen ihre Lebenspartnerschaft standesamtlich eintragen lassen und sind dann, ganz wie Eheleute, lebenslang dazu verpflichtet, einander materiell zu versorgen. Bei der zweiten Funktion der „Keimzelle“ – Produktion und Aufzucht neuer Staatsbürger – hapert es zwar, was die Produktion angeht. Kinder aufziehen, das können und dürfen sie aber, mit allen rechtlichen und materiellen Verpflichtungen, die zum Elterndasein gehören. Und wenn erst Wagenburgen auch als eingetragene Lebensgemeinschaft anerkannt sind, dann kommen noch die alternativsten Lebensentwürfe in den Genuss, vom Staat benutzt zu werden. Dann wird vor der Auszahlung von Hartz IV erstmal die alternative Wohngemeinschaft in Haftung genommen, bei Krankenhausaufenthalten das polyamoröse Netzwerk zur Kasse gebeten und für die Kinder dürfen dann drei Väter aufkommen…

Alle Zitate aus dem Buch bis auf Hillmann, Karl-Heinz 2007: Wörterbuch der Soziologie.


Der Maoismus und China heute

I) Zur Auseinandersetzung mit der Philosophie des Maoismus sowie mit China allgemein findet sich in der Theorie.org Reihe ein Buch aus dem Jahre 2007, das den Weisheiten von Mao durchaus einiges abgewinnen kann: Dass eine bestimmte Denkmethode der richtigen Erkenntnis des Kapitalismus vorausgesetzt sei, ist dabei die Annahme des Autors. Dieses Denken in Widersprüchen hätte Mao von Marx, Engels und natürlich Hegel übernommen, allerdings weiter verfeinert und verbessert: „Für Mao ist der Widerspruch so universell wie die ständige Bewegung und Entwicklung. Er kann sich auf Engels berufen, der Bewegung als „Widerspruch“ fasst. Wenn aber alles Sein beständig von Widersprüchen durchdrungen ist, dann ist es notwendig, verschiedene Widersprüche zu unterscheiden, in ihrer Spezifik zu bestimmen und zu gewichten: „Haupt-“ und „Nebenwidersprüche“, die „hauptsächliche“ und die „sekundäre Seite“ jedes Widerspruchs und seinen „antagonistischen“ oder „nichtantagonistischen“ Charakter. Während der traditionelle Marxismus die Entwicklung der Gesellschaft als bestimmt durch die Entfaltung einfacher Grundwidersprüche auffasst, wobei die konkreten Verhältnisse einer bestimmten Gesellschaft bloß Vermittlungsformen der allgemeinen Grundbestimmungen des jeweiligen Gesellschaftstyps sind, bietet Mao den methodologischen Grundriss einer unvergleichlich komplexeren Gesellschaftsanalyse, mit der er einen Vorsprung nicht nur gegenüber dem dogmatischen sowjetischen Parteimarxismus, sondern auch gegenüber dem geschichtsphilosophischen Modellen von Hegel verpflichteten Marxismus der westlichen Intelligenz erlangt.“ (Böke 2007: 33)

Böke lobt also Mao dafür, dass dieser den bestimmten Zusammenhang etwa von Klassen und ihren „Widersprüchen“ sowie deren Auswirkungen auf die Gesellschaft nicht in den ökonomischen Gegenständen selbst entdeckt sondern in einer bestimmten Art des Denkens. Diese soll bei Mao zu einer „unvergleichlich komplexeren“ Analyse führen.
Für diese Verrücktheit kann sich Mao tatsächlich auf Engels berufen. Der alte, gerade von Hegel bereits kritisierte erkenntnistheoretische Zirkel findet sich bei Engels wieder: Zur richtigen Erkenntnis des Gegenstandes bedarf es demnach nämlich einer richtigen Methode des Denkens, die – sofern man sie sich einmal vom Inhalt des Denkens getrennt vorstellt – das Kriterium ihrer eigenen Richtigkeit doch aus nichts anderem als dem zu erkennenden Gegenstand selbst beziehen kann, was hieße, ihn als erkannten bereits vorauszusetzen, um die Adäquanz der Methode zu seiner Erkenntnis beurteilen zu können.

Diese abstrakten, sprich: vom Gegenstand des Denkens getrennten Denkvorschriften entstammen allesamt methodologischen Rezeptionen der von Marx sachlich durchgeführten Kritik der politischen Ökonomie: Wo Marx etwa den bestimmten Zusammenhang zwischen Geld und Ware erklärt, erfindet Engels das Prinzip, dass die Dinge in ihrem Zusammenhang aufgefasst werden müssten; wo Marx etwa die Formverwandlung des Kapitals als Geld-, Waren- und produktives Kapital im Kapitalkreislauf erklärt, gibt es bei Engels das Prinzip, die Dinge in ihrer Veränderung und Bewegung zu begreifen etc. Nicht anders bei Mao: Hier verwandelt sich der Widerspruch der antagonistischen kooperierenden Klassen in das Prinzip Widerspruch, das sich dann angeblich in der ganzen Welt wiederfindet.
Man versuche einmal, nur ausgerüstet mit einem Haufen solcher „Denk“-Prinzipien wie „allgemeine Wechselwirkung“, „Vergehen“, „Bewegung“ oder „Widerspruch“ auf die Welt loszugehen, um etwas über sie in Erfahrung zu bringen. Schon der erste Schritt würde das Scheitern eines solchen Weges offenbaren. Oder anders herum: Wenn die dergestalt bearbeiteten Gegenstände so „analysiert“ werden können, liegt dem ihre „Analyse“ als welche, auf die diese Prinzipien angewandt werden können, also eine Erkenntnisleistung vor der Anwendung der für die Erkenntnis doch angeblich unerlässlichen Prinzipien bereits zugrunde. Ihre Anwendung auf Erkanntes stellt aber nicht nur die Widerlegung der behaupteten Leistung dieser „dialektischen Methode“ dar, sondern erweist die absolute Überflüssigkeit dieses Verfahrens: Man möge sich den Kapitalismus vornehmen und nun z.B. das Privateigentum an den Produktionsmitteln unter dem Gesichtspunkt „Vergehen“ oder „Widerspruch“ untersuchen. Dabei steht nicht infrage, dass dies geht. Immerhin werden mittels eines solchen Verfahrens Bibliotheken gefüllt. Doch ist dieser Weg gleichgültig gegenüber der Erkenntnis des Gegenstandes. Er löst ihn in Betrachtungsweisen auf. Bökes Buch ist also mehr für Philosophen zu empfehlen denn für Menschen, die sich China damals und heute erklären wollen. Was aber macht den Maoismus (bis heute) so interessant für deutsche Linke?

II) In Renate Dillmanns Buch „China“ findet sich der Hinweis, der Maoismus hätte in der westeuropäischen Linken sicher keine Verbreitung gefunden, weil die K-Gruppen besonders gut über die Chinesischen Zustände unter Mao informiert waren, sondern vor allem als Gegenmodell zur Sowjetunion, denn China ist „nicht die Sowjetunion – und damit (angeblich) ohne all die unschönen Erscheinungen […] Warum der reale Sozialismus in der UdSSR so ausgesehen hat, ist den „Maoisten“ dabei schon wieder ziemlich gleichgültig gewesen.“ (178). Das erscheint umso treffender, wenn man liest, was Böke an Kritik an der SU aus dem maoistischen Lager resümiert: „In der UdSSR war eine Gesellschaft entstanden, die sich soziologisch nicht wirklich vom Kapitalismus unterschied, indem sie die gleichen Hierarchien, Arbeitsteilungen und Lebensmodelle reproduzierte wie der Kapitalismus“ (89). Gerade keine Kritik an der Hebelwirtschaft der SU findet sich hier, sondern der Verweis darauf, dass es auch Hierarchien gab und Arbeitsteilungen gab – zu welchem Zweck und mit welchen Mitteln auch immer…

III) Wer sich nicht für die Philosophie des Maoismus interessiert (Böke) oder für die Geschichte Chinas und eine Kritik der Ökonomie der sozialistischen Republik Chinas (Dillmann) sondern für den aktuellen Imperialismus Chinas finden im aktuellen GEGENSTANDPUNKT 4/15 den Artikel „Zwei Seidenstraßen – eine Asiatische Entwicklungsbank (AIIB) – Inselstreit und Aufrüstung. Chinas Fortschritte auf dem Weg zur Geldmacht und Weltmacht“, in dem Inhalt und Dimension des aktuellen Projektes Chinas der Gegenstand sind: Dieses „zielt auf nicht mehr und nicht weniger als die friedliche Eroberung eines ganzen Kontinents.“ (98) Wen das neugierig macht, sei also auf den aktuellen GSP verwiesen.

Böke, Henning: Maoismus. China und die Linke – Bilanz und Perspektive 1. Auflage 2007 214 Seiten, kartoniert: ISBN 3-89657-596-1 10,00 Euro, Stuttgart: Schmetterling Verlag

Dillmann, Renate: China. Ein Lehrstück über alten und neuen Imperialismus, einen sozialistischen Gegenentwurf und seine Fehler, die Geburt einer kapitalistischen Gesellschaft und den Aufstieg einer neuen Großmacht 2. Auflage 2011 388 Seiten. Gebunden: ISBN 978-3-89965-380-9 22,80 Euro, Hamburg: VSA Verlag

Gegenstandpunkt: Chinas Fortschritte auf dem Weg zur Geldmacht und Weltmacht. In: Gegenstandpunkt 4/15 politische Vierteljahreszeitschrift. 2015: München Gegenstandpunktverlag


Zur Kritik der Utopie

Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht in der AJ Ende 2015 zum Thema Utopie

Als „Utopie“ wird gerne alles denunziert, was der Einrichtung der Welt widerspricht wie sie heute ist. Mit der ganzen Wucht der „Realität“ wird sich auf Notwendigkeiten berufen, manches Mal gleich auf die „Menschennatur“, die anderes nicht zulasse. Wo die Anklage auf „Utopie“ lautet, stützt sich die Beweisführung noch stets auf unabänderliche Zwänge, die sich wie Naturgesetze nicht außer Kraft setzen lassen. Mit dieser Verleumdung von Standpunkten als unpassend zur dieser Realität soll die folgende Kritik der Utopie nicht verwechselt werden.

Zur Kritik des utopischen Denkens

Gegen die frommen Wünsche und Träume von einer besseren Welt wird die Wissenschaft gesetzt, die mit Kenntnissen antritt. Die Kenntnisse betreffen eherne Notwendigkeiten, an denen sich bloße Absichten blamieren. Deshalb lohnt es sich allemal, die behaupteten Kenntnisse auf ihre Stichhaltigkeit hin zu begutachten. Und deshalb ist es grundverkehrt, sich auf seine „Phantasie“ zurückzuziehen und mehr oder minder stolz seine Fähigkeit zu utopischem Denken zur Schau zu stellen. Mit dieser Kunst, sich manches oder gar alles ganz anders vorzustellen, ist es nämlich soweit gar nicht her. Wer die Welt nämlich verändern will und seinen Bedürfnissen entsprechend einrichten, der muss verstehen wie sie funktioniert und wissen, welche Gegnerschaft er sich mit diesem Projekt einhandelt.

Die Übung, theoretisch alles ungeschehen zu machen oder wenigstens halb so schlimm, ist in Kunst und Religion seit Jahrhunderten schwer in Mode – und als erbauliche Begleitmusik wird sie von jeher von den Machern der Wirklichkeit geschätzt und genossen. Das aller Utopie innewohnende Bekenntnis, mit der Einbildungskraft die Lasten des jeweils praktizierten Geschäfts zu überwinden, also in der Möglichkeitsform da zu sein, wo noch niemand war, macht ihren Genuss so bequem. Da, wo solches Bekenntnis Programme setzen will, wird es nicht minder bequem für untauglich erklärt, eben mit dem „Realismus“, der weiß, dass für wirtschaftliche und politische Belange noch lange nicht zählt, was das Gemüt beflügelt.

Utopisches Denken als ‚subjektiver Faktor‘

Alexander Neupert betont in seinem Buch über Utopien, dass das utopische Denken nicht zuletzt als Korrektiv gegen einen Marxismus notwendig ist, der im Namen der Wissenschaft argumentiert hat. Die Behauptung dieser wissenschaftlichen Sozialisten: die Geschichte werde schon von alleine zum Sozialismus finden. Das utopische Denken betone den ‚subjektiven Faktor‘ und mobilisiere daher den Willen der Leute, sei daher das richtige Gegengift.
Sich im Einklang mit einer selbständig waltenden historischen Tendenz zu befinden, erinnert aber mehr an die Weltanschauung von Anpassungskünstlern denn an Revolutionäre. Wenn sich wissenschaftliche Sozialisten in die Phantasie retten, „die Geschichte“ sei auf ihrer Seite, dann muss dieses Denken nicht durch noch mehr Phantasie, also „utopisches Denken“ korrigiert werden, sondern schlicht kritisiert. „Die Geschichte“ ist eben auf niemandens Seite, denn sie ist gar kein Subjekt das handelt. Marx, dem Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, war das auch klar: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte“

Es kommt also weniger darauf an, die Wissenschaft noch um die Utopie zu ergänzen, sondern kritisch zu prüfen, ob viele linke „Weisheiten“ tatsächlich etwas mit Wissenschaft zu tun haben.

Dass zur Wissenschaft noch Phantasie kommen müsste, damit die Menschen auch einen Willen zum Sozialismus entwickeln ist ein Gerücht: Der Wille, etwas an seiner schlechten Lage zu ändern ist überhaupt die Grundvoraussetzung dafür, sich mit der Erklärung der Welt zu beschäftigen. Warum sonst, wenn nicht um etwas zu ändern, sollte man sich die Mühe machen und verstehen wollen, wie die Welt heute funktioniert? Der „subjektive Faktor“ kommt vom eigenen Interesse, dass in dieser Gesellschaft ständig unter die Räder gerät – damit sich dieser Wille dann auch dem richtigen Programm widmet um die Welt aus den Angeln zu heben braucht es die Wissenschaft.


#5 – „Der Hunger“ – Eine Anklage gegen sich und die Welt

Caparrós, Martin 2015: Der Hunger >>Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?<< ISBN 978-3-518-42512-1 29,95 Euro. Berlin Suhrkamp Verlag „Der Hunger wird nicht nur durch Mangel verursacht“ (1), das sagt Martin Caparrós im Gespräch mit Peter B. Schumann im Deutschlandfunk. Sein aktuelles Buch Der Hunger, soll sein Entsetzen darüber zum Ausdruck bringen, dass dennoch weltweit gehungert wird und es soll beim Leser dasselbe Entsetzen erzeugen. Dass es daran fehlt, ist nämlich gleichzeitig die Anklage, die er gegen die Menschheit erhebt: „Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?“ Über weite Teile des Buches, das es auf immerhin 838 Seiten bringt, werden die Lebens- und Leidensgeschichten der hungernden Menschen erzählt, politische und ökonomische Analysen sind Randerscheinungen – und das hat System: „Manchmal denke ich, dieses Buch sollte aus einer Abfolge kleiner Geschichten bestehen […] und sonst nichts. […] Doch dann tappe ich in die Falle, es erklären zu wollen: nachzudenken, nach Gründen für das Unerträgliche zu suchen.“ (179). Caparrós kritisiert sich selbst dafür, ab und an nachzudenken. Wo er Gründe sucht für den Hunger in der Welt, fühlt er sich sogar in einer Falle. Das Erklären des „Unerträglichen“ scheint ihm ein Abweg von seinem Projekt zu sein: Er möchte die „spektakulären Bilder“ liefen, die seiner Ansicht nach fehlen, und so „den Hunger sichtbar machen“ (2), um die Menschen ganz allgemein in ihrem Weiterleben angesichts solch grauenhafter Zustände zu erschüttern. Ökonomische, politische und technische Zusammenhänge zählt er dabei auf, die der gemeine Zeitungsleser ebenfalls kennt: Die Spekulation auf Nahrungsmittel an der Börse (u.a. 385ff), der Weltmarkt (281), der Fleischkonsum etc. Und gemeinsam haben diese durchaus disparaten Dinge die Bestimmung als Fehlanzeige: Es geht dabei nicht darum, die Hungernden mit Nahrung zu versorgen. Am Beispiel des Fleischkonsums soll das illustriert werden: „Ein Mensch, der Fleisch isst, verschlingt Ressourcen, die, würden sie verteilt, für fünf oder zehn Menschen ausreichen würden“ (135). So richtig der Fakt der energieaufwendigen Produktion, so wenig zutreffend der Schluss, dass wegen Fleisch und Wurst hierzulande anderswo Lebensmittel fehlen. Das weiß Caparrós doch selbst an anderer Stelle: „Die großen Hungersnöte der Neuzeit werden nicht durch einen Mangel an Nahrung verursacht, sondern durch den Mangel an finanziellen Mitteln, um diese zu erwerben.“ (276). Die Menschen hungern, weil im weltweiten Kapitalismus Lebensmittel produziert werden, um sie profitabel zu verkaufen – und daher niemand Lebensmittel für Menschen produziert, die kein Geld haben. Dass die Fleischproduktion soviel Energie verbraucht, dass mit dem gleichen Aufwand die Welt vegetarisch zu ernähren wäre, ist richtig – nur, dass es schon jetzt mit Fleischproduktion genügend Nahrungsmittel gibt, um die Menschen zu ernähren. Welternährung ist aber bekanntlich nicht das Interesse von Unternehmen, sondern Gewinn zu erwirtschaften – und den gibt es eben nicht, wenn Lebensmittel für umsonst an mittellose Hungerleider verteilt werden, egal ob nun vegane oder tierische Produkte. Bei aller Ablehnung gegen die Falle des Erklären-Wollens, ist Caparrós um eine Erklärung nicht verlegen, und die hat mit den ökonomischen Beweggründen der Fleischproduzenten gar nichts zu tun. „Damit wir weiter Fleisch mit Beilagen essen können […] muss diese exkludierende Ordnung, in der drei Milliarden Menschen die Ressourcen für sieben Milliarden verschlingen, beibehalten werden.“ (136) Die Fleischesser sind schuld, weil sie der Menschheit die vorhanden Ressourcen wegfressen. Sie bilden zusammen mit Produzenten, Händlern, Spekulanten … eine „exkludierende Ordnung“, eine „Ordnung“ also in der die einen durch die anderen von Geld und Essen ausgeschlossen werden. Worum es da jeweils im Einzelnen geht, ist für Caparrós nicht wichtig. Er nimmt das Resultat für die Absicht aller und ist mit seiner Erklärung fertig: „Menschen, die nicht genug essen […] gibt es lediglich deshalb, weil die Menschen, die im Besitz der Lebensmittel sind, ihnen diese nicht geben wollen“ (296). Damit sind eben nicht (nur) die Unternehmen gemeint, die ihre Lebensmittel versilbert haben wollen und sie ohne Gewinn nicht verkaufen. In moralischer Hinsicht betrifft das ‚uns alle': „Wir, die wir Essen haben, wollen ihnen nichts geben“ (296). Zwischen kapitalistischen Lebensmittelerzeugern und Lohnabhängigen, die sich (noch) Lebensmittel leisten können, macht Caparrós da keinen Unterschied. Aus seiner Sicht sind diese wirtschaftlichen Differenzen auch egal, weil es so oder so um Menschen geht, die sich um den Hunger der anderen nicht kümmern. Solche findet er oben wie unten: „Wir sind so privilegiert, dass wir es längst vergessen haben“ (131) schreibt da einer, der in seinem eigenen Klappentext noch weiß, dass jeder sechste in den USA Probleme hat sich ausreichend zu ernähren – dass also von einem „wir“ in den Industrienationen nicht gesprochen werden kann – zumindest nicht ökonomisch. Aber Wirtschaft kommt im Buch ja auch nur vor als unnötiges und ungerechtfertigtes Vorenthalten von Lebensmitteln. Daran sind „wir alle“, so die Lesart des Buches, irgendwie beteiligt – eine Beschuldigung von der Caparrós auch sich selbst nicht ausnimmt: „Dass ich das nicht tue [auf Fleisch verzichten], ist der Beweis meiner totalen Inkonsequenz“ (136). Dass, wenn er auf sein Steak verzichtet, in Niger nicht Gemüse verteilt wird, das weiß Caparrós natürlich. Aber er hätte dann weniger Ressourcen „verschlungen“. Und wenn es um moralische Be- und Verurteilung geht, dann ist sittliches Betragen allemal wichtiger als dessen praktischer Effekt. Dann kann auch gegen andere ausgeteilt werden: „Die Vulgarität von Menschen, die viel besitzen und schamlos wegwerfen, was andere händeringend benötigen, ist für alle Formen der Wahrnehmung abstoßend.“ (803) Derart abstrakt fällt dann tatsächlich das Verhalten des Kindes, was seinen Teller nicht leer essen will, zusammen mit dem Supermarkt, der Lebensmittel, die er nicht mehr verkaufen kann, vernichtet. „Wir“ sind eben alle schamlose Verschwender – wer da noch unterscheiden will zwischen solchen, die den Verhältnissen ohnmächtig ausgeliefert sind und solchen, die diese Verhältnisse einrichten und von ihnen profitieren, ist längst schon wieder in die „Falle“ getappt, nach Gründen zu suchen, statt sich voller Entsetzen zu fragen: „Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?“ Sich eine „bessere“ Welt auszumalen, in der ein moralisch empfindender Mensch sich eher wohlfühlen könnte, ist denn auch das, was das Buch am Ende als geistige Leistung empfiehlt: „Es gilt darüber nachzudenken, wie eine Welt aussehen könnte, die uns nicht mit Scham, Schuldgefühlen oder Mutlosigkeit erfüllt“ (838). Irgendwie ist es ja schon Teil der Lösung, wenn „uns“ angesichts der tatsächlichen Welt Scham und Schuldgefühl erfüllen (für was auch immer und unabhängig davon, ob „wir“ überhaupt Verursacher des Welthungers sind), denn dann ist Indifferenz ja bereits durch sittliches Gefühl ersetzt. Angesichts des Hungers können „wir“ nur mit schlechtem Gewissen weiterleben. Na dann. Tatsächlich ist es mit diesem Werk wie mit so vielen dicken Büchern. Wenn der Leser es aufmerksam studiert, dann hat einem der Autor bereits alles zum Buch geschrieben, was die Kritik herausarbeiten will: „Manchmal kreuzt tatsächlich ansatzweise eine Antwort meinen Weg, aber ich bleibe mir treu und stelle mich dumm“ Klug werden durch Erklärungen will das Buch nämlich nicht und macht es seine Leser auch nicht. (1) http://www.deutschlandfunk.de/schriftsteller-martin-caparros-hunger-wird-nicht-nur-durch.1184.de.html?dram:article_id=335826 (2) http://www.zeit.de/2015/48/hunger-martin-caparros-argentinien Alle anderen Zitate sind aus dem Buch.